EFSA 2023 zu Mangan: kein UL, aber sichere Aufnahmewerte
EFSA bewertete 2023 die tolerierbare obere Manganaufnahme im Auftrag der Europäischen Kommission. Die Quelle ist eine europäische Behördenbewertung mit systematischen Übersichten zu Human- und Tierdaten.
Kurzprofil
- Quelle: EFSA NDA Panel et al. (2023). Scientific opinion on the tolerable upper intake level for manganese.
- Quellentyp: europäische Behördenbewertung mit systematischen Literaturübersichten zu Human- und Tierdaten.
- Land/Kontext: Europäische Union; Auftrag der Europäischen Kommission zur Neubewertung oberer Aufnahmewerte für Mangan.
- Wirkstoff: Mangan aus allen Nahrungsquellen, einschließlich natürlicher Lebensmittel, Wasser, angereicherter Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel.
- Bewertete Frage: Lässt sich für Mangan ein tolerierbarer oberer Aufnahmewert ableiten, oder reicht die Datenlage nur für sichere Aufnahmewerte?
- Zentrale Entscheidung: EFSA konnte keinen UL ableiten, legte aber sichere Aufnahmewerte von 2 bis 8 mg Mangan pro Tag fest.
- Originalquelle: https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.8413
Die EFSA-Bewertung von 2023 ist der aktuelle europäische Sicherheitsrahmen für Mangan. Sie ist besonders wichtig, weil sie nicht einfach einen klassischen UL übernimmt. Die Behörde trennt klar zwischen einem UL und einem sicheren Aufnahmewert. Ein UL beschreibt eine obere tägliche Gesamtaufnahme, bei der nach Risikobewertung kein Gesundheitsrisiko erwartet wird. Ein sicherer Aufnahmewert ist vorsichtiger zu lesen: Er markiert eine Aufnahmemenge, bei der EFSA aufgrund beobachteter Hintergrundaufnahmen mit vertretbarer Sicherheit keine nachteiligen Wirkungen erwartet, ohne den Beginn eines steigenden Risikos genau bestimmen zu können.
Quellenfrage
Die Europäische Kommission bat EFSA, die frühere Bewertung des Scientific Committee on Food zu Mangan zu überprüfen. Hintergrund war die europäische Regelung von Mineralstoffmengen in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln. Für solche Entscheidungen brauchen Risikomanager obere Sicherheitswerte. Diese Werte sind keine Zielmengen und keine Bedarfswerte.
Bei Mangan lag der zentrale Streitpunkt darin, dass überschüssige Exposition neurotoxisch wirken kann, die Studienlage aber keine saubere Dosis-Wirkungs-Grenze liefert. Neurotoxizität bedeutet, dass Nervensystem und Gehirnfunktionen geschädigt werden können. Bei Mangan ist dieser Effekt aus beruflicher und hoher Umwelt- oder Trinkwasserexposition bekannt. Für die normale Gesamtaufnahme über die Ernährung fehlen jedoch robuste Daten, die zeigen, ab welcher chronischen Tagesaufnahme das Risiko in der allgemeinen Bevölkerung klar zunimmt.
EFSA sollte deshalb zwei Fragen trennen: Erstens, ob ein UL ableitbar ist. Zweitens, falls das nicht möglich ist, welche Gesamtaufnahme aus heutiger Sicht als sicherer Aufnahmewert dienen kann.
Vorgehen
EFSA führte systematische Literaturübersichten zu Human- und Tierdaten durch. Bewertet wurden Manganaufnahme, zugelassene Manganverbindungen, Aufnahme und Ausscheidung im Körper, Expositionsmarker, Neurotoxizität und weitere mögliche unerwünschte Wirkungen.
Für die Expositionsbewertung nutzte EFSA die europäische Verzehrsdatenbank und Mangan-Gehaltsdaten aus Lebensmittelzusammensetzungsdaten. Die Berechnungen bezogen sich auf die tägliche Gesamtaufnahme aus natürlichen Lebensmitteln. Zusätzlich sammelte EFSA Angaben zu Mangan aus Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln aus nationalen Erhebungen und Marktdaten.
Der entscheidende methodische Punkt ist die Wahl des Ersatzweges: Weil keine belastbare Dosis-Wirkungs-Grenze für manganbedingte Neurotoxizität vorlag, nutzte EFSA die beobachteten hohen Hintergrundaufnahmen in europäischen Bevölkerungsgruppen. Dafür wurden die oberen Aufnahmewerte von Hochverzehrern betrachtet, insbesondere das 95. Perzentil. Das 95. Perzentil bedeutet: 95 von 100 Personen einer Gruppe liegen bei oder unter diesem Aufnahmewert.
Ergebnis
EFSA konnte keinen UL für Mangan ableiten. Das galt für alle betrachteten Bevölkerungsgruppen. Der Grund war nicht, dass Mangan bei hoher Exposition harmlos wäre. Der Grund war, dass die vorhandenen Human- und Tierdaten keine geeignete Referenzstelle für eine klassische UL-Ableitung lieferten.
Stattdessen legte EFSA sichere Aufnahmewerte für die tägliche Gesamtaufnahme aus allen Nahrungsquellen fest:
| Altersgruppe | Sicherer Aufnahmewert |
|---|---|
| 4 Monate bis unter 1 Jahr | 2 mg/Tag |
| 1 bis unter 3 Jahre | 4 mg/Tag |
| 3 bis unter 7 Jahre | 5 mg/Tag |
| 7 bis unter 14 Jahre | 6 mg/Tag |
| 14 bis unter 18 Jahre | 7 mg/Tag |
| Erwachsene ab 18 Jahren, einschließlich Schwangerschaft und Stillzeit | 8 mg/Tag |
Diese Werte beziehen sich auf die Gesamtaufnahme. Dazu zählen Lebensmittel, Wasser, angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel zusammen. Sie sind keine Empfehlung, diese Menge auszuschöpfen.
Die Ableitung beruht auf einem konservativen Ansatz. EFSA verwendete bei den meisten Altersgruppen den Durchschnitt der vier höchsten 95.-Perzentil-Werte aus den verfügbaren europäischen Aufnahmedaten und rundete auf ganze Milligramm. Für Säuglinge ab 4 Monaten bis unter 1 Jahr wählte EFSA einen noch vorsichtigeren Weg, weil unklar bleibt, wann die körpereigene Manganregulation im Säuglingsalter vollständig ausgereift ist.
Einordnung
Die EFSA-Entscheidung unterscheidet sich deutlich von älteren oder nationalen Rahmenwerten. Das Scientific Committee on Food konnte im Jahr 2000 ebenfalls keinen UL ableiten und warnte vor zusätzlicher oraler Aufnahme über die normalerweise in Lebensmitteln und Getränken vorkommenden Mengen hinaus. NASEM/IOM setzte 2001 für Erwachsene in den USA und Kanada einen UL von 11 mg/Tag. Diese Zahl beruht auf einer anderen Bewertungslogik und wird von EFSA 2023 nicht einfach übernommen.
Auch der deutsche BfR-Rahmen ist anders zu lesen. Das BfR schlug 2021 für Nahrungsergänzungsmittel 0,5 mg Mangan pro Tagesverzehrempfehlung vor und empfahl keinen Zusatz zu sonstigen Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs. Dieser deutsche Wert ist ein Risikomanagementvorschlag für Nahrungsergänzungsmittel und nicht dasselbe wie der EFSA-Wert für die gesamte tägliche Aufnahme.
VKM und andere nationale Stellen liefern zusätzliche Vergleichsperspektiven, ändern aber nicht die Kernaussage der EFSA-Bewertung: Für Europa steht 2023 kein klassischer UL zur Verfügung. Die sicheren Aufnahmewerte sollen so lange als vorsichtiger Orientierungsrahmen dienen, bis bessere Daten eine eigentliche UL-Ableitung erlauben.
Nebenwirkungen und Sicherheit
EFSA nennt Neurotoxizität als zentralen kritischen Effekt überschüssiger Manganexposition. Gleichzeitig beschreibt die Behörde die Datenlage für die Ernährung als schwierig. Viele Hinweise auf neurologische Effekte stammen aus Trinkwasser-, Umwelt- oder beruflichen Expositionssituationen. Diese Expositionswege lassen sich nicht direkt mit normaler Lebensmittelaufnahme oder mit Mangan aus Nahrungsergänzungsmitteln gleichsetzen.
Für hohe Verbraucher natürlicher manganreicher Lebensmittel bleibt eine wichtige Unsicherheit: Wenn die Hintergrundaufnahme bereits im oberen Bereich liegt, ist das Risiko durch zusätzliche Manganquellen wie angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel nicht gut bestimmt. EFSA nennt außerdem Personengruppen, die möglicherweise empfindlicher sein könnten, darunter Menschen mit eingeschränkter Leberfunktion, Menschen mit Eisenmangel und seltene genetische Störungen des Mangantransports. Die Daten reichen aber nicht aus, um für diese Gruppen eigene sichere Werte festzulegen.
Grenzen der Aussagekraft
Die größte Grenze ist das Fehlen einer belastbaren Dosis-Wirkungs-Beziehung. Ein sicherer Aufnahmewert sagt nicht, ab welcher Menge ein Schaden beginnt. Er sagt auch nicht, wie viele Menschen oberhalb dieses Wertes tatsächlich gefährdet wären.
Eine zweite Grenze betrifft die Art der verfügbaren Studien. Trinkwasser- und Umweltstudien zeigen wichtige Warnsignale, untersuchen aber oft andere Expositionsmuster als die normale Gesamtaufnahme aus Lebensmitteln. Tierstudien waren ebenfalls nicht geeignet, um einen klaren Referenzpunkt für Menschen abzuleiten.
Eine dritte Grenze betrifft die Expositionsdaten. EFSA konnte die natürliche Hintergrundaufnahme europäischer Bevölkerungen recht breit abschätzen. Daten zu Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln waren dagegen knapper. Damit bleibt besonders die Kombination aus hoher natürlicher Aufnahme und zusätzlicher Manganquelle unsicher.
Was die Quelle zeigt
Die Quelle zeigt, dass EFSA 2023 keinen klassischen UL für Mangan ableiten konnte. Sie zeigt zugleich, dass EFSA sichere Aufnahmewerte für die Gesamtaufnahme festgelegt hat: 8 mg/Tag für Erwachsene und 2 bis 7 mg/Tag für jüngere Altersgruppen.
Die Quelle zeigt außerdem, warum diese Werte vorsichtig zu lesen sind. Sie beruhen auf beobachteten hohen Hintergrundaufnahmen und nicht auf einer klaren Schadensschwelle. Sie ersetzen deshalb keine Bedarfswerte und keine persönliche Einnahmeregel.
Was die Quelle nicht zeigt
Die Quelle zeigt nicht, dass eine zusätzliche Manganaufnahme für einzelne Personen nötig oder vorteilhaft ist. Sie zeigt auch nicht, dass eine Aufnahme oberhalb des sicheren Aufnahmewerts automatisch einen Gesundheitsschaden verursacht.
Die Quelle zeigt keine robuste Langzeitsicherheit zusätzlicher Manganaufnahme bei Personen mit hoher natürlicher Zufuhr, Leber- oder Galleproblemen, Eisenmangel oder seltenen Störungen des Mangantransports. Sie zeigt auch keine Überlegenheit einzelner Manganformen in Nahrungsergänzungsmitteln.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- EFSA bewertete 2023 die tolerierbare obere Manganaufnahme im Auftrag der Europäischen Kommission.
- Die Quelle ist eine europäische Behördenbewertung mit systematischen Übersichten zu Human- und Tierdaten.
- Manganbedingte Neurotoxizität wurde als kritischer Effekt hoher Exposition betrachtet.
- Die vorhandenen Daten reichten nicht aus, um eine Dosis-Wirkungs-Grenze und damit einen klassischen UL abzuleiten.
- EFSA legte stattdessen sichere Aufnahmewerte für die Gesamtaufnahme aus allen Nahrungsquellen fest.
- Der sichere Aufnahmewert beträgt 8 mg/Tag für Erwachsene ab 18 Jahren, einschließlich Schwangerschaft und Stillzeit.
- Für jüngere Gruppen liegen die Werte bei 2 mg/Tag, 4 mg/Tag, 5 mg/Tag, 6 mg/Tag und 7 mg/Tag je nach Alter.
- Die Werte umfassen Lebensmittel, Wasser, angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel zusammen.
- Die Werte sind keine Bedarfswerte, keine Zielmengen und keine persönliche Einnahmeregel.
- NASEM/IOM nennt für Erwachsene einen UL von 11 mg/Tag; EFSA 2023 übernimmt diesen Wert nicht.
- Das BfR schlägt für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland 0,5 mg Mangan pro Tagesverzehrempfehlung vor; das ist ein anderer Bewertungsrahmen als der EFSA-Gesamtaufnahmewert.
- Unsicher bleibt vor allem die zusätzliche Manganaufnahme bei Personen mit bereits hoher natürlicher Zufuhr oder möglichen Empfindlichkeitsfaktoren.