MacFarquhar: Akute Selen-Toxizität durch ein fehldosiertes Supplement

MacFarquhar et al. (2010) untersuchten einen Ausbruch akuter Selenvergiftung nach Einnahme eines fehldosierten flüssigen Nahrungsergänzungsmittels. Das Produkt war mit 200 µg Selen pro 30 ml deklariert, enthielt laut FDA-Testung aber 40.800 µg Selen pro 30 ml. Von 227 identifizierten Konsumenten erfüllten 201 Personen in 10 US-Bundesstaaten die Falldefinition.

Kurzprofil

  • Quelle: MacFarquhar et al. (2010). Acute selenium toxicity associated with a dietary supplement. Archives of Internal Medicine. DOI: 10.1001/archinternmed.2009.495; PMID: 20142570; PMCID: PMC3225252.
  • Studientyp: Ausbruchsuntersuchung mit Fallfindung, Fragebögen, Produktanalyse und Laborwerten bei einer Teilgruppe.
  • Land/Kontext: USA; ein kommerziell vertriebenes flüssiges Nahrungsergänzungsmittel wurde nach einer Fehlformulierung zurückgerufen.
  • Population: 201 Fälle von Selenvergiftung in 10 US-Bundesstaaten; medianes Alter 54 Jahre, Spannweite 4 bis 92 Jahre; 60 % Frauen.
  • Selenbezug: Das Produkt war mit 200 µg Selen pro 30 ml deklariert, enthielt laut FDA-Testung aber 40.800 µg Selen pro 30 ml.
  • Zentrale Endpunkte: Symptome einer akuten Selenvergiftung, Dauer der Beschwerden, Serum- und Urinselen bei kleinen Teilgruppen, Produktkonzentration und Expositionsschätzung.

Fragestellung

Die Untersuchung klärte einen ungewöhnlichen Ausbruch akuter Selenvergiftung. Ausgangspunkt waren Personen mit Magen-Darm-Beschwerden, Haarausfall und Nagelveränderungen, die dasselbe flüssige Nahrungsergänzungsmittel verwendet hatten. Die zentrale Frage war, ob die Erkrankungen durch das Produkt erklärbar waren, wie hoch die tatsächliche Selenexposition war und welche Beschwerden bei den betroffenen Personen auftraten.

Die Arbeit ist keine Prüfung eines üblichen Selenpräparats und keine Bedarfsstudie. Sie beschreibt eine Fehlformulierung, bei der ein Produkt etwa 200-mal mehr Selen enthielt als auf dem Etikett angegeben war.

Studiendesign und Methoden

MacFarquhar et al. definierten einen Fall als Beginn typischer Symptome innerhalb von zwei Wochen nach Einnahme des betroffenen Produkts, das nach dem 1. Januar 2008 gekauft worden war. Als typische Symptome galten unter anderem Haarausfall, Nagelverfärbung oder brüchige Nägel sowie Kombinationen aus Muskel- oder Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, auffälligem Atemgeruch, Müdigkeit, Schwäche, Magen-Darm-Beschwerden oder Hautausschlag.

Die Fallfindung erfolgte über Gesundheitsbehörden, Verkaufslisten, Meldungen nach Rückruf und spontane Berichte an Behörden und Giftinformationsstellen. Betroffene Personen wurden strukturiert telefonisch befragt. Zusätzlich wurden ungefähr 90 Tage nach Symptombeginn Follow-up-Fragebögen in mehreren Bundesstaaten eingesetzt. Für einige Personen lagen Serum- oder Urinmessungen vor. Die FDA untersuchte außerdem das Produkt und die Herstellungswege.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Von 227 identifizierten Konsumenten erfüllten 201 Personen die Falldefinition. Die Erkrankungen traten zwischen Januar und Juni 2008 auf. Ein Teil der Betroffenen hatte bereits medizinische Hilfe gesucht; 118 von 201 Personen, also 59 %, waren in Arztpraxen, Kliniken oder Notaufnahmen gewesen. Eine Person wurde stationär aufgenommen. Todesfälle wurden nicht berichtet.

Das Produkt war als Nahrungsergänzungsmittel für die ganze Familie vermarktet. Die empfohlene Erwachsenendosis lag bei einer Verschlusskappe, also 30 ml pro Tag. Die betroffenen Chargen umfassten 1.200 Flaschen, wurden im September 2007 hergestellt, ab Januar 2008 verteilt und Ende März 2008 freiwillig zurückgerufen.

Intervention, Exposition und Vergleich

Es gab keine geplante Intervention im Studiensinn. Die Exposition entstand unbeabsichtigt durch ein fehlformuliertes Produkt. Das Etikett nannte 200 µg Selen pro 30 ml als Natriumselenit. Die FDA fand jedoch 40.800 µg Selen pro 30 ml. Damit enthielt eine Erwachsenendosis ungefähr das 200-Fache der deklarierten Menge.

Die Autoren schätzten die aufgenommene Selenmenge anhand der berichteten Produktnutzung und der gemessenen Produktkonzentration. Die mediane tägliche Aufnahme lag bei ungefähr 41.700 µg Selen pro Tag. Zum Vergleich nennen die Autoren für Personen ab 14 Jahren eine empfohlene Zufuhr von 55 µg/Tag und eine damalige tolerierbare obere Aufnahmemenge von 400 µg/Tag. Diese Vergleichswerte dienen der Einordnung der Fehlformulierung, nicht als persönliche Einnahmeanweisung.

Ergebnisse

Die häufigsten berichteten Beschwerden waren Durchfall, Müdigkeit, Haarausfall, Gelenkschmerzen, Nagelverfärbung oder brüchige Nägel und Übelkeit. In der Ergebnistabelle wurden Durchfall bei 156 von 201 Fällen angegeben (78 %), Müdigkeit bei 144 Fällen (72 %), Haarausfall bei 140 Fällen (70 %), Gelenkschmerzen bei 135 Fällen (67 %), Nagelveränderungen bei 122 Fällen (61 %) und Übelkeit bei 115 Fällen (57 %). Weitere Symptome waren Kopfschmerzen, Kribbeln, Erbrechen, Fieber und Ataxie.

Die Beschwerden hielten bei einem Teil der Betroffenen lange an. Bei Follow-up-Befragungen mindestens 90 Tage nach Symptombeginn berichteten 52 % der Personen mit entsprechenden Daten weiterhin Nagelverfärbung, brüchige Nägel oder Nagelverlust. Müdigkeit bestand bei 35 % fort, Haarausfall bei 29 %, Gelenkschmerzen bei 26 %, Gedächtnisprobleme bei 22 % und Muskelschmerzen bei 22 %.

Die Laborwerte stützten die Exposition. Acht Personen hatten initiale Serumselenwerte mit einer mittleren Konzentration von 761 µg/L; die Spannweite lag bei 321 bis 1.500 µg/L. Sieben Personen gaben 24-Stunden-Urinproben ab; die initiale mittlere Urinselenmenge lag bei 166 µg/Tag. Die Urinwerte normalisierten sich früher als die Serumwerte. In der kleinen beobachteten Teilgruppe kehrten Urinwerte innerhalb von ein bis zwei Wochen in den Referenzbereich zurück, während Serumwerte ab etwa Woche 6 wieder normal wurden.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der Ausbruch zeigt ein klares Sicherheitsproblem bei einem falsch hergestellten Supplement. Die beobachteten Beschwerden passten zu einer Selenvergiftung: Magen-Darm-Beschwerden, Haarausfall, Nagelveränderungen, Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie neurologische oder sensorische Symptome. Besonders wichtig ist die Dauer einzelner Beschwerden. Haar- und Nagelveränderungen hielten erwartbar länger an, aber auch Müdigkeit, Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie Gedächtnis- oder Stimmungssymptome wurden bei einem Teil der Betroffenen noch nach 90 Tagen berichtet.

Die Daten zeigen zugleich, dass Blut- und Urinwerte nur bei wenigen Personen vorlagen. Sie dokumentieren die starke Überexposition, erlauben aber keine genaue individuelle Vorhersage, welche Person bei welchem Wert welche Beschwerden entwickelt. Die Quelle beschreibt die Episode als öffentliches Gesundheitsereignis, nicht als kontrollierte Dosis-Wirkungs-Studie.

Grenzen der Aussagekraft

Die Untersuchung war eine Ausbruchsuntersuchung nach einer unbeabsichtigten Exposition. Es gab keine randomisierte Kontrollgruppe und keine geplante Verabreichung. Symptome und Produktnutzung wurden über Befragungen erhoben; dadurch sind Erinnerungsfehler möglich. Laborwerte lagen nur für kleine Teilgruppen vor, und die Follow-up-Daten deckten nicht alle Betroffenen ab.

Die Ergebnisse lassen sich nicht auf normale Selenzufuhren aus Lebensmitteln oder auf korrekt hergestellte Produkte übertragen. Sie zeigen auch keine sichere Grenzmenge für alle Menschen. Die untersuchte Exposition lag extrem hoch und entstand durch einen Herstellungsfehler. Deshalb eignet sich die Studie vor allem, um das klinische Bild einer akuten Überexposition durch ein fehldosiertes Produkt zu verstehen.

Was die Studie zeigt

MacFarquhar et al. zeigen, dass ein flüssiges Nahrungsergänzungsmittel mit rund 200-facher Selenkonzentration einen breiten Ausbruch akuter Selenvergiftung verursachte. Die Exposition war hoch genug, um bei vielen Betroffenen typische Beschwerden wie Durchfall, Haarausfall, Nagelveränderungen, Müdigkeit und Gelenkschmerzen auszulösen.

Die Studie zeigt außerdem, dass Beschwerden nach Ende der Exposition lange anhalten können. Besonders Nagelveränderungen, Müdigkeit und Haarausfall blieben bei einem Teil der nachbefragten Personen mindestens 90 Tage bestehen.

Was die Studie nicht zeigt

Die Untersuchung zeigt nicht, dass Selen in üblichen Lebensmittelmengen problematisch wäre. Sie zeigt auch nicht, dass jede Selenzufuhr aus Nahrungsergänzungsmitteln zu Vergiftung führt. Der Befund betrifft ein Produkt, das massiv falsch formuliert war.

Die Studie liefert keine persönliche Einnahmeempfehlung, keine Mangelbehandlung und keine allgemeine sichere Obergrenze. Sie erlaubt auch keine genaue Aussage dazu, welche Selenform oder welche niedrigere Zusatzmenge bei anderen Menschen welche Effekte hätte.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • MacFarquhar et al. (2010) untersuchten einen Ausbruch akuter Selenvergiftung nach Einnahme eines fehldosierten flüssigen Nahrungsergänzungsmittels.
  • Das Produkt war mit 200 µg Selen pro 30 ml deklariert, enthielt laut FDA-Testung aber 40.800 µg Selen pro 30 ml.
  • Von 227 identifizierten Konsumenten erfüllten 201 Personen in 10 US-Bundesstaaten die Falldefinition.
  • Die mediane geschätzte tägliche Selenaufnahme lag bei ungefähr 41.700 µg/Tag.
  • Eine Person wurde stationär aufgenommen; Todesfälle wurden nicht berichtet.
  • Häufige Symptome waren Durchfall, Müdigkeit, Haarausfall, Gelenkschmerzen, Nagelveränderungen und Übelkeit.
  • Bei mindestens 90 Tage nachbefragten Personen hielten Nagelveränderungen, Müdigkeit, Haarausfall, Gelenkschmerzen und weitere Beschwerden teilweise an.
  • Acht Serumselenmessungen und sieben Urinselenmessungen stützten eine starke Überexposition, erlauben aber wegen der kleinen Zahl keine genaue individuelle Vorhersage.
  • Die Studie beschreibt eine extreme Fehlformulierung und lässt sich nicht auf normale Selenmengen aus Lebensmitteln oder korrekt hergestellte Produkte übertragen.

Quellen

  1. primary_source
  2. primary_source Archiv
  3. follow_up_context
  4. follow_up_context Archiv