Eisen bei Säuglingen und marginal niedrigem Geburtsgewicht
Svensson et al. randomisierten 221 gesunde überwiegend gestillte Terminsäuglinge; 200 Kinder wurden in der Intention-to-treat-Auswertung berücksichtigt.
Kurzprofil
- Quellen: Svensson et al. (2024), Berglund et al. (2010), Müller et al. für BLV/EEK (2020) und FDA (2023).
- Studientyp: zwei randomisierte kontrollierte Säuglingsstudien, ergänzt durch behördlichen Ernährungs- und Formula-Kontext.
- Land/Kontext: Polen/Schweden für gesunde gestillte Terminsäuglinge; Schweden für Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht; Schweiz und USA als Kontext zu Kinderernährung und Säuglingsnahrung.
- Population: gesunde Terminsäuglinge mit normalem Geburtsgewicht und niedrigem Anämierisiko sowie gesunde Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht von 2000 bis 2500 g.
- Eisenbezug: orale Eisengabe in Tropfen oder Studienprodukt, Eisenstatusmarker, Eisenmangelanämie, gestillte Säuglinge, Beikost- und Formula-Kontext.
- Zentrale Endpunkte: psychomotorische Entwicklung, kognitive und sprachliche Entwicklung, Hämoglobin, Ferritin, Eisenmangel, Eisenmangelanämie, Wachstum, Morbidität und ernährungsbedingte Risikofaktoren.
Fragestellung
Die Quellen beantworten zwei unterschiedliche Säuglingsfragen. Die neuere Studie von Svensson et al. prüfte, ob niedrig dosiertes Eisen bei gesunden, überwiegend gestillten Terminsäuglingen mit niedrigem Anämierisiko die frühe Entwicklung oder den Eisenstatus verbessert. Die ältere Studie von Berglund et al. prüfte dagegen Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht, also eine Gruppe mit kleinerem Eisenspeicher nach der Geburt und höherem Risiko für Eisenmangel.
Diese Trennung ist wichtig. Ein Nullbefund bei gesunden Terminsäuglingen mit normalem Geburtsgewicht sagt nicht automatisch etwas über Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht aus. Umgekehrt kann ein Nutzen bei marginal niedrigem Geburtsgewicht nicht auf alle gestillten Säuglinge übertragen werden.
Studiendesign und Methoden
Svensson et al. führten eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie in Polen und Schweden durch. Die Rekrutierung lief zwischen Dezember 2015 und Mai 2020, das Follow-up bis Mai 2023. Eingeschlossen wurden gesunde Einlingssäuglinge, geboren am Termin mit einem Geburtsgewicht über 2500 g, die im Alter von 4 Monaten ausschließlich oder überwiegend gestillt wurden. Die Kinder durften zu Studienbeginn keine Anämie haben; als Hämoglobin-Grenze wurde mehr als 10,5 g/dL genannt.
Die Säuglinge erhielten von 4 bis 9 Monaten entweder Eisen als mikronisiertes, mikroverkapseltes Eisen(III)-pyrophosphat mit 1 mg/kg pro Tag oder ein Placebo. Der primäre Endpunkt war die motorische Entwicklung im Alter von 12 Monaten, gemessen mit den Bayley Scales of Infant and Toddler Development III. Sekundär wurden kognitive und sprachliche Scores mit 12 Monaten, Entwicklungswerte mit 24 und 36 Monaten sowie Eisenmangel und Eisenmangelanämie mit 12 Monaten betrachtet.
Berglund et al. führten eine randomisierte kontrollierte Studie mit gesunden Säuglingen mit marginal niedrigem Geburtsgewicht durch. Die Kinder hatten ein Geburtsgewicht von 2000 bis 2500 g. Sie wurden einer Placebogruppe oder Gruppen mit 1 beziehungsweise 2 mg/kg Eisen pro Tag zugeteilt. Die Studiengabe lief von 6 Wochen bis 6 Monate. Im Alter von 6 Monaten wurden Hämoglobin, Ferritin, Transferrinsättigung, mittleres Zellvolumen und Transferrinrezeptorwerte untersucht; Wachstum und Morbidität wurden zusätzlich beobachtet.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Bei Svensson et al. wurden 221 Säuglinge randomisiert. In die Intention-to-treat-Auswertung gingen 200 Kinder ein. Das mittlere Alter bei der 12-Monats-Auswertung lag bei 12,4 Monaten. Die Population war bewusst risikoarm: Termingeburt, normales Geburtsgewicht, überwiegendes Stillen und keine Anämie mit 4 Monaten.
Bei Berglund et al. wurden 285 gesunde Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht randomisiert. Diese Gruppe ist nicht identisch mit sehr kleinen Frühgeborenen, aber sie unterscheidet sich deutlich von normalgewichtigen Terminsäuglingen. Das niedrigere Geburtsgewicht bedeutet geringere Eisenvorräte am Lebensanfang und macht die Gruppe für Eisenmangel im ersten Halbjahr anfälliger.
Der BLV/EEK-Leitfaden betrachtet keine randomisierte Eisenstudie, sondern den Ernährungsrahmen bei vegetarischer und veganer Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter. Er nennt Eisen als potenziell kritischen Nährstoff und erklärt, dass pflanzliches Nicht-Häm-Eisen schlechter verfügbar sein kann, besonders wenn Phytate die Aufnahme hemmen. Die FDA-Quelle beschreibt regulatorisch, dass Säuglingsnahrung in den USA Nährstoffvorgaben erfüllen muss und dass besondere Formeln unter anderem für Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht vorgesehen sein können. Diese beiden Kontextquellen ersetzen keine Säuglingsstudie.
Intervention, Exposition und Vergleich
In der Studie von Svensson et al. bestand der Vergleich aus 1 mg Eisen/kg pro Tag gegenüber Placebo von 4 bis 9 Monaten. Das war eine geprüfte Studienbedingung bei gesunden, überwiegend gestillten Terminsäuglingen.
In der Studie von Berglund et al. wurden Placebo, 1 mg/kg pro Tag und 2 mg/kg pro Tag von 6 Wochen bis 6 Monaten verglichen. Auch diese Mengen sind Studienbedingungen in einer klar eingegrenzten Gruppe mit 2000 bis 2500 g Geburtsgewicht.
Die BLV/EEK-Quelle ergänzt, warum Ernährungsmuster und Eisenaufnahme in der frühen Kindheit nicht nur von der Eisenmenge abhängen. Häm-Eisen aus tierischen Lebensmitteln ist besser verfügbar als Nicht-Häm-Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln. Phytate aus Getreide und Hülsenfrüchten können die Aufnahme senken; Vitamin C und organische Säuren können die Aufnahme verbessern. Die FDA-Quelle ergänzt nur den Formula-Rahmen und macht daraus keine individuelle Säuglingsregel.
Ergebnisse
Svensson et al. fanden keinen Vorteil der Eisengabe für die motorische Entwicklung mit 12 Monaten. Die mittlere Differenz im motorischen Score lag bei -1,07 Punkten mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -4,69 bis 2,55. Auch kognitive Werte mit 12 Monaten unterschieden sich nicht signifikant; die mittlere Differenz lag bei -1,14 Punkten mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -4,26 bis 1,99. Für Sprache lag die mittlere Differenz bei 0,75 Punkten mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -2,31 bis 3,82. Auch mit 24 und 36 Monaten zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.
Beim Eisenstatus fand Svensson et al. ebenfalls keinen klaren Vorteil. Das Risiko für Eisenmangel mit 12 Monaten wurde nicht signifikant gesenkt; das relative Risiko lag bei 0,46 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,16 bis 1,30. Für Eisenmangelanämie lag das relative Risiko bei 0,78 mit einem sehr breiten 95-%-Konfidenzintervall von 0,05 bis 12,46. Die Breite des Intervalls zeigt, dass Ereignisse selten waren und die Studie für diesen Endpunkt nur begrenzte Präzision hatte.
Berglund et al. fanden bei marginal niedrigem Geburtsgewicht ein anderes Muster. Mit 6 Monaten zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt auf Hämoglobin und alle berichteten Eisenstatusmarker. Eisenmangel lag in der Placebogruppe bei 36 %, in der 1-mg/kg-Gruppe bei 8,2 % und in der 2-mg/kg-Gruppe bei 3,8 %. Eisenmangelanämie trat bei 9,9 %, 2,7 % und 0 % der Säuglinge auf. Unter den Kindern, die mit 6 Wochen ausschließlich gestillt wurden, lag die Eisenmangelanämie in der Placebogruppe bei 18 %.
Diese Ergebnisse zeigen einen klaren Unterschied zwischen den beiden Populationen. Bei normalgewichtigen Terminsäuglingen mit niedrigem Anämierisiko fand sich kein messbarer Entwicklungs- oder Eisenstatusvorteil. Bei marginal niedrigem Geburtsgewicht war das Risiko für Eisenmangel und Eisenmangelanämie ohne Eisen in der Studie deutlich höher.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Svensson et al. konzentrierten sich auf Entwicklung und Eisenstatus. Die Quelle berichtet keinen Nutzen für die geprüften Entwicklungsendpunkte und keinen klaren Rückgang von Eisenmangel oder Eisenmangelanämie. Daraus folgt keine allgemeine Sicherheitsbewertung für alle Säuglinge, vor allem nicht für Frühgeborene, kranke Säuglinge oder Kinder mit sehr niedrigem Geburtsgewicht.
Berglund et al. beobachteten Wachstum und Morbidität und berichteten im Abstract keine kurzfristigen negativen Effekte auf Wachstum oder Morbidität. Das ist ein wichtiger Befund für den Studienzeitraum, schließt aber seltene oder spätere Effekte nicht vollständig aus. Die Quelle beschreibt auch keine allgemeine Freigabe für alle Säuglingsgruppen.
Die FDA-Quelle ist für Sicherheit nur als regulatorischer Kontext brauchbar: Säuglingsnahrung ist ein besonders reguliertes Lebensmittel für eine vulnerable Gruppe, und Formula für besondere medizinische oder diätetische Probleme wird getrennt betrachtet. Daraus entsteht keine Aussage, welche Ernährung oder welches Eisenpräparat für ein einzelnes Kind passend ist.
Grenzen der Aussagekraft
Die wichtigste Grenze ist die enge Population. Svensson et al. untersuchten gesunde, überwiegend gestillte Terminsäuglinge mit normalem Geburtsgewicht und niedrigem Anämierisiko. Die Ergebnisse dürfen nicht auf Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit, Erkrankungen, bestehendem Eisenmangel oder anderen Ernährungsrisiken übertragen werden.
Berglund et al. untersuchten gesunde Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht von 2000 bis 2500 g. Sehr kleine Frühgeborene, Säuglinge mit schweren Erkrankungen oder andere klinische Gruppen sind damit nicht vollständig abgedeckt. Zudem war die ältere Studie auf Eisenstatus, Wachstum und kurzfristige Morbidität im Säuglingsalter ausgerichtet; Entwicklungs- und Langzeitfragen brauchen zusätzliche Quellen.
Eine weitere Grenze betrifft den Kontext Ernährung. Stillen, Beikost, Formula, pflanzliche Ernährung, Geburtsspeicher und Wachstumsrate beeinflussen den Eisenstatus gemeinsam. Die Studien isolieren jeweils eine bestimmte Gabe unter Studienbedingungen. Sie liefern deshalb keine allgemeine Ernährungsvorschrift und keine persönliche Dosierungsregel.
Was die Quellen zeigen
Die Quellen zeigen, dass gesunde gestillte Terminsäuglinge mit normalem Geburtsgewicht und niedrigem Anämierisiko in der Studie von Svensson et al. keinen messbaren Vorteil durch 1 mg/kg Eisen pro Tag von 4 bis 9 Monaten hatten. Das galt für motorische, kognitive und sprachliche Entwicklung sowie für die berichteten Eisenstatusendpunkte.
Die Quellen zeigen außerdem, dass marginal niedriges Geburtsgewicht ein eigener Risikokontext ist. In der Studie von Berglund et al. hatten Säuglinge mit 2000 bis 2500 g Geburtsgewicht ohne Eisen häufiger Eisenmangel und Eisenmangelanämie als die beiden Eisengruppen. Der Effekt war bei den Eisenstatusmarkern dosisabhängig.
Die Kontextquellen zeigen, dass Säuglings- und Kleinkindernährung bei Eisen nicht nur von einer Zahl abhängt. Bioverfügbarkeit, Stillen, Beikost, pflanzliche Lebensmittel, Phytate, Vitamin C, Formula-Regulierung und besondere medizinische Ernährungskontexte beeinflussen die Einordnung.
Was die Quellen nicht zeigen
Die Quellen liefern keine persönliche Einnahme-, Diagnose- oder Behandlungsanweisung für Säuglinge. Getestete Mengen sind Studienbedingungen und dürfen nicht als allgemeine Regel gelesen werden.
Die Quellen zeigen nicht, dass alle gestillten Säuglinge von Eisen profitieren. Sie zeigen auch nicht, dass Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeborene, kranke Säuglinge und normalgewichtige Terminsäuglinge gleich bewertet werden dürfen.
Die FDA-Quelle zeigt keine Wirksamkeit einer Formula gegen Eisenmangel und ersetzt keine klinische Studie. Die BLV/EEK-Quelle beschreibt Ernährungsrisiken und praktische Aufnahmefaktoren, aber keine randomisierte Prüfung einer bestimmten Eisenmenge bei Säuglingen.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Svensson et al. (2024) randomisierten 221 gesunde überwiegend gestillte Terminsäuglinge; 200 Kinder gingen in die Intention-to-treat-Auswertung ein.
- In Svensson et al. wurde 1 mg Eisen/kg pro Tag von 4 bis 9 Monaten gegenüber Placebo geprüft.
- Svensson et al. fanden keinen Vorteil für motorische, kognitive oder sprachliche Entwicklung mit 12 Monaten und keine signifikanten Unterschiede mit 24 oder 36 Monaten.
- Svensson et al. fanden keinen signifikanten Rückgang von Eisenmangel oder Eisenmangelanämie mit 12 Monaten.
- Berglund et al. (2010) randomisierten 285 gesunde Säuglinge mit marginal niedrigem Geburtsgewicht von 2000 bis 2500 g.
- In Berglund et al. wurden Placebo, 1 mg/kg pro Tag und 2 mg/kg pro Tag von 6 Wochen bis 6 Monaten verglichen.
- In Berglund et al. lag Eisenmangel mit 6 Monaten bei 36 % in der Placebogruppe, 8,2 % in der 1-mg/kg-Gruppe und 3,8 % in der 2-mg/kg-Gruppe.
- Eisenmangelanämie lag in Berglund et al. bei 9,9 %, 2,7 % und 0 % in den drei Gruppen.
- Die beiden RCTs sprechen für eine strikte Trennung zwischen gesunden normalgewichtigen Terminsäuglingen mit niedrigem Anämierisiko und Säuglingen mit marginal niedrigem Geburtsgewicht.
- BLV/EEK und FDA liefern Ernährungs- und Formula-Kontext, aber keine persönliche Dosierungsregel.
Quellen
- Müller et al. im Auftrag des BLV (2020). Handlungsanweisungen vegetarische und vegane Ernährung im Säuglings- und Kleinkindesalter. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.
- FDA (2023). Questions & Answers for Consumers Concerning Infant Formula. U.S. Food and Drug Administration.
- Svensson et al. (2024). Effect of Low-Dose Iron Supplementation on Early Development in Breastfed Infants: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatrics. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2024.1095; PMID: 38739382
- Berglund et al. (2010). Iron supplements reduce the risk of iron deficiency anemia in marginally low birth weight infants. Pediatrics. DOI: 10.1542/peds.2009-3624; PMID: 20819898