Selenversorgung in Europa, der Schweiz und Finnland

Stoffaneller & Morse untersuchten Selenaufnahme und Selenstatus in Europa, dem Vereinigten Königreich und dem Middle East. Die Recherche umfasste europäische Daten von Januar 2002 bis November 2014 und Middle-East-Daten von 1990 bis November 2014. Die Datenbasis enthielt 19 europäische/UK-Studien und 15 Middle-East-Untersuchungen zu Aufnahme oder Lebensmittel-/Wasserselen sowie 48 europäische/UK-Studien und 44 Middle-East-Untersuchungen zu Statusmarkern.

Kurzprofil

  • Quelle: Stoffaneller & Morse (2015). A Review of Dietary Selenium Intake and Selenium Status in Europe and the Middle East. Nutrients. DOI: 10.3390/nu7031494; PMID: 25734564; PMCID: PMC4377864.
  • Quellentyp: systematischer Review zu Selenaufnahme und Selenstatus.
  • Land/Kontext: Europa einschließlich Vereinigtes Königreich sowie Middle East; ergänzend Schweizer Biomonitoring und finnisches Selendüngungsprogramm.
  • Wirkstoff: Selen.
  • Datenbasis: Literaturrecherche zu Aufnahme- und Statusdaten; 19 europäische/UK-Studien und 15 Untersuchungen aus dem Middle East zu Aufnahme oder Selenkonzentrationen in Wasser und Lebensmitteln; 48 europäische/UK-Studien und 44 Untersuchungen aus dem Middle East zu Statusmarkern.
  • Zentrale Endpunkte: Selenaufnahme, Serum- und Plasma-Selen, regionale Unterschiede, niedriger Status, vegetarische und vegane Ernährung, Finnland als Public-Health-Sonderfall.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.3390/nu7031494
  • DOI/PMID: 10.3390/nu7031494; PMID 25734564.

Stoffaneller & Morse fassen zusammen, wie unterschiedlich die Selenversorgung innerhalb Europas und im Middle East ausfällt. Der Review zeigt ein klares Muster: Viele Länder liegen bei Aufnahme oder Blutmarkern eher niedrig, aber die Unterschiede zwischen Regionen, Ernährungsmustern und Agrarsystemen sind groß. Die Schweiz und Finnland zeigen, warum nationale Daten wichtig sind: Die Schweiz berichtet in einem neueren Biomonitoring insgesamt stabile Werte, während Finnland seine niedrige Versorgung über die landesweite Zugabe von Selen zu Düngemitteln deutlich verändert hat.

Fragestellung

Die Arbeit wollte klären, welche Daten seit Anfang der 2000er Jahre zur Selenaufnahme und zum Selenstatus in Europa und seit 1990 im Middle East vorliegen. Selen ist ein Spurenelement, dessen Gehalt in Lebensmitteln stark vom Boden, von Tierfütterung, Importen und landwirtschaftlicher Praxis abhängt. Deshalb kann die Versorgung in zwei Ländern mit ähnlicher Ernährung sehr verschieden sein.

Die zentrale Frage war nicht, ob eine einzelne Intervention wirkt. Es ging darum, ob Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Ländern ausreichend mit Selen versorgt erscheinen und welche Marker diese Einschätzung tragen. Besonders relevant sind Serum- oder Plasma-Selenwerte, teils auch Vollblut-Selen, Muttermilch, Nabelschnurblut und Angaben zur Aufnahme über Lebensmittel.

Methodik der Zusammenfassung

Stoffaneller & Morse suchten über PubMed nach englischsprachigen systematischen Reviews, Meta-Analysen, randomisierten Studien, Kohortenstudien, Querschnittsstudien und Fall-Kontroll-Studien. Für Europa und das Vereinigte Königreich wurde der Zeitraum Januar 2002 bis November 2014 betrachtet. Für den Middle East wurde ab 1990 gesucht, weil für diese Region zuvor keine vergleichbare Übersicht vorlag.

Aufgenommen wurden Berichte, wenn sie Daten zur Selenaufnahme oder zum Selenstatus enthielten. Dadurch entstand keine klassische Meta-Analyse mit einem einzigen gepoolten Schätzwert. Stattdessen ordneten die Autoren viele unterschiedliche Messungen nebeneinander ein. Das ist für Selen sinnvoll, weil die Daten aus verschiedenen Ländern, Altersgruppen, Biomarkern und Ernährungserhebungen stammen.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Datenbasis ist breit, aber heterogen. Der Review nennt 19 europäische oder britische Studien und 15 Untersuchungen aus dem Middle East zu Selenaufnahme oder Selengehalten in Wasser und Lebensmitteln. Für Statusmarker wurden 48 europäische oder britische Studien und 44 Untersuchungen aus dem Middle East berücksichtigt.

Die erfassten Gruppen reichten von Kindern und Erwachsenen bis zu Schwangeren, älteren Menschen, Blutspendern und regionalen Spezialgruppen. Die Messwerte waren nicht überall direkt vergleichbar. Manche Arbeiten nutzten Serum, andere Plasma, Vollblut, Muttermilch oder Nabelschnurblut. Außerdem unterscheiden sich die Einheiten, die Laborverfahren und die Frage, ob eine Studie repräsentativ für eine Bevölkerung war.

Einige Werte zeigen die Spannweite gut:

Region oder StudieMarker oder GruppeBerichteter Befund
Spanien, Kinder 8-13 JahreSerum-SelenMittelwert 71,1 µg/L; 13,9 % unter 60 µg/L
Westböhmen, TschechienSerum-Selen55,4 ± 13,8 µg/L
EPIC-Kontrollen, mehrere europäische LänderPlasma-SelenMittelwerte je Land etwa 63,2 bis 76,6 µg/L
Dänemark, ErwachseneSerum-Selen98,7 ± 19,8 µg/L
Finnische junge KohorteSerum-Selen74,3 ± 14,0 µg/L zu Beginn, 106,6 ± 12,5 µg/L sechs Jahre später
Schweiz, BLV 2019Serum-Selen, gesunde Erwachsene98 ± 12 µg/L bei n = 700

Intervention, Exposition und Vergleich

Der Review beschreibt keine zugeteilte Supplementierung. Die Exposition ist die normale Selenaufnahme über Ernährung, Wasser, Lebensmittelimporte und landwirtschaftliche Bedingungen. Damit ist die Quelle besonders für Versorgung und regionale Unterschiede geeignet, aber nicht für direkte Aussagen zu Nutzen oder Schaden einer Einnahme.

Die Schweiz und Finnland ergänzen den Review als zwei unterschiedliche Beispiele für nationale Versorgungslagen. Das BLV-Biomonitoring von 2023 berichtet für die Schweiz eine durchschnittliche Serum-Selenkonzentration von 98 ± 12 µg/L bei 700 gesunden erwachsenen Blutspenderinnen und Blutspendern im Jahr 2019. Zusätzlich wurden 107 vegetarisch oder vegan lebende Erwachsene untersucht. Vegetarisch lebende Personen lagen in Wert und Verteilung ungefähr im Bereich der allgemeinen Schweizer Stichprobe. Bei vegan lebenden Personen war das Profil uneinheitlicher; das BLV beschreibt ohne gezielte Ergänzung ein mögliches Risiko für niedrige Werte.

Finnland ist ein anderer Fall. Dort wurde Selen seit Mitte der 1980er Jahre landesweit Düngemitteln zugesetzt. Alfthan et al. beschreiben dieses Programm als nationale Korrektur einer niedrigen Selenversorgung. Die Maßnahme erhöhte Selengehalte in Lebensmitteln und Futtermitteln und veränderte messbar den Selenstatus der Bevölkerung. Finnland ist deshalb kein normales Vergleichsland, sondern ein Beispiel für Biofortifikation über die Lebensmittelkette.

Ergebnisse

Die wichtigste Aussage von Stoffaneller & Morse lautet: Selenaufnahme und Selenstatus waren in vielen europäischen, britischen und Middle-East-Daten eher niedrig. Besonders Osteuropa zeigte niedrigere Aufnahmen als Westeuropa. Für den Middle East waren die Ergebnisse uneinheitlicher; die Autoren führen das unter anderem auf unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten, Lebensmittelimporte, regionale Verfügbarkeit und soziale Unterschiede zurück.

Der Review bestätigt außerdem, dass einzelne Länder stark vom allgemeinen Muster abweichen können. Finnland war vor der Selendüngung ein Niedrigstatusland. Nach der Einführung selenhaltiger Düngemittel stiegen Lebensmittel- und Serumwerte deutlich. In der im Review genannten finnischen jungen Kohorte stieg der mittlere Serumwert von 74,3 µg/L zu Beginn auf 106,6 µg/L sechs Jahre später. Diese Veränderung passt zur Interpretation, dass das Agrarsystem die Versorgung einer Bevölkerung beeinflussen kann.

Die Schweiz liefert mit den späteren BLV-Daten ein weiteres Gegenbeispiel zu einer pauschalen Unterversorgungsannahme. Die Schweizer Serumwerte von 2019 lagen im Mittel bei 98 µg/L und waren mit früheren Schweizer Untersuchungen aus 1993 und 2006 vergleichbar. Das BLV schätzt die Prävalenz unzureichender Selenzufuhr auf unter 2 % bei Männern und unter 5 % bei Frauen. Gleichzeitig bleibt die vegane Ernährung als mögliche Risikokonstellation sichtbar, weil tierische Lebensmittel in der Schweiz verlässliche Selenquellen sind und pflanzliche Lebensmittel wegen selenarmer Böden stärker schwanken können.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Hauptquelle ist ein Versorgungsreview, keine Sicherheitsbewertung. Sie prüft nicht, welche obere Gesamtaufnahme sicher ist, und sie bewertet keine hoch dosierten Produkte. Deshalb lassen sich aus den Statusdaten keine sicheren Aussagen zu Selenose, oberer Aufnahmemenge oder Produktmengen ableiten.

Trotzdem ist eine vorsichtige Einordnung nötig. Niedrige Statusmarker bedeuten nicht automatisch, dass jede zusätzliche Aufnahme nützt. Umgekehrt zeigen ausreichende Mittelwerte in einem Land nicht, dass jede Einzelperson ausreichend versorgt ist. Bei Selen liegt der sinnvolle Bereich zwischen niedriger Versorgung und Überversorgung; beide Seiten müssen in anderen Quellen getrennt betrachtet werden.

Grenzen der Aussagekraft

Die größte Grenze ist die Heterogenität. Die eingeschlossenen Untersuchungen unterscheiden sich nach Land, Jahr, Marker, Laborverfahren, Alter, Ernährung und Stichprobenauswahl. Deshalb ist der Review besser geeignet, regionale Muster zu zeigen, als exakte Schwellenwerte für einzelne Personen festzulegen.

Eine zweite Grenze betrifft den Bewertungsmaßstab. Es gibt keinen einheitlichen Blutwert, der in allen Ländern und allen Lebensphasen allein beweist, dass die Versorgung optimal ist. Serum- und Plasma-Selen reagieren auf Aufnahme, sind aber nicht identisch mit funktionellen Markern wie Selenoprotein P oder Glutathionperoxidase.

Eine dritte Grenze betrifft Aktualität und Finanzierung. Die Literaturrecherche endet 2014. Neuere nationale Daten wie das Schweizer Biomonitoring von 2019 müssen deshalb ergänzend gelesen werden. Außerdem wurde die Arbeit mit Unterstützung eines Unternehmens erstellt, das selenhaltige Produkte vertreibt; die beschriebenen Literaturdaten bleiben nutzbar, sollten aber sachlich und nicht werblich interpretiert werden.

Was die Quellen zeigen

Die Quellen zeigen, dass Selenversorgung stark regional geprägt ist. Boden, Importmuster, Tierfütterung und landwirtschaftliche Programme können die Aufnahme stärker beeinflussen als eine grobe Einteilung in „Europa“ oder „Middle East“. Stoffaneller & Morse zeigen niedrige oder grenzwertige Muster in vielen Ländern. Das BLV zeigt für die Schweiz im Jahr 2019 insgesamt stabile erwachsene Serumwerte. Alfthan et al. zeigen Finnland als Beispiel dafür, dass eine landesweite Agrarmaßnahme den Selenstatus einer Bevölkerung anheben kann.

Was die Quellen nicht zeigen

Die Quellen zeigen keine persönliche Einnahmeregel und keine Empfehlung zur Supplementierung. Sie zeigen auch nicht, dass Menschen mit ausreichendem Status von zusätzlichem Selen profitieren. Der Review beweist keine Kausalität zwischen bestimmten Blutwerten und späteren Gesundheitsendpunkten. Die Schweizer Daten zeigen keine vollständige Versorgung jeder einzelnen Person, und die Finnland-Daten lassen sich nicht ohne Weiteres auf Länder ohne Selendüngung übertragen.

Fazit

Stoffaneller & Morse machen deutlich, dass Selenversorgung in Europa und im Middle East kein einheitliches Bild ergibt. Viele Daten sprechen für niedrige oder grenzwertige Versorgung, besonders in Regionen mit selenarmen Böden und ohne Ausgleich über Import, Tierfütterung oder Agrarsystem. Die Schweiz zeigt in neueren BLV-Daten insgesamt stabile erwachsene Serumwerte, aber vegan lebende Personen können ohne gezielte Lebensmittelauswahl oder Ergänzung niedrigere Werte haben. Finnland zeigt als Sonderfall, dass Selendüngung die Versorgung einer ganzen Bevölkerung erhöhen kann. Die Einordnung hängt deshalb davon ab, ob allgemeine Länderlagen, bestimmte Ernährungsformen oder gezielte Public-Health-Maßnahmen betrachtet werden.

Berücksichtigte Quellen

  • Stoffaneller, R. & Morse, N. L. (2015). A Review of Dietary Selenium Intake and Selenium Status in Europe and the Middle East. Nutrients, 7(3), 1494-1537. DOI 10.3390/nu7031494. PMID 25734564. PMCID PMC4377864. https://doi.org/10.3390/nu7031494
  • Fragnière Rime, C. (2023). Selen: Status der Schweizer Bevölkerung und Einfluss einer vegetarischen und veganen Ernährung. Schweizer Ernährungsbulletin 2023, Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. https://www.blv.admin.ch/dam/blv/de/dokumente/lebensmittel-und-ernaehrung/ernaehrung/2_selenstatus_und_einfluss_einer_vegetarischen_und_veganen_ernaehrung.pdf.download.pdf/2_DE_Selenstatus_und_Einfluss_einer_vegetarischen_und_veganen_Ernaehrung.pdf
  • Alfthan, G. et al. (2015). Effects of nationwide addition of selenium to fertilizers on foods, and animal and human health in Finland. Nutrients, 7(6), 4464-4477. DOI 10.3390/nu7064464. PMID 24908353. https://doi.org/10.3390/nu7064464

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Stoffaneller & Morse untersuchten Selenaufnahme und Selenstatus in Europa, dem Vereinigten Königreich und dem Middle East.
  • Die Recherche umfasste europäische Daten von Januar 2002 bis November 2014 und Middle-East-Daten von 1990 bis November 2014.
  • Die Datenbasis enthielt 19 europäische/UK-Studien und 15 Middle-East-Untersuchungen zu Aufnahme oder Lebensmittel-/Wasserselen sowie 48 europäische/UK-Studien und 44 Middle-East-Untersuchungen zu Statusmarkern.
  • Der Review beschreibt niedrige oder grenzwertige Selenversorgung in vielen europäischen und Middle-East-Daten.
  • Osteuropäische Länder hatten niedrigere Aufnahmen als westeuropäische Länder.
  • Middle-East-Daten waren uneinheitlich, wahrscheinlich wegen Unterschieden in Ernährung, Importen, regionaler Verfügbarkeit und sozialem Status.
  • Serum- und Plasma-Selenwerte sind nützlich, aber wegen unterschiedlicher Methoden und Stichproben nicht überall direkt vergleichbar.
  • Die Schweiz zeigte im BLV-Biomonitoring 2019 bei 700 gesunden Erwachsenen einen mittleren Serumwert von 98 ± 12 µg/L.
  • Das BLV schätzt unzureichende Selenzufuhr in der Schweizer Allgemeinbevölkerung auf unter 2 % bei Männern und unter 5 % bei Frauen.
  • Vegetarisch lebende Personen lagen in der Schweizer Zusatzstichprobe ungefähr im Bereich der Gesamtbevölkerung; vegan lebende Personen zeigten ein uneinheitlicheres Profil.
  • Finnland erhöhte den Selenstatus über die landesweite Zugabe von Selen zu Düngemitteln.
  • Die Quellen liefern keine persönliche Einnahmeempfehlung und keine Produktbewertung.

Quellen

  1. primary_source
  2. Schweizer Biomonitoring und vegetarisch/vegane Zusatzstichprobe
  3. Finnland als Public-Health-Sonderfall durch Selendüngung