Selen-Referenzwerte im D-A-CH-Raum: DGE/ÖGE und die Kipp-Ableitung

Die DGE/ÖGE-Referenzwerte beschreiben Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr im D-A-CH-Raum. Für Erwachsene werden 70 µg/Tag für Männer und 60 µg/Tag für Frauen genannt. Die Ableitung stützt sich bei Erwachsenen auf Selenoprotein P im Plasma.

Kurzprofil

  • Quelle: DGE/ÖGE (2025/2026). Selen - Referenzwerte; Kipp et al. (2015). Revised reference values for selenium intake; DGE (2025). Ausgewählte Fragen und Antworten zu Selen.
  • Quellentyp: offizielle Referenzwertseite mit wissenschaftlicher Ableitungsquelle und ergänzendem FAQ-Kontext.
  • Land/Kontext: Deutschland, Österreich und Schweiz; D-A-CH-Referenzwerte.
  • Wirkstoff: Selen.
  • Datenbasis: DGE/ÖGE-Tabellenwerte, wissenschaftliche Ableitung über Selenoprotein P im Plasma, DGE-Erläuterungen zu Funktionen, Lebensmitteln und Risikogruppen.
  • Zentrale Endpunkte: angemessene Selenzufuhr nach Alter, Geschlecht, Schwangerschaft und Stillzeit; Selenoprotein-P-Sättigung als Ableitungskriterium; Grenzen der Übertragbarkeit auf individuelle Diagnostik.
  • Originalquellen: https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/selen/ und https://doi.org/10.1016/j.jtemb.2015.07.005
  • DOI: 10.1016/j.jtemb.2015.07.005
  • PMID: 26302929

Die DGE/ÖGE-Referenzwerte beschreiben Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr im D-A-CH-Raum. Sie sind Bedarfs- und Planungswerte für Bevölkerungsgruppen, keine persönliche Einnahmeregel. Die wissenschaftliche Ableitung von Kipp et al. erklärt, warum Selenoprotein P im Plasma als zentrales Kriterium für Erwachsene genutzt wurde.

Hintergrund und Fragestellung

Selen ist ein essentielles Spurenelement. Es wird für Selenoproteine benötigt, also Eiweiße, in die Selen eingebaut ist. Solche Proteine sind unter anderem an antioxidativen Schutzsystemen, an der Schilddrüsenhormonregulation und an der Bildung funktionsfähiger Spermien beteiligt.

Referenzwerte beantworten eine andere Frage als klinische Studien zu Krankheiten. Sie sollen abschätzen, welche tägliche Zufuhr für gesunde Bevölkerungsgruppen als angemessen gilt. Für Selen ist diese Aufgabe besonders schwierig, weil der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel stark vom Boden abhängt und daher regional schwankt. Tierische Lebensmittel tragen ebenfalls zur Versorgung bei, unter anderem Fleisch, Fisch und Eier.

Die D-A-CH-Aktualisierung musste deshalb zwei Ebenen verbinden: erstens einen biologischen Marker, der eine ausreichende Selenversorgung anzeigen kann, und zweitens praxistaugliche Werte nach Alters- und Lebensphasen. Kipp et al. beschreiben diese wissenschaftliche Ableitung für die 2015 veröffentlichten Referenzwerte.

Studiendesign und Methoden

Die DGE/ÖGE-Quelle ist keine Interventionsstudie. Sie ist eine offizielle Referenzwertdarstellung. Die zugrunde liegende wissenschaftliche Veröffentlichung von Kipp et al. ist ein Referenzwert- und Ableitungsartikel im Journal of Trace Elements in Medicine and Biology.

Für Erwachsene wurde Selenoprotein P im Plasma als Ableitungskriterium genutzt. Selenoprotein P ist ein Transport- und Statusprotein für Selen. Wenn dieses Protein bei steigender Selenzufuhr ein Plateau erreicht, spricht das dafür, dass ein wichtiger Teil der Selenversorgung gesättigt ist. Laut Abstract von Kipp et al. wurde bei Personen aus selenarmen Regionen in China eine Selenoprotein-P-Sättigung bei einer täglichen Aufnahme von 49 µg Selen erreicht.

Aus diesem Wert wurden mit den Referenzkörpergewichten der D-A-CH-Referenzwerte die Schätzwerte für Erwachsene abgeleitet: 70 µg Selen pro Tag für Männer und 60 µg Selen pro Tag für Frauen. Für Kinder und Jugendliche wurden die Werte aus den Erwachsenenwerten unter Berücksichtigung von Körpergewicht und Wachstum abgeleitet. Für Säuglinge stützt sich die Ableitung auf den Selengehalt der Muttermilch.

Die DGE-Seite führt den Stand der Ableitung mit 2015 und verweist zugleich auf die 3. Auflage der Referenzwerte seit September 2025 sowie ein Erratum mit Stand Mai 2026. Die hier genannten Tabellenwerte entsprechen dem öffentlich sichtbaren DGE-Stand vom 30.06.2026.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Referenzwerte beziehen sich auf gesunde Bevölkerungsgruppen, nicht auf Menschen mit gesicherter Erkrankung, schwerer Malabsorption, speziellen Stoffwechselstörungen oder klinischen Therapieindikationen. Die DGE nennt als Risikokontexte für eine Unterversorgung vor allem Erkrankungen, die den Selenstoffwechsel beeinträchtigen. Vegan lebende Menschen werden als Gruppe genannt, bei der Selen potenziell kritisch sein kann, weil pflanzliche Lebensmittel je nach Herkunft stark unterschiedliche Selengehalte haben.

Kipp et al. verweisen in der Ableitung auf Daten aus selenarmen Regionen in China, in denen die Selenoprotein-P-Sättigung mit einer täglichen Aufnahme von 49 µg beschrieben wurde. Eine vollständige frei zugängliche Volltextfassung dieser Arbeit lag in den verfügbaren Unterlagen nicht vor. Details zu einzelnen Studien, zur genauen Zahl der einbezogenen Personen und zu allen Zwischenschritten der Ableitung bleiben daher begrenzt.

Intervention, Exposition und Vergleich

Es gab keine Intervention im Sinne einer randomisierten Behandlung. Betrachtet wurde die tägliche Selenzufuhr über Ernährung und, für die Ableitung, der Zusammenhang mit einem Statusmarker.

Die DGE/ÖGE-Werte sind Schätzwerte für eine angemessene Aufnahme. Sie unterscheiden sich von oberen Sicherheitsgrenzen. Eine angemessene Zufuhr beschreibt den Bereich, der den Bedarf einer Bevölkerungsgruppe decken soll. Eine obere Sicherheitsgrenze beschreibt dagegen, ab welcher langfristigen Gesamtaufnahme unerwünschte Effekte wahrscheinlicher werden können. Diese beiden Wertarten dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Der D-A-CH-Ansatz unterscheidet sich außerdem von anderen Referenzwertsystemen. Nordamerikanische Werte der NASEM/IOM, europäische EFSA-Werte und nordische Werte nutzen eigene Ableitungsschritte und teils andere Zielgrößen. Der D-A-CH-Artikel erklärt deshalb vor allem den deutschsprachigen Referenzrahmen und ersetzt keinen vollständigen internationalen Vergleich.

Ergebnisse

Die öffentlich sichtbare DGE-Tabelle nennt folgende Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr:

GruppeSelenzufuhr pro Tag
Säuglinge 0 bis unter 4 Monate10 µg
Säuglinge 4 bis unter 12 Monate15 µg
Kinder 1 bis unter 4 Jahre15 µg
Kinder 4 bis unter 7 Jahre20 µg
Kinder 7 bis unter 10 Jahre30 µg
Kinder 10 bis unter 13 Jahre45 µg
Jugendliche 13 bis unter 15 Jahre60 µg
Männliche Jugendliche 15 bis unter 19 Jahre70 µg
Weibliche Jugendliche 15 bis unter 19 Jahre60 µg
Erwachsene Männer70 µg
Erwachsene Frauen60 µg
Schwangere60 µg
Stillende75 µg

Für Erwachsene ist die zentrale Botschaft klar: Männer werden mit 70 µg pro Tag geführt, Frauen mit 60 µg pro Tag. Für Schwangere nennt die DGE keinen höheren Wert als für Frauen allgemein. Für Stillende liegt der Wert bei 75 µg pro Tag, weil Selen über die Muttermilch abgegeben wird.

Die DGE-FAQ wiederholt die Erwachsenenwerte und erklärt ergänzend, dass der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel stark vom Boden abhängt. Tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch und Eier gelten als wichtige Quellen. Paranüsse können sehr viel Selen enthalten, werden von der DGE aber wegen ihrer Radiumanreicherung nicht als frei steigerbare Selenquelle dargestellt.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der D-A-CH-Referenzwertartikel ist primär ein Bedarfsartikel, keine Sicherheitsbewertung. Er legt keine obere sichere Gesamtaufnahme fest. Sicherheitsfragen zu hoher Selenaufnahme werden daher besser über spezifische Sicherheitsquellen wie die EFSA-UL-Bewertung oder deutsche Höchstmengenbewertungen behandelt.

Trotzdem ist die Abgrenzung wichtig: 60 oder 70 µg pro Tag sind Schätzwerte für angemessene Zufuhr, nicht Zielwerte für zusätzliche Einnahme. Wer bereits Selen über Lebensmittel aufnimmt, addiert jede weitere Quelle zur Gesamtaufnahme. Umgekehrt beweist ein Referenzwert nicht, dass eine höhere Aufnahme nützlich wäre.

Die DGE weist darauf hin, dass eine Unterversorgung über die Ernährung in Europa selten ist und meist besondere Krankheits- oder Stoffwechselkontexte betrifft. Zugleich können vegan lebende Menschen wegen der schwankenden Selengehalte pflanzlicher Lebensmittel eine kritischere Versorgungslage haben. Diese Aussagen sind bevölkerungsbezogen und ersetzen keine individuelle Diagnostik.

Einordnung und Limitationen

Die Stärke der D-A-CH-Quelle liegt in ihrer direkten praktischen Bedeutung für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die Werte sind klar nach Alter, Geschlecht und Lebensphase gegliedert und mit einer wissenschaftlichen Ableitungsquelle verknüpft.

Die wichtigste fachliche Grenze ist der Statusmarker. Selenoprotein P ist für die Bedarfsableitung im niedrigen bis ausreichenden Aufnahmebereich nützlich. Es eignet sich aber nicht automatisch als einfacher Einzelwert für jede persönliche Statusdiagnostik. Selenstatus kann je nach Marker, Entzündungslage, Laborverfahren, Ernährung, Boden- und Lebensmittelherkunft unterschiedlich ausfallen.

Eine zweite Grenze betrifft den verfügbaren Volltext von Kipp et al. Ein legaler freier Primärvolltext wurde in den vorliegenden Unterlagen nicht konsistent verifiziert. Deshalb stützt sich diese Darstellung nur auf die öffentlich zugänglichen bibliografischen Daten, Abstract-Inhalte, die offizielle DGE-Seite und den vorhandenen Recherchekontext. Nicht in den verfügbaren Unterlagen berichtet sind die vollständige Studienliste der Ableitung, alle statistischen Zwischenschritte und eine vollständige Darstellung möglicher Unsicherheitsannahmen.

Eine dritte Grenze betrifft die Aktualität dynamischer Tabellen. Die DGE-Seite verweist auf die 3. Auflage der Referenzwerte seit September 2025 und auf ein Erratum mit Stand Mai 2026. Für verbindliche Tabellenübernahmen sollte immer die offizielle DGE-Seite oder das Referenzwerte-Tool als aktueller Stand genutzt werden.

Was die Quelle zeigt

Die DGE/ÖGE-Quelle zeigt die D-A-CH-Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr nach Alters- und Lebensgruppen. Sie zeigt für Erwachsene 70 µg pro Tag für Männer und 60 µg pro Tag für Frauen. Sie zeigt außerdem 60 µg pro Tag für Schwangere und 75 µg pro Tag für Stillende.

Kipp et al. zeigen die wissenschaftliche Grundlogik der 2015 veröffentlichten Ableitung: Selenoprotein P im Plasma wurde als zentrales Kriterium genutzt, und aus der Sättigung bei 49 µg pro Tag sowie den D-A-CH-Referenzkörpergewichten wurden die Erwachsenenwerte berechnet.

Die DGE-FAQ zeigt ergänzend, warum Lebensmittelherkunft wichtig ist. Pflanzliche Lebensmittel können je nach Boden sehr unterschiedliche Selenmengen enthalten; tierische Lebensmittel tragen häufig stabiler zur Versorgung bei. Vegan lebende Menschen werden deshalb als potenziell kritische Gruppe genannt.

Was die Quelle nicht zeigt

Die Quellen zeigen nicht, dass einzelne Personen Selen einnehmen sollten. Sie zeigen auch nicht, dass höhere Aufnahmen zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen. Die Werte sind keine Therapie-, Diagnose- oder Kaufempfehlung.

Die Quellen zeigen nicht, dass ein einzelner Laborwert immer ausreicht, um den individuellen Selenstatus sicher zu beurteilen. Sie zeigen auch nicht, dass alle Selenformen, Lebensmittelquellen und Nahrungsergänzungsmittel gleich zu bewerten sind.

Die D-A-CH-Quellen ersetzen keinen internationalen Vergleich mit EFSA, NASEM/IOM, WHO/FAO oder Nordic Nutrition Recommendations. Solche Vergleiche brauchen eigene Quellenartikel, weil Referenzwertsysteme unterschiedliche Ableitungen und Begriffe nutzen.

Fazit

Die DGE/ÖGE-Referenzwerte geben für den D-A-CH-Raum klare Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr an. Für erwachsene Männer liegt der Wert bei 70 µg pro Tag, für erwachsene Frauen bei 60 µg pro Tag, für Schwangere bei 60 µg pro Tag und für Stillende bei 75 µg pro Tag. Die wissenschaftliche Ableitung stützt sich bei Erwachsenen auf die Sättigung von Selenoprotein P im Plasma. Die Werte sind ein Bedarfsrahmen für Bevölkerungsgruppen und keine persönliche Einnahmeregel.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Die DGE/ÖGE-Referenzwerte beschreiben Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr im D-A-CH-Raum.
  • Die wissenschaftliche Ableitung von Kipp et al. nutzt Selenoprotein P im Plasma als zentrales Kriterium für Erwachsene.
  • Laut Kipp et al. wurde eine Selenoprotein-P-Sättigung bei Personen aus selenarmen Regionen bei 49 µg Selen pro Tag erreicht.
  • Aus diesem Wert und den D-A-CH-Referenzkörpergewichten ergeben sich 70 µg/Tag für Männer und 60 µg/Tag für Frauen.
  • Die DGE nennt für Schwangere 60 µg/Tag und für Stillende 75 µg/Tag.
  • Kinder- und Jugendwerte sind altersgestaffelt und reichen von 10 µg/Tag bei jungen Säuglingen bis 70 µg/Tag für männliche Jugendliche ab 15 Jahren.
  • Die DGE-FAQ nennt tierische Lebensmittel als wichtige Selenquellen und beschreibt starke Schwankungen in pflanzlichen Lebensmitteln.
  • Vegan lebende Menschen gelten laut DGE als Gruppe, bei der Selen potenziell kritisch sein kann.
  • Die Quelle ist kein Sicherheits-UL und keine persönliche Einnahmeregel.
  • Wegen fehlendem frei zugänglichem Kipp-Volltext bleiben Detailfragen zur vollständigen Ableitung in den verfügbaren Unterlagen begrenzt.

Quellen

  1. DGE/ÖGE 2025/2026 Selen-Referenzwerte
  2. Kipp et al. 2015 Revised reference values for selenium intake
  3. DGE 2025 FAQ Selen