ORIP-Studie: Omega-3 in der Schwangerschaft und frühe Frühgeburt

ORIP randomisierte 5.544 Schwangerschaften bei 5.517 Frauen.

Kurzprofil

  • Quelle: Makrides, M. et al. (2019). A Randomized Trial of Prenatal n-3 Fatty Acid Supplementation and Preterm Delivery. New England Journal of Medicine, 381(11), 1035-1045. PMID: 31509674. DOI: 10.1056/NEJMoa1816832.
  • Quellentyp: multizentrische, randomisierte, doppelblinde, kontrollierte Studie.
  • Land/Kontext: Australien; ORIP, Omega-3 to Reduce the Incidence of Prematurity.
  • Wirkstoff: langkettige n-3-Fettsäuren aus Fischöl, überwiegend DHA, im Schwangerschafts-Setting.
  • Population: 5.544 Schwangerschaften bei 5.517 Frauen; 5.486 Schwangerschaften wurden in die Primärauswertung einbezogen.
  • Zentrale Endpunkte: frühe Frühgeburt vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen, weitere Schwangerschafts- und Neugeborenenendpunkte, Interventionen bei Schwangerschaften nach Termin, unerwünschte Ereignisse und kindliche Größe bezogen auf das Gestationsalter.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1056/NEJMoa1816832
  • PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31509674/
  • Registereintrag: https://www.anzctr.org.au/Trial/Registration/TrialReview.aspx?ACTRN=12613001142729
  • Zugang zur Quelle: DOI und PubMed sind verifiziert; ein PMCID ist für diese NEJM-Publikation nicht ausgewiesen.

Die ORIP-Studie prüfte, ob eine zusätzliche Gabe langkettiger n-3-Fettsäuren ab früher Schwangerschaft die Rate früher Frühgeburten senkt. Die Studie ist wichtig für die Einordnung, weil sie nach früheren Review-Signalen eine sehr große, direkt auf Frühgeburt ausgerichtete RCT durchführte und kein klares günstiges Ergebnis für den primären Endpunkt fand.

Fragestellung

Frühgeburt vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen ist ein klinisch bedeutsamer Endpunkt, weil sehr frühe Geburten mit hohen Risiken für Neugeborene verbunden sind. Vor ORIP hatten frühere Studien und Übersichtsarbeiten nahegelegt, dass n-3-LCPUFA, also langkettige mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren wie DHA und EPA, die Schwangerschaftsdauer verlängern und Frühgeburten verringern könnten. Gleichzeitig bestand die Frage, ob eine solche Verlängerung auch Schwangerschaften über den Termin hinaus begünstigt.

Makrides et al. wollten deshalb in einer großen australischen Studie klären, ob eine tägliche n-3-LCPUFA-Gabe, begonnen vor der 20. Schwangerschaftswoche und fortgeführt bis zur 34. Woche oder bis zur Geburt, frühe Frühgeburten im Vergleich zu Kontrollkapseln verringert.

Studiendesign und Methoden

ORIP war eine multizentrische, doppelblinde, randomisierte Studie an sechs Zentren in Australien. Die Frauen wurden über einen webbasierten Randomisierungsdienst einer n-3-Gruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Zuteilung war nach Studienzentrum und vorheriger Nutzung von n-3-LCPUFA-Supplementen geschichtet. Teilnehmende, behandelnde Personen, Ergebnisprüfende und Datenauswertende waren verblindet.

Die n-3-Gruppe erhielt täglich Fischölkapseln mit insgesamt 900 mg langkettigen n-3-Fettsäuren. Nach Studienbeschreibung bestand diese Menge überwiegend aus DHA; die Publikation nennt etwa 800 mg DHA und etwa 100 mg EPA pro Tag. Die Kontrollgruppe erhielt Pflanzenölkapseln mit nur Spuren langkettiger n-3-Fettsäuren. Die Kontrollkapseln enthielten einen kleinen Anteil Thunfischöl, um Geruch und Geschmack vergleichbarer zu machen.

Die Einnahme begann vor der 20. Schwangerschaftswoche und endete in der 34. Schwangerschaftswoche oder bei Geburt, je nachdem, was früher eintrat. Diese Mengen und Zeitpunkte sind Merkmale des Studienprotokolls. Sie sind keine persönliche Schwangerschafts-, Therapie-, Diagnose- oder Einnahmeregel.

Der primäre Endpunkt war frühe Frühgeburt, definiert als Geburt vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen. Weitere Endpunkte umfassten Schwangerschafts- und Neugeborenenergebnisse, Interventionen bei Schwangerschaften nach 41 Wochen, unerwünschte Ereignisse und die Größe des Kindes bezogen auf das Gestationsalter.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Randomisiert wurden 5.544 Schwangerschaften bei 5.517 Frauen. Die Frauen waren mit einem einzelnen Fetus oder mit Mehrlingen schwanger und nahmen an einem der sechs australischen Zentren teil. In die primäre Analyse gingen 5.486 Schwangerschaften ein: 2.734 in der n-3-Gruppe und 2.752 in der Kontrollgruppe.

Der Registereintrag beschreibt wichtige Ausschlusskriterien. Nicht eingeschlossen wurden Frauen mit bekannter fetaler Fehlbildung sowie Frauen, die bereits täglich mehr als 150 mg n-3-LCPUFA aus Supplementen einnahmen. Frauen mit geringerer Supplementnutzung konnten nur teilnehmen, wenn sie bereit waren, diese Nutzung im Studienrahmen zu beenden.

Damit untersuchte ORIP eine breite australische Schwangerschaftspopulation, aber nicht alle denkbaren Schwangerschaftssituationen. Die Ergebnisse beziehen sich auf das konkrete Studiensetting, die geprüfte n-3-LCPUFA-Menge, den frühen Start vor 20 Wochen und die Gabe bis 34 Wochen oder Geburt.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die aktive Intervention war eine tägliche Fischölgabe mit langkettigen n-3-Fettsäuren. Der Schwerpunkt lag auf DHA, ergänzt durch EPA. DHA steht für Docosahexaensäure, EPA für Eicosapentaensäure; beide gehören zu den langkettigen Omega-3-Fettsäuren.

Der Vergleich erfolgte gegen Pflanzenölkapseln mit Spuren langkettiger n-3-Fettsäuren. Dadurch prüfte ORIP keine Ernährungsberatung, keinen Fischverzehr und kein Algenöl, sondern eine klar definierte Kapselintervention. Die Studie untersuchte auch keine individuelle Anpassung nach gemessenem Omega-3-Ausgangsstatus im Hauptvergleich.

Ergebnisse

Frühe Frühgeburt vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen trat bei 61 von 2.734 Schwangerschaften in der n-3-Gruppe auf. Das entspricht 2,2 %. In der Kontrollgruppe waren 55 von 2.752 Schwangerschaften betroffen, also 2,0 %. Das adjustierte relative Risiko lag bei 1,13; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 0,79 bis 1,63; der p-Wert betrug 0,50. Damit zeigte die Studie keinen signifikanten Rückgang früher Frühgeburten durch die n-3-LCPUFA-Gabe.

Auch bei Interventionen wegen Schwangerschaften nach Termin fand der Artikel keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Das ist für die Einordnung wichtig, weil frühere Arbeiten die Möglichkeit diskutiert hatten, dass n-3-LCPUFA die Schwangerschaftsdauer verlängern und dadurch häufiger zu post-term-bezogenen Interventionen führen könnten.

Für die übrigen Schwangerschafts- und Neugeborenenendpunkte berichtete die Publikation ebenfalls keine signifikanten Unterschiede, mit einer Ausnahme: Sehr große Kinder bezogen auf das Gestationsalter waren in der n-3-Gruppe häufiger. Das adjustierte relative Risiko lag bei 1,30; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 1,02 bis 1,65.

Das Ergebnisbild steht damit im Kontrast zu zusammenfassenden Arbeiten, die über mehrere Studien hinweg eine Verringerung früher Frühgeburten berichteten. ORIP zeigt, dass dieser Effekt in einer großen, direkt darauf ausgerichteten RCT nicht automatisch in einer breiten Schwangerschaftspopulation sichtbar wurde.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Häufigkeit schwerwiegender unerwünschter Ereignisse unterschied sich laut Studienabstract nicht zwischen den Gruppen. Auch für unerwünschte Ereignisse insgesamt berichtete die Studie keinen signifikanten Gruppenunterschied.

Kleinere Magen-Darm-Beschwerden wurden in der n-3-Gruppe häufiger berichtet als in der Kontrollgruppe. Außerdem gehört das Signal für mehr sehr große Kinder bezogen auf das Gestationsalter zur Sicherheits- und Geburtsgewichtseinordnung. Diese Befunde ersetzen keine umfassende Sicherheitsbewertung für andere Mengen, andere Formen, Mehrlings- oder Risikoschwangerschaften außerhalb des ORIP-Settings.

Grenzen der Aussagekraft

ORIP beantwortet eine enge Frage: tägliche n-3-LCPUFA-Kapseln, überwiegend DHA, ab früher Schwangerschaft bis 34 Wochen oder Geburt im Vergleich zu Kontrollkapseln. Die Studie zeigt nicht, ob eine Auswahl nach niedrigem Omega-3-Ausgangsstatus anders ausfallen würde. Solche Fragen wurden später in zusätzlichen Analysen und Stellungnahmen diskutiert, gehören aber nicht zum primären Hauptvergleich dieses Artikels.

Die Studie untersuchte eine australische Population an sechs Zentren. Ergebnisse können durch Ausgangsernährung, Fischverzehr, vorherige Supplementnutzung, Schwangerschaftsrisiko, Mehrlingsanteil und Versorgungssystem beeinflusst werden. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht einfach auf jede Region, jede Ernährungsweise oder jede klinische Risikogruppe übertragen.

Auch die Intervention ist spezifisch. ORIP prüfte überwiegend DHA plus eine kleinere EPA-Menge in Kapseln. Daraus folgt keine Aussage zu Fisch als Lebensmittel, Algenöl, anderen DHA-/EPA-Verhältnissen, niedrigeren oder höheren Mengen oder einem späteren Startzeitpunkt.

Was die Studie zeigt

ORIP zeigt, dass eine tägliche Gabe von 900 mg langkettigen n-3-Fettsäuren, begonnen vor 20 Schwangerschaftswochen und fortgeführt bis 34 Wochen oder Geburt, in dieser großen australischen RCT die Rate früher Frühgeburten vor 34 Wochen nicht signifikant senkte.

Die Studie zeigt außerdem, dass post-term-bezogene Interventionen und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse im Hauptvergleich nicht signifikant unterschiedlich waren. Ein auffälliger Unterschied betraf sehr große Kinder bezogen auf das Gestationsalter, die in der n-3-Gruppe häufiger waren.

Was die Studie nicht zeigt

ORIP zeigt keine persönliche Schwangerschafts-, Therapie-, Diagnose-, Produktwahl- oder Einnahmeregel. Die geprüfte Menge ist ein Studienprotokollmerkmal und kein allgemeiner Zielwert.

Die Studie zeigt auch nicht, dass alle Omega-3-Formen gleich wirken. Sie beantwortet nicht, ob Personen mit niedrigem Omega-3-Ausgangsstatus, andere Regionen, andere Fischverzehrmuster, andere DHA-/EPA-Verhältnisse oder andere klinische Risikogruppen dieselben Ergebnisse hätten.

Fazit

Makrides et al. berichten mit ORIP eine große, doppelblinde RCT zu langkettigen n-3-Fettsäuren in der Schwangerschaft. Im Hauptvergleich verringerte die geprüfte Gabe früher Schwangerschaft bis 34 Wochen die frühe Frühgeburt vor 34 Wochen nicht. Die Studie ist deshalb ein wichtiger Gegenpunkt zu einfachen Erwartungen aus früheren Review-Signalen. Gleichzeitig bleiben Ausgangsstatus, Population, Form, Zeitpunkt und Menge entscheidend für die fachliche Einordnung.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • ORIP randomisierte 5.544 Schwangerschaften bei 5.517 Frauen an sechs australischen Zentren.
  • In die Primärauswertung gingen 5.486 Schwangerschaften ein.
  • Die n-3-Gruppe erhielt täglich 900 mg langkettige n-3-Fettsäuren, ungefähr 800 mg DHA und 100 mg EPA.
  • Die Kontrollgruppe erhielt Pflanzenölkapseln mit Spuren langkettiger n-3-Fettsäuren.
  • Die Einnahme begann vor der 20. Schwangerschaftswoche und lief bis zur 34. Woche oder bis zur Geburt.
  • Der primäre Endpunkt war frühe Frühgeburt vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen.
  • Frühe Frühgeburt trat bei 61 von 2.734 Schwangerschaften in der n-3-Gruppe und bei 55 von 2.752 in der Kontrollgruppe auf.
  • Das adjustierte relative Risiko lag bei 1,13; 95-%-Konfidenzintervall 0,79 bis 1,63; p=0,50.
  • Interventionen bei Schwangerschaften nach mehr als 41 Wochen unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen.
  • Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse unterschieden sich nicht zwischen den Gruppen.
  • Kleinere Magen-Darm-Beschwerden wurden in der n-3-Gruppe häufiger berichtet.
  • Sehr große Kinder bezogen auf das Gestationsalter waren in der n-3-Gruppe häufiger: adjustierter relativer Risiko 1,30; 95-%-Konfidenzintervall 1,02 bis 1,65.
  • Die Studienmenge ist ein Protokollmerkmal und keine persönliche Einnahmeempfehlung.

Quellen

  1. Makrides et al. 2019, DOI
  2. PubMed
  3. ANZCTR ORIP-Registereintrag