Quercetin im Blut: Was Form und Lebensmittelmatrix verändern
Quercetin wird je nach chemischer Form und Begleitmatrix sehr unterschiedlich aufgenommen. Ein systematischer Review von Liu und Kollegen fasste 31 Humaninterventionsstudien zusammen. Die Auswertung zeigt: Zuckerreste, spezielle Formulierungen sowie Bestandteile einer Mahlzeit können deutlich verändern, wie viel Quercetin im Blut ankommt und wie schnell dies geschieht. Ob daraus ein größerer gesundheitlicher Nutzen entsteht, wurde nicht untersucht.
Was bedeutet Bioverfügbarkeit?
Bioverfügbarkeit beschreibt hier die Aufnahme und messbare Exposition des Körpers gegenüber Quercetin. Die Studien nutzten dafür vor allem zwei pharmakokinetische Messgrößen. Die maximale Konzentration im Blut wird als Cmax bezeichnet. Die Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve, kurz AUC, bildet ab, wie stark der Körper über den gesamten Messzeitraum einem Stoff ausgesetzt war.
Der Review untersuchte AUC, Cmax sowie Quercetinwerte in Blut und Urin. Das sind Messwerte zur Aufnahme und Verarbeitung eines Stoffes. Sie sagen für sich allein nicht, ob Menschen dadurch gesünder werden, Beschwerden vermeiden oder von einem Supplement profitieren.
Die chemische Form macht einen Unterschied
In den ausgewerteten Vergleichen wurden Quercetin-Oligoglucoside am besten aufgenommen. Ihre Bioverfügbarkeit lag ungefähr doppelt so hoch wie die eines Monoglucosids, zehnmal so hoch wie die von Rutinosid und zwanzigmal so hoch wie die des Aglykons. Als Aglykon wird Quercetin ohne gebundenen Zucker bezeichnet. Bei Glucosiden oder Rutinosid ist dagegen ein bestimmter Zuckerrest mit dem Quercetin verbunden.
Diese Rangfolge fasst unterschiedliche, meist kleine Untersuchungen zusammen. Sie ist keine feste Umrechnung zwischen Produkten. Formen, Mengen, Versuchsanordnungen und Messzeiten unterschieden sich erheblich. Auch die Lebensmittelmatrix spielte eine Rolle: In einzelnen Vergleichen gingen Fett oder Ballaststoffe mit einer ungefähr doppelt so hohen Exposition einher.
Eine ergänzende Vierfach-Cross-over-Studie von Graefe und Kollegen veranschaulicht den Einfluss des Zuckerrests. Zwölf gesunde Personen erhielten einmalig ein Zwiebelpräparat oder isoliertes Quercetin-4'-O-Glucosid mit jeweils 100 mg Quercetin-Äquivalent. Rutin und Buchweizentee lieferten jeweils 200 mg Quercetin-Äquivalent. Zwiebelpräparat und isoliertes Glucosid erzeugten ähnliche frühe Spitzenwerte. Rutin und Buchweizentee erreichten trotz der höheren Äquivalentmenge spätere und niedrigere Spitzen. Im Plasma fanden die Forschenden nur Glucuronide, also im Körper umgewandelte Quercetinverbindungen, und kein freies Quercetin.
Spezielle Formulierungen können die Exposition stark erhöhen
Einzelne Formulierungsstudien berichteten besonders große Unterschiede gegenüber unformuliertem Quercetin-Aglykon. Ein Glucosid-γ-Cyclodextrin-Komplex erreichte eine 10,8-fach höhere AUC. Für ein selbstemulgierendes System aus Bockshornklee-Galactomannan und Lecithin wurde eine 62,1-fach höhere AUC beschrieben, für ein Lecithin-Phytosom eine 20,1-fach höhere AUC.
Diese Werte stammen aus einzelnen akuten Vergleichen. Sie belegen, dass Formulierungstechniken die Aufnahme stark beeinflussen können. Sie beweisen weder eine entsprechend stärkere klinische Wirkung noch, dass die Formulierungen in gleicher Menge austauschbar oder gleich sicher sind.
Höhere Menge, höherer Blutspiegel – aber kein paralleler Biomarkereffekt
Die Untersuchung von Egert und Kollegen lief bei gesunden Erwachsenen über zwei Wochen. Bei 50, 100 und 150 mg Quercetin täglich stiegen die Plasmakonzentrationen dosisabhängig um 178 %, 359 % und 570 %. Zwischen einzelnen Personen schwankten die Werte jedoch deutlich; die interindividuelle Variation betrug 36 bis 57 %.
Trotz der höheren Plasmaspiegel veränderten sich die untersuchten Marker für Oxidation, Entzündung, Blutfette und Stoffwechsel nicht signifikant. Die Studie war klein, kurz und hatte laut Abstract keine Placebogruppe. Sie zeigt daher vor allem den Zusammenhang zwischen untersuchter Menge und Blutspiegel, nicht einen gesundheitlichen Nutzen.
Eine weitere Cross-over-Studie verglich bei 16 gesunden Personen Einzeldosen von Aglykon und Rutin, jeweils entsprechend 8, 20 oder 50 mg Quercetin. Blutproben wurden bis zu 32 Stunden nach der Einnahme gewonnen. AUC und Cmax waren ähnlich. Das Aglykon erreichte den Spitzenwert jedoch früher, während Rutin größere Unterschiede zwischen den Personen zeigte. Eine Form kann sich somit schneller verhalten, ohne dass die gesamte Exposition zwingend höher ist.
Wie belastbar ist die Gesamtaussage?
Die zusammengefassten Verbesserungsstrategien erhöhten AUC und Cmax. Die Ergebnisse unterschieden sich zwischen den Studien jedoch stark: Die statistische Heterogenität lag bei 91 % für die AUC und 92 % für Cmax. Von den eingeschlossenen randomisierten Studien hatten 22 gewisse Bedenken beim Verzerrungsrisiko, zwei wurden mit hohem Risiko bewertet.
Die Ursachen liegen unter anderem in unterschiedlichen Populationen, Quercetinformen, Mengen, Mahlzeiten und Messprotokollen. Die sehr großen Steigerungen einzelner Formulierungen sollten deshalb nicht als allgemein gültiger Faktor für jede Situation gelesen werden.