Zinkhaltige Prothesenhaftcreme und sekundärer Kupfermangel
Jamal et al. (2021), DOI 10.1136/bcr-2020-239375, PMID 34289999, PMCID PMC8296756, beschreibt einen 67-jährigen Mann mit schwerem Kupfermangel nach stark übermäßigem Gebrauch zinkhaltiger Prothesenhaftcreme. Der Fallbericht ordnet Blutbildveränderungen, sensible Ataxie und kognitive Verschlechterung im Kontext der Kupfer-Zink-Interaktion ein.
Kurzprofil
- Quelle: Jamal et al. (2021). Hypocupraemia-induced anaemia, sensory ataxia and cognitive impairment secondary to zinc-containing dental adhesive.
- Quellentyp: Fallbericht.
- Land/Kontext: Vereinigtes Königreich; BMJ Case Reports.
- Wirkstoffbezug: Kupfermangel im Zusammenhang mit übermäßiger Aufnahme von Zink aus zinkhaltiger Prothesenhaftcreme.
- Untersuchte Person: ein 67-jähriger Mann mit Anämie, Leukopenie, sensibler Gangataxie und kognitiver Verschlechterung.
- Zentrale Endpunkte: Serumkupfer, Ceruloplasmin, Serumzink, Blutbild, neurologische Untersuchung, MoCA-Wert, Bildgebung und Verlauf nach Entfernung der Zinkquelle und Kupferersatz im klinischen Setting.
- Originalquelle: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8296756/
- DOI: https://doi.org/10.1136/bcr-2020-239375
- Zugriffslage: Volltext über PubMed Central und Europe PMC verfügbar; DOI und BMJ-Originaleintrag sind als Quellenangaben vorhanden.
Fragestellung
Jamal et al. beschrieben einen Einzelfall, bei dem ein erworbener Kupfermangel mit Blutbildveränderungen, Gangataxie und kognitiver Verschlechterung zusammenfiel. Die zentrale Frage war, ob die übermäßige Nutzung einer zinkhaltigen Prothesenhaftcreme als plausible Ursache für die niedrigen Kupferwerte und die klinischen Befunde infrage kam.
Der Fall steht in einem engen Sicherheitskontext. Zink und Kupfer beeinflussen sich im Darm: Hohe Zinkmengen können die Bildung von Metallothionein erhöhen. Dieses Protein bindet Kupfer im Darm bevorzugt, wodurch weniger Kupfer aufgenommen und mehr Kupfer ausgeschieden werden kann. Der Bericht prüft keine normale Zinkzufuhr, keine übliche Prothesenversorgung und keine allgemeine Nahrungsergänzung.
Studiendesign und Methoden
Die Publikation ist ein klinischer Fallbericht. Es gab keine Kontrollgruppe, keine Randomisierung und keine geplante Studienintervention. Die Autoren rekonstruierten die Beschwerden, die Laborwerte, die Bildgebung, die neurologische Untersuchung, die Exposition gegenüber zinkhaltiger Prothesenhaftcreme und den Verlauf nach Entfernung der vermuteten Zinkquelle.
Die Patientengeschichte wurde mit Blutuntersuchungen, Bildgebung des Gehirns und der Wirbelsäule, HMPAO-SPECT, Nervenleitungsuntersuchungen und kognitiver Testung eingeordnet. Die kognitive Leistung wurde mit dem Montreal Cognitive Assessment erfasst. Dieser Test wird als MoCA abgekürzt; 30 Punkte sind die Maximalzahl.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Die Datenbasis bestand aus einer einzelnen Person. Der 67-jährige Mann war vor der Erkrankung mobil und sozial aktiv. In den 5 Monaten vor der Aufnahme entwickelte er eine zunehmende Gangataxie, abnehmende Sensibilität in den Beinen, Taubheitsgefühle an den Fingerspitzen, schlechtere Koordination in allen vier Gliedmaßen und mehrere Stürze. Angehörige berichteten außerdem über zunehmende Vergesslichkeit und sozialen Rückzug.
In den 3 Wochen vor der Aufnahme verschlechterte sich der Zustand deutlich. Der Patient wurde verwirrt und agitiert, ließ Gegenstände fallen und konnte nicht mehr ohne Hilfe gehen. Bei der Untersuchung fanden sich ein breitbasiger unsicherer Gang, ein positives Romberg-Zeichen und Störungen von Vibrationsempfinden und Gelenkstellungssinn. Das Muster passte zu einer Beteiligung der Hinterstränge des Rückenmarks.
| Merkmal | Berichtete Angabe | Einordnung |
|---|---|---|
| Fallzahl | 1 Person | Fallbericht, keine Häufigkeitsschätzung |
| Alter und Geschlecht | 67-jähriger Mann | älterer Einzelfall |
| Hauptsymptome | Gangataxie, Sensibilitätsstörungen, Stürze, kognitive Verschlechterung | neurologischer und kognitiver Spezialfall |
| Blutbild vor Aufnahme | Hämoglobin 67 g/L, WCC 2,7 × 10^9/L | Anämie und Leukopenie |
| Blutbild bei Aufnahme | Hämoglobin 93 g/L, WCC 2,6 × 10^9/L | weiter auffällig |
| Kupferstatus bei Aufnahme | Serumkupfer 1,2 µmol/L, Ceruloplasmin stark erniedrigt | stark erniedrigt |
| Zink bei Aufnahme | 16,1 µmol/L | im Referenzbereich der Quelle |
| MoCA bei Aufnahme | 13/30 | deutliche kognitive Einschränkung im Test |
Intervention, Exposition und Vergleich
Die relevante Exposition war der Wechsel von einer zinkfreien Prothesenhaftcreme zu einer zinkhaltigen Prothesenhaftcreme 7 Monate vor der Krankenhausaufnahme. Nach dem Wechsel stieg die Nutzung deutlich an. Der Patient verwendete mindestens eine 70-g-Tube pro Woche. Laut Quelle sollte eine solche Tube mindestens 8 Wochen halten. Damit lag der Gebrauch weit über der angegebenen Produktnutzung.
Der Fallbericht nennt keine genau berechnete täglich aufgenommene Zinkmenge. Er beschreibt die Exposition deshalb über Produktart, Tubengröße und Gebrauchshäufigkeit. Ein Vergleich im Studiensinn fehlt; der zeitliche Verlauf, die Laborwerte und der Rückgang der Auffälligkeiten nach Entfernen der Zinkquelle wurden als klinischer Zusammenhang gewertet.
Kupfer wurde im Krankenhaus intravenös und anschließend oral ersetzt. Diese Angaben beschreiben den berichteten klinischen Ablauf. Sie sind keine Anleitung zur Selbstbehandlung, keine persönliche Dosierung und keine Produktberatung.
Ergebnisse
Die Laborwerte zeigten vor der Aufnahme eine normozytäre Anämie mit Hämoglobin 67 g/L, Leukopenie mit WCC 2,7 × 10^9/L, Neutropenie und Lymphopenie. Bei Aufnahme lag das Hämoglobin nach bereits erfolgter oraler Eisengabe bei 93 g/L; die Leukopenie bestand mit WCC 2,6 × 10^9/L fort.
Serumkupfer und Ceruloplasmin waren stark erniedrigt. Das Serumkupfer lag bei 1,2 µmol/L bei einem in der Quelle angegebenen Referenzbereich von 10 bis 22 µmol/L. Ceruloplasmin war ebenfalls stark erniedrigt. Serumzink war mit 16,1 µmol/L im Referenzbereich der Quelle. Die Autoren betonten, dass ein normaler Serumzinkwert eine frühere oder lokale hohe Zinkexposition durch verschluckte Haftcreme nicht ausschließt.
Die Bildgebung des Kopfes zeigte keine akute Raumforderung, aber eine globale Hirnatrophie, die stärker als für das Alter erwartet war. Die Wirbelsäulen-MRT zeigte degenerative Veränderungen und Hinweise, die mit einer Rückenmarksbeteiligung vereinbar waren. Nervenleitungsuntersuchungen zeigten normale sensorische Antworten aus den Gliedmaßen, aber Hinweise auf eine Verzögerung auf Ebene des Rückenmarks. Das stützte die Einordnung als Hinterstrangsyndrom statt als reine periphere Neuropathie.
Nach Entfernen der zinkhaltigen Haftcreme und Kupferersatz normalisierten sich die Kupferwerte. Auch das Blutbild besserte sich: Nach Kupferersatz lag das Hämoglobin bei 139 g/L und der WCC bei 9,9 × 10^9/L. Der MoCA-Wert stieg von 13/30 bei niedrigem Kupfer auf 22/30 nach 3 Monaten. Nach 9 und 16 Monaten blieb er jeweils bei 20/30. Die Gehfähigkeit besserte sich nur teilweise. Nach 4 Monaten Neurorehabilitation konnte der Patient mit einem Rollator gehen, blieb aber deutlich unsicher und funktionell eingeschränkt.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Der Sicherheitsbefund liegt nicht in unerwünschten Wirkungen einer geplanten Kupfergabe, sondern in der vermuteten Folge einer übermäßigen Zinkexposition. Der Fall beschreibt eine Kombination aus schwerem Kupfermangel, Blutbildveränderungen, sensibler Ataxie und kognitiver Verschlechterung nach starkem Gebrauch zinkhaltiger Prothesenhaftcreme.
Der Bericht eignet sich als konkretes Humanbeispiel für die Kupfer-Zink-Interaktion bei Fehlgebrauch. Er zeigt aber nicht, dass Prothesenhaftcremes bei sachgemäßer Nutzung allgemein gefährlich sind. Er zeigt auch nicht, dass normale Zinkaufnahme aus Lebensmitteln oder übliche Zinkmengen denselben Verlauf auslösen.
Grenzen der Aussagekraft
Die wichtigste Grenze ist die Einzelfallstruktur. Aus einem Patienten lassen sich keine Häufigkeiten, keine Risikoschwellen und keine allgemeinen Produkturteile ableiten.
Mehrere mögliche Mitfaktoren bleiben relevant. Der Patient hatte chronisch hohen Alkoholkonsum, eine Vorgeschichte mit Depression, Hinweise auf globale Hirnatrophie und mögliche vorbestehende neurodegenerative oder alkoholbezogene kognitive Veränderungen. Die Autoren sahen den Kupfermangel als plausible Erklärung für die akute Verschlechterung, konnten aber eine eigenständige chronische kognitive Erkrankung nicht abschließend ausschließen.
Einige Untersuchungen fehlten oder wurden nicht durchgeführt. Vitamin E wurde nicht gemessen. Methylmalonsäure war im Krankenhaus nicht verfügbar, Homocystein wurde nicht bestimmt, Vitamin B1 konnte nicht gemessen werden, ein toxikologischer Screen fehlte, und eine Liquoruntersuchung auf Alzheimer-Biomarker wurde vom Patienten abgelehnt. Diese Punkte begrenzen die Sicherheit der Ursachenabgrenzung.
Was der Fallbericht zeigt
Der Fallbericht zeigt, dass stark übermäßiger Gebrauch einer zinkhaltigen Prothesenhaftcreme mit schwerem Kupfermangel, Anämie, Leukopenie und einem neurologischen Hinterstrangsyndrom zusammenfallen kann. Er zeigt außerdem, dass Serumzink im Referenzbereich liegen kann, obwohl die Vorgeschichte auf eine relevante Zinkexposition hinweist.
Der Verlauf spricht dafür, dass Blutbild und Kupferwerte in diesem Fall auf das Entfernen der Zinkquelle und den klinischen Kupferersatz reagierten. Die kognitive Testleistung besserte sich deutlich, während die Gangstörung nur teilweise reversibel war. Damit passt der Fall zu früheren Berichten, nach denen neurologische Folgen eines ausgeprägten Kupfermangels nur begrenzt zurückgehen können.
Was der Fallbericht nicht zeigt
Der Fallbericht zeigt keine allgemeine Warnung vor Prothesenhaftcremes, keine Produktbewertung und keine normale Zink- oder Kupferempfehlung. Er zeigt auch keine sichere oder unsichere Menge für einzelne Menschen.
Der Bericht beweist nicht, dass Kupfermangel allein die gesamte kognitive Symptomatik verursacht hat. Die Autoren beschrieben Hinweise auf vorbestehende Hirnveränderungen und chronischen Alkoholkonsum. Der Fall lässt deshalb vor allem eine akute Verschlechterung auf bestehendem Hintergrund vermuten, nicht eine einfache Kausalkette für alle kognitiven Beschwerden.
Offene Punkte in der Quelle
- INPUT_GAP: Die tatsächlich aufgenommene Zinkmenge pro Tag wurde nicht berechnet.
- INPUT_GAP: Die genaue Zinkkonzentration des verwendeten Produkts wurde im Fallbericht nicht quantitativ angegeben.
- INPUT_GAP: Vitamin E, Vitamin B1, Methylmalonsäure, Homocystein und toxikologische Befunde fehlen oder waren nicht verfügbar.
- INPUT_GAP: Eine Liquoruntersuchung auf Alzheimer-Biomarker und longitudinale funktionelle Bildgebung wurden nicht durchgeführt, weil der Patient diese Untersuchung ablehnte.
- INPUT_GAP: Der Einzelfall erlaubt keine Aussage zur Häufigkeit solcher Verläufe bei Prothesenträgern.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Jamal et al. (2021) berichteten einen 67-jährigen Mann mit 5 Monaten zunehmender Gangataxie, Sensibilitätsstörungen, Stürzen und kognitiver Verschlechterung.
- Der Patient wechselte 7 Monate vor der Aufnahme von zinkfreier zu zinkhaltiger Prothesenhaftcreme.
- Er verwendete mindestens eine 70-g-Tube pro Woche, obwohl eine Tube laut Quelle mindestens 8 Wochen halten sollte.
- Bei Aufnahme lagen normozytäre Anämie, Leukopenie, stark erniedrigtes Serumkupfer und stark erniedrigtes Ceruloplasmin vor.
- Serumzink lag trotz vermuteter relevanter Zinkexposition im Referenzbereich der Quelle.
- Die neurologischen Befunde passten zu einem Hinterstrangsyndrom mit sensibler Ataxie.
- Der MoCA-Wert lag bei Aufnahme bei 13/30 und stieg nach 3 Monaten auf 22/30.
- Nach Entfernen der Zinkquelle und klinischem Kupferersatz normalisierten sich Kupferwerte und Blutbild.
- Die Mobilität besserte sich nur teilweise; der Patient blieb im Verlauf deutlich unsicher.
- Der Bericht ist ein Fallbericht und darf nicht als allgemeine Prothesen-, Zink- oder Kupferregel verstanden werden.