Quercetin bei Atemwegsinfekten: Gesamtstudie ohne Vorteil, auffälliger Befund nur in einer Teilgruppe

In einer zwölfwöchigen Studie verkürzten quercetinhaltige Mehrstoffchews Infektionen der oberen Atemwege in der Gesamtgruppe nicht. Auch die Schwere der Erkrankungen und die Symptomwerte unterschieden sich nicht signifikant von Placebo. Ein günstiger Befund zeigte sich erst in einer nachträglich ausgewerteten Teilgruppe. Er ist deutlich unsicherer als das neutrale Gesamtergebnis.

Wie war die Studie aufgebaut?

Heinz und Kollegen verglichen zwei quercetinhaltige Mehrstoffformulierungen mit Placebo.

Über zwölf Wochen wurden täglich Chews mit Quercetin in zwei Stufen – 500 oder 1.000 mg – oder Placebo eingesetzt. Die aktiven Formulierungen enthielten zusätzlich Vitamin C und Niacin. Die Untersuchung prüfte deshalb keine reine Quercetin-Gabe. Die genannten Mengen beschreiben ausschließlich die Versuchsbedingungen und sind keine Einnahmeempfehlung.

Erfasst wurden Krankheitstage mit Symptomen einer Infektion der oberen Atemwege, die Schwere dieser Beschwerden und ein zusammengefasster Symptomwert. Zu solchen Infekten zählen vor allem Beschwerden in Nase, Rachen und den oberen Atemwegen.

Was ergab die Auswertung aller Teilnehmenden?

Für die Gesamtgruppe bestanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den aktiven Formulierungen und Placebo. Weder die Zahl der Krankheitstage noch die Schwere oder der Symptomscore veränderten sich messbar zugunsten der Quercetingruppen.

Dieses Gesamtergebnis ist für die Einordnung entscheidend: Die vorab gebildeten Gruppen wurden vollständig miteinander verglichen, ohne dass sich ein allgemeiner Vorteil zeigte. Aus der Studie lässt sich daher nicht ableiten, dass die getesteten Mehrstoffchews Atemwegsinfekte in der untersuchten Bevölkerung insgesamt verkürzten oder milder machten.

Was zeigte die nachträgliche Teilgruppenanalyse?

Die Forschenden betrachteten zusätzlich eine Teilgruppe von 325 Personen. Sie waren mindestens 40 Jahre alt und lagen bei ihrer selbst eingeschätzten Fitness in der oberen Hälfte. In dieser Gruppe waren unter der Formulierung mit 1.000 mg Quercetin täglich die Krankheitstage um 31 % und die Schwere der Infekte um 36 % niedriger als unter Placebo.

Diese Auswertung erfolgte post hoc, also nachträglich. Solche Analysen können einen möglichen Zusammenhang sichtbar machen, liefern aber einen schwächeren Nachweis als ein vorher festgelegter Vergleich. Je mehr Teilgruppen nach Abschluss einer Studie betrachtet werden, desto eher kann ein auffälliger Befund auch zufällig entstehen.

Hinzu kommen drei weitere Grenzen: Die Fitness wurde von den Teilnehmenden selbst eingeschätzt, die Teilgruppe hatte ein relativ niedriges Ausgangsrisiko, und die aktiven Chews enthielten neben Quercetin auch Vitamin C und Niacin. Der Teilgruppenbefund lässt sich deshalb weder auf alle Erwachsenen übertragen noch sicher Quercetin allein zuschreiben.

Was sagt eine spätere Meta-Analyse?

Yao und Kollegen fassten 2022 Studien zu flavonoidhaltigen Supplementen zusammen. Über die unterschiedlichen Produkte hinweg traten akute Atemwegsinfekte seltener auf (RR 0,81; 95-%-Konfidenzintervall 0,74 bis 0,89). Die mittlere Zahl der Krankheitstage war geringfügig niedriger (WMD −0,56 Tage; 95-%-Konfidenzintervall −1,04 bis −0,08).

Dieser ergänzende Befund ist nicht quercetinspezifisch. Die eingeschlossenen Studien verwendeten verschiedene Flavonoidklassen und Mischungen. Die Autoren nannten außerdem die kleine Studienzahl und die teils geringe Qualität der Untersuchungen als Grenzen. Das gepoolte Ergebnis darf daher nicht als Nachweis für isoliertes Quercetin gelesen werden.

Quellen

  1. Yao et al.: flavonoid supplements and acute respiratory tract infections
  2. Heinz et al.: quercetin supplementation and upper respiratory tract infection