EFSA 2023: Tolerierbare obere Aufnahmemenge für Selen

Die EFSA-Opinion von 2023 ist der aktuelle europäische Behördenanker zur oberen sicheren Gesamtaufnahme von Selen. Der UL für Erwachsene liegt bei 255 µg Selen pro Tag.

Kurzprofil

  • Quelle: EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA) (2023). Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium.
  • Quellentyp: wissenschaftliche Behördenbewertung zu einer tolerierbaren oberen Aufnahmemenge.
  • Land/Kontext: Europäische Union; Originalpublikation im EFSA Journal.
  • Wirkstoff: Selen.
  • Datenbasis: systematische Literaturauswertungen zu hoher Selenaufnahme, Selenose, möglichen Frühzeichen, chronischen Krankheitsrisiken, neuropsychologischer Entwicklung bei Kindern, Aufnahmedaten und Marktinformationen zu angereicherten Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln.
  • Zentrale Endpunkte: obere sichere Gesamtaufnahme, Alopezie als frühes Zeichen überhöhter Aufnahme, Selenose, Supplementbeiträge, Paranussbeiträge und altersbezogene Grenzwerte.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.7704
  • DOI: 10.2903/j.efsa.2023.7704
  • PMID: 36698500
  • PMCID: PMC9854220

Die EFSA-Bewertung von 2023 legt für Selen einen neuen europäischen UL fest. UL bedeutet tolerierbare obere Aufnahmemenge: eine chronische tägliche Gesamtaufnahme aus allen Quellen, bei der nach der verfügbaren Datenlage kein gesundheitliches Risiko erwartet wird. Der Wert ist kein Bedarf, kein Zielwert und keine persönliche Einnahmeregel.

Hintergrund und Fragestellung

Die Europäische Kommission bat die EFSA, den oberen Aufnahmewert für Selen neu zu bewerten. Der frühere europäische Wert stammte aus dem Jahr 2000 und lag bei 300 µg Selen pro Tag für Erwachsene. Seitdem waren große Interventionsstudien und weitere Humanbefunde verfügbar geworden, die eine erneute Sicherheitsbewertung rechtfertigten.

Selen ist ein notwendiges Spurenelement, kann aber bei zu hoher Aufnahme toxisch wirken. Die klassische Überversorgung wird Selenose genannt. Typisch sind vor allem Veränderungen an Haaren, Nägeln und Haut; bei stärkerer oder akuter Exposition können weitere Symptome auftreten. Die EFSA musste deshalb zwei Fragen zusammenführen: Welche Aufnahme ist hoch genug, um frühe unerwünschte Zeichen plausibel zu machen, und wie häufig können Menschen in Europa durch Lebensmittel, angereicherte Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel in die Nähe dieses Bereichs kommen?

Studiendesign und Methoden

Die Quelle ist keine einzelne klinische Studie. Sie ist eine wissenschaftliche Behördenbewertung mit systematischen Such- und Bewertungsanteilen. Die EFSA prüfte Humanstudien zu hoher Selenaufnahme, klinischen Zeichen einer Selenose, möglichen Biomarkern einer Überlastung, chronischen Krankheitsendpunkten, neuropsychologischer Entwicklung bei Kindern und Gesamtmortalität.

Für die Ableitung des UL suchte das Panel nach einem geeigneten kritischen Endpunkt. Ein kritischer Endpunkt ist das gesundheitliche Zeichen, auf das die Sicherheitsgrenze gestützt wird. Die EFSA wählte Alopezie, also Haarausfall, als frühes gut beobachtbares Zeichen überhöhter Selenexposition. Alopezie ist im Vergleich zu schweren Vergiftungsbildern mild, aber sie liegt auf dem bekannten Spektrum der Selenose und wurde in einer großen randomisierten Studie standardisiert erfasst.

Als Referenzpunkt nutzte die EFSA den SELECT-Trial. In dieser großen Studie erhielten Männer ab 50 Jahren zusätzlich 200 µg Selen pro Tag als L-Selenomethionin oder Placebo. Zusammen mit der geschätzten Hintergrundaufnahme ergab sich im Selenarm eine durchschnittliche Gesamtaufnahme von etwa 330 µg pro Tag. Bei dieser Gesamtaufnahme war das Risiko für Alopezie gegenüber der Kontrollgruppe erhöht. Die EFSA wertete 330 µg pro Tag deshalb als niedrigste beobachtete schädliche Aufnahmemenge, also als LOAEL.

Da kein sicherer Schwellenwert ohne beobachtete Wirkung aus dieser Datenlage ableitbar war, verwendete die EFSA einen Unsicherheitsfaktor von 1,3. Dieser Faktor sollte vor allem die Nutzung eines LOAEL statt eines NOAEL und fehlende direkte Daten bei Frauen abdecken. Nach Rundung ergab sich daraus ein UL von 255 µg Selen pro Tag für erwachsene Männer und Frauen.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die wichtigste Humanbasis für die eigentliche UL-Ableitung ist SELECT. Dort wurden rund 8.700 Männer pro Studienarm betrachtet, die aus der allgemeinen US-Bevölkerung rekrutiert wurden und mindestens 50 Jahre alt waren. Die Intervention dauerte im Median 5,5 Jahre. Die EFSA übertrug den daraus gewonnenen Referenzpunkt auf erwachsene Männer in Europa und sah keine Hinweise, dass jüngere Männer oder Frauen empfindlicher wären.

Zusätzlich wertete die EFSA ältere Beobachtungsdaten aus Hochselenregionen aus. Dazu gehören chinesische Untersuchungen, in denen klinische Selenose über Nagel- und Haarveränderungen beschrieben wurde. Diese älteren Daten hatten den früheren europäischen UL von 300 µg pro Tag gestützt. Die neue Bewertung kam jedoch zu dem Schluss, dass Zeichen einer Überversorgung auch unterhalb des früheren Referenzpunkts von 850 µg pro Tag beobachtet wurden.

Für die Expositionsbewertung nutzte die EFSA europäische Aufnahmedaten aus Lebensmitteln, neuere nationale Berichte, Informationen zu angereicherten Lebensmitteln, Daten zu Selen in Nahrungsergänzungsmitteln und Angaben zu sehr selenreichen Lebensmitteln wie Paranüssen. Die Quelle betont, dass der Selengehalt von Lebensmitteln stark vom Boden, von der Herkunft und von den verwendeten Lebensmitteldatenbanken abhängt. Aufnahmeschätzungen sind deshalb mit Unsicherheit verbunden.

Intervention, Exposition und Vergleich

Der zentrale Vergleich für die Ableitung stammt aus SELECT: zusätzliche 200 µg Selen pro Tag gegenüber Placebo. Die Gesamtaufnahme im Selenarm wurde von der EFSA auf rund 330 µg pro Tag geschätzt, zusammengesetzt aus etwa 130 µg pro Tag aus der Hintergrundernährung und 200 µg pro Tag aus der Intervention.

Für die europäische Risikobewertung betrachtete die EFSA außerdem die Gesamtaufnahme aus mehreren Quellen:

Quelle der AufnahmeRolle in der BewertungWichtige Aussage
Normale LebensmittelBasisaufnahme in europäischen Erhebungenhohe Aufnahmen aus Lebensmitteln allein lagen bei Erwachsenen unter 255 µg pro Tag
Nahrungsergänzungsmittelmögliche Zusatzquelleregelmäßige Nutzung hoch dosierter Produkte kann die Gesamtaufnahme deutlich erhöhen
Angereicherte Lebensmittelmögliche ZusatzquelleDaten waren begrenzt; bei regelmäßiger Nutzung kann der Beitrag wichtig werden
Paranüssesehr selenreiche Lebensmitteleinzelne Portionen können je nach Herkunft sehr hohe Selenmengen enthalten
Säuglingsnahrungspezieller Expositionswegbei sehr hohen erlaubten Selengehalten und hohem Verzehr können Säuglings-ULs überschritten werden

Ergebnisse

Das Hauptergebnis ist der neue UL von 255 µg Selen pro Tag für Erwachsene. Dieser Wert gilt laut EFSA auch für schwangere und stillende Frauen. Er bezieht sich auf die chronische tägliche Gesamtaufnahme aus allen Ernährungsquellen, also nicht nur auf Nahrungsergänzungsmittel.

Für Kinder und Jugendliche leitete die EFSA die Werte aus dem Erwachsenen-UL ab. Sie nutzte dafür eine allometrische Skalierung nach Körpergewicht hoch 0,75 und rundete auf 5 µg. Die Quelle nennt folgende Werte:

AltersgruppeUL laut EFSA 2023
4-6 Monate45 µg/Tag
7-11 Monate55 µg/Tag
1-3 Jahre70 µg/Tag
4-6 Jahre95 µg/Tag
7-10 Jahre130 µg/Tag
11-14 Jahre180 µg/Tag
15-17 Jahre230 µg/Tag
Erwachsene255 µg/Tag
Schwangerschaft255 µg/Tag
Stillzeit255 µg/Tag

Die EFSA beschreibt den Erwachsenenwert als niedriger als frühere europäische und nordamerikanische Werte. Der frühere europäische Wert lag bei 300 µg pro Tag, der nordamerikanische NASEM/IOM-Wert bei 400 µg pro Tag. Die neue EFSA-Ableitung stützt sich stärker auf die SELECT-Daten und den dort beobachteten Anstieg von Alopezie bei einer geschätzten Gesamtaufnahme von etwa 330 µg pro Tag.

Für die Exposition in Europa lautet die Kernaussage: Erwachsene überschreiten den UL durch Lebensmittel allein nach den verfügbaren EFSA-Schätzungen im Regelfall nicht. Ausnahmen können regelmäßige Nutzer hoch dosierter Selenpräparate und regelmäßige Verbraucher von Paranüssen sein. Bei Kindern und Jugendlichen lagen die EFSA-Schätzungen aus Lebensmitteln allein ebenfalls unter den jeweiligen ULs. Neuere nationale Berichte zeigten jedoch für einzelne Gruppen in Spanien und Frankreich hohe Aufnahmen über den altersbezogenen ULs; die EFSA verweist zugleich darauf, dass für die derzeitigen Lebensmittelaufnahmen in EU-Ländern keine Risiken berichtet wurden.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die EFSA wählte Alopezie als kritischen Endpunkt, weil Haarausfall ein frühes sichtbares Zeichen im Spektrum der Selenose ist. In SELECT war das Risiko für Alopezie bei geschätzten 330 µg Selen pro Tag erhöht. Weitere Zeichen, die in der EFSA-Bewertung zum Selenose-Spektrum gehören, sind unter anderem Nagelveränderungen, Hautveränderungen, Knoblauchgeruch des Atems, Müdigkeit, neurologische Beschwerden und bei akuter Vergiftung Magen-Darm- und Kreislaufsymptome. Nicht alle diese Zeichen waren in SELECT gleich stark oder gleich sicher belegt.

Die EFSA beschreibt auch Grenzen der Biomarker. Selenoprotein P und Glutathionperoxidasen sind wichtige Marker für Versorgung im niedrigeren Aufnahmebereich, erreichen aber bei steigender Aufnahme ein Plateau. Sie eignen sich deshalb nicht einfach als Warnsignal für zu hohe Aufnahme. Auch Metabolite wie Trimethylselenonium im Urin oder Dimethylselenid im Atem konnten nicht zu einem verlässlichen Schwellenwert für Überlastung verdichtet werden.

Für Nahrungsergänzungsmittel ist der entscheidende Punkt die Gesamtaufnahme. Ein Produktbeitrag addiert sich zur Aufnahme aus Lebensmitteln. Die EFSA berichtete, dass viele europäische Produkte 50 µg oder mehr pro Tagesdosis lieferten und einzelne Produkte bis 220 µg pro Tagesdosis auswiesen. Solche Beiträge können bei regelmäßiger Nutzung den Abstand zum Erwachsenen-UL deutlich verkleinern. Das gilt besonders, wenn zusätzlich sehr selenreiche Lebensmittel wie Paranüsse verzehrt werden.

Einordnung und Limitationen

Die Stärke der EFSA-Quelle liegt in ihrer klaren Risikologik. Sie trennt den Bedarf an Selen von der oberen Grenze der langfristigen Gesamtaufnahme. Dadurch wird ein häufiger Denkfehler vermieden: Ein UL ist keine empfohlene Menge, sondern eine Sicherheitsgrenze nach oben.

Die wichtigste Grenze ist die Ableitung aus SELECT. SELECT war sehr groß und lang, aber die Teilnehmer waren Männer ab 50 Jahren in den USA. Frauen, jüngere Erwachsene, Kinder und Säuglinge wurden nicht direkt in derselben Weise untersucht. Die EFSA sah keine Hinweise auf höhere Empfindlichkeit dieser Gruppen, musste die Werte für Kinder und Säuglinge aber aus dem Erwachsenenwert ableiten.

Eine zweite Grenze betrifft den Referenzpunkt. Die EFSA nutzte einen LOAEL, weil kein klarer NOAEL verfügbar war. Der Unsicherheitsfaktor von 1,3 beruht auf fachlicher Bewertung. Die Quelle begründet, dass ein höherer Faktor die Kinderwerte sehr nah an typische Hintergrundaufnahmen in Europa gebracht hätte, obwohl dort keine Risiken aus Lebensmitteln allein berichtet wurden.

Eine dritte Grenze betrifft die Expositionsdaten. Selengehalte in Lebensmitteln schwanken stark nach Boden, Herkunft, Tierfütterung und Verarbeitung. Paranüsse zeigen besonders große Schwankungen. Auch Angaben zu Supplementnutzung und angereicherten Lebensmitteln sind begrenzt. Die EFSA versteht ihre Aufnahmeschätzungen deshalb als vorsichtig zu interpretierende Näherungen.

Was die Quelle zeigt

Die EFSA-Quelle zeigt, wie der aktuelle europäische UL für Selen abgeleitet wurde. Der Kern ist: Alopezie wurde als früher kritischer Endpunkt gewählt; SELECT lieferte einen LOAEL von etwa 330 µg pro Tag; mit einem Unsicherheitsfaktor von 1,3 ergibt sich ein Erwachsenen-UL von 255 µg pro Tag.

Die Quelle zeigt außerdem, dass der UL für Erwachsene auch für Schwangerschaft und Stillzeit gilt und dass Kinderwerte aus dem Erwachsenenwert skaliert wurden. Sie zeigt, dass Lebensmittel allein nach den verfügbaren europäischen Schätzungen meist unter den ULs bleiben, während hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel und Paranüsse relevante Zusatzbeiträge liefern können.

Was die Quelle nicht zeigt

Die Quelle zeigt nicht, dass 255 µg Selen pro Tag ein sinnvoller Zielwert wäre. Sie zeigt auch nicht, dass einzelne Personen eine bestimmte Selenmenge einnehmen sollten. Der UL beschreibt eine obere Sicherheitsgrenze für die Gesamtaufnahme, keine Versorgungsempfehlung.

Die Quelle zeigt nicht, dass alle Selenformen identische Langzeitrisiken haben. Der UL gilt zwar für die Gesamtaufnahme aus üblichen zugelassenen Formen, aber die EFSA nennt weiteren Forschungsbedarf zu möglichen Unterschieden zwischen organischen und anorganischen Selenformen.

Die Quelle beweist auch nicht, dass Lebensmittel-Selen in Europa nie problematisch sein kann. Sie sagt nur, dass nach den verfügbaren Daten aus Lebensmitteln allein keine berichteten Risiken auftraten und die geschätzten Aufnahmen meist unter den ULs lagen. Einzelne Sonderlagen, sehr selenreiche Lebensmittel, angereicherte Produkte und Nahrungsergänzungsmittel bleiben gesondert zu betrachten.

Fazit

Die EFSA setzte 2023 den europäischen UL für Selen bei 255 µg pro Tag für Erwachsene, Schwangerschaft und Stillzeit fest. Die Ableitung beruht auf Alopezie als frühem Zeichen überhöhter Aufnahme, einem LOAEL von rund 330 µg pro Tag aus SELECT und einem Unsicherheitsfaktor von 1,3. Für Kinder und Säuglinge wurden niedrigere Werte aus dem Erwachsenenwert abgeleitet. Der Sicherheitswert ist besonders wichtig für die Einordnung von Nahrungsergänzungsmitteln und sehr selenreichen Lebensmitteln wie Paranüssen. Er ist kein Bedarf, keine Einnahmeregel und kein Nutzenversprechen.

Eingeschlossene Einzelstudien

Die EFSA-Bewertung berichtet keine geschlossene Liste eingeschlossener Einzelstudien im Stil einer klassischen Meta-Analyse. Für die UL-Ableitung ist SELECT die zentrale Interventionsstudie. Ältere chinesische Humanstudien zu Selenose, weitere kleinere Interventionsstudien, Beobachtungsstudien, Biomarkerstudien, europäische Aufnahmedaten und Marktinformationen zu Nahrungsergänzungsmitteln wurden ergänzend einbezogen.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Die EFSA-Opinion von 2023 ist der aktuelle europäische Behördenanker zur oberen sicheren Gesamtaufnahme von Selen.
  • Der UL für Erwachsene liegt bei 255 µg Selen pro Tag.
  • Der Erwachsenenwert gilt laut EFSA auch für Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Die Ableitung nutzt Alopezie als frühes sichtbares Zeichen überhöhter Selenaufnahme.
  • Der Referenzpunkt stammt aus SELECT: etwa 330 µg Selen pro Tag waren mit erhöhtem Alopezierisiko verbunden.
  • Die EFSA verwendete einen Unsicherheitsfaktor von 1,3 und rundete auf 255 µg pro Tag.
  • Kinder- und Säuglingswerte wurden aus dem Erwachsenenwert über Körpergewicht hoch 0,75 abgeleitet.
  • Lebensmittel allein führten nach den verfügbaren europäischen Schätzungen bei Erwachsenen im Regelfall nicht über den UL.
  • Regelmäßige hoch dosierte Selenpräparate und regelmäßiger Verzehr von Paranüssen können relevante Zusatzbeiträge liefern.
  • Der UL ist eine obere Sicherheitsgrenze und keine persönliche Dosierungsempfehlung.

Quellen

  1. DOI
  2. PubMed
  3. PMC