ATBC-Studie 1994: Beta-Carotin und Vitamin E bei männlichen Rauchern

Große finnische RCT mit 29.133 männlichen Rauchern,Vier Arme: Alpha-Tocopherol, Beta-Carotin, Kombination oder Placebo,20 mg Beta-Carotin täglich war mit höherer Lungenkrebsinzidenz verbunden,Beta-Carotin war zudem mit höherer Gesamtmortalität verbunden,Die Quelle grenzt Beta-Carotin als Provitamin-A-Carotinoid von Retinol ab

Die Alpha-Tocopherol-Beta-Carotene-Cancer-Prevention-Studie prüfte, ob eine tägliche Supplementierung mit Alpha-Tocopherol, Beta-Carotin oder beiden Substanzen die Häufigkeit von Lungenkrebs und anderen Krebserkrankungen bei männlichen Rauchern senkt. Für den Vitamin-A-Kontext ist die Studie vor allem deshalb wichtig, weil Beta-Carotin ein Provitamin-A-Carotinoid ist; untersucht wurde aber nicht vorgebildetes Vitamin A wie Retinol.

Hintergrund und Fragestellung

Vor dem Studienstart gab es epidemiologische Hinweise, dass eine Ernährung mit vielen carotinoidreichen Obst- und Gemüsesorten sowie höhere Serumspiegel von Vitamin E und Beta-Carotin mit einem geringeren Lungenkrebsrisiko verbunden sein könnten. Die Studie überführte diese Beobachtung in eine randomisierte Primärpräventionsfrage: Senkt eine isolierte tägliche Gabe von Alpha-Tocopherol, Beta-Carotin oder ihrer Kombination die Inzidenz von Lungenkrebs und anderen Krebserkrankungen bei Rauchern?

Die Fragestellung war damit enger als eine allgemeine Aussage zu Vitamin A aus Lebensmitteln. Sie bezog sich auf eine Hochrisikogruppe, eine feste Supplementform und Krebsendpunkte während mehrjähriger Nachbeobachtung.

Studiendesign

Die Untersuchung war eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Primärpräventionsstudie mit vier Interventionsarmen. Die Teilnehmer wurden einer täglichen Gabe von Alpha-Tocopherol allein, Beta-Carotin allein, beiden Substanzen oder Placebo zugeordnet. Die berichteten Tagesmengen lagen bei 50 mg Alpha-Tocopherol und 20 mg Beta-Carotin.

Die ATBC-Studienseite des National Cancer Institute beschreibt den Zeitraum der Studie von 1985 bis 1993 und eine tägliche Kapseleinnahme über fünf bis acht Jahre. Der veröffentlichte Bericht nennt ebenfalls eine Nachbeobachtung von fünf bis acht Jahren. Der zentrale Endpunkt war die Inzidenz von Lungenkrebs; weitere Krebserkrankungen und Mortalität wurden ebenfalls ausgewertet. Angaben zur genauen Randomisierungssequenz, zu einzelnen Abbruchraten oder zu vollständigen Subgruppenwerten sind in den hier ausgewerteten Angaben nicht verfügbar.

Teilnehmer

Eingeschlossen wurden 29.133 männliche Raucher aus Südwestfinnland im Alter von 50 bis 69 Jahren. Die Studie war damit groß, aber bewusst auf Männer mit aktivem Rauchen begrenzt. Frauen, Nichtraucher, jüngere Personen und Bevölkerungsgruppen ohne vergleichbares Risikoprofil wurden nicht untersucht.

Für die Übertragbarkeit ist diese Eingrenzung entscheidend: Die Ergebnisse beschreiben nicht die Wirkung von Beta-Carotin aus normaler Ernährung und auch nicht die Wirkung von Retinol. Sie beschreiben eine isolierte Beta-Carotin-Gabe in einer älteren männlichen Raucherkohorte.

Ergebnisse

Während der Studie wurden 876 neue Lungenkrebsfälle diagnostiziert. Alpha-Tocopherol senkte die Lungenkrebsinzidenz im Vergleich zu Teilnehmern ohne Alpha-Tocopherol nicht erkennbar; die berichtete Änderung lag bei -2 % mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -14 % bis 12 %.

Für Beta-Carotin zeigte sich kein Schutzsignal. Im Gegenteil berichtete die Studie eine höhere Lungenkrebsinzidenz bei Männern, die Beta-Carotin erhielten, verglichen mit Männern ohne Beta-Carotin. Die Änderung lag bei +18 % mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3 % bis 36 %. Für die Lungenkrebsinzidenz fand die Studie keine relevante Wechselwirkung zwischen Alpha-Tocopherol und Beta-Carotin.

Bei anderen Krebsendpunkten war das Bild nicht einheitlich. Unter Alpha-Tocopherol wurden weniger Prostatakrebsfälle diagnostiziert als ohne Alpha-Tocopherol. Beta-Carotin hatte laut Bericht wenig oder keinen Effekt auf die Inzidenz anderer Krebserkrankungen als Lungenkrebs.

Auch Sicherheits- und Mortalitätsbefunde wurden berichtet. Alpha-Tocopherol zeigte keinen erkennbaren Effekt auf die Gesamtmortalität, allerdings wurden mehr Todesfälle durch hämorrhagischen Schlaganfall bei Männern beobachtet, die Alpha-Tocopherol erhielten. Unter Beta-Carotin lag die Gesamtmortalität um 8 % höher als ohne Beta-Carotin; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 1 % bis 16 %. Der Bericht führt diese Erhöhung vor allem auf mehr Todesfälle durch Lungenkrebs und ischämische Herzkrankheit zurück.

Einordnung und Limitationen

Die Stärke der Studie liegt in ihrem randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Design, der großen Teilnehmerzahl und klinisch harten Endpunkten. Dadurch ist der Befund zu Beta-Carotin bei männlichen Rauchern methodisch deutlich belastbarer als reine Beobachtungsdaten zu carotinoidreicher Ernährung.

Die Studie prüfte jedoch nicht, ob Obst und Gemüse mit vielen Carotinoiden gesundheitsförderlich sind. Sie prüfte auch nicht Retinol, Retinylester oder eine bedarfsgerechte Umwandlung kleinerer Beta-Carotin-Mengen aus Lebensmitteln. Der beobachtete Nachteil bezieht sich auf eine tägliche isolierte Supplementierung mit 20 mg Beta-Carotin in einer spezifischen Raucherpopulation.

Weitere Grenzen ergeben sich aus der Population. Die Teilnehmer waren ausschließlich Männer im Alter von 50 bis 69 Jahren aus Finnland, die rauchten. Aussagen zu Nichtrauchern, Frauen, jüngeren Erwachsenen, Kindern oder Menschen mit Vitamin-A-Mangel lassen sich daraus nicht ableiten. Detailangaben zu einzelnen Ausgangswerten, Einnahmetreue und Auswertungsuntergruppen sind in den hier ausgewerteten Angaben nicht vollständig verfügbar.

Fazit

Die ATBC-Studie fand bei männlichen Rauchern nach fünf bis acht Jahren keine Verringerung der Lungenkrebsinzidenz durch Alpha-Tocopherol oder Beta-Carotin. Für Beta-Carotin zeigte sich stattdessen eine höhere Lungenkrebsinzidenz und eine höhere Gesamtmortalität. Der Befund spricht gegen eine einfache Übertragung günstiger Beobachtungen zu carotinoidreicher Ernährung auf isolierte hochdosierte Beta-Carotin-Supplementierung bei Rauchern.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 29.133 männlichen Rauchern aus Südwestfinnland.
  • Geprüft wurden 50 mg Alpha-Tocopherol pro Tag, 20 mg Beta-Carotin pro Tag, die Kombination oder Placebo über fünf bis acht Jahre.
  • Der zentrale Endpunkt war Lungenkrebs; insgesamt wurden 876 neue Lungenkrebsfälle berichtet.
  • Alpha-Tocopherol senkte die Lungenkrebsinzidenz nicht erkennbar.
  • Beta-Carotin war mit einer höheren Lungenkrebsinzidenz verbunden: +18 % im Vergleich zu Männern ohne Beta-Carotin, 95-%-Konfidenzintervall 3 % bis 36 %.
  • Unter Beta-Carotin war die Gesamtmortalität um 8 % höher, 95-%-Konfidenzintervall 1 % bis 16 %.
  • Die Studie untersuchte Beta-Carotin als Provitamin-A-Carotinoid, nicht Retinol oder andere Formen von vorgebildetem Vitamin A.

Quellen

  1. The ATBC Cancer Prevention Study Group (1994). The effect of vitamin E and beta carotene on the incidence of lung cancer and other cancers in male smokers. New England Journal of Medicine. PMID 8127329. DOI 10.1056/NEJM199404143301501.
  2. DOI 10.1056/NEJM199404143301501
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