Referenzwerte für die Vitamin-D-Zufuhr
Die EFSA leitete 2016 Vitamin-D-Referenzwerte bei minimaler Hautbildung ab. Für Erwachsene nennt sie 15 µg/Tag Gesamtzufuhr – keine persönliche Supplementdosis.
Was die Stellungnahme klären sollte
Wie viel Vitamin D ist für die gesunde europäische Bevölkerung angemessen, wenn die Haut kaum zur Versorgung beiträgt? Diese Frage bearbeitete das EFSA-Gremium für diätetische Produkte, Ernährung und Allergien im Auftrag der Europäischen Kommission. Die wissenschaftliche Stellungnahme wurde am 29. Juni 2016 angenommen und im EFSA Journal als Band 14, Ausgabe 10, Artikel 4547 veröffentlicht.
Die verfügbaren Daten reichten nach Einschätzung des Gremiums weder für die Ableitung eines durchschnittlichen Bedarfs, kurz AR, noch für eine Bevölkerungsreferenzzufuhr, kurz PRI. Stattdessen legte es angemessene Zufuhrwerte fest: „Adequate Intakes“, abgekürzt AI. Diese Werte beruhen auf einer Gesamtbewertung der Evidenz. Sie beschreiben keine genau bekannte Bedarfsverteilung und sind keine individuellen Dosierungsanweisungen.
Welche Werte die EFSA 2016 festlegte
Die Werte beziehen sich auf die gesamte Vitamin-D-Zufuhr bei minimaler körpereigener Bildung in der Haut. Zur Gesamtzufuhr tragen die übliche Ernährung, angereicherte Lebensmittel und gegebenenfalls Supplemente bei. Die Ableitung setzt außerdem eine ausreichende Versorgung mit zusammenwirkenden Nährstoffen wie Calcium voraus.
| Bevölkerungsgruppe | Angemessene Gesamtzufuhr laut Stellungnahme von 2016 |
|---|---|
| Säuglinge von 7–11 Monaten | 10 µg/Tag |
| Kinder von 1–3 Jahren | 15 µg/Tag |
| Kinder von 4–6 Jahren | 15 µg/Tag |
| Kinder von 7–10 Jahren | 15 µg/Tag |
| Jugendliche von 11–14 Jahren | 15 µg/Tag |
| Jugendliche von 15–17 Jahren | 15 µg/Tag |
| Erwachsene ab 18 Jahren | 15 µg/Tag |
| Schwangere | 15 µg/Tag |
| Stillende | 15 µg/Tag |
Für jüngere und ältere gesunde Erwachsene wurde kein unterschiedlicher AI festgelegt. Es gab keinen belegten wesentlichen altersabhängigen Unterschied bei der Aufnahme im Darm; viele für die Bewertung wichtige Studien zu gesundheitlichen Endpunkten betrafen ältere, frei lebende Erwachsene.
Die Schlussfolgerungstabelle beginnt bei Säuglingen von 7–11 Monaten. Für die frühere Lebensphase lässt sich daraus kein eigener AI ableiten. Der Säuglingswert stützt sich auf vier neuere Studien mit überwiegend gestillten Säuglingen. Die EFSA hielt eine bloße Übertragung aus der Zufuhr ausschließlich gestillter jüngerer Säuglinge nicht für möglich, weil Muttermilch die benötigte Vitamin-D-Menge nicht bereitstellt. Der Tabellenwert ist dennoch keine individuelle Prophylaxeanweisung.
Für Schwangere fand das Gremium keinen Beleg für einen abweichenden Zielstatus. Für Stillende fehlten geeignete direkte Studien zur Ableitung eines eigenen AI. Ein rechnerischer Ersatz der Verluste über die Milch wurde nicht als geeignete Grundlage angesehen: Milch enthält wenig Vitamin D, und die mütterliche Zufuhr hängt damit nur mäßig zusammen; bei hohen Supplementmengen kann dieser Zusammenhang anders ausfallen. Daraus folgt keine Empfehlung für solche Mengen.
Warum die Bildung in der Haut entscheidend ist
Die Referenzwerte setzen minimale Hautsynthese voraus. Bei vorhandener Eigenbildung kann der Bedarf an Vitamin D aus der Nahrung geringer sein oder vollständig entfallen. Wie viel die Haut beiträgt, hängt unter anderem von Breitengrad, Jahreszeit, Atmosphäre, Kleidung, Aufenthalt im Freien, Hautpigmentierung und Alter ab. Eine bestimmte Dauer der Sonnenexposition lässt sich aus den Referenzwerten nicht ableiten.
In der Stellungnahme umfasst „Vitamin D“ grundsätzlich Ergocalciferol, also D2, und Cholecalciferol, also D3, sofern keine einzelne Form genannt wird. Fettfisch, Innereien, Fleisch und Eigelb liefern D3; bestimmte Pilze liefern D2. Hinzu kommen angereicherte Lebensmittel und Supplemente. Die durchschnittliche Aufnahme von Vitamin D aus üblicher Ernährung schätzte die EFSA auf etwa 80 %. Daten zu einzelnen Lebensmittel- und Supplementzusammensetzungen waren begrenzt.
Bei biologischer Potenz und Abbau von D2 und D3 lagen widersprüchliche Befunde vor. Deshalb könnte nach Einschätzung der EFSA eine getrennte Untersuchung beider Formen für die Modellierung des Zusammenhangs zwischen Zufuhr und Status erforderlich sein. Die Aussage ist keine pauschale Rangliste von Präparaten.
Was der Blutmarker 25(OH)D aussagt
Serum-25(OH)D, also 25-Hydroxyvitamin D im Blut, bildet sowohl Vitamin D aus der Nahrung als auch aus der Hautsynthese ab. Die EFSA nutzte es als Versorgungsmarker auf Bevölkerungsebene. Das aktive, eng regulierte 1,25(OH)2D spiegelt dagegen die Vitamin-D-Funktion wider und eignet sich nach dieser Bewertung nicht als Statusmarker.
Für die Referenzwertableitung wählte das Gremium einen Serum-25(OH)D-Wert von 50 nmol/L. Das ist der Bezugspunkt dieser wissenschaftlichen Ableitung, keine individuelle Diagnosegrenze oder persönliche Zielvorgabe. Zudem verursachen unterschiedliche Labore und Messmethoden erhebliche Streuung und erschweren den Vergleich von Studienwerten.
Wie die wissenschaftliche Grundlage ausgewählt wurde
Die EFSA betrachtete zunächst gesundheitliche Endpunkte. Für Knochen, Muskeln und Schwangerschaft aktualisierte sie vorhandene Bewertungen durch eine Suche nach Interventionsstudien und prospektiven Beobachtungsstudien an gesunden Personen bis März 2015. Fallberichte, ökologische Studien und Querschnittsstudien waren ausgeschlossen; für Osteomalazie galt eine Ausnahme bei Querschnittsdaten.
Untersucht wurden Knochenmineralgehalt und -dichte, Osteomalazie und Rachitis, Frakturen, Stürze, Muskelkraft und -funktion sowie Calciumaufnahme. In der Schwangerschaft berücksichtigte das Gremium Präeklampsie, eine zu geringe Größe des Kindes für das Schwangerschaftsalter, Frühgeburt und Indikatoren der kindlichen Knochengesundheit. Dass ein Endpunkt untersucht wurde, bedeutet noch nicht, dass eine Supplementierung ihn nachweislich verbessert.
Zufuhrstudien zu diesen Endpunkten reichten allein nicht für die Ableitung aus: Häufig waren weder die gewohnheitsmäßige Zufuhr noch der Beitrag der Hautsynthese ausreichend bekannt. Für Endpunkte außerhalb von Knochen und Muskeln war die Evidenz ebenfalls nicht ausreichend. Häufig beobachtete Zusammenhänge waren nicht durch robuste kausale Interventionsbefunde gestützt.
Deshalb modellierte die EFSA zusätzlich, wie die orale Zufuhr mit dem Serumwert zusammenhängt. Diese systematische Suche berücksichtigte Veröffentlichungen bis Juli 2014. Erforderlich waren mindestens sechs Wochen Studiendauer und eine orale Vitamin-D-Gabe mindestens zweimal pro Woche. Um eine geringe Hautsynthese abzubilden, wurden Studien nördlich von 40° nördlicher Breite zwischen Oktober und April beziehungsweise südlich von 40° südlicher Breite zwischen April und Oktober ausgewählt.
Die endgültige Meta-Regression, ein statistischer Vergleich der Zufuhr-Status-Beziehung über Studien hinweg, umfasste 35 randomisierte Studien mit 83 Studienarmen. Ausgeschlossen waren Säuglinge, Schwangere, Stillende, D2-Arme, Arme mit Mengen oberhalb der damaligen Erwachsenenobergrenze sowie methodisch oder statistisch inkonsistente Arme. Die Modellierung bezog sich somit auf die Gesamtzufuhr einschließlich angereicherter Lebensmittel oder D3-Supplemente.
Bei 17 Studien war die übliche Zufuhr nicht berichtet. Sie wurde aus passenden nationalen Ernährungserhebungen geschätzt und zur Supplementmenge addiert. Diese Ergänzung ist eine Modellannahme. Die EFSA verwendete den natürlichen Logarithmus der Gesamtzufuhr und berücksichtigte Ausgangsstatus, Breitengrad, Studienstartjahr, Messmethode und die Erfassung der Einnahmetreue. Für Vorhersagen wurden diese Einflussgrößen auf ihre Mittelwerte gesetzt; eine persönliche Bedarfsformel entstand dadurch nicht.
Wie daraus 15 µg/Tag wurden
Bei einer Gesamtzufuhr von 15 µg/Tag sagte das um Einflussgrößen bereinigte Modell einen mittleren Serumwert von 63 nmol/L voraus. Das 95-%-Konfidenzintervall für diesen Mittelwert reichte von 58 bis 69 nmol/L. Das breitere 95-%-Vorhersageintervall lag zwischen 49 und 78 nmol/L.
Die untere Vorhersagegrenze erreichte den gewählten Bezugspunkt von 50 nmol/L rechnerisch bei 16,1 µg/Tag Gesamtzufuhr. In der Gesamtwürdigung legte die EFSA den gerundeten AI auf 15 µg/Tag fest. Die Modellunsicherheit bleibt dabei wichtig: Im nicht um Einflussgrößen bereinigten Modell lag das Vorhersageintervall für dieselbe Zufuhr zwischen 34 und 91 nmol/L.
Diese Vorhersageintervalle betreffen wahre mittlere Antworten in künftigen Studien. Sie beschreiben nicht unmittelbar die Verteilung aller einzelnen Menschen. Ob und wie sie sich auf individuelle Antworten übertragen lassen, hängt von den Verteilungen und der Repräsentativität der Studien ab. Eine garantierte prozentuale Versorgung einzelner Personen lässt sich daraus nicht ablesen.
Für Kinder enthielt die Meta-Regression nur vier Studien mit neun Armen im Alter von 2–17 Jahren. Die Kindermodelle konnten lediglich für den Ausgangsstatus bereinigt werden. Die höchste untersuchte Supplementmenge betrug 10 µg/Tag. Modellvorhersagen darüber hinaus waren Extrapolationen, also Fortsetzungen außerhalb des untersuchten Bereichs, und nur qualitativ zu bewerten. Ein direkter Vergleich mit dem umfassender bereinigten Erwachsenenmodell war daher nicht möglich.
Sicherheit: Referenzzufuhr und Obergrenze sind verschieden
Ein angemessener Zufuhrwert ist keine tolerierbare Obergrenze, kurz UL. Die Stellungnahme von 2016 referiert dazu die damalige EFSA-Bewertung von 2012:
| Gruppe | Historische Obergrenze aus der Bewertung von 2012 |
|---|---|
| Säuglinge | 25 µg/Tag |
| Kinder von 1–10 Jahren | 50 µg/Tag |
| Jugendliche von 11–17 Jahren | 100 µg/Tag |
| Erwachsene einschließlich Schwangerer und Stillender | 100 µg/Tag |
Diese Tabelle dokumentiert den historischen Inhalt der Quelle. Sie ist keine Darstellung heute geltender Obergrenzen und keine Einnahmeempfehlung. Bei Säuglingen fehlten damals insbesondere Langzeitstudien zur Hyperkalzämie, einem erhöhten Calciumspiegel im Blut.
Vitamin-D-Übermaß kann eine solche Hyperkalzämie verursachen und mit Weichteilverkalkung sowie Nieren- oder Herz-Kreislauf-Schäden einhergehen. Als Beispiel schildert die EFSA die Gallo-Studie: Dort wurde ein Säuglingsarm mit 40 µg/Tag wegen erhöhter Serumwerte vorzeitig beendet. Das vorab festgelegte Hypervitaminosekriterium war ein 25(OH)D-Wert über 250 nmol/L. Dieses Studienkriterium ist keine allgemeine Grenze für eine sichere individuelle Anwendung.
Wo die Aussagekraft endet
Die Referenzwerte gelten der gesunden Bevölkerung. Die Daten reichten nicht aus, um einen genotypspezifischen Bedarf abzuleiten. Als besonderen Krankheitskontext beschreibt die Stellungnahme inaktivierende CYP24A1-Mutationen, die infantile Hyperkalzämie verursachen können. Sie leitet daraus keine krankheitsspezifischen Zufuhrwerte ab; der AI ist keine Behandlungsanweisung für solche Erkrankungen.
Die Bewertung erläutert außerdem Stoffwechselverbindungen mit Calcium und Phosphor sowie mögliche Verbindungen mit Kalium, Vitamin A und Vitamin K. Daraus ergibt sich weder eine Empfehlung für Kombinationssupplemente noch eine umfassende Beurteilung von Arzneimittelwechselwirkungen.
Offene Forschungsfragen betrafen die gemeinsame Wirkung von Zufuhr und Sonnenexposition, standardisierte Statusmessungen und gesundheitliche Endpunkte, Säuglingsernährung, Genotyp, Körperfett und Vitamin-D-Gehalte in Lebensmitteln. Der Artikel erläutert die wissenschaftliche Ableitung von 2016; er ist keine aktuelle Neuberechnung der Referenzwerte. Weitere Grundlagen enthält der Überblick zu Vitamin D.
Die Originalstellungnahme ist zusätzlich über ihren DOI-Eintrag auffindbar.
Fazit
Die EFSA setzte 2016 bei minimaler Hautsynthese eine angemessene Gesamtzufuhr von 15 µg/Tag für gesunde Menschen ab einem Jahr sowie Schwangere und Stillende fest. Für Säuglinge von 7–11 Monaten nennt sie 10 µg/Tag. Grundlage waren die Bewertung gesundheitlicher Endpunkte und eine Modellierung der Zufuhr-Status-Beziehung. Die Annahmen zur Eigenbildung, die Unsicherheit der Modelle und der Bezug auf die gesunde Bevölkerung gehören untrennbar zu diesen Zahlen. Sie lassen sich nicht unmittelbar in eine persönliche Supplementdosis übersetzen.