Kapitel 10. Vitamin K
Das FAO/WHO-Kapitel von 2002 erklärt Vitamin-K-Funktionen und die Herleitung damaliger Referenzwerte. Es zeigt zugleich, wo Statusmessung und Bedarfsabschätzung unsicher blieben.
Welcher Bericht ist das?
„Vitamin K“ ist Kapitel 10 des Berichts Human Vitamin and Mineral Requirements einer gemeinsamen FAO/WHO-Expertenkonsultation. Das offizielle Inhaltsverzeichnis nennt Rom 2002 als Ausgabe und getrennt davon © FAO 2001. Das Kapitel-PDF umfasst 18 physische Seiten, gedruckt als Seiten 133 bis 150. Es handelt sich um eine historische institutionelle Auswertung von Studien und Daten, nicht um eine neue Einzelstudie oder aktuelle nationale Empfehlung.
Der Bericht fragt, welche Funktionen von Vitamin K gesichert waren, wie es aus Lebensmitteln aufgenommen wird und wie sich ein Bedarf begründen lässt. Seine Zahlen müssen mit dem damaligen Forschungsstand und den jeweils untersuchten Gruppen gelesen werden.
Was war zur Funktion gesichert?
Das Kapitel unterscheidet pflanzliches Phyllochinon (Vitamin K1) und von Bakterien gebildete Menachinone (Vitamin K2). Vitamin K unterstützt die Umwandlung bestimmter Eiweißbausteine, damit Gerinnungsproteine Calcium binden können. Als gesicherte Funktion beschreibt der Bericht die normale Blutgerinnung: Die Leber bildet die Faktoren II, VII, IX und X, aber auch die regulierend gerinnungshemmenden Proteine C und S. Bei ernährungsbedingtem Mangel überwiegt nach dem Bericht dennoch die Blutungsneigung.
Der Vitamin-K-Epoxid-Zyklus führt Vitamin K nach dieser Reaktion in eine wieder nutzbare Form zurück. Cumarin-Antikoagulanzien wie Warfarin greifen in diesen Zyklus ein. Das ist eine wichtige Grenze für pauschale Aussagen zur Sicherheit von Vitamin K.
Außerhalb der Leber nennt das Kapitel Osteocalcin und Matrix-Gla-Protein, unter anderem im Knochen und in Gefäßwänden. Die biologische Rolle von Osteocalcin und ein möglicher Zusammenhang zwischen Vitamin-K-Status und Frakturen waren laut Bericht nicht hinreichend geklärt. Aus der beschriebenen Carboxylierung folgt kein belegter klinischer Knochen- oder Gefäßnutzen von Supplementen.
Was sagen Lebensmittel und Aufnahmeversuche?
Als damalige Gehaltsbereiche nennt das Kapitel meist 400–700 µg Phyllochinon je 100 g grünes Blattgemüse, 50–200 µg je 100 g Soja-, Raps- und Olivenöl sowie 1–10 µg je 100 g Erdnuss-, Mais-, Sonnenblumen- und Distelöl. Langkettige Menachinone werden für tierische Leber und fermentierte Lebensmittel wie Käse oder Natto beschrieben. Ölart, Lagerung und Verarbeitung erschweren die Berechnung aus zusammengesetzten Speisen; dies ist keine Rangliste heutiger Produkte.
Gehalt und Aufnahme sind nicht dasselbe. Für freies Phyllochinon bei gesunden Erwachsenen nennt der Bericht unter bestimmten Bedingungen etwa 80 % Resorption. Für Phyllochinon aus gekochtem Spinat mit Butter schätzt er höchstens 10 %. Die Blattgemüse-Matrix erschwert die Freisetzung; Fett und Gallensalze helfen bei der Aufnahme. Die beiden Prozentwerte stammen aus verschiedenen Versuchsbedingungen und sind keine allgemeinen Quoten für alle Lebensmittel. Auch eine im Bericht beschriebene höhere Verfügbarkeit von MK-4 aus künstlich angereicherter Butter gegenüber Spinat lässt sich nicht auf alle K2-Quellen übertragen.
Darmbakterien bilden ebenfalls Menachinone. Ob und wie viel davon Menschen tatsächlich aufnehmen, blieb im Bericht offen: Die größten gemessenen Mengen lagen im distalen Kolon, wo die Bedingungen für eine Aufnahme ungünstig sein können. Hohe Lebergehalte mancher Menachinone sind nur ein indirekter Herkunftshinweis. Eine gesicherte bedarfsdeckende Eigenversorgung leitete das Kapitel daraus nicht ab.
Die Speicher erscheinen begrenzt. In einem referierten Depletionsversuch fiel Leber-Phyllochinon innerhalb von 3 Tagen auf etwa 25 % des Ausgangswerts. Der Bericht beschreibt in der Leber überwiegend Menachinone, ohne daraus deren proportionalen Beitrag zur Funktion bestimmen zu können. Ausscheidungswerte aus Versuchen mit injiziertem markiertem Phyllochinon sind keine Schätzung der Aufnahme aus einer Mahlzeit.
Woran wurde ein Mangel erkannt?
Herkömmliche Gerinnungstests erfassen ausgeprägten Mangel, reagieren aber spät auf geringere Statusänderungen. PIVKA-II, eine untercarboxylierte Form von Prothrombin, konnte in referierten Versuchen bereits ansteigen, während übliche Gerinnungstests noch unverändert blieben. Bei einer Aufnahme von 2–5 µg Phyllochinon pro Tag über 2 Wochen stieg PIVKA-II, und Plasma-Phyllochinon sank um 70 %. Das ist ein Laborbefund, keine individuelle Blutungsprognose.
Auch die Ausscheidung von Gla, einem Carboxylierungsprodukt, war nicht in allen Studien gleich gerichtet. In einem Versuch mit 32 gesunden jüngeren und älteren Erwachsenen folgten auf 4 Tage mit etwa 80 µg Phyllochinon pro Tag weitere 13 Tage mit etwa 10 µg pro Tag. Gerinnungstests blieben unverändert, PIVKA-II stieg; Harn-Gla sank bei den Jüngeren auf 90 % des Ausgangswerts, bei den Älteren nicht. Die anschließenden Repletionsschritte von 5, 15, 25 und 45 µg je 4-Tage-Intervall sind im Kapitel nicht ausdrücklich als gesamte Tageszufuhr bezeichnet. Ein anderer, gesonderter Versuch senkte die Aufnahme von etwa 80 auf 40 µg pro Tag über 21 Tage und berichtete dagegen erhöhte Harn-Gla-Ausscheidung. Diese Beobachtungen dürfen nicht zu einer einheitlichen Markerrichtung verschmolzen werden.
Eine kurze Crossover-Studie bei jungen Erwachsenen erhöhte Phyllochinon von 100 auf 420 µg pro Tag für 5 Tage. Untercarboxyliertes Osteocalcin lag danach 41 % niedriger, während Gesamt-Osteocalcin unverändert blieb. Ob diese Markeränderung Knochenkrankheiten beeinflusst, beantwortet das Kapitel nicht. Bei Neugeborenen sind Gerinnungsfaktoren zudem altersabhängig schwer zu deuten; PIVKA-II bei normalen funktionellen Faktoren bedeutet laut Bericht weder ein unmittelbares noch ein künftiges Blutungsrisiko für das einzelne Kind.
Wie entstanden die damaligen Referenzwerte?
Die FAO/WHO-Experten hielten als Basis für die Gerinnungsfunktion ungefähr 1 µg Phyllochinon je kg Körpergewicht und Tag bei. Sie sahen keinen ausreichenden Grund, die historischen Referenzwerte wegen der damals unklaren klinischen Bedeutung von Osteocalcin-Markern anzuheben. Für Schwangerschaft und Stillzeit begründeten sie keine abweichenden Werte.
Tabelle 29 nennt als historische RNI der Ausgabe 2002: 5 µg/Tag für 0–6 Monate und 10 µg/Tag für 7–12 Monate; 15, 20 und 25 µg/Tag für 1–3, 4–6 und 7–9 Jahre; 35–55 µg/Tag für 10–18 Jahre; 55 µg/Tag für erwachsene Frauen und 65 µg/Tag für erwachsene Männer, jeweils auch ab 65 Jahren. Für Schwangerschaft und Stillzeit stehen 55 µg/Tag. Das Sternchen bei 0–6 Monaten weist darauf hin, dass ausschließliches Stillen 5 µg/Tag nicht erreicht. Die Autoren nennen die Sicherheit dieses Säuglingswerts selbst ungewiss und vergleichen ihn mit anders hergeleiteten damaligen Werten. Alle Zahlen sind historische Referenzwerte, keine aktuellen persönlichen Ziele oder Dosierungsanweisungen.
Die Aufnahmeerhebungen lieferten nur Kontext: In einer US-Auswertung auf Basis älterer Ernährungsdaten betrug die mittlere Phyllochinonaufnahme bei Frauen von 25–30 Jahren 59 µg/Tag und bei Männern dieses Alters 66 µg/Tag, gegenüber damaligen US-RDA von 65 beziehungsweise 80 µg/Tag. Für Kinder fehlten dem Bericht direkte Studien, die Aufnahme und funktionelle Statusmarker verbanden. Eine beobachtete durchschnittliche Aufnahme allein beweist daher keinen Bedarf.
Warum behandelt das Kapitel Säuglinge besonders?
Der Bericht beschreibt geringe Vitamin-K-Reserven bei Geburt, begrenzten Übergang über die Plazenta und zunächst fehlende bakterielle Menachinone. Für reife Muttermilch nennt er meist 1–4 µg Phyllochinon je Liter, mit großer Streuung. Eine Tabelle vergleicht die untersuchten Ernährungsformen: Bei 12 Wochen betrug die berechnete Aufnahme mit Muttermilch 0,74 µg/Tag, mit angereicherter Formula 55,5 µg/Tag; die Plasmawerte lagen bei 0,2 gegenüber 5,6 µg/l. Auch bei 6 und 26 Wochen blieb die Aufnahme in den untersuchten Stillgruppen unter 1 µg/Tag. Das beschreibt Studienbedingungen, keine Bewertung des Stillens oder Fütterungsanweisung. Einzelne referierte Milchmengen- und Prophylaxieversuche nutzten PIVKA-II und Plasmawerte als Endpunkte, nicht die individuelle Vorhersage einer Blutung.
Tabelle 26 unterscheidet frühe VKDB innerhalb von 0–24 Stunden, häufig bei bestimmten mütterlichen Medikamenten, klassische VKDB nach 1–7 Tagen und späte VKDB nach 1–12 Wochen. Für die Spätform nennt das Kapitel unter anderem Störungen der Fettaufnahme oder Cholestase als mögliche Ursachen; ausschließliches Stillen zusammen mit fehlender Prophylaxe ist ein Risikokontext. Historische Surveillance-Schätzungen ohne Prophylaxe lagen bei 4,4 Fällen je 100.000 Geburten im Vereinigten Königreich, 7,2 je 100.000 in Deutschland und bis 72 je 100.000 in Thailand. In einer Serie von 93 bereits betroffenen thailändischen Säuglingen waren 63 % von Hirnblutungen betroffen; das ist kein Anteil an allen Geburten.
Der Bericht beschreibt die damalige medizinische Prophylaxepraxis, einschließlich einer üblichen intramuskulären Einmalgabe von 1 mg Phyllochinon bei Geburt oder wiederholter oraler Schemata. Er erwähnt gelegentliches Versagen oraler Prophylaxe trotz 2 oder 3 Gaben von je 1 mg, etwa bei eingeschränkter Aufnahme. Diese historischen Schemata sind keine heutige individuelle Anweisung. Eine damalige Krebsassoziation nach intramuskulärer Gabe wurde in den meisten Folgeuntersuchungen nicht bestätigt; das Kapitel bezeichnete die Frage zu diesem Zeitpunkt dennoch als nicht endgültig geklärt.
Sicherheit und offene Fragen
Natürliche, oral zugeführte K-Vitamine erschienen im damaligen Erfahrungsstand frei von toxischen Nebenwirkungen; das Kapitel nennt auch klinische Phyllochinongaben von 10–20 mg oder mehr. Daraus folgt weder unbegrenzte Sicherheit noch ein oberer Grenzwert. Synthetisches Menadion und seine Salze grenzt der Bericht ausdrücklich ab und verknüpft sie mit neonataler Hämolyse und Leberschäden. Unter Cumarin-Antikoagulanzien gelten zusätzliche Wechselwirkungen.
Offen blieben laut FAO/WHO unter anderem die tatsächliche Aufnahme von K1 und K2 aus Lebensmitteln und Darmbakterien, die Bedeutung extrahepatischer Marker sowie die Beziehung zu Knochen- und Herz-Kreislauf-Ergebnissen. Auch Häufigkeit und Prävention von VKDB sollten in verschiedenen Säuglingspopulationen genauer untersucht werden.
Fazit
Das Kapitel begründet die damaligen Vitamin-K-Referenzwerte vor allem mit der gesicherten Gerinnungsfunktion. Es zeigt zugleich, warum Lebensmittelgehalt, Aufnahme, Laborstatus und klinischer Nutzen nicht gleichgesetzt werden dürfen. Seine Werte und Prophylaxebeschreibungen gehören zur Ausgabe von 2002. Aktuelle Grundlagen bietet die Vitamin-K-Übersicht.
Zusätzliche Originalzugänge zum selben Bericht: Das FAO/WHO-Inhaltsverzeichnis belegt die Ausgabe; der Kapitel-PDF-Satz zeigt Tabellen und Einheiten. Bibliografisch gehören beide zum selben Kapitel:
- FAO/WHO Expert Consultation (2002). Chapter 10. Vitamin K. Human Vitamin and Mineral Requirements, Food and Agriculture Organization of the United Nations; World Health Organization.
- FAO/WHO Expert Consultation (2002). Chapter 10. Vitamin K. Human Vitamin and Mineral Requirements, Food and Agriculture Organization of the United Nations; World Health Organization.