Konzepte und Kontroversen bei der Bewertung des Vitamin-K-Status in bevölkerungsbezogenen Studien
Shea und Booth zeigen 2016: Kein einzelner Messwert beschreibt den Vitamin-K-Status zuverlässig. Ernährung, Blut und Proteinmarker liefern jeweils begrenzte Informationen.
Was die Übersicht untersucht
Wie lässt sich die Vitamin-K-Versorgung in Bevölkerungsstudien beurteilen, wenn weder die Ernährung noch ein einzelner Blutwert das ganze Bild liefert? Diese Methodenfrage behandeln M. Kyla Shea und Sarah L. Booth in ihrer am 2. Januar 2016 in Nutrients veröffentlichten Übersicht.
Es handelt sich um einen narrativen Review, nicht um eine Metaanalyse. Die Autorinnen berichten keine reproduzierbare systematische Suche, keinen Studienauswahlfluss und keine eigene statistische Zusammenfassung von Effekten. Sie erläutern Ernährungsbefragungen, zirkulierende Vitamin-K-Formen, Vitamin-K-abhängige Proteine und Urinmarker anhand ausgewählter Humanstudien. Der Artikel ist ein Forschungsüberblick und kein diagnostischer Ratgeber.
Mehrere Tabellenzeilen oder Abbildungen beziehen sich auf dieselben Kohorten. Sie dürfen deshalb nicht als voneinander unabhängige Studien addiert werden. Zudem unterscheiden sich frei lebende Bevölkerungen von klinischen Gruppen, etwa Menschen mit Nierenerkrankungen. Der Wissensartikel zu Vitamin K ergänzt die allgemeinen Grundlagen.
Warum schon die geschätzte Zufuhr unsicher ist
Vitamin K1, auch Phyllochinon, stammt vor allem aus grünem Blattgemüse und bestimmten Pflanzenölen. Vitamin K2 ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Menachinone. MK-7 bis MK-13 sind bakteriellen Ursprungs; MK-4 kann aus K1 oder Menadion entstehen und kommt unter anderem in Fleisch und Milchprodukten vor. Die Strukturabbildung des Reviews stellt K1, MK-4, MK-7 und Menadion gegenüber, begründet aber keine Rangfolge gesundheitlicher Wirkungen.
Fragebögen zur üblichen Verzehrhäufigkeit, kurz FFQs, sind kostengünstig und für Teilnehmende wenig aufwendig. Sie können Menschen nach ihrer geschätzten Zufuhr ordnen. Absolute Mengen einzelner Nährstoffe sind weniger zuverlässig: Erinnerung, Wahrnehmung und eine mögliche Überangabe des Gemüseverzehrs beeinflussen die Ergebnisse. Der Review erörtert dies unter anderem im Vergleich mit fünftägigen Ernährungsprotokollen.
In beschriebenen Kohorten flachte die Beziehung zwischen Fragebogenangaben und K1 im Blut oberhalb einer geschätzten Zufuhr von 200 µg K1 pro Tag ab. Das ist keine nachgewiesene Bedarfs- oder Sättigungsschwelle. Dagegen sprechen auch referierte Supplementierungsdaten: Bei 500 µg K1 pro Tag wurden Blutkonzentrationen über 2,0 nmol K1 pro Liter beschrieben, bei 5.000 µg pro Tag über 20 nmol K1 pro Liter. Diese Mengen dienen hier als methodisches Gegenargument, nicht als Einnahmeempfehlung.
Eine Abbildung mit Ausgangsdaten älterer frei lebender Männer und Frauen zeigt die Markerwerte entlang von zehn Zufuhrgruppen. Verwendet wurden geometrische Mittel, mit Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Körpermasseindex, Energiezufuhr und Jahreszeit; für K1 im Blut zusätzlich der Triglyceride. Der Anteil unvollständig carboxylierten Osteocalcins sank bei höherer geschätzter Zufuhr, während PIVKA-II keine klare Beziehung zeigte. Diese beiden Marker werden unten erklärt. Schon dieses Beispiel zeigt: Verschiedene Messgrößen beantworten unterschiedliche Fragen.
Weshalb K1 und K2 nicht einfach gegeneinander bewertet werden können
Die damaligen US-Datenbanken enthielten MK-4 nur für wenige Fleisch- und Milchprodukte. Auch niederländische Angaben zu einzelnen Menachinonen waren begrenzt. Natto trug in Ostjapan wesentlich zu MK-7 bei; die Annahme eines besonders hohen niederländischen Käsekonsums wurde im angeführten europäischen Vergleich dagegen nicht bestätigt.
In manchen Beobachtungsstudien unterschieden sich höchste und niedrigste Kategorien der gesamten Menachinonzufuhr nur um ungefähr 20 µg pro Tag. Ob diese Differenz einen Schutz bewirkt, bleibt laut Review ungewiss. Eine bessere Übereinstimmung bestimmter K2-Schätzungen mit zwölf Ernährungsrückblicken über jeweils 24 Stunden beweist keine biologische Überlegenheit gegenüber K1. Es fehlte eine Validierung der geschätzten Menachinonzufuhr anhand geeigneter Blutmarker. Andere Käsebestandteile und begleitende Ernährungsgewohnheiten können beobachtete Zusammenhänge mit erklären.
Auch die historischen Referenzwerte lösen diese Unsicherheit nicht. Die Übersicht nennt die US-Werte des Institute of Medicine von 2001: eine angemessene Zufuhr von 90 µg Vitamin K pro Tag für erwachsene Frauen und 120 µg pro Tag für erwachsene Männer, abgeleitet aus medianen NHANES-III-Zufuhren. International genannte Werte lagen laut Review bei 50–120 µg pro Tag. Obwohl nicht ausdrücklich nach K1 und K2 getrennt, beruhten sie praktisch auf K1-Datenbanken. Für eine eigenständige Menachinonempfehlung reichten die Daten nicht aus. Dies beschreibt den damaligen Stand, keine aktuelle persönliche Dosierung.
Was beobachtete Gesundheitszusammenhänge beitragen
Die zusammengetragenen Ernährungsstudien liefern kein einheitliches Wirkungsbild. In Rotterdam und PROSPECT-EPIC war höhere Menachinonzufuhr mit weniger koronarer Erkrankung beziehungsweise Gefäßverkalkung verbunden; K1 zeigte dort keinen Zusammenhang. In den beschriebenen US-Kohorten mit Frauen und Männern verschwand dagegen ein zunächst günstiger K1-Zusammenhang mit koronarer Erkrankung nach Berücksichtigung gesunder Lebensgewohnheiten.
Ein Knochenbeispiel stammt aus der Nurses Health Study mit 72.327 Frauen im Alter von 38–63 Jahren. Für höhere K1-Zufuhrgruppen ab 109 µg pro Tag gegenüber der niedrigeren Referenzgruppe nennt der Review ein relatives Hüftfrakturrisiko von 0,70 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,53–0,93. Diese beobachtete Gruppenbeziehung bestimmt weder einen Bedarf noch eine wirksame Dosis. Andere Knochenbefunde waren uneinheitlich: In Framingham bestand eine Beziehung zur Knochendichte bei Frauen, aber nicht Männern; in Hongkong fehlte eine Frakturbeziehung, in einer dänischen Kohorte eine Beziehung zu Knochendichte oder Fraktur.
Ähnlich unterschiedlich waren weitere Endpunkte. Günstigere K1-Zusammenhänge mit Insulinsensitivität in Framingham und Entzündungswerten in PREDIMED standen fehlenden Entzündungszusammenhängen in MESA gegenüber. Menachinon-Krebsassoziationen in EPIC-Heidelberg lassen sich nicht mit der fehlenden Menachinon-Sterblichkeitsassoziation in PREDIMED zu einem gemeinsamen Ergebnis verrechnen. Es sind verschiedene Populationen und Zielgrößen.
K1 im Blut: messbar, aber abhängig von Mahlzeit und Blutfetten
Empfindliche chromatografische oder massenspektrometrische Verfahren können zirkulierendes K1 bestimmen. Unterschiedliche Trennverfahren und Kalibrierstandards können jedoch abweichende oder fehlerhafte Werte liefern. Der Review fordert deshalb Laborstandardisierung und externe Qualitätssicherung.
K1 wird vorwiegend auf triglyceridreichen Lipoproteinen transportiert, also Fetttransportteilchen im Blut. Nach einer Mahlzeit kann die Konzentration erst nach 6–10 Stunden ihren Gipfel erreichen. Für vergleichbare Forschungsdaten empfehlen die Autorinnen Nüchternproben und die Berücksichtigung der Triglyceride. Cholesterin ist dafür kein gleichwertiger Ersatz.
Das veranschaulichen Ausgangsdaten einer älteren Studienbevölkerung: Die Rangkorrelation von K1 mit Triglyceriden betrug r = 0,29, mit LDL-Cholesterin dagegen r = 0,08 und mit HDL-Cholesterin r = −0,15. Die zugehörigen p-Werte waren kleiner als 0,001, 0,07 und 0,001. K1 und Triglyceride waren für diese Darstellung logarithmisch umgerechnet. Die Beziehungen zu den einzelnen Blutfetten waren also unterschiedlich.
Ein etablierter K1-Grenzwert für unzureichende Versorgung oder Mangel fehlt. Die ungefähr 1,0 nmol K1 pro Liter, die in kontrollierten Fütterungsstudien bei Einhaltung der angemessenen Zufuhr beobachtet wurden, sind kein validierter individueller Schwellenwert für sämtliche Körperfunktionen.
Warum Mittelwerte verschiedener Studien keine Normbereiche ergeben
Tabelle 2 des Reviews betrifft Personen ohne Vitamin-K-Supplemente und mischt Bevölkerungs- und klinische Stichproben. Je nach Fußnote stehen dort Mittelwerte mit Standardabweichung, geometrische Mittel mit einem inneren 95-%-Bereich oder Standardfehler sowie Mediane mit Interquartilsabstand. Diese Angaben sind nicht austauschbar; ein Streuungsbereich ist kein Konfidenzintervall.
Beispielsweise hatten 508 postmenopausale Frauen aus Utrecht, im Mittel 57 Jahre alt bei einer Standardabweichung von 5 Jahren, nicht nüchtern abgegebene Proben. Bei 18 % war K1 nicht nachweisbar. Unter den nachweisbaren Werten betrug der Mittelwert 1,08 nmol K1 pro Liter, die Standardabweichung 1,03 nmol pro Liter. Fehlende Triglyceridwerte erschwerten die Interpretation eines Zusammenhangs mit Koronarkalk.
Bei 385 nüchtern untersuchten britischen Männern ab 65 Jahren lag das geometrische K1-Mittel bei 0,34 nmol pro Liter mit einem inneren 95-%-Bereich von 0,06–1,84 nmol pro Liter. Bei 791 US-Personen im Alter von 70–79 Jahren betrug der Median 0,8 nmol K1 pro Liter, der Interquartilsabstand 0,9 nmol pro Liter; das Tabellenfeld zum Nüchternstatus blieb leer. Daraus entsteht kein allgemeiner Referenzbereich.
Ernährung und Triglyceride erklären zudem nicht alle Unterschiede. Der Review diskutiert Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen und noch ungesicherte genetische Kandidaten. Eine einmalige Messung bildet langfristige Versorgung nur begrenzt ab.
Menachinone im Blut: Nichtnachweis ist kein Mangelnachweis
Ohne Supplemente oder größere Mengen menaquinonreicher Lebensmittel sind Menachinone im Blut häufig nicht nachweisbar. Das hängt auch von der Empfindlichkeit der Messung ab und beweist keinen K2-Mangel.
Ein Beispiel verdeutlicht zugleich eine Unstimmigkeit im Original: Für Frauen aus Nagano nennt der Fließtext einen mittleren MK-4-Wert von 0,2 nmol pro Liter und bei mehr als 50 % nicht nachweisbares MK-4. Tabelle 2 berichtet für nüchterne Teilgruppen dagegen:
| Nagano-Gruppe | MK-4, Mittelwert ± Standardabweichung | MK-7, Mittelwert ± Standardabweichung |
|---|---|---|
| 52 prämenopausale Frauen, 30–49 Jahre | 0,03 ± 0,06 nmol MK-4 pro Liter | 2,23 ± 3,12 nmol MK-7 pro Liter |
| 344 postmenopausale Frauen, 50–80 Jahre | 0,05 ± 0,08 nmol MK-4 pro Liter | 3,04 ± 4,32 nmol MK-7 pro Liter |
Die abweichenden MK-4-Angaben werden hier nicht vereinheitlicht. Die Tabellenfußnote verwendet außerdem die Originalkonvention, Angaben in ng/mL mit 2,22 in nmol/L umzurechnen; daraus wird kein universell gültiger Umrechnungsfaktor für sämtliche Menachinone abgeleitet. Der Text beschreibt auch MK-7-Werte über 10 nmol pro Liter und vermutet Natto als Erklärung. Das ist kein Gesamtmittel über 10 nmol pro Liter.
In weiteren Untersuchungen wurde MK-4 bei einer Nachweisgrenze von ungefähr 0,1 ng pro Milliliter nur bei 10 % von 105 postmenopausalen Frauen aus Japan oder Großbritannien gefunden. Unter 440 kanadischen Frauen mit Osteopenie war es bei keiner nachweisbar, obwohl die Hälfte täglich 5 mg K1 erhielt. Der Review bezeichnet einen Teil dieser Messungen als unveröffentlichte Daten. Auch dieses Beispiel widerlegt die einfache Gleichsetzung von Nichtnachweis und fehlender Versorgung.
Besonders kritisch beurteilen die Autorinnen ungewöhnliche italienische Menachinonnachweise. Für 387 nüchterne Hämodialysepatienten nennt die Tabelle MK-5 von 0,45 ± 0,35 nmol pro Liter, für 62 gesunde Kontrollen 0,58 ± 0,50 nmol pro Liter, jeweils Mittelwert und Standardabweichung ohne K-Supplemente. Niedrigere MK-4- und MK-7-Werte waren dort mit mehr Verkalkung bestimmter Gefäßabschnitte verbunden, niedriges MK-5 dagegen mit weniger abdominaler Aortenverkalkung. Der Review bezweifelt die Validität insbesondere des ungewöhnlichen MK-5-Nachweises und verlangt unabhängige Wiederholung. Diese Befunde erlauben keine gesicherte Deutung zirkulierender Menachinone als allgemeine Statusmarker.
Gerinnungsmarker: empfindlich für starken Mangel, weniger für übliche Zufuhr
Vitamin K ermöglicht die Carboxylierung bestimmter Proteine, eine chemische Veränderung, die für ihre Funktion wichtig ist. Bei unvollständiger Carboxylierung spricht man von untercarboxylierten Proteinen.
Die Prothrombinzeit und ihr standardisierter Ausdruck INR erfassen die Blutgerinnung. Sie können bei klinischem Vitamin-K-Mangel auffällig werden, sind aber unspezifisch und reagieren auf weniger ausgeprägte Statusunterschiede wenig empfindlich. Bei allgemein gesunden Erwachsenen bilden sie die übliche Zufuhr deshalb nicht ausreichend ab.
PIVKA-II ist untercarboxyliertes Prothrombin. Es reagiert auf experimentell verminderte Vitamin-K-Zufuhr und auf Warfarin. Handelsübliche Messverfahren unterscheiden normale Zufuhrmengen jedoch nur schlecht. Als besonderen Kontext diskutiert der Review chronische Nierenerkrankungen, bei denen häufig niedriger Vitamin-K-Status berichtet wird: PIVKA-II werde durch die eingeschränkte Nierenfunktion selbst nicht beeinflusst. Das ist kein Beleg für ein allgemeines Screeningverfahren.
Warfarin und andere Vitamin-K-Antagonisten vermindern die Carboxylierung; untercarboxylierte Anteile steigen. Der Methodenreview begründet daraus keine Änderung einer Behandlung und keine individuelle Einnahmeempfehlung.
Osteocalcin: der Bezug zur Gesamtmenge ist entscheidend
Osteocalcin, kurz OC, entsteht bei der Knochenbildung. Seine untercarboxylierte Form heißt ucOC. Eine absolute ucOC-Konzentration hängt daher sowohl vom Vitamin-K-Status als auch davon ab, wie viel Osteocalcin insgesamt gebildet wird.
Bei einem Hydroxyapatit-Bindungstest soll ucOC als Prozent des gesamten Osteocalcins angegeben werden: %ucOC. Bei direkten Immunoassays empfehlen die Autorinnen dagegen das Verhältnis von ucOC zu carboxyliertem OC. Auch massenspektrometrische Verfahren können relative Varianten erfassen. Diese Messgrößen und ihre Nenner dürfen nicht verwechselt werden.
Eine zweite Originalunterschiedlichkeit betrifft genau diesen Zusammenhang. Abschnitt 3.2 nennt für absolutes ucOC und Gesamt-OC eine Korrelation von r = 0,78. Tabelle 3 ordnet demselben Paar bei 443 überwiegend weißen älteren Personen jedoch Pearson-r = 0,84 zu. Der Tabellenwert r = 0,78 gehört dort zum Paar absolutes ucOC und %ucOC; beide Tabellenbeziehungen haben p < 0,001. Die unterschiedlichen Zuordnungen bleiben getrennt erhalten. Keine der beiden Zahlen wird stillschweigend korrigiert.
Bei eingeschränkter Vitamin-K-Zufuhr steigt der untercarboxylierte Anteil, nach Supplementierung fällt er – auch wenn die Gerinnung zuvor ausreichend war. Einige Beobachtungsstudien verbanden niedrigeres %ucOC mit höherer Knochendichte oder weniger Hüftfrakturen. Randomisierte Versuche ergaben aber unterschiedliche Knochenresultate, obwohl sie %ucOC wirksam senkten. Eine Markerverbesserung ist somit kein gesicherter Nachweis eines Knochennutzens.
Eine weitere Kontroverse betrifft die Vorstellung, ucOC könne Glukoseregulation und Insulinsensitivität fördern. Diese Hypothese stammt aus Mausmodellen. Viele Humanstudien berücksichtigten Gesamt-OC nicht ausreichend. Ähnliche Zusammenhänge für Gesamt-OC und ucOC erlauben deshalb nicht den Schluss, dass Vitamin-K-bedingte Carboxylierung dem Stoffwechsel schade.
Matrix-Gla-Protein: vier Messgrößen mit unterschiedlichen Aussagen
Matrix-Gla-Protein, kurz MGP, wird sowohl carboxyliert als auch phosphoryliert. Bei der zweiten Veränderung werden Phosphatgruppen angefügt. Der Review unterscheidet vier Messgrößen:
- Gesamt-MGP: die insgesamt erfasste Proteinmenge.
- Gesamt-ucMGP: die insgesamt erfassten untercarboxylierten Formen.
- dp-ucMGP: dephosphoryliertes und untercarboxyliertes MGP, also ohne die entsprechenden Phosphatgruppen und ohne vollständige Carboxylierung.
- dp-cMGP: dephosphoryliertes, aber carboxyliertes MGP.
Unter den damals betrachteten Verfahren reagierte laut Übersicht nur dp-ucMGP auf Vitamin-K-Supplementierung. Die Beziehung zwischen Fragebogen-Zufuhr und diesem Marker flachte bei etwa 100–150 µg Vitamin K pro Tag ab. Auch hier halten die Autorinnen eine Grenze der Ernährungserfassung für möglich; sie definieren damit keine klinische Bedarfsschwelle.
Die Konzentration hängt außerdem von der Gesamt-MGP-Menge ab. Diese kann mit dem Alter unabhängig von der Vitamin-K-Zufuhr steigen. Verkalkung und Belastung des Herzens können die Proteinsynthese fördern. Ein hoher Wert kann daher auch Folge einer Erkrankung sein, statt deren Ursache.
In einer nachträglichen Auswertung einer dreijährigen K1-Studie sank dp-ucMGP, ohne dass seine Änderung mit der Veränderung des Koronarkalks zusammenhing. Für eine MK-7-Studie berichtet der Review günstigere Werte sowohl für Gefäßsteifigkeit als auch dp-ucMGP, aber keine Korrelation ihrer Änderungen. Eine Abnahme von dp-ucMGP ist damit nicht als allgemeiner Ersatz für einen klinischen Nutzen validiert.
Was die ergänzende Tabelle S1 zeigt
Der Anhang gehört zur gleichen Publikation, obwohl sein Titel „Estimating“ statt „Evaluating“ verwendet. Er trennt die vier MGP-Messgrößen in eigenen Spalten. „NM“ bedeutet nicht gemessen; leere Felder bedeuten keinen nachgewiesenen Nullbefund. Die Ergebnisse sind nach Proteinform, Erkrankung und Studienart zu lesen:
- Gesamt-MGP: Höhere Werte wurden bei fortgeschrittener Herz-Kreislauf-Erkrankung und Typ-1-Diabetes beschrieben. In einer anderen Stichprobe mit koronarer Erkrankung bestand dagegen ein inverser Zusammenhang mit Koronarkalk. Das sind keine dp-ucMGP-Befunde.
- Gesamt-ucMGP: Mehrere klinische Berichte fanden niedrigere Werte bei Hämodialyse oder inverse Beziehungen zu Koronarkalk und Gefäßsteifigkeit. Bei stabiler Herz-Kreislauf-Erkrankung war die Beziehung zur Mitralklappenverkalkung mit Typ-2-Diabetes positiv, ohne Diabetes invers. Bei 518 EPIC-Netherlands-Teilnehmenden mit Typ-2-Diabetes ordnet S1 höhere Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, periphere arterielle Erkrankungen und Herzinsuffizienz ausdrücklich Gesamt-ucMGP zu; für dp-ucMGP und dp-cMGP nennt dieselbe Zeile keine entsprechende Assoziation.
- dp-ucMGP in klinischen Gruppen: Bei chronischer Nierenerkrankung, Aortenstenose und Herzinsuffizienz finden sich teilweise positive Beziehungen zu Schweregrad oder Sterblichkeit. In einer Hämodialysezeile fehlte dagegen eine Beziehung zu Verkalkung und Sterblichkeit; dort war dp-cMGP invers mit diesen Endpunkten verbunden. Die Zeilen zu Aortenstenose und Herzinsuffizienz tragen im Original denselben Literaturverweis und werden hier nicht eigenständig neu zugeordnet.
- dp-ucMGP in Bevölkerungsstudien: Bei 438 frei lebenden Erwachsenen und 200 gesunden postmenopausalen PROSPECT-Frauen bestand keine Beziehung zu Koronarkalk, bei 2.940 EPIC-Netherlands-Teilnehmenden keine zu koronarer Erkrankung oder Schlaganfall. Andere Berichte fanden positive Beziehungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankung in LASA, Sterblichkeit nach Herzinfarkt, Gefäßsteifigkeit in post-MONICA und SKIPOGH sowie einem Maß des renalen Gefäßwiderstands in SKIPOGH. In FLAMENGHO war dp-ucMGP positiv mit kardiovaskulärer Sterblichkeit, aber invers mit koronaren Ereignissen verbunden.
- dp-cMGP: Inverse Beziehungen zu Koronarkalk bei gesunden PROSPECT-Frauen und zur Gefäßwanddicke bei Frauen mit Karotisstenose standen einer positiven Beziehung zur kardiovaskulären und gesamten Sterblichkeit nach Herzinfarkt gegenüber.
Diese Mischung aus Querschnitts- und Verlaufsstudien, klinischen und frei lebenden Gruppen zeigt keine einheitliche, populationsunabhängige Risikoskala. Wiederholt aufgeführte Kohorten sind zudem keine unabhängigen Bestätigungen.
Was Urinmarker ergänzen können
Gamma-Carboxyglutaminsäure, kurz Gla, im Urin spiegelt den Umsatz sämtlicher Vitamin-K-abhängigen Proteine wider. Sie ist damit nicht gewebespezifisch. Manche Untersuchungen mit eingeschränkter Zufuhr fanden eine sinkende Ausscheidung, andere nicht.
Weitere Marker sind wasserlösliche Abbauprodukte mit fünf- oder siebenkohlenstoffhaltigen Seitenketten. Ihre Ausscheidung steigt bei Supplementierung oder Wiederzufuhr und sinkt bei eingeschränkter Zufuhr. Menadion im Urin wird als mögliches Zwischenprodukt des Umbaus von K1 zu MK-4 diskutiert und reagierte stärker als Urin-Gla.
Idealerweise benötigen diese Verfahren eine 24-Stunden-Urinsammlung. Das erschwert große Bevölkerungs- und Klinikstudien. Den Autorinnen waren keine Untersuchungen bekannt, die diese Urinmarker mit den diskutierten Gesundheitsendpunkten verknüpften. Eine Reaktion auf Zufuhr ist auch hier kein validierter gesundheitlicher Zielwert.
Warum mehrere Marker zusammen aussagekräftiger sein können
Die Beziehungen zwischen Zufuhr und Markern waren oft schwach. Tabelle 3 umfasst 443 überwiegend weiße ältere frei lebende Erwachsene, für Zufuhranalysen 438 Personen. K1-Zufuhr, K1 im Plasma und dp-ucMGP waren logarithmisch umgerechnet; nur ausdrücklich gekennzeichnete Beziehungen wurden für Triglyceride korrigiert.
Die Pearson-Korrelation der K1-Zufuhr mit K1 im Plasma betrug nach Triglyceridkorrektur r = 0,17, mit %ucOC r = −0,14 und mit PIVKA-II r = −0,05. Die p-Werte lagen bei < 0,001, 0,003 und 0,30. Zwischen den Markern waren die Zusammenhänge ebenfalls begrenzt: Plasma-K1 und dp-ucMGP korrelierten mit r = −0,32, %ucOC und dp-ucMGP mit r = 0,26, Gesamt-MGP und dp-ucMGP mit r = 0,29, jeweils p < 0,001. Diese drei Tabellenzellen sind nicht als triglyceridadjustiert gekennzeichnet.
Eine Supplementierungsstudie zeigt hingegen deutliche Reaktionen auf veränderte Zufuhr: 229 überwiegend weiße frei lebende Personen im Alter von 65–80 Jahren erhielten drei Jahre lang 500 µg K1 pro Tag, 223 erhielten Placebo. K1 im Plasma stieg laut Review um mehr als 100 % gegenüber dem Ausgangswert; %ucOC, absolutes ucOC und dp-ucMGP sanken um 50–80 %. Für die Gruppenunterschiede der Änderungen nennt die Abbildung jeweils p < 0,01, für Gesamt-OC p = 0,71. K1 und dp-ucMGP werden dabei als Median mit Interquartilsabstand dargestellt, die übrigen Marker als Mittelwert mit Standardabweichung.
Gesamt-MGP nahm unter Placebo um 3,5 % ab und unter K1 um 3,5 % zu; für den Unterschied der Änderungen wird p = 0,02 genannt. Die biologische Bedeutung bleibt unklar. Diese Markerantworten belegen keine allgemeine Hochdosissicherheit, keine obere sichere Zufuhrgrenze und für sich genommen keinen gesundheitlichen Nutzen.
Auch Beziehungen zwischen Markern müssen nicht in jeder Bevölkerung gleich sein. In einer weiteren Kohorte mit Menschen von 70–79 Jahren betrug die triglyceridadjustierte Korrelation zwischen K1 und dp-ucMGP bei 507 im Original als schwarz bezeichneten Personen r = −0,08 (p = 0,10), bei 570 als weiß bezeichneten Personen r = −0,21 (p < 0,001). Das belegt keine identische Beziehung über diese Gruppen hinweg und keine genetische Ursache der Unterschiede.
Konsequenz für die Forschung
Shea und Booth schlagen vor, zirkulierendes K1, bei Nachweisbarkeit Menachinone und einen geeigneten untercarboxylierten Marker außerhalb des Gerinnungssystems gemeinsam zu betrachten. Dabei sind Triglyceride und gegebenenfalls die Gesamtmenge des gemessenen Proteins zu berücksichtigen. Ein einzelner Goldstandard oder ein individueller Diagnosealgorithmus ergibt sich daraus nicht.
Die Markerwahl muss zur Forschungsfrage, Population, Erkrankung und zum verfügbaren Probenvolumen passen. Nüchternstatus, zeitliche Schwankungen, wiederholte Messungen und standardisierte Laborqualität sind wesentlich. Der narrative Auswahlrahmen und die heterogenen Studien begrenzen außerdem, wie vollständig und allgemein die Übersicht den damaligen Forschungsstand abbildet.
Finanzierung und weitere Originalzugänge
Die Arbeit wurde durch den Agricultural Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums, die US-Institute für Altern, Herz-Lungen-Blut-Forschung sowie Arthritis und Erkrankungen von Bewegungsapparat und Haut und die Arthritis Foundation unterstützt. Die Autorinnen erklärten keine Interessenkonflikte.
Der freie Hauptartikel ist im Quellenabschnitt verlinkt. Weitere Zugänge derselben Publikation sind:
- DOI: Shea und Booth (2016). Concepts and Controversies in Evaluating Vitamin K Status in Population-Based Studies. Nutrients. DOI: 10.3390/nu8010008. PMID: 26729160.
- Ergänzende Tabelle S1: Shea und Booth (2016). Concepts and Controversies in Evaluating Vitamin K Status in Population-Based Studies. Nutrients. DOI: 10.3390/nu8010008. PMID: 26729160.
Fazit
Der Review beschreibt Vitamin-K-Status als mehrdimensionale Forschungsfrage. Ernährungsangaben, Blutkonzentrationen und Proteinmarker liefern ergänzende Informationen, die von Messverfahren, Zeitpunkt und Population abhängen. Weder ein einzelner niedriger Wert noch eine günstige Veränderung nach Supplementierung ist automatisch ein Mangel- oder Nutzennachweis. Die Kontroversen um Menachinonnachweise, Osteocalcin und MGP sowie die beiden Zahlenwidersprüche im Original bleiben deshalb für die Interpretation wesentlich.