Selen bei kritisch kranken Erwachsenen: Umbrella Review von Jaff 2023

Jaff et al. (2023) untersuchten Selengabe bei kritisch kranken Erwachsenen in einem Umbrella Review. Die Suche lief bis Juli 2022 in PubMed, Scopus und Web of Science. Eingeschlossen wurden systematische Reviews und Meta-Analysen randomisierter kontrollierter Studien.

Kurzprofil

FeldInhalt
Primäre QuelleJaff et al. (2023). The effect of selenium therapy in critically ill patients: an umbrella review of systematic reviews and meta-analysis of randomized controlled trials.
QuellenartUmbrella Review systematischer Reviews und Meta-Analysen mit eigener Neuberechnung von RCT-Daten
Land/KontextInternational; Intensivmedizin und schwere akute Erkrankungen
WirkstoffSelen, überwiegend parenteral gegeben, meist als Selen oder Natriumselenit
PopulationErwachsene kritisch kranke Patientinnen und Patienten
InterventionParenterale Selengabe als Einzelintervention, teils mit Anfangsdosis und anschließender Tagesdosis
VergleichPlacebo, keine Behandlung, normale Kochsalzlösung, Standardversorgung oder niedrige Selendosis
Zentrale EndpunkteMortalität, 28-Tage-Mortalität, akutes Nierenversagen, Infektionen, Pneumonie, Nebenwirkungen, Intensiv- und Krankenhausdauer, Beatmungstage
Originalquellehttps://doi.org/10.1186/s40001-023-01075-w
DOI / PMID / PMCIDDOI: 10.1186/s40001-023-01075-w; PMID: 36849891; PMCID: PMC9972714

Jaff et al. untersuchten, ob Selen in der Intensivmedizin klinische Endpunkte bei kritisch kranken Erwachsenen verändert. Die Arbeit ist kein Nahrungsergänzungsartikel für gesunde Menschen. Sie bündelt Studien aus einem Kliniksetting, in dem Selen parenteral und teils in sehr hohen Mengen eingesetzt wurde. Die Ergebnisse zeigen ein mögliches Signal bei Gesamtmortalität und akutem Nierenversagen, aber nur mit niedriger Aussagesicherheit.

Fragestellung

Kritische Erkrankungen wie Sepsis, schweres systemisches Entzündungssyndrom, akutes Lungenversagen oder schwere Traumata gehen häufig mit oxidativem Stress und Entzündungsreaktionen einher. Selen ist Bestandteil mehrerer Selenoproteine, darunter Enzyme des antioxidativen Systems. Daraus entstand die Hypothese, dass eine Selengabe in der Intensivmedizin klinische Verläufe beeinflussen könnte.

Frühere Übersichtsarbeiten kamen jedoch nicht zu einheitlichen Ergebnissen. Einige berichteten Hinweise auf geringere Mortalität oder kürzere Klinikverläufe, andere fanden keinen klaren Nutzen. Jaff et al. wollten deshalb die vorhandenen systematischen Reviews und Meta-Analysen zusammenführen, die methodische Qualität bewerten und zentrale Endpunkte aus den eingeschlossenen randomisierten Studien neu berechnen.

Studiendesign und Methoden

Die Arbeit ist ein Umbrella Review. Das bedeutet: Sie prüft nicht nur einzelne Studien, sondern fasst bereits veröffentlichte systematische Reviews und Meta-Analysen zusammen. Die Suche lief bis Juli 2022 in PubMed, Scopus und Web of Science. Zusätzlich wurden Referenzlisten gesichtet.

Eingeschlossen wurden systematische Reviews und Meta-Analysen randomisierter kontrollierter Studien bei Erwachsenen ab 18 Jahren mit kritischer Erkrankung. Die Selengabe musste parenteral erfolgen und als Einzelintervention mit einer Kontrollgruppe verglichen werden. Studien ohne Meta-Analyse sowie Arbeiten zu Kindern, Schwangeren oder Stillenden wurden ausgeschlossen.

Die Autorengruppe extrahierte Daten aus den Reviews und aus den zugrunde liegenden RCTs. Für dichotome Endpunkte wurden Risikoraten berechnet, für Dauervariablen mittlere Unterschiede. Je nach Datenlage nutzte die Arbeit feste oder zufällige Effektmodelle. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Reviews wurde mit AMSTAR2 bewertet. Die Sicherheit der Befunde je Endpunkt wurde mit GRADE eingestuft.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Suche fand 2.472 Treffer. Nach Entfernen von Duplikaten blieben 1.647 Reviews für das Screening. Nach Titel-, Abstract- und Volltextprüfung wurden 17 systematische Reviews und Meta-Analysen eingeschlossen. Der Abstract beschreibt diese Basis als 17 Meta-Analysen mit 24 RCTs; der Ergebnisteil nennt schließlich 23 RCTs aus 17 Übersichtsarbeiten. Diese kleine Zähldifferenz bleibt in der Quelle sichtbar.

Die eingeschlossenen RCTs betrafen sehr unterschiedliche intensivmedizinische Situationen: gastrointestinale Blutungen, systemisches Entzündungssyndrom, Sepsis, septischen Schock, Trauma, mechanische Beatmung, akute Pankreasnekrose, akutes Atemnotsyndrom, Herzstillstand nach Wiederbelebung und elektive Herzchirurgie.

Die Publikationsjahre der Primärstudien reichten von 1983 bis 2018. Die Anfangsdosen lagen zwischen 474 und 4.000 µg Selen pro Tag. Die anschließenden Dosen reichten bis 1.600 µg pro Tag. Die Nachbeobachtung lag zwischen 1 und 52 Wochen. In den Interventionsgruppen wurden Selen oder Natriumselenit verwendet. Kontrollgruppen erhielten je nach Studie eine niedrige Selendosis, Natriumselenit als Teil der Standardversorgung, normale Kochsalzlösung, keine Behandlung oder eine nicht genauer beschriebene Kontrolle.

MerkmalBerichteter UmfangEinordnung
Treffer in Datenbanken2.472breite Suche nach Übersichtsarbeiten
Eingeschlossene Übersichtsarbeiten17systematische Reviews und Meta-Analysen von RCTs
Zugrunde liegende RCTs23 bis 24, je nach Quellabschnittkleine Zähldifferenz zwischen Abstract und Ergebnisteil
AltersgruppeErwachsene ab 18 Jahrenkeine Kinder, Schwangeren oder Stillenden
Applikationswegparenteralnicht mit üblicher oraler Nahrungsergänzung gleichzusetzen
Anfangsdosis474 bis 4.000 µg/Taghoher Klinikbereich
Folgedosisbis 1.600 µg/Tagebenfalls Klinikbereich
Nachbeobachtung1 bis 52 Wochenstark unterschiedliche Verläufe

Intervention, Exposition und Vergleich

Im Mittelpunkt stand parenterales Selen, meist als Selen oder Natriumselenit. Die Interventionen unterschieden sich deutlich: Manche Studien starteten mit einer höheren Anfangsdosis und führten danach eine niedrigere Tagesdosis fort. Andere verwendeten andere Zeitpunkte, Behandlungsdauern oder Kontrollbedingungen.

Verglichen wurde mit Placebo, normaler Kochsalzlösung, keiner Behandlung, Standardversorgung oder niedriger Selengabe. Diese Breite macht die Interpretation schwierig. Ein Ergebnis aus der Intensivmedizin lässt sich nicht auf frei verkäufliche orale Supplemente übertragen. Ebenso ist ein parenterales Hochdosis-Schema bei Sepsis oder Schock keine Aussage über normale Ernährung oder übliche Zusatzmengen.

Ergebnisse

Für die Gesamtmortalität fand die Arbeit ein statistisch signifikantes Signal zugunsten der Selengruppe. Über 16 Primärstudien lag die gepoolte Risikorate bei 0,83 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,71 bis 0,98. Der p-Wert betrug 0,024, die Heterogenität I² lag bei 31,6 %. Die GRADE-Bewertung war jedoch niedrig. Das bedeutet: Das Ergebnis ist auffällig, aber nicht belastbar genug für eine sichere Schlussfolgerung.

Für die 28-Tage-Mortalität zeigte sich kein statistisch gesicherter Effekt. Die gepoolte Risikorate lag bei 0,95 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,82 bis 1,09. Der p-Wert betrug 0,478. Dieser Endpunkt wurde mit moderater Sicherheit bewertet.

Beim akuten Nierenversagen fand die Arbeit ebenfalls ein statistisch signifikantes Signal. In acht Primärstudien lag die Risikorate bei 0,67 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,46 bis 0,98; der p-Wert betrug 0,038. Die Heterogenität lag bei I² = 0,0 %. Auch hier war die GRADE-Bewertung niedrig. Der Befund bleibt deshalb vorsichtig zu lesen.

Für mehrere andere Endpunkte fand die Arbeit keinen gesicherten Vorteil. Das galt für Infektionen, Pneumonie, Intensivdauer, Krankenhausdauer und Beatmungstage. Die Ergebnisse lagen bei:

EndpunktErgebnisEinordnung
GesamtmortalitätRR 0,83; 95-%-KI 0,71 bis 0,98; p = 0,024statistisch auffällig, aber niedrige GRADE-Sicherheit
28-Tage-MortalitätRR 0,95; 95-%-KI 0,82 bis 1,09; p = 0,478kein gesicherter Effekt
Akutes NierenversagenRR 0,67; 95-%-KI 0,46 bis 0,98; p = 0,038statistisch auffällig, aber niedrige GRADE-Sicherheit
InfektionenRR 0,92; 95-%-KI 0,80 bis 1,05; p = 0,207kein gesicherter Effekt
PneumonieRR 1,11; 95-%-KI 0,72 bis 1,72; p = 0,675kein gesicherter Effekt
IntensivdauerMD 0,15 Tage; 95-%-KI -1,75 bis 2,05; p = 0,876kein gesicherter Effekt
KrankenhausdauerMD -0,51 Tage; 95-%-KI -3,74 bis 2,72; p = 0,757kein gesicherter Effekt
BeatmungstageMD -0,98 Tage; 95-%-KI -2,93 bis 0,98; p = 0,329kein gesicherter Effekt

Die Arbeit beschreibt außerdem, dass einige frühere Reviews zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Als mögliche Gründe nennt sie Unterschiede in Dosis, Dauer, Zeitpunkt der Gabe und Anzahl der eingeschlossenen Studien. Gerade kleinere Studien können Behandlungseffekte überschätzen.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Nebenwirkungen wurden in sieben Primärstudien aus drei Meta-Analysen erfasst. Insgesamt zeigte sich kein statistisch gesicherter Unterschied zwischen Selen- und Kontrollgruppen. Die Risikorate lag bei 0,98 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,88 bis 1,10; der p-Wert betrug 0,788. Die Bewertung nach GRADE war moderat.

Die Untergruppenanalyse zeigte bei höheren Anfangsdosen über 1.000 µg pro Tag ein nicht signifikantes Signal zu mehr Nebenwirkungen: RR 1,19 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,95 bis 1,49. Auch bei Folgedosen über 1.000 µg pro Tag war das Signal nicht statistisch gesichert. Diese Befunde beweisen keine Toxizität, stützen aber Vorsicht bei hohen Klinikdosen.

Die Autorengruppe betont außerdem, dass Selen dosisabhängig wirken kann und dass Ausgangsstatus wichtig ist. Personen mit niedrigem, normalem oder hohem Selenstatus können unterschiedlich reagieren. Das ist besonders relevant, weil intensivmedizinische Studien nicht automatisch Aussagen für gut versorgte Menschen außerhalb der Klinik erlauben.

Grenzen der Aussagekraft

Die Arbeit hat mehrere wichtige Grenzen. Keine der eingeschlossenen Evidenzbewertungen erreichte nach GRADE eine hohe Sicherheit. Viele Reviews wurden nach AMSTAR2 als niedrig oder kritisch niedrig bewertet. Häufig wurden Primärstudien nicht vollständig beschrieben oder es fehlte eine vorab registrierte Review-Planung.

Auch die Primärstudien selbst waren nicht frei von Verzerrungsrisiken. Die Autorengruppe berichtet für alle Primärstudien ein hohes Verzerrungsrisiko. Für einzelne Endpunkte war die Datenbasis schmal: Pneumonie wurde nur in drei RCTs berichtet.

Eine weitere Grenze ist die indirekte Datenbeschaffung. Der Umbrella Review griff auf RCTs zurück, die in veröffentlichten systematischen Reviews und Meta-Analysen enthalten waren. Dadurch konnten neuere RCTs fehlen, wenn sie noch nicht in solchen Übersichtsarbeiten verarbeitet waren.

Die klinische Heterogenität ist ebenfalls groß. Sepsis, Trauma, Beatmung, Herzchirurgie und andere schwere Krankheitslagen sind nicht dasselbe. Auch Dosis, Applikationszeitpunkt, Dauer und Kontrolle unterschieden sich. Aus diesem Grund ist ein pauschales Urteil über "Selen bei kritisch Kranken" zu grob.

Was die Arbeit zeigt

  • Jaff et al. bündelten 17 systematische Reviews und Meta-Analysen zu Selengabe bei kritisch kranken Erwachsenen.
  • Die Quelle berichtet 23 bis 24 zugrunde liegende RCTs, je nach Abschnitt der Publikation.
  • Die untersuchten Interventionen waren parenterale Klinikinterventionen, nicht übliche orale Nahrungsergänzung.
  • Für Gesamtmortalität zeigte sich ein statistisch signifikantes Signal zugunsten von Selen, aber mit niedriger Sicherheit.
  • Für akutes Nierenversagen zeigte sich ebenfalls ein statistisch signifikantes Signal, ebenfalls mit niedriger Sicherheit.
  • Für 28-Tage-Mortalität, Infektionen, Pneumonie, Intensivdauer, Krankenhausdauer und Beatmungstage fand die Arbeit keinen gesicherten Vorteil.
  • Nebenwirkungen unterschieden sich insgesamt nicht statistisch gesichert zwischen Selen- und Kontrollgruppen.
  • Höhere Klinikdosen verlangen eine vorsichtige Bewertung, weil Selen dosisabhängig wirken kann.

Was die Arbeit nicht zeigt

  • Sie zeigt keine Wirkung üblicher oraler Selenpräparate bei gesunden Menschen.
  • Sie liefert keine persönliche Einnahmeregel.
  • Sie ersetzt keine intensivmedizinische Therapieentscheidung.
  • Sie beweist keinen sicheren Überlebensvorteil, weil die positiven Hauptsignale nur niedrige Sicherheit hatten.
  • Sie zeigt keinen gesicherten Vorteil bei Infektionen, Pneumonie, Klinikdauer oder Beatmungsdauer.
  • Sie klärt nicht, welche Selenform, Dosis, Startzeit und Behandlungsdauer im Kliniksetting am besten wären.
  • Sie erlaubt keine Übertragung auf Schwangerschaft, Kinder, Stillzeit oder normale Ernährung.

Fazit

Jaff et al. liefern eine aktuelle Gesamtschau zur parenteralen Selengabe bei kritisch kranken Erwachsenen. Die stärksten Signale betreffen Gesamtmortalität und akutes Nierenversagen, beide jedoch nur mit niedriger Sicherheit. Für 28-Tage-Mortalität, Infektionen, Pneumonie, Aufenthaltsdauer und Beatmungstage fand die Arbeit keinen gesicherten Vorteil. Der Befund bleibt deshalb ein vorsichtiges Kliniksignal, nicht eine allgemeine Aussage für Nahrungsergänzung.

Eingeschlossene Reviews und wichtige Studiengruppen

BereichBeispiele aus der QuelleEinordnung
Frühere Übersichten zur SepsisAlhazzani et al.; Kong et al.; Li et al.teils abweichende Ergebnisse zu Mortalität und Klinikendpunkten
Cochrane-KontextAllingstrup und Afshariältere methodische Vergleichsquelle ohne klaren Nutzen für mehrere Endpunkte
Intensiv- und Sepsis-RCTsSIC, SISPCT und weitere Studienprägen Mortalitäts- und Organendpunkte
Operative und Akutkontexteelektive Herzchirurgie, Trauma, akute Pankreasnekrose, Wiederbelebungzeigen die Breite der Klinikpopulationen
Hochdosis-i.v.-KontexteAnfangsdosen bis 4.000 µg/Tag, Folgedosen bis 1.600 µg/Tagnicht mit oraler Alltagsergänzung gleichzusetzen

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Jaff et al. (2023) untersuchten Selengabe bei kritisch kranken Erwachsenen in einem Umbrella Review.
  • Die Suche lief bis Juli 2022 in PubMed, Scopus und Web of Science.
  • Eingeschlossen wurden systematische Reviews und Meta-Analysen randomisierter kontrollierter Studien.
  • Der Abstract nennt 17 Meta-Analysen mit 24 RCTs; der Ergebnisteil nennt 23 RCTs aus 17 Übersichtsarbeiten.
  • Die untersuchten RCTs betrafen erwachsene Intensivpatientinnen und -patienten in heterogenen Akut- und Operationskontexten.
  • Die Selengabe war parenteral und lag in einem Klinikbereich, nicht im Bereich üblicher oraler Alltagsergänzung.
  • Anfangsdosen reichten von 474 bis 4.000 µg/Tag; Folgedosen reichten bis 1.600 µg/Tag.
  • Für Gesamtmortalität lag die Risikorate bei 0,83; das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 0,71 bis 0,98.
  • Für akutes Nierenversagen lag die Risikorate bei 0,67; das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 0,46 bis 0,98.
  • Beide positiven Signale wurden mit niedriger Sicherheit bewertet.
  • Für 28-Tage-Mortalität, Infektionen, Pneumonie, Intensivdauer, Krankenhausdauer und Beatmungstage fand die Arbeit keinen statistisch gesicherten Vorteil.
  • Nebenwirkungen unterschieden sich insgesamt nicht statistisch gesichert zwischen Selen- und Kontrollgruppen.
  • Die Arbeit stützt keine persönliche Einnahmeregel und keine Übertragung auf gesunde Erwachsene.

Quellen

  1. primary_review
  2. checker_context
  3. pubmed
  4. fulltext