Begtrup-Review zu Fischöl und Blutungsrisiko

Begtrup et al. werteten 52 Publikationen zu Fischöl, Blutstillung und Blutungsrisiko aus. 32 Publikationen betrafen gesunde Personen; 20 Publikationen betrafen Operationen oder invasive Eingriffe.

Kurzprofil

  • Quelle: Begtrup, K. M., Krag, A. E., & Hvas, A. M. (2017). No impact of fish oil supplements on bleeding risk: a systematic review. Danish Medical Journal, 64(5), A5366. PMID: 28552094.
  • Quellentyp: systematischer Review.
  • Land/Kontext: internationale Studienlage; Autorengruppe aus Dänemark.
  • Wirkstoff: Fischöl mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren, vor allem EPA und DHA.
  • Datenbasis: 52 Publikationen; 32 Publikationen zu gesunden Personen und 20 Publikationen zu Personen bei Operationen oder invasiven Eingriffen.
  • Zentrale Endpunkte: Plättchenaggregation, primäre Blutstillung, sekundäre Blutstillung, Fibrinolyse, intraoperative Blutung, postoperative Blutung und Bluttransfusionen.
  • Originalquelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28552094/
  • Volltext/PDF: https://content.ugeskriftet.dk/sites/default/files/scientific_article_files/2019-05/a5366_2.pdf

Der systematische Review untersuchte, ob Fischölpräparate die Blutstillung messbar verändern und ob sich daraus in Operationsstudien mehr Blutungen ergeben. Die Arbeit trennt dabei zwei Ebenen: Laborzeichen der Blutstillung bei gesunden Personen und klinische Blutungsereignisse bei chirurgischen oder invasiven Eingriffen.

Fragestellung

Fischöl enthält EPA und DHA. EPA kann in Blutplättchen Fettsäuren verdrängen, die an der Bildung von Thromboxan A2 beteiligt sind. Thromboxan A2 fördert die Zusammenlagerung von Blutplättchen. Aus diesem Mechanismus entstand die Sorge, dass Fischöl die Blutungsneigung erhöhen könnte.

Begtrup et al. wollten klären, ob diese biochemische Wirkung tatsächlich zu einem klinisch relevanten Blutungsrisiko führt. Die Leitfrage war daher zweigeteilt: Erstens, verändert Fischöl messbare Parameter der Blutstillung? Zweitens, zeigen Studien bei Operationen oder invasiven Eingriffen mehr Blutungen oder mehr Bluttransfusionen bei Fischölexposition?

Studiendesign und Methoden

Die Autorengruppe führte einen systematischen Review nach PRISMA-Kriterien durch. Gesucht wurde in MEDLINE/PubMed und Embase. Die Suche wurde am 22. Juni 2016 durchgeführt. Zusätzlich wurden Referenzlisten eingeschlossener Arbeiten geprüft.

Eingeschlossen wurden Originalstudien zu oraler oder intravenöser Fischölgabe, wenn sie Daten zur primären Blutstillung, sekundären Blutstillung, Fibrinolyse oder objektive klinische Blutungsdaten berichteten. Bei gesunden Personen mussten die Studien mindestens 20 Teilnehmende umfassen. Für Studien bei Operationen oder invasiven Eingriffen gab es keine Mindestzahl.

Ausgeschlossen wurden unter anderem Reviews, Konferenzabstracts, Kommentare ohne Originaldaten, kleine Fallberichte, Tier- und In-vitro-Arbeiten, reine Fischverzehrstudien und Studien, die gezielt Wechselwirkungen von Fischöl mit Medikamenten untersuchten. Nach Entfernung von Duplikaten wurden 1.686 Treffer nach Titel und Abstract geprüft; 249 Volltexte wurden auf Eignung bewertet.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Auswertung umfasste 52 Publikationen. Davon betrafen 32 Publikationen gesunde Personen mit mindestens 20 Teilnehmenden. Diese Publikationen entsprachen 29 unterschiedlichen Studienpopulationen.

Weitere 20 Publikationen betrafen Personen, die eine Operation oder einen invasiven Eingriff erhielten. Diese Arbeiten deckten 19 unterschiedliche Studienpopulationen ab. Enthalten waren unter anderem Herzoperationen, koronare Angioplastie, Bauch- und Magen-Darm-Operationen, Wirbelsäuleneingriffe und kleinere gemischte Operationskontexte.

Die Menge und Form der Fischölexposition war zwischen den Studien sehr unterschiedlich. In den Tabellen des Reviews reichen die Angaben von niedrigen EPA/DHA-Mengen pro Kilogramm Körpergewicht über mehrere Gramm EPA und DHA pro Tag bis zu selbstberichteter Fischöleinnahme mit unbekannter Menge. Diese Mengen beschreiben Studienbedingungen und sind keine allgemeine Einnahmeregel.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die betrachtete Exposition war Fischöl, meist mit EPA und DHA. Einige Studien prüften orale Fischölpräparate, andere intravenöse oder parenterale Fischölzufuhr im perioperativen Kontext.

Die Vergleichsgruppen unterschieden sich je nach Einzelstudie. In den Studien bei gesunden Personen wurden häufig Kontrollöle wie Olivenöl, Sonnenblumenöl, Maisöl, Pflanzenöl oder andere Fettsäuren genutzt. In Operationsstudien gab es je nach Design Kontrollgruppen ohne Fischöl, Placebo- oder Kontrollölgruppen sowie retrospektive Fall-Kontroll-Vergleiche.

Der Review betrachtete keine einheitliche Produktform und keine einheitliche Tagesmenge. Deshalb ist die Quelle vor allem für die Frage geeignet, ob in der bisherigen Studienlandschaft ein konsistentes Blutungssignal erkennbar war.

Ergebnisse

Bei gesunden Personen fand der Review ein gemischtes, aber biologisch plausibles Muster. In 9 von 16 Studien, abgedeckt durch 12 Publikationen, wurden eine verringerte Plättchenaggregation, eine verringerte Plättchenadhäsion oder ein niedrigeres Thromboxan B2 berichtet. Acht Studien fanden dagegen keine statistisch klare Änderung der Plättchenaggregation oder von P-Selectin. Vier Studien berichteten eine Verringerung von Thromboxan B2; eine Studie fand hier keinen klaren Effekt.

Die Blutungszeit war in 3 von 6 Studien nach Fischöleinnahme verlängert. Drei weitere Studien fanden keinen Effekt auf die Blutungszeit. Bei Markern der sekundären Blutstillung und der Fibrinolyse war das Bild uneinheitlich. Einige Studien zeigten Veränderungen einzelner Marker, andere nicht. Für Gerinnungsfaktor VII fanden die berücksichtigten Studien keinen Effekt.

In den Operations- und Eingriffsstudien zeigte sich kein entsprechendes klinisches Blutungssignal. Klinische Blutung während eines Eingriffs wurde in 7 Studien mit präoperativer Fischölexposition berichtet. Keine dieser Studien fand im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant mehr intraoperative Blutung.

Postoperative Blutungen nach ausschließlich präoperativer Fischölexposition wurden in 4 Studien untersucht, abgedeckt durch 5 Publikationen. Auch hier berichtete keine Studie mehr postoperative Blutungen durch Fischöl. In zwei offenen Herzoperationsstudien wurden in der Fischölgruppe sogar weniger Erythrozytentransfusionen berichtet. Diese Beobachtung ist kein Beleg für eine Schutzwirkung, zeigt aber, dass in diesen Studien kein erhöhtes Transfusionssignal auftrat.

Der Review fasst die Ergebnisse daher so zusammen: Fischöl kann die primäre Blutstillung bei gesunden Personen messbar beeinflussen, vor allem über Blutplättchen. Dieser Laboreffekt spiegelte sich in den eingeschlossenen randomisierten Studien bei Operationen nicht in mehr Blutungen oder mehr Bluttransfusionen wider.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die zentrale Sicherheitsfrage war das Blutungsrisiko. Für diese Frage liefert der Review eine klare Trennung: Laborparameter können sich verändern, klinische Blutungsereignisse nahmen in den untersuchten Operationsstudien jedoch nicht zu.

Die Arbeit betrachtete vor allem Blutung, Bluttransfusionen und Marker der Blutstillung. Sie ersetzt keine gesonderte Bewertung anderer Sicherheitsfragen wie Vorhofflimmern, Magen-Darm-Beschwerden, Produktqualität, Oxidation oder Wechselwirkungen mit bestimmten Arzneimitteln. Studien zu gezielten Wechselwirkungen von Fischöl mit Medikamenten waren ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Autorengruppe zog aus ihrer Auswertung den Schluss, dass ihre Daten keinen Bedarf erkennen lassen, Fischöl vor Operationen oder invasiven Eingriffen grundsätzlich abzusetzen. Das ist eine Schlussfolgerung der Quelle für den untersuchten Studienkontext und keine persönliche medizinische Anweisung.

Grenzen der Aussagekraft

Die eingeschlossenen Studien waren sehr unterschiedlich. Sie unterschieden sich bei Fischölform, EPA- und DHA-Mengen, Dauer der Exposition, Operationsart, Studienqualität, Messmethoden und Art der Blutungsdokumentation. Dadurch ist die Auswertung besser als Sicherheitsübersicht geeignet als für eine präzise Dosis-Wirkungs-Aussage.

Einige Operationsstudien waren klein oder hatten retrospektive Designs. Nicht alle Studien erfassten Blutungen gleich streng. Außerdem wurden Studien zu gezielten Arzneimittelwechselwirkungen ausgeschlossen. Deshalb lässt sich aus dem Review nicht sicher ableiten, wie Fischöl bei einzelnen Personen mit Antikoagulation, Gerinnungsstörungen, hohem Blutungsrisiko oder komplexen Operationen zu bewerten ist.

Eine weitere Grenze betrifft die Aktualität. Die Suche endete im Juni 2016. Spätere große Sicherheitsanalysen und moderne hoch dosierte EPA-Studien sind in diesem Review nicht enthalten. Der Review bleibt dennoch nützlich, weil er den klassischen Blutungsverdacht systematisch von mechanischen Laborbefunden bis zu Operationsdaten nachzeichnet.

Was der Review zeigt

Der Review zeigt, dass Fischöl bei gesunden Personen messbare Effekte auf die primäre Blutstillung haben kann. Besonders betroffen sind Blutplättchenfunktionen wie Aggregation, Adhäsion und Thromboxan-bezogene Marker.

Er zeigt zugleich, dass diese biochemischen Veränderungen in den eingeschlossenen Operations- und Eingriffsstudien nicht mit mehr intraoperativen oder postoperativen Blutungen verbunden waren. Auch Bluttransfusionen waren in den untersuchten Studien nicht erhöht.

Was der Review nicht zeigt

Die Arbeit zeigt keine allgemeine Einnahmeempfehlung für Omega-3 und keine persönliche Dosierungsempfehlung. Sie beweist auch nicht, dass jede Omega-3-Form, jedes Fischölprodukt, Algenöl, Krillöl oder arzneiliches EPA im Blutungskontext identisch zu bewerten ist.

Die Quelle klärt nicht abschließend, wie Fischöl bei Menschen mit Antikoagulation, Gerinnungsstörungen, sehr hohem Operationsrisiko oder spezifischen Arzneimittelkombinationen wirkt. Sie ersetzt auch keine individuelle ärztliche Entscheidung vor einem Eingriff.

Eingeschlossene Einzelstudien

Der Review schloss 52 Publikationen ein. Eine vollständige Liste aller Einzelstudien steht in den Tabellen und im Literaturverzeichnis der Originalpublikation. Für die Einordnung der Datenbasis sind besonders diese Gruppen wichtig:

BereichUmfangInhaltliche Aussage
Gesunde Personen32 Publikationen; 29 StudienpopulationenFischöl veränderte in mehreren Studien Plättchenmarker, aber nicht konsistent alle Gerinnungs- oder Fibrinolysemarker.
Operationen und invasive Eingriffe20 Publikationen; 19 StudienpopulationenKlinische Blutungen und Bluttransfusionen waren unter Fischölexposition nicht erhöht.
Präoperative Exposition7 Studien zu intraoperativer BlutungKeine Studie fand signifikant mehr intraoperative Blutung im Vergleich zur Kontrolle.
Postoperative Blutung nach präoperativer Exposition4 Studien, abgedeckt durch 5 PublikationenKeine Studie berichtete mehr postoperative Blutung nach präoperativer Fischölexposition.

Fazit

Begtrup et al. zeigen ein wichtiges Sicherheitsmuster: Fischöl kann Blutplättchenfunktionen im Labor messbar beeinflussen, ohne dass in den eingeschlossenen Operationsstudien mehr klinische Blutungen oder mehr Bluttransfusionen beobachtet wurden. Der Review stützt damit eine nüchterne Einordnung des Blutungsverdachts, bleibt aber auf die bis Juni 2016 gefundene Studienlage und die untersuchten Operations- und Messkontexte begrenzt.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Begtrup et al. werteten 52 Publikationen zu Fischöl, Blutstillung und Blutungsrisiko aus.
  • 32 Publikationen betrafen gesunde Personen; 20 Publikationen betrafen Operationen oder invasive Eingriffe.
  • Die Suche wurde in MEDLINE/PubMed und Embase durchgeführt und endete am 22. Juni 2016.
  • Bei gesunden Personen zeigte ein Teil der Studien eine verringerte Plättchenaggregation, Plättchenadhäsion oder Thromboxan-B2-Bildung.
  • Die Blutungszeit war in 3 von 6 Studien verlängert; 3 Studien fanden keinen Effekt.
  • In 7 Studien zu intraoperativer Blutung bei präoperativer Fischölexposition fand keine Studie signifikant mehr Blutung.
  • In 4 Studien zu postoperativer Blutung nach präoperativer Fischölexposition wurde keine erhöhte postoperative Blutung berichtet.
  • In zwei offenen Herzoperationsstudien wurden in der Fischölgruppe weniger Erythrozytentransfusionen berichtet.
  • Die Quelle schloss gezielte Studien zu Wechselwirkungen von Fischöl mit Medikamenten aus.
  • Die Arbeit zeigt keine persönliche Einnahme-, Diagnose- oder Therapieempfehlung.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. Danish Medical Journal PDF