Internationale Selen-Referenzwerte: WHO/FAO, NASEM/IOM und Nordic Nutrition Recommendations

WHO/FAO 2004 beschreibt Selen aus einem globalen Mangel- und Defizienzrahmen. WHO/FAO nennt für Erwachsene RNI-Werte von 26 µg/Tag für Frauen und 34 µg/Tag für Männer. NASEM/IOM 2000 setzt für Erwachsene ein EAR von 45 µg/Tag und eine RDA von 55 µg/Tag.

Kurzprofil

  • Quelle: WHO/FAO (2004), NASEM/IOM (2000), Nordic Nutrition Recommendations 2023 und Alexander & Olsen (2023).
  • Quellentyp: Vergleich mehrerer behördlicher Referenzwerke und eines nordischen Hintergrundreviews.
  • Land/Kontext: international, USA/Kanada, nordische und baltische Länder, Australien/Neuseeland als nicht finaler Konsultationsentwurf.
  • Wirkstoff: Selen.
  • Datenbasis: Referenzwertableitungen, Biomarkerlogik, regionale Versorgungsdaten, Defizienzberichte, Sicherheitswerte und Literaturzusammenfassung für die Nordic Nutrition Recommendations.
  • Zentrale Endpunkte: empfohlene Zufuhrwerte, durchschnittlicher Bedarf, Selenoprotein-P- und Glutathionperoxidase-Marker, regionale Selenversorgung, obere Aufnahmemengen und Grenzen internationaler Vergleichbarkeit.
  • Originalquellen: https://www.fao.org/4/y2809e/y2809e0l.htm; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK225470/; Nordic Nutrition Recommendations 2023 Selenium: https://pub.norden.org/nord2023-003/nord2023-003.pdf; https://doi.org/10.29219/fnr.v67.10320
  • DOI/PMID: NASEM/IOM DOI 10.17226/9810, PMID 25077263; Alexander & Olsen DOI 10.29219/fnr.v67.10320, PMID 38187789.

Internationale Selen-Referenzwerte unterscheiden sich deutlich, weil sie verschiedene Zielgrößen nutzen. WHO/FAO leitete niedrige RNI-Werte aus Defizienz- und Glutathionperoxidase-Daten ab. NASEM/IOM setzte für Erwachsene in den USA und Kanada eine RDA von 55 µg/Tag und einen UL von 400 µg/Tag. Die Nordic Nutrition Recommendations 2023 orientieren sich stärker an Selenoprotein P, regional niedriger Versorgung und dem neueren EFSA-UL von 255 µg/Tag.

Hintergrund und Fragestellung

Selen ist ein essentielles Spurenelement. Es wird für Selenoproteine benötigt, darunter Glutathionperoxidasen, Thioredoxinreduktasen und Dejodasen des Schilddrüsenhormonstoffwechsels. Die Schwierigkeit bei Referenzwerten liegt darin, dass Selengehalte in Lebensmitteln stark vom Boden, von landwirtschaftlicher Praxis und von Tierfütterung abhängen. Eine scheinbar ähnliche Ernährung kann deshalb je nach Region sehr unterschiedliche Selenmengen liefern.

Die drei Referenzrahmen beantworten verwandte, aber nicht identische Fragen. WHO/FAO fragt, welche Zufuhr Defizienz in globalen Mangellagen verhindert und biochemische Mindestmarker stützt. NASEM/IOM fragt, welche Zufuhr bei der nordamerikanischen Bevölkerung den Bedarf fast aller gesunden Personen deckt und welche Obergrenze chronische Selenose vermeiden soll. NNR 2023 fragt, welche Werte für nordische und baltische Länder plausibel sind, in denen Böden häufig wenig Selen enthalten und Finnland durch Selendüngung eine Sonderrolle einnimmt.

Methodik der Zusammenfassung

Die WHO/FAO-Auswertung nutzt ältere internationale Daten zu Keshan-Krankheit, Kaschin-Beck-Krankheit, Glutathionperoxidase-Aktivität, Plasma-Selen und Ernährungsmustern. Die Ableitung berücksichtigt, dass Balance-Studien für Selen ungeeignet sind und dass regionale Unterschiede der Lebensmittelgehalte groß sind.

NASEM/IOM stützt die nordamerikanischen Werte vor allem auf Interventionsstudien, in denen die Aktivität der Plasma-Glutathionperoxidase bei steigender Selenzufuhr ein Plateau erreicht. Für die Sicherheitsgrenze wurden Humanberichte zu Selenose, besonders Haar- und Nagelveränderungen, berücksichtigt.

NNR 2023 nutzt Selenoprotein P als Marker für empfohlene Zufuhr und verweist auf den Hintergrundreview von Alexander & Olsen. Dieser Review fasst Funktionen, Statusmarker, regionale Aufnahme, mögliche Gesundheitsendpunkte und Sicherheitsdaten zusammen. Zusätzlich zeigt der NHMRC-Konsultationsentwurf 2026, dass Australien und Neuseeland eine Übernahme oder Anpassung der neueren EFSA-UL-Logik prüfen; er ist aber noch kein finaler Referenzstandard.

Berücksichtigte Referenzwerke

QuelleHauptfrageZentrale Werte oder Aussage
WHO/FAO 2004globaler Bedarf und DefizienzrahmenRNI für Erwachsene: Frauen 26 µg/Tag, Männer 34 µg/Tag; Schwangerschaft 28 bis 30 µg/Tag; Stillzeit 35 bis 42 µg/Tag
NASEM/IOM 2000USA/Kanada: EAR, RDA und ULErwachsene: EAR 45 µg/Tag, RDA 55 µg/Tag; Schwangerschaft 60 µg/Tag; Stillzeit 70 µg/Tag; Erwachsenen-UL 400 µg/Tag
NNR 2023nordisch-baltischer Referenzrahmenvorläufiger AR: Frauen 60 µg/Tag, Männer 70 µg/Tag; AI: Frauen 75 µg/Tag, Männer 90 µg/Tag; UL 255 µg/Tag nach EFSA
Alexander & Olsen 2023Hintergrundreview für NNRSelenoprotein P, regionale Niedrigversorgung, Statusabhängigkeit und hohe Aufnahme als Kernpunkte
NHMRC 2026 DraftAustralien/Neuseeland, nicht finalprüft aktualisierte UL-Werte anhand der EFSA-2023-Logik; finale Veröffentlichung erwartet nach Konsultation

Ergebnisse

Der auffälligste Unterschied betrifft die Höhe der Bedarfswerte. WHO/FAO nennt für Erwachsene 26 µg/Tag für Frauen und 34 µg/Tag für Männer als RNI. Diese Werte entstehen aus einem älteren globalen Defizienzrahmen. Sie sollen klinische Mangelkontexte und biochemische Mindestmarker abdecken, sind aber nicht direkt mit neueren Selenoprotein-P-basierten Werten gleichzusetzen.

NASEM/IOM liegt höher. Das Erwachsenen-EAR beträgt 45 µg/Tag, die RDA 55 µg/Tag für Männer und Frauen. Für Schwangerschaft steigt die RDA auf 60 µg/Tag, für Stillzeit auf 70 µg/Tag. Die Ableitung nutzt das Plateau der Plasma-Glutathionperoxidase und berücksichtigt nordamerikanische Körpergewichte. NASEM/IOM berichtet zugleich, dass die mittlere Aufnahme in den USA und Kanada typischerweise über dem EAR liegt.

NNR 2023 setzt für Erwachsene nochmals höhere Orientierungswerte an: vorläufiger durchschnittlicher Bedarf 60 µg/Tag für Frauen und 70 µg/Tag für Männer, dazu AI-Werte von 75 µg/Tag für Frauen und 90 µg/Tag für Männer. Die Begründung stützt sich auf Selenoprotein P als saturierbaren Pool. NNR verweist darauf, dass eine Plasma-Selenkonzentration um 110 µg/L und eine Zufuhr von etwa 1,2 µg/kg Körpergewicht pro Tag mit maximaler Selenoprotein-P-Expression zusammenhängen können. Der Hintergrundreview betont aber, dass die nötige Zufuhr von der Selenform und von der Bioverfügbarkeit abhängt.

Auch bei der oberen sicheren Gesamtaufnahme unterscheiden sich die Systeme. NASEM/IOM setzte den Erwachsenen-UL bei 400 µg/Tag, abgeleitet aus älteren Humanbefunden zu chronischer Selenose und einem NOAEL von 800 µg/Tag mit Unsicherheitsfaktor 2. NNR 2023 übernimmt dagegen den neueren EFSA-UL von 255 µg/Tag. Der NHMRC-Entwurf zeigt, dass diese niedrigere UL-Logik auch außerhalb Europas geprüft wird, bleibt aber bis zur finalen Veröffentlichung vorläufig.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Referenzwerke trennen Bedarf und obere Grenze. Ein Bedarf, eine RDA, ein RNI oder ein AI beschreibt keinen Zielwert für höhere Aufnahme. Ein UL beschreibt die obere sichere Gesamtaufnahme und ebenfalls keinen Nutzenwert.

NASEM/IOM stützt den UL auf chronische Selenose. Genannt werden vor allem Brüchigkeit und Verlust von Haaren und Nägeln, außerdem gastrointestinale Beschwerden, Hautausschlag, Knoblauchgeruch des Atems, Müdigkeit, Reizbarkeit und neurologische Auffälligkeiten. NNR 2023 nennt Selenose als unerwünschte Wirkung hoher Aufnahme und übernimmt den aktuellen EFSA-Wert von 255 µg/Tag. Damit liegt der nordische Sicherheitsrahmen niedriger als der ältere nordamerikanische Wert.

Die Quellen zeigen auch, dass Statusmarker nicht beliebig nach oben interpretierbar sind. Glutathionperoxidase und Selenoprotein P eignen sich für die Einschätzung des Bedarfsbereichs, erreichen aber ein Plateau. Nach Erreichen dieses Plateaus bedeutet mehr Selen nicht automatisch mehr physiologische Funktion.

Einordnung und Limitationen

Der Vergleich ist nützlich, weil er zeigt, warum Selenwerte nicht einfach zwischen Ländern kopiert werden können. WHO/FAO, NASEM/IOM und NNR nutzen unterschiedliche Marker, unterschiedliche Bevölkerungsannahmen und unterschiedliche Sicherheitsbewertungen. Die Spannbreite ist deshalb kein bloßer Rechenfehler, sondern Ausdruck verschiedener Bewertungsfragen.

Eine wichtige Grenze liegt im Alter der WHO/FAO- und NASEM/IOM-Dokumente. Beide bleiben fachlich wertvoll, aber sie berücksichtigen nicht alle neueren Daten zu oberer Aufnahme, Selenoprotein P und Supplementierungsstudien. NNR 2023 ist aktueller, aber regional auf nordische und baltische Länder zugeschnitten. Finnland mit gezielter Selendüngung ist innerhalb dieses Raums nicht direkt mit Ländern ohne solche Maßnahmen vergleichbar.

Der NHMRC-Entwurf ist nur als Hinweis auf eine laufende Aktualisierung geeignet. Er kann zeigen, welche Richtung eine neuere Sicherheitsbewertung nimmt, ersetzt aber keinen finalen australisch-neuseeländischen Referenzwert.

Was der Vergleich zeigt

Der Vergleich zeigt, dass internationale Selen-Referenzwerte unterschiedliche Funktionen haben. WHO/FAO liefert einen globalen Mangel- und Defizienzrahmen. NASEM/IOM liefert den klassischen nordamerikanischen RDA- und UL-Rahmen. NNR 2023 liefert einen aktuellen nordisch-baltischen Rahmen, der Selenoprotein P, regionale Niedrigversorgung und den niedrigeren EFSA-UL stärker gewichtet.

Der Vergleich zeigt außerdem, dass ein niedrigerer oder höherer Zahlenwert ohne die Ableitungslogik missverständlich ist. 34 µg/Tag bei WHO/FAO für erwachsene Männer, 55 µg/Tag bei NASEM/IOM und 90 µg/Tag AI bei NNR 2023 stehen nicht für dieselbe wissenschaftliche Zielgröße.

Was der Vergleich nicht zeigt

Der Vergleich zeigt keine persönliche Einnahmeregel und keine Empfehlung zur Supplementierung. Er zeigt auch nicht, dass ein einzelner internationaler Wert für alle Länder und Ernährungsweisen automatisch der beste Wert wäre.

Die Quellen beweisen nicht, dass höhere Selenaufnahme nach Marker-Sättigung zusätzliche Gesundheitsvorteile bringt. Sie zeigen auch nicht, dass der ältere NASEM/IOM-UL von 400 µg/Tag und der neuere EFSA/NNR-UL von 255 µg/Tag gleichzeitig dieselbe Risikoschwelle meinen. Die Werte beruhen auf unterschiedlichen Bewertungen und sollten deshalb als verschiedene Sicherheitsrahmen gelesen werden.

Fazit

WHO/FAO, NASEM/IOM und NNR 2023 bilden drei unterschiedliche internationale Selen-Rahmen. WHO/FAO setzt niedrigere RNI-Werte aus einem globalen Defizienzmodell. NASEM/IOM setzt für Erwachsene eine RDA von 55 µg/Tag und einen UL von 400 µg/Tag. NNR 2023 setzt höhere nordische AI-Werte von 75 µg/Tag für Frauen und 90 µg/Tag für Männer und übernimmt den niedrigeren EFSA-UL von 255 µg/Tag. Für die Einordnung von Selen ist deshalb entscheidend, ob ein Wert Bedarf, durchschnittliche Anforderung, ausreichende Aufnahme oder obere sichere Gesamtaufnahme meint.

Berücksichtigte Quellen

  • WHO/FAO (2004). Vitamin and mineral requirements in human nutrition: Chapter 15. Selenium. World Health Organization/Food and Agriculture Organization. ISBN 9241546123. https://www.fao.org/4/y2809e/y2809e0l.htm
  • Institute of Medicine (US) Panel on Dietary Antioxidants and Related Compounds (2000). Selenium. In: Dietary Reference Intakes for Vitamin C, Vitamin E, Selenium, and Carotenoids. National Academies Press. DOI 10.17226/9810. PMID 25077263. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK225470/
  • Nordic Council of Ministers (2023). Nordic Nutrition Recommendations 2023: Selenium. https://pub.norden.org/nord2023-003/nord2023-003.pdf
  • Alexander, J. & Olsen, A.-K. (2023). Selenium - a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food & Nutrition Research, 67. DOI 10.29219/fnr.v67.10320. PMID 38187789. https://doi.org/10.29219/fnr.v67.10320
  • National Health and Medical Research Council (2026). Nutrient Reference Values - Public Consultation on Draft Recommendations - Selenium. https://consultations.nhmrc.gov.au/public-health/nrv-public-consultation-selenium/

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • WHO/FAO 2004 beschreibt Selen aus einem globalen Mangel- und Defizienzrahmen.
  • WHO/FAO nennt für Erwachsene RNI-Werte von 26 µg/Tag für Frauen und 34 µg/Tag für Männer.
  • NASEM/IOM 2000 setzt für Erwachsene ein EAR von 45 µg/Tag und eine RDA von 55 µg/Tag.
  • NASEM/IOM nennt 60 µg/Tag für Schwangerschaft und 70 µg/Tag für Stillzeit.
  • NASEM/IOM setzt den Erwachsenen-UL bei 400 µg/Tag, gestützt auf Selenose-Daten.
  • NNR 2023 nennt für Erwachsene vorläufige AR-Werte von 60 µg/Tag für Frauen und 70 µg/Tag für Männer.
  • NNR 2023 nennt AI-Werte von 75 µg/Tag für Frauen und 90 µg/Tag für Männer.
  • NNR 2023 nutzt Selenoprotein P als zentralen Marker und übernimmt den EFSA-UL von 255 µg/Tag.
  • Alexander & Olsen 2023 liefern den Hintergrundreview zu Funktionen, Status, regionaler Versorgung und Sicherheit für NNR 2023.
  • NHMRC 2026 ist ein Konsultationsentwurf und kein finaler Referenzstandard.
  • Die internationalen Unterschiede entstehen aus verschiedenen Zielgrößen, Regionen und Bewertungszeitpunkten.
  • Kein Wert aus dem Vergleich ist eine persönliche Einnahme- oder Supplementierungsempfehlung.

Quellen

  1. WHO/FAO 2004 Selenium
  2. NASEM/IOM 2000 Selenium
  3. Nordic Nutrition Recommendations 2023 Selenium
  4. Alexander & Olsen 2023
  5. NHMRC 2026 Selenium consultation draft