ANSES: Jodrisiko durch Algen in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln
Die ANSES-Stellungnahme von 2018 bewertet das Risiko einer zu hohen Jodaufnahme aus Algen in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln. Die Quelle ist eine behördliche Risikobewertung und keine neu rekrutierte klinische Studie. Die Quelle wurde als Opinion zu Request No 2017-SA-0086 veröffentlicht.
Kurzprofil
- Quelle: French Agency for Food, Environmental and Occupational Health & Safety (ANSES) (2018). Opinion on the risk of excess iodine intake from the consumption of seaweed in foodstuffs.
- Quellentyp: behördliche Risikobewertung.
- Land/Kontext: Frankreich; Lebensmittel, angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel mit Algen.
- Wirkstoff: Jod.
- Bezugsgruppen: allgemeine Bevölkerung, regelmäßige Algenkonsumenten, Nutzer von algenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln, Schwangere, Stillende, Kinder und Personen mit bestimmten gesundheitlichen Risikolagen.
- Zentrale Endpunkte: Jodgehalt von Algen, Überschreitung oberer Aufnahmewerte, Schilddrüsenrisiken, Produktkennzeichnung, Meldungen unerwünschter Wirkungen und Datenlücken zur tatsächlichen Exposition.
- Originalquelle: https://www.anses.fr/en/system/files/NUT2017SA0086EN.pdf
- ANSES-Seite zur Quelle: https://www.anses.fr/en/content/opinion-anses-risk-excess-iodine-intake-consumption-seaweed-foodstuffs
- DOI/PMID: nicht verfügbar.
- Volltextstatus: offizielles ANSES-PDF verfügbar.
Die ANSES-Stellungnahme vom 25. Juni 2018 bewertet, ob Algen in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln zu einer zu hohen Jodaufnahme beitragen können. Die Quelle behandelt keine klinische Wirksamkeit von Jod und keine persönliche Einnahmeentscheidung. Sie beschreibt einen behördlichen Risikorahmen für ein Lebensmittelthema, bei dem der Jodgehalt je nach Algenart, Herkunft, Verarbeitung und Produktform stark schwanken kann.
Fragestellung
ANSES prüfte, ob der Verzehr von Algenprodukten in Frankreich das Risiko einer Jodüberversorgung erhöht. Gemeint sind Algen als Lebensmittel, Lebensmittelzutat, angereichertes Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Hintergrund war die französische Pflanzenverordnung, in der mehrere Algen, Mikroalgen und halophile Pflanzen für Nahrungsergänzungsmittel gelistet sind.
Die Fragestellung ist bei Jod ungewöhnlich eng: Algen können Jod liefern, aber sie können es auch stark konzentrieren. Deshalb kann ein Produkt je nach Art und Verarbeitung sehr unterschiedliche Mengen enthalten. ANSES trennt diese Risikofrage vom üblichen Bedarfskontext. Die Quelle bewertet also nicht, ob Jod wichtig ist, sondern ob bestimmte Algenprodukte zu viel Jod beitragen können.
Studiendesign und Methoden
Die Quelle ist keine Interventionsstudie. Sie ist eine behördliche Bewertung, die Fachliteratur, französische Verbrauchsdaten, regulatorische Grenzwerte, Produktkontexte und Meldungen unerwünschter Wirkungen zusammenführt.
Die Bewertung wurde nach dem französischen Standard NF X 50-110 für Fachgutachten durchgeführt. Beteiligt waren eine Arbeitsgruppe zu Pflanzen und ein Expertenkomitee für Humanernährung. Die methodischen und wissenschaftlichen Punkte wurden Anfang 2018 im Komitee vorgestellt; die Stellungnahme wurde im März 2018 angenommen.
ANSES berücksichtigte außerdem das eigene Nutrivigilance-System. Dieses System sammelt Meldungen zu möglichen unerwünschten Wirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln und bestimmten Lebensmitteln. Solche Meldungen beweisen allein keine Ursache, können aber Hinweise auf Risiken geben, die bei Produktgruppen genauer betrachtet werden müssen.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Die Quelle rekrutierte keine eigenen Studienteilnehmer. Sie nutzte vorhandene Daten zu Algenverzehr, Jodaufnahme und Produktmärkten.
| Datenbereich | Rolle in der Bewertung | Kernaussage laut Quelle |
|---|---|---|
| französische Algenproduktion und Markt | Einordnung der möglichen Exposition | Frankreich produziert 40.000 bis 70.000 Tonnen frische Algen pro Jahr; nur ein kleiner Anteil ist für den direkten menschlichen Verzehr bestimmt |
| IDEALG-Erhebung mit 825 Personen in Frankreich | Beschreibung des Algenverzehrs | 58 % verzehrten mindestens einmal jährlich essbare Algen; 20 % mindestens monatlich; 9 % mindestens wöchentlich |
| INCA-3-Daten | Hintergrund zur Jodaufnahme | durchschnittliche Jodaufnahme: 148 µg/Tag bei Erwachsenen, 115,7 µg/Tag bei Kindern von 0 bis 10 Jahren und 135 µg/Tag bei Jugendlichen von 11 bis 17 Jahren |
| Produkt- und Pflanzenkontext | Prüfung von Algen in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln | botanische Identität, Herkunft, Verarbeitung und Jodgehalt sind bei algenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln oft nicht ausreichend klar |
| Meldedaten aus Frankreich, Kroatien und Deutschland | Hinweise auf mögliche unerwünschte Wirkungen | Fallmeldungen betrafen unter anderem Schilddrüsenstörungen, TSH-Anstieg, Bauchschmerzen und allergische Reaktionen; die Kausalität war häufig nicht sicher zuzuordnen |
ANSES betont, dass der französische Durchschnittsverzehr deutlich unter traditionellen Hochverzehrmustern in Teilen Asiens liegt. Gleichzeitig beschreibt die Quelle einen wachsenden Markt für Algenprodukte, darunter Konserven, Tartares, Gewürze, Kräutertees, Gebäck, Getränke und Nahrungsergänzungsmittel.
Intervention, Exposition und Vergleich
Die Bewertung betrachtet keine kontrollierte Einnahme. Die Exposition entsteht durch Lebensmittel oder Produkte, die Algen enthalten. Besonders wichtig sind getrocknete Algen, braune Algen und algenhaltige Nahrungsergänzungsmittel.
ANSES beschreibt braune Makroalgen als die Algen mit den höchsten Jodkonzentrationen. In der Quelle werden für braune Algen Werte genannt, die 10.000 µg Jod pro Gramm Trockengewicht überschreiten können. Rote Algen liegen nach der Quelle meist unter 1.000 µg/g Trockengewicht, grüne Algen unter 100 µg/g Trockengewicht. Besonders Laminaria-Arten werden als stark jodkonzentrierend beschrieben.
Als Vergleichsrahmen nutzt die Quelle mehrere Werte. Die Stellungnahme von 2018 nennt für Frankreich eine maximale tägliche Jodaufnahme aus Nahrungsergänzungsmitteln von 150 µg. Auf europäischer Ebene verweist ANSES auf den EFSA-UL von 600 µg Jod pro Tag für Erwachsene. Für essbare Algen wird außerdem ein französischer Schwellenwert von 2.000 mg Jod pro kg Trockengewicht beschrieben, während die Quelle die deutsche Schwelle mit 20 mg Jod pro kg Frischgewicht beziehungsweise etwa 400 mg/kg Trockengewicht vergleicht.
Ergebnisse
ANSES bewertet das Risiko nicht als Problem des normalen gelegentlichen Algenverzehrs der Mehrheit in Frankreich. Für die meisten Menschen in Frankreich sei eine chronische Überjodierung aus dem damaligen Algenverzehr eher nicht zu erwarten. Diese Einschätzung hängt aber am damals beobachteten Verzehrsmuster und nicht an einer grundsätzlichen Entwarnung für alle Produktformen.
Der wichtigste Befund ist die starke Schwankung des Jodgehalts. Algenart, Standort, Produktionsbedingungen, Entwicklungsstadium, Verarbeitung, Zubereitung und Produktform können die Jodmenge stark verändern. Dadurch kann dieselbe grobe Produktgruppe sehr unterschiedliche Beiträge zur Jodaufnahme liefern.
Ein zweiter Befund betrifft Nahrungsergänzungsmittel. ANSES beschreibt, dass bei algenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln die Pflanzenart, Herkunft, Produktionsmethode und Jodmenge häufig nicht ausreichend definiert sind. Im ungünstigen Fall können die vom Anbieter angegebenen Tagesmengen die französische Höchstmenge von 150 µg Jod pro Tag für Nahrungsergänzungsmittel überschreiten.
Ein dritter Befund betrifft Risikogruppen. Die Quelle nennt Schilddrüsenfunktionsstörungen, Herzkrankheiten, Niereninsuffizienz, jodhaltige oder lithiumhaltige Medikamente, Schwangerschaft und Stillzeit als Kontexte, in denen Algenprodukte besonders vorsichtig bewertet werden. Für Kinder sieht ANSES zu wenig Daten, um das Risiko ausreichend zu charakterisieren.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die Quelle beschreibt hohe Jodaufnahme als möglichen Auslöser oder Verstärker von Schilddrüsenproblemen. Genannt werden unter anderem Kropf, Hypothyreose, Hyperthyreose und Autoimmunthyreoiditis im Zusammenhang mit chronisch hoher Jodzufuhr. Diese Aussagen beruhen auf Literatur und Fallkontexten, nicht auf einer neuen klinischen Studie.
Für Schwangerschaft und Stillzeit stellt ANSES die Sicherheitsfrage besonders vorsichtig dar. Die Quelle nennt für Schwangere einen empfohlenen Jodaufnahmewert von 200 µg/Tag, beschreibt aber zugleich Risiken bei nicht defizitären Frauen mit überhöhter Jodaufnahme. Urinjodwerte über 500 µg/l werden mit einem hohen Risiko für mütterliche Hypothyreose in Verbindung gebracht; subklinische Störungen wurden in der Quelle bereits bei Werten etwas über 250 µg/l erwähnt. Sehr hohe Aufnahmen von 1.000 bis 1.500 µg/Tag aus Algenverzehr bei japanischen Schwangeren wurden mit Fällen angeborener Hypothyreose in Verbindung gebracht.
Für Stillzeit und Säuglinge beschreibt ANSES traditionelle Hochverzehrmuster in Korea und Nordchina. Dort können Algensuppen mit Wakame laut Quelle Jodaufnahmen von 1.200 bis 4.000 µg/Tag verursachen und Jodkonzentrationen in Muttermilch von 900 bis 2.200 µg/l erreichen. Dazu nennt die Quelle Fallkontexte angeborener Hypothyreose.
Bei Meldungen unerwünschter Wirkungen bleibt die Ursache oft unsicher. ANSES nennt 44 kroatische Berichte über Schilddrüsenstörungen nach Kombu-Verzehr. Aus Deutschland werden für 2008 bis 2017 sechs Meldungen zu Nahrungsergänzungsmitteln mit Algen beschrieben: vier allergische Reaktionen, ein Fall mit Bauchschmerzen und ein Fall mit TSH-Anstieg. Die Quelle betont, dass solche Berichte nicht mit hoher Sicherheit allein der Alge oder dem Jodgehalt zugeordnet werden konnten.
Grenzen der Aussagekraft
Die Quelle ist eine behördliche Bewertung, keine prospektive Humanstudie. Sie kann daher keine genaue Dosis-Wirkungs-Kurve für alle Algenprodukte und Bevölkerungsgruppen liefern.
Eine wichtige Grenze ist die Produktvariabilität. Der Jodgehalt hängt nicht nur von der Algenart ab, sondern auch von Herkunft, Produktionsbedingungen, Erntezeitpunkt, Verarbeitung und Zubereitung. Kochen oder andere Zubereitungsschritte können Jodverluste verursachen, in der Quelle werden etwa 20 bis 60 % genannt. Solche Verluste lassen sich aber nicht zuverlässig auf jedes Produkt übertragen.
Eine zweite Grenze betrifft die tatsächliche Exposition. ANSES sah weiteren Ermittlungsbedarf, um Häufigkeit und Muster des Algenverzehrs sowie Jodgehalte konkreter Produkte genauer zu bestimmen. Auch bei Nahrungsergänzungsmitteln fehlten ausreichende Informationen über Jodgehalte, botanische Identität und Pflanzenzubereitungen.
Eine dritte Grenze betrifft die Meldedaten. Nutrivigilance- und andere Fallmeldungen sind nützlich, aber sie beweisen meist keine alleinige Ursache. Viele Produkte enthalten mehrere Inhaltsstoffe, und der tatsächliche Jodgehalt ist nicht immer bekannt.
Was die Quelle zeigt
Die Quelle zeigt, dass Algenprodukte im Jodkontext getrennt von normalem Jodsalz oder üblichen Lebensmitteln betrachtet werden müssen. Besonders braune Algen und getrocknete Algen können sehr hohe Jodmengen enthalten.
Sie zeigt auch, warum Produktinformationen wichtig sind. Ohne klare botanische Identität, Verarbeitungsmethode und Jodgehalt pro Tagesmenge lässt sich die Jodexposition aus algenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln kaum zuverlässig einschätzen.
Die Quelle zeigt außerdem, dass der gelegentliche Algenverzehr in Frankreich 2018 für die Mehrheit nicht als Hauptproblem bewertet wurde, während regelmäßiger Verzehr, hochjodige Arten, getrocknete Produkte und Nahrungsergänzungsmittel ein deutlich anderes Risikoprofil haben können.
Was die Quelle nicht zeigt
Die Quelle zeigt nicht, dass Algen zur Korrektur eines Jodmangels geeignet sind. ANSES beschreibt die Verwendung von Algen, frisch, getrocknet oder als Extrakt in Nahrungsergänzungsmitteln, ausdrücklich als ungeeignet zur Korrektur von Joddefiziten.
Die Quelle zeigt keine sichere individuelle Aufnahmemenge für einzelne Algenprodukte. Sie bewertet auch keine Marken, keine Kaufentscheidung und keine Rangfolge von Algenformen.
Die Quelle zeigt nicht, dass hohe Jodaufnahme für gut versorgte Personen nützlich wäre. Sie zeigt vor allem, dass hohe und schwankende Jodmengen aus Algen die obere Gesamtaufnahme überschreiten können, besonders wenn mehrere Quellen zusammenkommen.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Die ANSES-Stellungnahme von 2018 ist eine behördliche Risikobewertung zu Jod aus Algen in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln.
- Die Quelle wurde als Opinion zu Request No 2017-SA-0086 veröffentlicht.
- Algen können Jod stark konzentrieren; besonders braune Algen und Laminaria-Arten werden als jodreich beschrieben.
- ANSES nennt für braune Algen Jodgehalte, die 10.000 µg/g Trockengewicht überschreiten können.
- Die Stellungnahme von 2018 nennt für Frankreich eine maximale tägliche Jodaufnahme aus Nahrungsergänzungsmitteln von 150 µg.
- ANSES verweist auf den europäischen Erwachsenen-UL von 600 µg Jod pro Tag.
- Der französische Schwellenwert für essbare Algen wird mit 2.000 mg Jod pro kg Trockengewicht beschrieben; die Quelle vergleicht ihn mit einer niedrigeren deutschen Schwelle von etwa 400 mg/kg Trockengewicht.
- Die französische Durchschnittsaufnahme lag laut INCA 3 bei 148 µg/Tag für Erwachsene, 115,7 µg/Tag für Kinder von 0 bis 10 Jahren und 135 µg/Tag für Jugendliche von 11 bis 17 Jahren.
- Bei algenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln sind botanische Identität, Verarbeitung und Jodgehalt laut Quelle häufig nicht ausreichend klar.
- ANSES beschreibt Schilddrüsenfunktionsstörungen, Herzkrankheiten, Niereninsuffizienz, jod- oder lithiumhaltige Medikamente, Schwangerschaft und Stillzeit als besonders vorsichtig zu bewertende Kontexte.
- Für Kinder sieht die Quelle unzureichende Daten zur Risikobewertung.
- ANSES hält Algen nicht für geeignet, um Joddefizite zu korrigieren.
- Die Quelle liefert keine persönliche Einnahmeempfehlung und keine Produktbewertung.