ASCEND-Studie: Omega-3-Fettsäuren bei Menschen mit Diabetes ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung

ASCEND randomisierte 15.480 Personen mit Diabetes und ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die n-3-Gruppe und die Placebogruppe umfassten jeweils 7.740 Personen.

Kurzprofil

  • Quelle: Bowman, L. et al. / ASCEND Study Collaborative Group (2018). Effects of n-3 Fatty Acid Supplements in Diabetes Mellitus. New England Journal of Medicine, 379(16), 1540-1550. PMID: 30146932. DOI: 10.1056/NEJMoa1804989.
  • Quellentyp: randomisierte, doppelblinde, placebo-kontrollierte Studie mit 2x2-faktoriellem Design.
  • Land/Kontext: Vereinigtes Königreich; ASCEND, A Study of Cardiovascular Events in Diabetes.
  • Wirkstoff: marine n-3-Fettsäuren als tägliche 1-g-Kapsel mit 840 mg marinen n-3-Fettsäuren, davon 460 mg EPA und 380 mg DHA.
  • Population: 15.480 Personen mit Diabetes, aber ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung zu Studienbeginn.
  • Zentrale Endpunkte: erste schwere vaskuläre Ereignisse, schwere vaskuläre Ereignisse plus arterielle Revaskularisation, Gesamtmortalität, einzelne vaskuläre Ereignisse und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1056/NEJMoa1804989
  • PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30146932/

Die ASCEND-Studie untersuchte, ob marine Omega-3-Fettsäuren bei Menschen mit Diabetes, aber ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, schwere vaskuläre Ereignisse senken. Der Studienkontext ist eng: Es ging um eine definierte Kapselmenge, eine große Diabetespopulation und kardiovaskuläre Ereignisse, nicht um Blutzuckerkontrolle, Diagnose oder Behandlung des Diabetes.

Fragestellung

Menschen mit Diabetes haben im Durchschnitt ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Menschen ohne Diabetes. Vor ASCEND gab es Hinweise aus Beobachtungsstudien zu Fischverzehr und kardiovaskulärem Risiko, aber randomisierte Supplementstudien hatten kein einheitliches Bild ergeben.

ASCEND sollte deshalb prüfen, ob eine tägliche marine n-3-Fettsäure-Kapsel im Vergleich zu Placebo die Häufigkeit schwerer vaskulärer Ereignisse senkt. Die Fragestellung betraf nicht die allgemeine Diabeteskontrolle. Blutzuckerwerte, Insulinresistenz oder Triglyceridveränderungen standen nicht als zentrale Ergebnisfrage im Vordergrund.

Studiendesign und Methoden

ASCEND war randomisiert, doppelblind und placebo-kontrolliert. Die Studie nutzte ein 2x2-faktorielles Design: Die Teilnehmenden wurden in derselben Gesamtstudie auch einer Aspirin- oder Placebogruppe zugeteilt. Die Omega-3-Auswertung vergleicht die n-3-Fettsäure-Gruppe mit der entsprechenden Placebogruppe.

Die aktive Kapsel enthielt 840 mg marine n-3-Fettsäuren: 460 mg EPA und 380 mg DHA. Die Placebokapsel enthielt Olivenöl. Diese Menge beschreibt ausschließlich das Studiensetting. Sie ist keine persönliche Einnahmeempfehlung und kein allgemeiner Zielwert.

Der primäre Endpunkt war das erste schwere vaskuläre Ereignis. Dazu zählten nicht tödlicher Herzinfarkt, nicht tödlicher Schlaganfall ohne bestätigte intrakranielle Blutung, transitorische ischämische Attacke und vaskulärer Tod ohne intrakranielle Blutung. Der sekundäre Endpunkt kombinierte schwere vaskuläre Ereignisse mit arterieller Revaskularisation. Die Auswertung folgte dem Intention-to-treat-Prinzip.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Randomisiert wurden 15.480 Personen aus dem Vereinigten Königreich. Alle hatten Diabetes, aber keine bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung zu Studienbeginn. Beide Gruppen umfassten jeweils 7.740 Personen.

Das mittlere Alter lag bei 63,3 Jahren. Rund 63 % der Teilnehmenden waren Männer. Etwa 94 % erfüllten die Studiendefinition für Typ-2-Diabetes. Die mittlere Nachbeobachtung betrug 7,4 Jahre; vollständige Follow-up-Daten lagen für 99,1 % der Teilnehmenden vor. Die mittlere Therapietreue lag bei 77 % in der n-3-Gruppe und 76 % in der Placebogruppe.

Intervention, Exposition und Vergleich

Verglichen wurde eine tägliche Kapsel mit marinen n-3-Fettsäuren gegen eine Olivenöl-Placebokapsel. Damit prüfte die Studie eine Supplementform, nicht Fischverzehr und nicht eine Ernährungsumstellung.

Der Omega-3-Index wurde in einer kleinen Untergruppe von 152 Personen gemessen. In der n-3-Gruppe stieg er von 7,1 % auf 9,1 %, während er in der Placebogruppe etwa gleich blieb. Das zeigt, dass die Intervention biologisch messbar war. Es beweist aber nicht automatisch einen klinischen Nutzen bei den untersuchten Endpunkten.

Ergebnisse

Ein schweres vaskuläres Ereignis trat bei 689 Personen in der n-3-Gruppe und bei 712 Personen in der Placebogruppe auf. Das entsprach 8,9 % gegenüber 9,2 %. Der Rate Ratio lag bei 0,97; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 0,87 bis 1,08; der p-Wert betrug 0,55. Damit zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied beim primären Endpunkt.

Auch der sekundäre kombinierte Endpunkt aus schwerem vaskulärem Ereignis oder Revaskularisation unterschied sich nicht klar zwischen den Gruppen. Er trat bei 882 Personen in der n-3-Gruppe und 887 Personen in der Placebogruppe auf, also bei 11,4 % gegenüber 11,5 %. Der Rate Ratio lag bei 1,00; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 0,91 bis 1,09.

Die Gesamtmortalität war ebenfalls ähnlich: 752 Todesfälle in der n-3-Gruppe gegenüber 788 in der Placebogruppe, entsprechend 9,7 % gegenüber 10,2 %. Der Rate Ratio lag bei 0,95; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 0,86 bis 1,05.

Bei einzelnen Ereigniskomponenten ergab sich kein klares günstiges Gesamtbild. Nicht tödlicher Herzinfarkt trat bei 186 Personen in der n-3-Gruppe und 200 Personen in der Placebogruppe auf. Nicht tödlicher ischämischer Schlaganfall trat bei 217 gegenüber 214 Personen auf. Transitorische ischämische Attacken traten bei 185 gegenüber 180 Personen auf. Für vaskulären Tod berichtete die Quelle niedrigere Zahlen in der n-3-Gruppe, ordnete diese Befunde aber als exploratorisch ein.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Studie berichtete keine signifikanten Unterschiede bei nicht tödlichen schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen. Auch Symptome, die zum Abbruch der Studienkapseln führten, waren bei der geprüften Menge nicht gehäuft.

Diese Sicherheitsaussage gilt für die untersuchte Population, die untersuchte Kapsel und die mittlere Nachbeobachtung von 7,4 Jahren. Sie ersetzt keine gesonderte Bewertung höherer Mengen, anderer Formen wie EPA-only-Präparate, Personen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, Antikoagulation, Vorhofflimmern oder besonderen Blutungsrisiken.

Grenzen der Aussagekraft

ASCEND beantwortet eine enge Frage: marine EPA+DHA-Kapseln bei Menschen mit Diabetes ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die Studie zeigt nicht, ob Menschen mit bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, sehr hohen Triglyceriden oder anderen Risikoprofilen gleich reagieren.

Die geprüfte Kapsel ist nicht mit allen Omega-3-Formen gleichzusetzen. Die Studie prüfte kein hoch dosiertes EPA-only-Arzneimittel, kein Algenöl, kein Krillöl und keine gezielte Fischverzehr-Intervention. Außerdem wurden Triglyceridveränderungen in ASCEND nicht als zentrale Ergebnisgröße gemessen.

Für sekundäre und exploratorische Ergebnisse wurden keine formal adjustierten Konfidenzintervalle für multiple Vergleiche berichtet. Einzelbefunde, etwa zu vaskulärem Tod, müssen deshalb neben dem neutralen primären Endpunkt gelesen werden.

Was die Studie zeigt

ASCEND zeigt, dass eine tägliche Kapsel mit 840 mg marinen n-3-Fettsäuren bei 15.480 Menschen mit Diabetes ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung die Rate schwerer vaskulärer Ereignisse nicht signifikant senkte.

Die Studie zeigt außerdem, dass die Intervention den Omega-3-Index in einer kleinen Untergruppe erhöhte, ohne dass daraus ein klarer Vorteil für den primären kardiovaskulären Endpunkt folgte.

Was die Studie nicht zeigt

ASCEND zeigt keine allgemeine Einnahmeempfehlung für Omega-3-Supplemente. Die Studie zeigt auch nicht, dass Omega-3-Fettsäuren die Blutzuckerkontrolle verbessern, Diabetes behandeln oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei allen Risikogruppen verhindern.

Sie erlaubt keine Gleichsetzung von niedrig dosierten EPA+DHA-Kapseln mit hoch dosierten EPA-only-Studien, Fischverzehr, Algenöl oder anderen Omega-3-Formulierungen.

Fazit

In ASCEND senkte eine tägliche marine n-3-Fettsäure-Kapsel bei Menschen mit Diabetes ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung den primären kardiovaskulären Endpunkt nicht signifikant. Die Studie ist ein wichtiger Gegenpunkt zu einfachen Omega-3-Nutzenannahmen im Diabeteskontext, bleibt aber auf die geprüfte Population, Menge, Formulierung und Endpunkte begrenzt.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • 15.480 Personen mit Diabetes und ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung wurden randomisiert.
  • Die n-3-Gruppe erhielt täglich eine 1-g-Kapsel mit 840 mg marinen n-3-Fettsäuren, davon 460 mg EPA und 380 mg DHA.
  • Die Placebogruppe erhielt Olivenölkapseln.
  • Die mittlere Nachbeobachtung betrug 7,4 Jahre.
  • Schwere vaskuläre Ereignisse traten bei 689 Personen in der n-3-Gruppe und 712 Personen in der Placebogruppe auf.
  • Der primäre Endpunkt unterschied sich nicht signifikant: Rate Ratio 0,97; 95-%-Konfidenzintervall 0,87 bis 1,08; p=0,55.
  • Der sekundäre Endpunkt aus schwerem vaskulärem Ereignis oder Revaskularisation lag bei 11,4 % gegenüber 11,5 %.
  • Die Gesamtmortalität lag bei 9,7 % gegenüber 10,2 %.
  • Nicht tödliche schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren zwischen den Gruppen nicht signifikant unterschiedlich.
  • Die Studienmenge ist ein Studiensetting und keine persönliche Einnahmeempfehlung.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. PubMed
  3. Volltext-PDF im Oxford-Repository