Traubenkernextrakt und Blutfette: Was die Meta-Analyse von Anjom-Shoae et al. 2020 zeigt

Anjom-Shoae et al. untersuchten Traubenkernextrakt und Blutfettwerte in randomisierten kontrollierten Studien. Die Arbeit ist ein systematischer Review mit Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse.

Kurzprofil

FeldInhalt
QuelleAnjom-Shoae, J. et al. Effects of grape seed extract on dyslipidaemia: a systematic review and dose-response meta-analysis of randomised controlled trials
QuellenartSystematischer Review mit Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien
JournalBritish Journal of Nutrition, 124(2), 121-134
Jahr2020
Untersuchte SubstanzTraubenkernextrakt, englisch grape seed extract (GSE)
Datenbasis11 randomisierte kontrollierte Studien mit 536 Teilnehmenden; für die Auswertung wurden 13 Effektgrößen genutzt, weil zwei Studien je zwei Dosierungsarme berichteten
Zentrale EndpunkteGesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin und Triglyceride
Originalquellehttps://doi.org/10.1017/S0007114520000902
PMID32138795

Anjom-Shoae et al. fassten randomisierte kontrollierte Humanstudien zu Traubenkernextrakt und Blutfettwerten zusammen. Die Arbeit fand im gepoolten Ergebnis niedrigere LDL-Cholesterin- und Triglyceridwerte. Für Gesamtcholesterin und HDL-Cholesterin zeigte sich insgesamt kein statistisch klarer Effekt.

Hintergrund und Fragestellung

Traubenkernextrakt enthält Polyphenole, vor allem Proanthocyanidine. Diese Stoffgruppe wird in der Forschung unter anderem mit oxidativem Stress, Lipoprotein-Oxidation und Herz-Kreislauf-Markern in Verbindung gebracht. Einzelne Humanstudien zu Traubenkernextrakt hatten jedoch unterschiedliche Ergebnisse berichtet: Einige Studien fanden günstigere Lipidwerte, andere zeigten keine klaren Veränderungen.

Die Arbeit von Anjom-Shoae et al. bündelte deshalb kontrollierte Humanstudien mit Fokus auf Dyslipidämie. Dyslipidämie bedeutet, dass Blutfettwerte wie LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Gesamtcholesterin oder Triglyceride ungünstig verändert sind. Die zentrale Frage lautete, ob Traubenkernextrakt in randomisierten Studien messbare Veränderungen dieser Laborwerte zeigt.

Die Quelle betrachtete Surrogatmarker. Das sind Messwerte, die mit Gesundheitsrisiken zusammenhängen können, aber keine klinischen Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Krankenhausaufnahme oder Sterblichkeit darstellen.

Methodik der Zusammenfassung

Die Autorengruppe orientierte sich an PRISMA, einem Standard für systematische Übersichtsarbeiten. Gesucht wurde in PubMed, ISI Web of Science, Scopus, ProQuest, Science Direct und Embase bis März 2019. Zusätzlich wurden Literaturverzeichnisse relevanter Arbeiten geprüft. Unveröffentlichte Studien wurden nicht eingeschlossen.

Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Humanstudien, wenn sie Traubenkernextrakt untersuchten und ausreichende Daten zu Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin oder Triglyceriden berichteten. Studien zu ganzen Trauben, Traubensaft, Traubenpulver oder Rotwein wurden ausgeschlossen. Damit blieb die Auswertung enger auf GSE ausgerichtet.

Zwei Personen führten Auswahl, Datenextraktion und Qualitätsbewertung unabhängig voneinander durch. Die Studienqualität wurde mit der Jadad-Skala bewertet. Dieses Instrument vergibt Punkte für Merkmale wie Randomisierung, Verblindung und Angaben zu Ausfällen. Die gepoolten Effekte wurden als gewichtete mittlere Differenz in mmol/l berechnet. Unterschiede zwischen Studien prüfte die Autorengruppe mit Cochran's Q und I2. Zusätzlich wurden Untergruppenanalysen, Sensitivitätsanalysen, Egger-Tests und eine nichtlineare Dosis-Wirkungsanalyse genutzt.

Eingeschlossene Studien

Die Auswertung umfasste 11 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 536 Teilnehmenden. Die Einzelstudien wurden zwischen 2000 und 2016 veröffentlicht. Die Studiengrößen reichten von 19 bis 96 Teilnehmenden. Vier Studien nutzten ein Crossover-Design, sieben ein Parallelgruppen-Design. Fast alle Studien waren doppelt verblindet; eine Studie war einfach verblindet.

Die Populationen waren gemischt. Sechs Studien untersuchten Personen mit Hyperlipidämie, weitere Studien Personen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko, gesunde Erwachsene oder einen Sonderkontext mit Brustkrebs und strahlenbedingter Brustverhärtung. Die mittleren Alterswerte lagen, soweit berichtet, ungefähr zwischen 44 und 62 Jahren. Die Studiendauer reichte von 4 bis 24 Wochen. Die untersuchten Mengen lagen zwischen 150 und 2000 mg Traubenkernextrakt pro Tag. Diese Mengen beschreiben Studiensettings und sind keine Einnahmeempfehlungen.

Die Meta-Analyse wertete unterschiedliche Darreichungsformen aus. In neun Studien wurden Tabletten oder Kapseln verwendet, in zwei Studien funktionelle Lebensmittel. Eine solche Mischung kann helfen, ein größeres Bild zu erhalten, macht die Übertragung auf ein bestimmtes Produkt aber begrenzt.

Ergebnisse

Für Gesamtcholesterin wurden 13 Effektgrößen aus 11 Studien ausgewertet. Das gepoolte Ergebnis war nicht statistisch klar: gewichtete mittlere Differenz -0,18 mmol/l; 95 % Konfidenzintervall -0,38 bis 0,03. Gleichzeitig war die Streuung zwischen den Studien sehr hoch (I2 = 98,3 %). In einzelnen Untergruppen, etwa bei kürzerer Studiendauer oder bei Mengen unter 300 mg/Tag, berichtete die Quelle niedrigere Gesamtcholesterinwerte. Das ändert aber nicht den Gesamteindruck: Über alle Studien hinweg war Gesamtcholesterin kein stabil positiver Endpunkt.

Für LDL-Cholesterin wurden 11 Effektgrößen aus 9 Studien gepoolt. Hier zeigte sich ein statistisch signifikanter niedrigerer Wert: -0,17 mmol/l; 95 % Konfidenzintervall -0,34 bis -0,01. Auch hier war die Heterogenität sehr hoch (I2 = 98,4 %). Untergruppen mit niedrigeren LDL-Werten umfassten unter anderem Studien mit Kapseln, Mengen unter 300 mg/Tag, Parallelgruppen-Design, kürzerer Studiendauer und größeren Stichproben. Diese Untergruppen sind erklärend, aber nicht als eigenständige Dosierungsregel zu verstehen.

Für HDL-Cholesterin wurden 12 Effektgrößen aus 10 Studien ausgewertet. Das Gesamtergebnis zeigte keinen statistisch klaren Effekt: 0,01 mmol/l; 95 % Konfidenzintervall -0,03 bis 0,04. In Studien mit weniger als 10 Wochen Dauer zeigte sich zwar ein kleiner HDL-Anstieg, doch das gepoolte Gesamtergebnis blieb neutral.

Für Triglyceride wurden 11 Effektgrößen aus 8 Studien ausgewertet. Das gepoolte Ergebnis zeigte niedrigere Triglyceridwerte: -0,11 mmol/l; 95 % Konfidenzintervall -0,18 bis -0,05. Die Heterogenität war auch hier vorhanden, aber geringer als bei LDL und Gesamtcholesterin (I2 = 73,4 %). In mehreren Untergruppen, darunter nicht gesunde Teilnehmende, Kapselstudien, Mengen unter 300 mg/Tag und Parallelgruppenstudien, blieben niedrigere Triglyceridwerte sichtbar.

Die Dosis-Wirkungsanalyse fand keinen klaren Nachweis, dass eine bestimmte GSE-Menge die Lipidwerte systematisch stärker oder schwächer veränderte. Die gepoolten Ergebnisse waren nach dieser Analyse nicht eindeutig von der Dosis abhängig.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Arbeit ist eine Meta-Analyse zu Lipidmarkern, keine umfassende Sicherheitsbewertung von OPC, Proanthocyanidinen oder Traubenkernextrakt. Der Schwerpunkt liegt auf Laborwerten, Studiendesign, Heterogenität und Dosis-Wirkungsanalyse.

Aus der Quelle lässt sich kein oberer sicherer Aufnahmewert ableiten. Sie beantwortet auch keine Langzeitfragen zu hoher isolierter OPC-Zufuhr, Schwangerschaft, Stillzeit, Kindern, Arzneimittelinteraktionen oder Produktqualität. Solche Fragen benötigen Behördenquellen und Sicherheitsbewertungen, nicht nur eine Lipid-Meta-Analyse.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die hohe Heterogenität. Besonders bei Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und HDL-Cholesterin unterschieden sich die Studien stark. Mögliche Gründe sind unterschiedliche Populationen, Ausgangswerte, Studiendauern, GSE-Produkte, Mengen, Darreichungsformen und Laborwerte.

Eine zweite Grenze betrifft die Endpunkte. Blutfette sind wichtige Laborwerte, aber sie sind keine klinischen Ereignisse. Die Meta-Analyse zeigt nicht, dass Traubenkernextrakt Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert, Dyslipidämie behandelt oder Medikamente ersetzt.

Eine dritte Grenze betrifft die Produktübertragbarkeit. Traubenkernextrakte können sich deutlich im OPC-Gehalt, Proanthocyanidin-Profil, Polymerisationsgrad, Begleitstoffen und Herstellungsverfahren unterscheiden. Die Ergebnisse gelten deshalb nicht automatisch für jedes OPC-, GSE-, GSPE-, Traubenpolyphenol- oder Pinienrindenprodukt.

Zusätzlich ist die Studienbasis klein. 11 Studien mit 536 Teilnehmenden sind für eine Meta-Analyse nützlich, aber nicht groß genug, um seltene Sicherheitsereignisse, langfristige Einnahme oder robuste klinische Endpunkte zuverlässig zu beurteilen.

Was die Studie zeigt

Die Meta-Analyse zeigt, dass Traubenkernextrakt in den eingeschlossenen randomisierten Studien mit niedrigeren gepoolten LDL-Cholesterin- und Triglyceridwerten verbunden war. Für Gesamtcholesterin und HDL-Cholesterin zeigte sich im Gesamtergebnis kein statistisch klarer Effekt.

Die Arbeit zeigt außerdem, dass einzelne Untergruppen günstigere Lipidwerte berichteten, etwa bei kürzerer Studiendauer oder Mengen unter 300 mg/Tag. Die separate Dosis-Wirkungsanalyse fand jedoch keine belastbare Dosisabhängigkeit über die Lipidmarker hinweg.

Was die Studie nicht zeigt

Die Quelle liefert keine persönliche Einnahme- oder Dosierungsempfehlung. Sie zeigt keine Behandlung von Dyslipidämie und keinen Nachweis für weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krankenhausaufnahmen oder Todesfälle.

Die Meta-Analyse ersetzt auch keine behördliche Bewertung eines gesundheitsbezogenen Claims und keine Sicherheitsbewertung für Traubenkernextrakt. Sie grenzt Traubenkernextrakt außerdem nicht so genau nach OPC-Analytik ab, dass daraus eine Aussage zu jedem einzelnen Produktstandard abgeleitet werden könnte.

Eingeschlossene Einzelstudien

Die folgende Übersicht nennt die Einzelstudien, die Anjom-Shoae et al. in der Tabelle der eingeschlossenen Studien und in der Referenzliste aufführen. Die Angaben erklären, welche Studienkontexte in die gepoolten Lipidbefunde eingeflossen sind.

StudieKontext laut Meta-Analyse
Preuss et al. (2000), Effects of niacin-bound chromium and grape seed proanthocyanidin extract on the lipid profile of hypercholesterolemic subjectsHypercholesterinämie; Kombinationspräparat mit niacingebundenem Chrom und GSE
Vigna et al. (2003), Effect of a standardized grape seed extract on low-density lipoprotein susceptibility to oxidation in heavy smokersGesunde Raucher; LDL-Oxidationsanfälligkeit und Lipidwerte
Clifton (2004), Effect of grape seed extract and quercetin on cardiovascular and endothelial parameters in high-risk subjectsPersonen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko; funktionelles Lebensmittel
Brooker et al. (2006), Double-blind, placebo-controlled, randomised phase II trial of IH636 grape seed proanthocyanidin extract (GSPE) in patients with radiation-induced breast indurationBrustkrebs-Sonderkontext; strahlenbedingte Brustverhärtung
Sano et al. (2007), Beneficial effects of grape seed extract on malondialdehyde-modified LDLJapanische Studie mit zwei GSE-Mengen; oxidiertes LDL und Lipidwerte
Kar et al. (2009), Effects of grape seed extract in type 2 diabetic subjects at high cardiovascular riskTyp-2-Diabetes und erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko
Sivaprakasapillai et al. (2009), Effect of grape seed extract on blood pressure in subjects with the metabolic syndromeMetabolisches Syndrom; zwei GSE-Mengen
Yubero et al. (2013), LDL cholesterol-lowering effects of grape extract used as a dietary supplement on healthy volunteersGesunde Freiwillige; LDL-Cholesterin
Razavi et al. (2013), Red grape seed extract improves lipid profiles and decreases oxidized low-density lipoprotein in patients with mild hyperlipidemiaMilde Hyperlipidämie; Lipidprofil und oxidiertes LDL
Park et al. (2016), Effects of grape seed extract beverage on blood pressure and metabolic indices in individuals with pre-hypertensionPrähypertonie; funktionelles Getränk
Argani et al. (2016), The effect of red grape seed extract on serum paraoxonase activity in patients with mild to moderate hyperlipidemiaMilde bis moderate Hyperlipidämie; Paraoxonase und Lipidwerte

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Anjom-Shoae et al. untersuchten Traubenkernextrakt und Blutfettwerte in randomisierten kontrollierten Studien.
  • Die Arbeit ist ein systematischer Review mit Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse.
  • Die Suche umfasste PubMed, ISI Web of Science, Scopus, ProQuest, Science Direct und Embase bis März 2019.
  • Eingeschlossen wurden 11 randomisierte kontrollierte Studien mit 536 Teilnehmenden.
  • Die Studien wurden zwischen 2000 und 2016 veröffentlicht.
  • Die Studiendauer reichte von 4 bis 24 Wochen.
  • Die untersuchten Mengen lagen zwischen 150 und 2000 mg Traubenkernextrakt pro Tag; diese Angaben beschreiben Studiensettings.
  • Gesamtcholesterin war im Gesamtergebnis nicht statistisch klar verändert: WMD -0,18 mmol/l; 95 % KI -0,38 bis 0,03.
  • LDL-Cholesterin war gepoolt niedriger: WMD -0,17 mmol/l; 95 % KI -0,34 bis -0,01.
  • HDL-Cholesterin war im Gesamtergebnis nicht statistisch klar verändert: WMD 0,01 mmol/l; 95 % KI -0,03 bis 0,04.
  • Triglyceride waren gepoolt niedriger: WMD -0,11 mmol/l; 95 % KI -0,18 bis -0,05.
  • Die Dosis-Wirkungsanalyse fand keinen klaren Nachweis für eine bestimmte wirksamere GSE-Menge.
  • Die Quelle zeigt Laborwertbefunde, aber keine Einnahmeregel, keine Behandlungsaussage, keinen Health Claim und keine umfassende Sicherheitsbewertung.

Quellen

  1. Originalquelle