NPC/Clark: Der historische Selenbefund aus der Hautkrebs-Präventionsstudie

Clark et al. (1996) berichteten die Nutritional Prevention of Cancer Study mit 1.312 Personen aus sieben dermatologischen Kliniken im Osten der USA. Die Teilnehmenden hatten eine Vorgeschichte von Basalzell- oder Plattenepithelkarzinomen der Haut. Die Intervention bestand aus 200 µg Selen pro Tag gegenüber Placebo.

Kurzprofil

  • Quelle: Clark et al. (1996). Effects of selenium supplementation for cancer prevention in patients with carcinoma of the skin. A randomized controlled trial. Nutritional Prevention of Cancer Study Group. JAMA. DOI: 10.1001/jama.1996.03540240035027; PMID: 8971064.
  • Studientyp: multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Präventionsstudie.
  • Land/Kontext: sieben dermatologische Kliniken im Osten der USA.
  • Population: 1.312 Personen mit früherem Basalzell- oder Plattenepithelkarzinom der Haut; mittleres Alter 63 Jahre, Spannweite 18 bis 80 Jahre.
  • Selenbezug: 200 µg Selen pro Tag, im NPC-Kontext als Selenhefe eingeordnet, gegenüber Placebo.
  • Zentrale Endpunkte: neue Basalzell- und Plattenepithelkarzinome der Haut als primäre Endpunkte; Gesamtsterblichkeit, Krebssterblichkeit, gesamte Krebsinzidenz sowie Lungen-, Prostata- und Darmkrebs als sekundäre Endpunkte.

Die Nutritional Prevention of Cancer Study war eine frühe Landmark-Studie zur Frage, ob zusätzliche Selenzufuhr Krebsereignisse beeinflussen kann. Ihr wichtigster Befund ist zweigeteilt: Für die ursprünglich geplanten Hautkrebsendpunkte zeigte Selen keinen Schutz. Bei mehreren später definierten sekundären Krebsendpunkten berichtete die Studie dagegen niedrigere Ereignisraten in der Selengruppe. Gerade diese Spannung machte die Studie historisch einflussreich, aber auch erklärungsbedürftig.

Fragestellung

Die Studie sollte klären, ob eine tägliche Selengabe die Krebsinzidenz senken kann. Eingeschlossen wurden Personen mit einer Vorgeschichte von Nicht-Melanom-Hautkrebs. Diese Gruppe hatte bereits ein erhöhtes Risiko für weitere Hauttumoren und war deshalb für eine Präventionsstudie gut beobachtbar.

Die primäre Fragestellung betraf neue Basalzell- und Plattenepithelkarzinome der Haut. Andere Krebsendpunkte wurden als sekundäre Endpunkte ausgewertet. Dazu gehörten Krebssterblichkeit, Krebsinzidenz insgesamt sowie einzelne Krebsarten wie Lungen-, Prostata- und Darmkrebs. Diese Trennung ist wichtig: Ein primärer Endpunkt wird vor allem dafür festgelegt, worauf eine Studie hauptsächlich ausgelegt ist. Sekundäre Endpunkte können wichtige Signale liefern, sind aber anfälliger für Zufallsbefunde und brauchen Bestätigung.

Studiendesign und Methoden

Die Untersuchung war multizentrisch, doppelblind und placebokontrolliert. Die Teilnehmenden wurden zwischen 1983 und 1991 zufällig einer Selengruppe oder einer Placebogruppe zugeteilt. Weder die Teilnehmenden noch das Studienpersonal wussten während der verblindeten Studienphase, wer Selen und wer Placebo erhielt.

Die Intervention bestand aus 200 µg Selen pro Tag. Im späteren NPC- und Review-Kontext wird diese Intervention als Selenhefe beschrieben. Die mittlere Behandlungsdauer lag bei 4,5 Jahren mit einer Standardabweichung von 2,8 Jahren. Die gesamte Nachbeobachtung lag im Mittel bei 6,4 Jahren mit einer Standardabweichung von 2,0 Jahren.

Nach insgesamt 8.271 Personenjahren wurden die Ereignisse zwischen Selen- und Placebogruppe verglichen. Die verblindete Phase wurde vorzeitig beendet, vor allem wegen der berichteten niedrigeren Krebssterblichkeit und niedrigeren gesamten Krebsinzidenz in der Selengruppe.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Randomisiert wurden 1.312 Personen mit früherem Basalzell- oder Plattenepithelkarzinom der Haut. Das mittlere Alter lag bei 63 Jahren. Die Altersspanne reichte von 18 bis 80 Jahren.

Die Studie untersuchte damit keine allgemeine Bevölkerungsgruppe und keine gezielt nach Selenmangel ausgewählte Gruppe. Sie untersuchte Personen mit Hautkrebs-Vorgeschichte in dermatologischer Betreuung. Für Aussagen zu gut versorgten Menschen ohne Krebsanamnese, zu Kindern, zu Schwangerschaft oder zu klinischem Selenmangel ist diese Population nicht direkt geeignet.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Selengruppe erhielt täglich 200 µg Selen. Die Vergleichsgruppe erhielt Placebo. Die geprüfte Menge ist eine Studienexposition und keine Anleitung zur Einnahme.

Im Unterschied zu späteren großen Präventionsstudien wie SELECT war die NPC-Studie nicht auf Prostatakrebs als Hauptziel ausgelegt. Auch die untersuchte Selenform unterscheidet sich von SELECT: NPC wird im späteren Review-Kontext als Selenhefe-Studie eingeordnet, während SELECT L-Selenomethionin verwendete. Dadurch lassen sich beide Studien nicht einfach als identische Wiederholung derselben Intervention lesen.

Ergebnisse

Für die primären Hautkrebsendpunkte zeigte Selen keinen Schutz. In der Selengruppe traten 377 neue Basalzellkarzinome auf, in der Kontrollgruppe 350. Das relative Risiko lag bei 1,10 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,95 bis 1,28. Für Plattenepithelkarzinome wurden 218 neue Fälle in der Selengruppe und 190 in der Kontrollgruppe berichtet. Das relative Risiko lag bei 1,14 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,93 bis 1,39.

Die sekundären Endpunkte zeigten ein anderes Bild. Die Gesamtsterblichkeit war in der Selengruppe niedriger, aber statistisch nicht eindeutig: 108 Todesfälle unter Selen gegenüber 129 unter Placebo, relatives Risiko 0,83, 95-%-Konfidenzintervall 0,63 bis 1,08.

Für Krebssterblichkeit und gesamte Krebsinzidenz berichteten die Autoren deutlichere Unterschiede. In der Selengruppe starben 29 Personen an Krebs, in der Kontrollgruppe 57. Das relative Risiko lag bei 0,50 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,31 bis 0,80. Für gesamte Krebsinzidenz wurden 77 Krebsfälle in der Selengruppe und 119 in der Kontrollgruppe berichtet. Das relative Risiko lag bei 0,63 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,47 bis 0,85.

Die Publikation nennt außerdem niedrigere Inzidenzen von Lungen-, Darm- und Prostatakrebs in den sekundären Analysen. Diese Befunde waren der Grund, warum die Studie lange als Ausgangspunkt einer Selen-Krebspräventionshypothese gelesen wurde.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Publikation berichtet keine Fälle von Selen-Toxizität. Dieser Befund bedeutet, dass in dieser Studie bei der geprüften Menge und Laufzeit keine Selenvergiftungen beobachtet wurden.

Er ersetzt aber keine umfassende Sicherheitsbewertung. Die Studie war in erster Linie auf Krebsendpunkte bei Personen mit Hautkrebs-Vorgeschichte angelegt. Spätere Selenstudien und Sicherheitsbewertungen betrachteten zusätzlich Ausgangsstatus, Selenform, Stoffwechselendpunkte, Haut- und Haarereignisse sowie obere sichere Gesamtaufnahmen.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze liegt in der Trennung zwischen primären und sekundären Endpunkten. Für die primären Hautkrebsendpunkte war der Befund negativ. Die positiven Krebsbefunde betrafen sekundäre Endpunkte. Solche Befunde können echte Signale sein, benötigen aber Bestätigung in Studien, die genau für diese Endpunkte geplant sind.

Eine zweite Grenze betrifft die Population. Die Studie untersuchte Personen mit früherem Nicht-Melanom-Hautkrebs, nicht die Allgemeinbevölkerung. Sie beantwortet auch keine Frage zur Behandlung von Selenmangel.

Eine dritte Grenze betrifft die spätere Forschung. Größere und methodisch stärker auf bestimmte Krebspräventionsfragen zugeschnittene Studien bestätigten keine allgemeine Krebsprävention durch Selen. Der Cochrane Review zu Selen und Krebsprävention ordnete NPC deshalb als historisch wichtiges Signal ein, bewertete die randomisierte Gesamtdatenlage aber nicht als Beleg für eine allgemeine Krebsprävention.

Was die Studie zeigt

Die NPC-Studie zeigt, dass 200 µg/Tag Selen in dieser Population keine neuen Basalzell- oder Plattenepithelkarzinome der Haut verhinderte. Genau das waren die primären Endpunkte.

Sie zeigt außerdem, dass in derselben Studie niedrigere Raten bei mehreren sekundären Krebsendpunkten beobachtet wurden. Diese Befunde erklären, warum Selen in den 1990er- und 2000er-Jahren als mögliche Krebspräventionssubstanz intensiv weiter untersucht wurde.

Was die Studie nicht zeigt

Die Studie zeigt nicht, dass Selen allgemein Krebs verhindert. Sie zeigt auch keine persönliche Einnahmeregel und keine Aussage zur Mangelbehandlung.

Die positiven sekundären Befunde beweisen für sich allein keine verlässliche Präventionswirkung. Sie waren ein wichtiges Forschungssignal, aber keine abgeschlossene Antwort. Spätere große Studien wie SELECT und systematische Übersichten schwächten die allgemeine Präventionshypothese deutlich ab.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Clark et al. (1996) berichteten die Nutritional Prevention of Cancer Study mit 1.312 Personen aus sieben dermatologischen Kliniken im Osten der USA.
  • Die Teilnehmenden hatten eine Vorgeschichte von Basalzell- oder Plattenepithelkarzinomen der Haut.
  • Die Intervention bestand aus 200 µg Selen pro Tag gegenüber Placebo; im NPC-Kontext wird sie als Selenhefe eingeordnet.
  • Die mittlere Behandlungsdauer lag bei 4,5 Jahren, die mittlere gesamte Nachbeobachtung bei 6,4 Jahren.
  • Für Basalzellkarzinome zeigte Selen keinen Schutz: 377 neue Fälle unter Selen gegenüber 350 unter Placebo; relatives Risiko 1,10.
  • Für Plattenepithelkarzinome zeigte Selen ebenfalls keinen Schutz: 218 neue Fälle unter Selen gegenüber 190 unter Placebo; relatives Risiko 1,14.
  • Sekundäre Endpunkte zeigten niedrigere Krebssterblichkeit und niedrigere gesamte Krebsinzidenz in der Selengruppe.
  • Für Krebssterblichkeit lag das relative Risiko bei 0,50; für gesamte Krebsinzidenz bei 0,63.
  • Die Publikation berichtete keine Fälle von Selen-Toxizität.
  • Die positiven Krebsbefunde bleiben historisch wichtig, aber sie waren sekundäre Signale und wurden durch spätere große Studien nicht zu einer allgemeinen Krebspräventionsaussage bestätigt.

Quellen

  1. primary_rct
  2. primary_rct archive