MegaNatural®-BP-Traubenkernextrakt und die Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks: Bewertung einer gesundheitsbezogenen Angabe gemäß Artikel 13 Absatz 5 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006

Die EFSA sah 2021 keinen ausreichenden Wirkungsnachweis für den Blutdruck-Claim des Extrakts. Zwei auswertbare Humanstudien lieferten unterschiedliche Ergebnisse.

Was die EFSA bewertete

Die Stellungnahme des EFSA-Gremiums für Ernährung, neuartige Lebensmittel und Lebensmittelallergene prüfte eine konkrete Frage: Belegen die eingereichten Daten, dass MegaNatural®-BP einen normalen Blutdruck erhält? Die beanspruchte Zielgruppe waren gesunde Erwachsene. Der Produktname bezeichnet hier den Gegenstand der behördlichen Prüfung.

Den Antrag stellte Praline i Čokolada j.d.o.o. über die zuständige kroatische Behörde nach Artikel 13 Absatz 5 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006. Grundlage sollte neu entwickelte wissenschaftliche Evidenz sein. Als Verwendungsmenge schlug der Antragsteller 300 mg/Tag vor. Das ist eine Antragsangabe, keine Einnahmeempfehlung der EFSA.

Das Gremium nahm die Stellungnahme am 6. Juli 2021 an; sie erschien am 9. August 2021. Es prüfte drei Voraussetzungen: eine ausreichend genaue Beschreibung des Extrakts, einen klar definierten günstigen physiologischen Effekt und einen belegten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang unter den beantragten Bedingungen. Die ersten beiden Voraussetzungen sah es als erfüllt an. Ein normaler Blutdruck ist ein günstiger physiologischer Zustand; daraus folgt aber noch nicht, dass dieser Extrakt ihn erhält.

Welcher Traubenkernextrakt gemeint war

Bewertet wurde ein standardisierter Extrakt aus frisch zerdrückten, unfermentierten kalifornischen Vitis-vinifera-Trauben. Die Herstellung umfasst mehrere Heißwasserextraktionen unter unterschiedlichen pH-Bedingungen und anschließend eine Bindung an Harz.

Die Spezifikation nennt mindestens 90 % Gesamtphenole, mindestens 2 % Gallussäure sowie mindestens 5 % Catechin und Epicatechin zusammen. Innerhalb der phenolischen Verbindungen lag die mittels HPLC, einem chemischen Trennverfahren, bestimmte mittlere Verteilung bei 9 % Monomeren, 69 % Oligomeren und 22 % Polymeren. Diese Verteilung ist kein pauschaler OPC-Massenanteil des gesamten Extrakts.

Die standardisierten Bestandteile wurden spektrophotometrisch und/oder mittels HPLC mit UV-Detektion bestimmt. Der EFSA lagen außerdem Informationen zu Stabilität und Chargenschwankungen vor; numerische Angaben dazu enthält der veröffentlichte Text nicht. Die ausreichende Charakterisierung galt diesem BP-Extrakt und lässt sich nicht auf beliebige OPC-Produkte übertragen.

Wie das wissenschaftliche Dossier entstand

Der Antragsteller suchte am 30. August 2020 in PubMed, ScienceDirect, Google Scholar und Embase. Hinzu kamen Handsuche und Herstellerwebsite; berücksichtigt wurden nur englischsprachige Artikel. Das Dossier enthielt vier Humaninterventionsstudien und zwei Meta-Analysen. Die EFSA diskutierte aus den Humaninterventionsstudien die blutdruckbezogenen Ergebnisse.

Die Meta-Analysen von Zhang und Li erlaubten nach Einschätzung des Gremiums keine Schlussfolgerung zu diesem Claim: Die meisten eingeschlossenen Untersuchungen betrafen andere Traubenkernextrakte oder Traubenpolyphenolprodukte. Die folgenden Studienangaben geben die Darstellung und Bewertung in der EFSA-Stellungnahme wieder.

Alle vier Humanstudien waren als randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Parallelgruppenstudien beschrieben. Das bedeutet: Die Teilnehmenden wurden zufällig getrennten Gruppen zugeteilt, und die Behandlung sollte für Teilnehmende und Untersuchende verborgen bleiben. Entscheidend für einen Wirkungsnachweis ist der Vergleich zwischen den Gruppen. Eine Veränderung innerhalb nur einer Gruppe reicht dafür nicht aus.

Die vier Humanstudien im Einzelnen

Sivaprakasapillai: Ausgangsunterschiede und fehlender Gruppenvergleich

Sivaprakasapillai untersuchte 2009 insgesamt 27 Erwachsene im Alter von 25–80 Jahren mit metabolischem Syndrom nach NCEP-III-Kriterien. Je neun Personen erhielten vier Wochen lang 150 mg/Tag, 300 mg/Tag oder ein nicht näher beschriebenes Placebo. Primäre Endpunkte waren der mittlere systolische und diastolische Tagesblutdruck, zu Beginn und am Ende jeweils ambulant über zwölf Stunden gemessen. Systolisch bezeichnet den oberen, diastolisch den unteren Blutdruckwert.

Schon vor Beginn unterschieden sich die Gruppen deutlich:

GruppeSystolischer AusgangswertDiastolischer Ausgangswert
150 mg/Tag134 ± 5 mmHg83 ± 3 mmHg
300 mg/Tag123 ± 4 mmHg74 ± 4 mmHg
Placebo127 ± 4 mmHg78 ± 3 mmHg

Die Art der mit „±“ angegebenen Streuung wird im Text nicht näher bezeichnet. Dies sind Ausgangswerte, keine Behandlungseffekte. Angaben zu Rekrutierung, Randomisierung, Zuteilung, Placebozusammensetzung, Fallzahlplanung, Einnahmetreue und Ausfällen fehlten. Die Auswertung beschränkte sich auf Varianzanalysen innerhalb der Gruppen. Wegen dieser Probleme und der ungleichen Ausgangswerte vermutete die EFSA ein Versagen der Randomisierung. Eine geeignete korrigierte Statistik war nicht erhältlich; die Studie erlaubte keine Schlussfolgerung zum Claim.

Robinson: Veränderungen innerhalb der Gruppen genügten nicht

Robinson untersuchte 2012 insgesamt 32 Erwachsene zwischen 25 und 80 Jahren mit systolischen Werten von 120–139 mmHg und diastolischen Werten von 80–89 mmHg. Nach einer zweiwöchigen Vorlaufphase erhielten jeweils 16 Personen acht Wochen lang eine Kapsel mit 300 mg Extrakt pro Tag oder Maltodextrin als Placebo. Es gab keine Ausfälle. Primär wurden die mittleren Tageswerte beider Blutdruckgrößen vor und nach der Intervention über jeweils zwölf Stunden ambulant erfasst.

Die Veröffentlichung erläuterte weder Rekrutierung und Randomisierungsprozess noch Fallzahlplanung ausreichend. Statistisch wurden ausschließlich gepaarte t-Tests innerhalb der Gruppen verwendet, kein geeigneter Vergleich zwischen Extrakt und Placebo. Die angeforderten Zusatzinformationen und eine geeignete Auswertung waren für die EFSA nicht erhältlich. Auch diese Studie konnte den Claim deshalb nicht belegen.

Ras: kein statistisch gesicherter Unterschied zu Placebo

Ras randomisierte 2013 insgesamt 70 Erwachsene im Alter von 35–75 Jahren, je 35 pro Gruppe. Sie hatten normalen oder hochnormalen Blutdruck beziehungsweise unbehandelte Hypertonie Grad 1. Die sechsstündige ambulante Aufnahmemessung musste systolische Werte von 120 bis 159 mmHg und diastolische Werte unter 100 mmHg ergeben; eine medikamentöse Hypertoniebehandlung war ausgeschlossen.

Acht Wochen lang wurde eine Kapsel mit 300 mg Extrakt pro Tag mit mikrokristalliner Cellulose verglichen. Vor und nach der Intervention erfolgten an jeweils zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwölfstündige Tagesmessungen im Abstand von 20 Minuten. Primärer Endpunkt war der mittlere systolische Tagesblutdruck. Die Fallzahlplanung zielte auf eine systolische Differenz von 3,7 mmHg bei einer statistischen Teststärke von 0,8 und einem Signifikanzniveau von 0,05.

Die veröffentlichten Ergebnisse bezogen sich auf 69 Studienabschließende; eine Person fiel aus. Ein gemischtes statistisches Modell berücksichtigte wiederholte Messungen und weitere Einflussgrößen. Die adjustierten Unterschiede der Blutdruckänderung, jeweils Extrakt minus Placebo, betrugen:

EndpunktUnterschied95-%-Konfidenzintervallp-Wert
Systolischer Tagesblutdruck−3,0 mmHg−6,5 bis 0,5 mmHg0,09
Diastolischer Tagesblutdruck−1,4 mmHg−3,5 bis 0,6 mmHg0,18

Beide Unsicherheitsbereiche schließen keinen Unterschied ein. Die Ergebnisse waren nicht statistisch signifikant und lieferten unter diesen Bedingungen keinen belastbaren Effektnachweis. Sie beweisen zugleich keine absolute Wirkungslosigkeit.

Park: positiver Tagesbefund mit wichtigen Grenzen

Park randomisierte 2016 insgesamt 36 Erwachsene zwischen 25 und 65 Jahren, zunächst je 18 pro Gruppe. Einschlusswerte waren systolisch 120–139 mmHg oder diastolisch 80–89 mmHg. Nach zwei Wochen Vorlauf erhielten die Gruppen sechs Wochen lang 300 mg Extrakt pro Tag in 355 mL Fruchtsaft beziehungsweise denselben Saft ohne Extrakt. Anschließend folgten vier Wochen ohne Behandlung.

Der Blutdruck wurde ambulant über 24 Stunden stündlich gemessen. Primäre Endpunkte waren die Veränderungen des mittleren systolischen Tages- und Nachtblutdrucks. Die Intervention beendeten 29 Personen: zwölf im Extraktarm und 17 im Kontrollarm. Erfolgreiche Nachtmessungen lagen für 21 Personen vor. Die Ergebnisse beziehen sich auf die erfolgreichen Messungen der Studienabschließenden.

EndpunktÄnderung unter ExtraktÄnderung unter KontrolleGruppenvergleich
Systolischer Tagesblutdruck−7 ± 3,2 mmHg1,4 ± 2,1 mmHgSignifikant, p = 0,003
Systolischer Nachtblutdruck−1,4 ± 2,8 mmHg−0,9 ± 2,2 mmHgNicht signifikant
Diastolischer Tagesblutdruck−3,9 ± 1,5 mmHg0,7 ± 1,8 mmHgNicht signifikant
Diastolischer Nachtblutdruck−0,5 ± 1,8 mmHg1,6 ± 1,5 mmHgNicht signifikant

Die „±“-Angaben bezeichnen hier Standardfehler der Mittelwerte. Die Zahlen sind Änderungen innerhalb der jeweiligen Gruppe; die Signifikanzangaben beziehen sich auf den Vergleich im gemischten Modell. Im Original steht in der Änderungszeile des diastolischen Absatzes fälschlich „SBP“, die Abkürzung für systolischen Blutdruck. Die Zuordnung zu diastolischen Werten in dieser Tabelle folgt dem vollständigen Absatz und dem Fazit des Gremiums; die Unstimmigkeit wird damit ausdrücklich kenntlich gemacht.

Nach vier Wochen ohne Behandlung lag der systolische Tageswert im Extraktarm mit 124,1 ± 2 mmHg wieder nahe dem Ausgangswert. Eine anhaltende Wirkung nach dem Absetzen war damit nicht belegt. Angaben zur Rekrutierung und Zuteilung fehlten; außerdem gab es mehr Ausfälle im Extraktarm. Der positive Befund war auf den systolischen Tagesblutdruck während der kurzen Intervention begrenzt.

Warum die vorgeschlagene Wirkungsweise nicht überzeugte

Der Antragsteller vermutete, dass antioxidative Aktivität und eine Hemmung der Endothelin-1-Synthese über die Gefäßinnenwand zur Gefäßentspannung beitragen. Die dazu vorgelegten Laborbefunde ersetzten jedoch keinen Wirkungsnachweis beim Menschen.

In isolierten Kaninchenaortenringen wurden Konzentrationen von 0,1, 1, 10 und 100 µmol/L untersucht. Die Entspannung nahm mit der Konzentration zu; das Entfernen der Gefäßinnenwand oder die Hemmung der NO-Synthase unterdrückte den Effekt. Ein unveröffentlichter Bericht beschrieb außerdem nach sechs Stunden Inkubation mit 1,25–40 µg/mL eine konzentrationsabhängige Hemmung der Endothelin-1-Synthese in Endothelzellen aus Rinderaorten.

Der EFSA fehlte aber die Verbindung zwischen diesen Laborkonzentrationen und den beim Menschen erreichbaren Serumkonzentrationen. Aktive Bestandteile waren nicht hinreichend definiert; ihre Veränderungen im Stoffwechsel blieben unklar. Die Untersuchung von Vinson verwendete zudem MegaNatural Gold statt des bewerteten BP-Extrakts. Welche Bedeutung die dort gemessenen antioxidativen Variablen für den Blutdruck hatten, war offen.

Auch Park zeigte trotz des positiven Tagesblutdruckbefunds keine Verbesserung der endothelabhängigen flussvermittelten Dilatation gegenüber Placebo – also der gemessenen Gefäßerweiterung als Reaktion auf den Blutfluss. Insgesamt war kein plausibel belegter Wirkmechanismus beim Menschen etabliert.

Grenzen, Sicherheit und Übertragbarkeit

Für die Schlussfolgerung blieben zwei auswertbare Humanstudien mit unterschiedlichen Resultaten: Ras lieferte keinen statistisch gesicherten Blutdruckeffekt, Park einen begrenzten Befund zum systolischen Tageswert. Die methodischen Schwächen und der fehlende mechanistische Humanbeleg schränkten die Aussagekraft weiter ein.

Die Stellungnahme ist ausdrücklich keine positive Sicherheitsbewertung, keine Vermarktungszulassung und keine Entscheidung darüber, ob der Extrakt als Lebensmittel einzuordnen ist. Die Studien schlossen wichtige Erkrankungen und regelmäßig Arzneimittelgebrauch beziehungsweise eine medikamentöse Hypertoniebehandlung aus. Daraus folgen keine allgemeinen Zusagen zur Sicherheit oder zu Arzneimittelwechselwirkungen. Eine risikofreie Anwendung oder sichere individuelle Dosis lässt sich nicht ableiten; auch für Schwangerschaft bietet diese Claimprüfung keine Sicherheitsfreigabe.

Bewertet wurde das bis 2021 eingereichte Dossier zum Erhalt normalen Blutdrucks. Es handelt sich weder um eine aktuelle Nachbewertung noch um eine Prüfung der Behandlung von Hypertonie. Die Schlussfolgerung betrifft den spezifisch standardisierten BP-Extrakt und ist kein pauschales Urteil über alle OPC-Produkte oder proanthocyanidinhaltigen Lebensmittel. Allgemeine Hintergründe stehen im Überblick zu OPC.

Dieselbe Originalstellungnahme ist auch über den DOI-Eintrag und den PubMed-Eintrag auffindbar.

Fazit

Die EFSA hielt den Extrakt für ausreichend beschrieben und normalen Blutdruck für einen sinnvollen gesundheitlichen Endpunkt. Die vorgelegten Daten reichten jedoch nicht aus, einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen MegaNatural®-BP und dem Erhalt normalen Blutdrucks zu belegen. Ein unzureichender Wirkungsnachweis ist weder eine Bestätigung der Wirkung noch ein Beweis vollständiger Wirkungslosigkeit. Aus der Stellungnahme ergibt sich keine individuelle Einnahme- oder Behandlungsempfehlung.

Quellen

  1. EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food allergens (NDA) (2021). MegaNatural®‐BP grape seed extract and maintenance of normal blood pressure: evaluation of a health claim pursuant to Article 13(5) of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal. DOI: 10.2903/j.efsa.2021.6776. PMID: 34400974.