L-Carnitin und Sportleistung: systematischer Review 2021 zu akuter und chronischer Gabe

Mielgo-Ayuso et al. veröffentlichten 2021 einen systematischen Review zu L-Carnitin und Sportleistung. Die Suche ergab 220 Treffer; 11 Studien wurden eingeschlossen.

Kurzprofil

FeldInhalt
Primäre QuelleMielgo-Ayuso et al. (2021). Effect of Acute and Chronic Oral L-Carnitine Supplementation on Exercise Performance Based on the Exercise Intensity: A Systematic Review.
QuellenartSystematischer Review randomisierter, doppelblinder Parallel- oder Crossover-Studien
Land/KontextInternationale Sport- und Bewegungsstudien; Autorengruppe aus Spanien und Italien
WirkstoffL-Carnitin, L-Carnitin-L-Tartrat, Propionyl-L-Carnitin oder Glycin-Propionyl-L-Carnitin
PopulationKörperlich aktive, trainierte, sportlich spezialisierte und untrainierte Erwachsene aus den eingeschlossenen Studien
Datenbasis11 eingeschlossene Studien aus 220 Treffern
Studiendauer und MengeAkute Gabe unter 7 Tagen, meist 3 bis 4 g vor dem Test; chronische Gabe 4 bis 24 Wochen, meist 1 bis 3 g/Tag
Zentrale EndpunkteSportleistung bei hoher Intensität, Sportleistung bei moderater Intensität, wahrgenommene Anstrengung, Leistung in Wingate-, Sprint-, Rad- und Lauf-/Ausbelastungstests
Originalquellehttps://doi.org/10.3390/nu13124359
DOI / PMID / PMCIDDOI: 10.3390/nu13124359; PMID: 34959912; PMCID: PMC8704793

Mielgo-Ayuso et al. fassten kontrollierte Studien zu L-Carnitin und Sportleistung zusammen. Die Arbeit trennte zwei Fragen, die in der Sporternährung leicht vermischt werden: kurzfristige Einnahme vor einem Test und mehrwöchige Einnahme über Trainings- oder Studienphasen. Zusätzlich unterschied sie hohe Trainings- oder Testintensität von moderater Intensität.

Fragestellung

L-Carnitin ist an der Energiegewinnung beteiligt, weil es langkettige Fettsäuren in die Mitochondrien transportiert. Daraus entstand die Hypothese, dass zusätzliche Carnitinaufnahme die Verfügbarkeit von Energie während Belastung verbessern könnte. Bei hoher Intensität wird außerdem diskutiert, ob Carnitin über Acetylcarnitinbildung und CoA-Verfügbarkeit den Übergang zwischen glykolytischer und mitochondrialer Energieproduktion beeinflusst.

Die bisherige Studienlage war vor dem Review uneinheitlich. Manche Studien berichteten bessere Werte in Sprint-, Wingate- oder Ausbelastungstests, andere fanden keine Leistungsänderung. Die Autorengruppe wollte deshalb prüfen, ob die Ergebnisse von der Belastungsintensität und von akuter gegenüber chronischer Gabe abhängen.

Studiendesign und Methoden

Der Review folgte PRISMA und nutzte das PICOS-Modell. Gesucht wurden Studien mit körperlich aktiven oder untrainierten Personen, L-Carnitin-Supplementierung, Placebo- oder Kontrollbedingungen, Sportleistungsendpunkten und doppelblind-randomisiertem Parallel- oder Crossover-Design.

Die Suche erfasste wissenschaftliche Artikel zu hoher Belastungsintensität und moderater Belastungsintensität. Hohe Intensität wurde als mindestens 80 % VO2max eingeordnet. Moderate Intensität wurde als 50 bis 79 % VO2max eingeordnet. VO2max bezeichnet die maximale Sauerstoffaufnahme und wird in Sportstudien häufig genutzt, um Belastungsintensität zu beschreiben.

Aus 220 Treffern wurden 11 Studien eingeschlossen. Sechs Studien verwendeten L-Carnitin, drei L-Carnitin-L-Tartrat und zwei Präparate mit Propionyl-L-Carnitin beziehungsweise Glycin-Propionyl-L-Carnitin. Fünf Studien untersuchten eine chronische Gabe über 4 bis 24 Wochen. Sechs Studien untersuchten eine akute Gabe über weniger als 7 Tage oder kurz vor dem Test.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die eingeschlossenen Studien betrafen unterschiedliche Sport- und Aktivitätskontexte. Dazu gehörten untrainierte Personen, moderat trainierte Personen, Freizeit- oder Ausdauersportler sowie spezialisierte Sportgruppen wie Fußballspieler, Turner, Schwimmer oder Kraft-/Widerstandstrainierte.

Die Protokolle unterschieden sich deutlich. Einige Studien prüften Rad-Ergometer-Tests, Wingate-Tests, Laufband-Ausbelastungen, wiederholte Schwimmsprints, Leg-Press-Leistung oder Zeitfahrten. Dadurch beschreibt der Review kein einheitliches Trainingsprogramm und keine einheitliche Sportart. Er bündelt vielmehr kleine, methodisch unterschiedliche Leistungsstudien.

Intervention, Exposition und Vergleich

Akute Protokolle nutzten meist 3 bis 4 g L-Carnitin oder verwandte Carnitinformen vor dem Leistungstest. In mehreren Studien erfolgte die Einnahme etwa 60 bis 90 Minuten vor dem Test; andere Studien gaben L-Carnitin 2 bis 3 Stunden vorher oder während einer längeren Belastung. Einige Protokolle kombinierten Carnitin mit Kohlenhydraten.

Chronische Protokolle reichten von 4 bis 24 Wochen. Die berichteten Mengen lagen meistens zwischen 1 und 3 g/Tag. In denjenigen Hochintensitätsprotokollen, die positive Befunde berichteten, lagen die Mengen laut Schlussfolgerung der Autorengruppe bei 2 bis 2,72 g/Tag über 9 bis 24 Wochen. Diese Mengen sind Studiendaten, keine Einnahmeregel.

Die Kontrollbedingungen waren Placebo- oder Kontrollgruppen in randomisierten, doppelblinden Designs. Der Review wertete keine frei lebende Supplementnutzung ohne Kontrollgruppe und keine Produktvergleiche aus.

Ergebnisse

Bei hoher Intensität wurden neun Studien ausgewertet. Vier davon untersuchten chronische Gabe, fünf akute Gabe. Einige chronische Protokolle berichteten bessere Werte bei wahrgenommener Anstrengung, Arbeitsleistung in All-out-Tests, Wingate-Spitzenleistung oder Wiederholungs- und Volumenleistung bei Leg-Press-Übungen. Andere chronische Protokolle fanden keine signifikanten Unterschiede bei Leistung, Gesamtarbeit oder Ermüdungsparametern.

Bei akuter Gabe im Hochintensitätsbereich berichteten einzelne Studien bessere Werte bei Laufband-Ausbelastung, Geschwindigkeit, wahrgenommener Anstrengung, Wingate-Spitzenleistung oder mittlerer Leistung. Gleichzeitig gab es akute Protokolle mit ähnlichen Mengen, aber anderem Timing oder anderer Teststruktur, die keine Verbesserung bei Leistung oder Zeit bis zur Erschöpfung fanden.

Die Autorengruppe fasste die Hochintensitätsdaten vorsichtig zusammen: Bestimmte akute Protokolle mit 3 bis 4 g L-Carnitin oder Glycin-Propionyl-L-Carnitin 60 bis 90 Minuten vor dem Test und bestimmte chronische Protokolle mit 2 bis 2,72 g/Tag über 9 bis 24 Wochen gingen in den eingeschlossenen Studien mit Verbesserungen einzelner Hochintensitätsendpunkte einher.

Für moderate Intensität fiel das Bild anders aus. Bei 50 bis 79 % VO2max wurden Studien mit akuter und chronischer Gabe betrachtet. Weder akute noch chronische Protokolle zeigten signifikante Verbesserungen der moderaten Leistungsparameter. Das betraf unter anderem Radtests bei 60 bis 65 % VO2max, Marathonzeit, moderate Ausdauerleistung, O2peak oder Gesamtzeit in graduellen Tests.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der Review war keine Sicherheitsbewertung von L-Carnitin. Nebenwirkungen, Langzeitsicherheit und Risikogruppen standen nicht im Mittelpunkt. Die Arbeit liefert deshalb keine ausreichende Antwort auf Fragen zu dauerhafter Einnahme, hohen Mengen, Jugendlichen, Schwangerschaft, Stillzeit, Nierenerkrankungen oder individueller TMAO-Bildung.

Die untersuchten Mengen und Einnahmezeitpunkte beschreiben Studienprotokolle. Sie ersetzen keine allgemeine Nutzen-Risiko-Bewertung und keine persönliche Dosierungsentscheidung.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die Heterogenität. Die Studien unterschieden sich bei Sportart, Trainingsstatus, Belastungstest, Carnitinform, Menge, Timing, Dauer, Kohlenhydratbegleitung und Endpunkten. Dadurch lässt sich kein einheitlicher Effekt für Sportleistung insgesamt ableiten.

Eine zweite Grenze ist die geringe Zahl eingeschlossener Studien. Der Review nahm 11 Studien auf, und viele Teilfragen beruhten nur auf wenigen Protokollen. Das gilt besonders für die Trennung zwischen akuter und chronischer Gabe sowie zwischen hoher und moderater Intensität.

Eine dritte Grenze betrifft die Mechanismen. In mehreren Studien fehlten Muskelbiopsien oder direkte Messungen des Carnitingehalts im Muskel. Ohne solche Messungen bleibt offen, ob beobachtete Leistungsänderungen tatsächlich durch mehr Carnitin im Muskel, durch Kohlenhydratbegleitung, durch andere physiologische Effekte oder durch Studiendesign und Zufall erklärt werden.

Außerdem untersuchte der Review keine Recovery-Endpunkte als eigenen Schwerpunkt. Muskelschaden, Erholung nach Belastung und Trainingsanpassung sind deshalb nicht durch diesen Artikel abgedeckt.

Was der systematische Review zeigt

  • Der Review fasste 11 randomisierte, doppelblinde kontrollierte Studien zu L-Carnitin und Sportleistung zusammen.
  • Die Arbeit trennte hohe Intensität von moderater Intensität.
  • Die Arbeit trennte akute Gabe vor dem Test von chronischer Gabe über mehrere Wochen.
  • Einige Hochintensitätsprotokolle berichteten bessere Werte bei wahrgenommener Anstrengung, Wingate-Leistung, All-out-Arbeit, Sprint- oder Kraftausdauerparametern.
  • Bei moderater Intensität wurden keine signifikanten Leistungsverbesserungen berichtet.
  • Die positiven Befunde waren protokollabhängig und nicht als allgemeiner Sportleistungsbeleg zu verstehen.

Was der systematische Review nicht zeigt

  • Er zeigt keine Einnahmeempfehlung für L-Carnitin.
  • Er zeigt keinen allgemeinen Leistungszuwachs für alle Sportarten, Trainingsniveaus oder Belastungsformen.
  • Er zeigt keine signifikante Verbesserung moderater Ausdauerleistung.
  • Er zeigt keine gesicherte Aussage zu langfristiger Trainingsanpassung.
  • Er zeigt keine vollständige Sicherheitsbewertung.
  • Er zeigt nicht, dass alle Carnitinformen, Kombinationen mit Kohlenhydraten oder Produktqualitäten gleich wirken.
  • Er zeigt keine Aussage zu Körpergewicht, Fettverlust, medizinischer Behandlung oder allgemeinem Energielevel.

Eingeschlossene Studien

Die Originalarbeit führt 11 Studien auf. Die folgende Übersicht hält die Studien eng an den im Review beschriebenen Leistungsbereichen.

Studie laut ReviewGabeIntensitäts-/TestkontextErgebnisbild im Review
Trappe et al. 1994akut/kurzfristig, L-Carnitinwiederholte Schwimmsprintskeine signifikante Verbesserung der Schwimmgeschwindigkeit
Colombani et al. 1996akut, L-CarnitinMarathon und Substrat-/Leistungsparameterkeine signifikante Verbesserung der Marathonzeit
Broad et al. 2005chronisch, L-Carnitin-L-Tartratmoderate Ausdauerbelastungkeine signifikante Verbesserung der moderaten Leistungsparameter
Jacobs et al. 2009akut, Glycin-Propionyl-L-CarnitinWingate-Testbessere Peak- und mittlere Leistung in den letzten Sprints
Wall et al. 2011chronisch, L-Carnitin-L-Tartrat mit Kohlenhydratenmoderate Vorbelastung plus Hochintensitäts-All-out-Testbessere Arbeitskapazität im späteren Hochintensitätstest, keine klare Verbesserung der moderaten Testphase
Orer und Guzel 2014akut, L-CarnitinLaufband-Ausbelastung bei Sportlernhöhere erreichte Geschwindigkeit und niedrigere wahrgenommene Anstrengung
Arazi und Mehrtash 2017akut, L-CarnitinSprint-/Shuttle-Run-Kontext bei männlichen Turnernbessere anaerobe Leistungswerte und VO2max-bezogene Testwerte
Shannon et al. 2018chronisch, L-Carnitin-L-Tartrat mit KohlenhydratenHIIT-Training und Hochintensitätstestkeine zusätzliche Verbesserung von VO2max, Leistung oder Arbeit gegenüber Training allein
Burrus et al. 2018akut, L-Carnitin mit KohlenhydratenRadtest bei hoher und moderater Intensitätkeine signifikante Verbesserung von Leistung oder Zeit bis zur Erschöpfung
Koozehchian et al. 2018chronisch, L-CarnitinWingate und Leg Press bei trainierten Männernbessere Spitzenleistung, Wiederholungen und Trainingsvolumen in einzelnen Hochintensitätsparametern
Smith et al. 2008chronisch, Glycin-Propionyl-L-Carnitinaerobe und anaerobe Leistungkeine signifikanten Unterschiede bei mehreren Leistungsparametern

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Mielgo-Ayuso et al. veröffentlichten 2021 einen systematischen Review zu L-Carnitin und Sportleistung.
  • Die Suche ergab 220 Treffer; 11 Studien wurden eingeschlossen.
  • Die eingeschlossenen Studien waren randomisierte, doppelblinde kontrollierte Parallel- oder Crossover-Studien.
  • Sechs Studien verwendeten L-Carnitin, drei L-Carnitin-L-Tartrat und zwei Propionyl- beziehungsweise Glycin-Propionyl-L-Carnitin.
  • Fünf Studien untersuchten chronische Gabe über 4 bis 24 Wochen.
  • Sechs Studien untersuchten akute Gabe über weniger als 7 Tage oder kurz vor dem Test.
  • Bei hoher Intensität berichteten einige Protokolle bessere Werte in einzelnen Leistungsparametern.
  • Bei moderater Intensität fand der Review keine signifikanten Leistungsverbesserungen.
  • Die positiven Hochintensitätsbefunde waren abhängig von Protokoll, Testform, Timing, Carnitinform und Kohlenhydratbegleitung.
  • Die Quelle liefert keine Einnahmeempfehlung und keine vollständige Sicherheitsbewertung.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. PubMed
  3. Volltext
  4. PMC