Beta-Carotin-Supplementierung und Mortalität: Auswertung randomisierter Studien

Corbi und Kolleginnen und Kollegen werteten 31 randomisierte Studien mit 216734 Erwachsenen aus. Die Meta-Analyse fand keinen klaren Effekt auf die Gesamtmortalität: RR 1,02; 95-%-KI 0,98-1,05. Krebssterblichkeit insgesamt, kardiovaskuläre Mortalität und zerebrovaskuläre Mortalität wurden nicht klar reduziert. Für Lungenkrebsmortalität zeigte sich ein erhöhtes Risiko: RR 1,14; 95-%-KI 1,02-1,27. Bei Rauchern lag das Lungenkrebsmortalitäts-Risikoverhältnis ebenfalls bei 1,14; 95-%-KI 1,03-1,27. Die meisten Studien prüften Beta-Carotin in Kombinationspräparaten oder faktoriellen Designs. Die Arbeit stützt einen vorsichtigen Sicherheitskontext für isolierte Beta-Carotin-Supplemente, nicht für carotinoidreiche Lebensmittel.

Corbi und Kolleginnen und Kollegen fassten 2022 randomisierte kontrollierte Studien zusammen, in denen Beta-Carotin-Supplemente mit Placebo oder keiner Intervention verglichen wurden. Die zentrale Frage war, ob Beta-Carotin die Gesamtmortalität oder bestimmte Todesursachen beeinflusst. Für den Vitamin-A-Kontext ist die Arbeit wichtig, weil Beta-Carotin als Provitamin A einerseits aus Lebensmitteln bekannt ist, in den eingeschlossenen Studien aber überwiegend als isolierter oder kombinierter Supplementbestandteil geprüft wurde.

Hintergrund und Fragestellung

Beta-Carotin kann im Körper zu Vitamin A umgewandelt werden und kommt natürlicherweise in vielen pflanzlichen Lebensmitteln vor. Beobachtungsstudien zu carotinoidreicher Ernährung oder hohen Blutspiegeln hatten teils günstigere Gesundheitsmuster beschrieben. Randomisierte Studien prüften dagegen gezielt Supplemente, oft bei Erwachsenen mit sehr unterschiedlichen Ausgangsrisiken. Frühere große Studien und ältere Meta-Analysen hatten keine einheitlich günstigen Ergebnisse gezeigt; besonders bei Raucherinnen, Rauchern und asbestexponierten Personen gab es Sicherheitsbedenken.

Die Übersichtsarbeit wollte deshalb die randomisierte Evidenz bis September 2021 aktualisieren und nicht nur Gesamtmortalität, sondern auch krankheitsspezifische Todesursachen auswerten. Dabei ging es nicht um Beta-Carotin aus normaler Ernährung, sondern um supplementiertes Beta-Carotin in Studien.

Methodik der Zusammenfassung

Die Autorengruppe arbeitete nach PRISMA 2020 und registrierte das Protokoll in PROSPERO unter CRD42021259354. Gesucht wurde in Medline, Scopus, Web of Science und CENTRAL von Datenbankbeginn bis September 2021. Eingeschlossen wurden englischsprachige randomisierte kontrollierte Studien mit Erwachsenen ab 18 Jahren, sofern Beta-Carotin in beliebiger Dosis mit Placebo oder keiner Intervention verglichen wurde und Todesfälle berichtet wurden.

Ausgeschlossen wurden Studien, in denen alle Gruppen Beta-Carotin erhielten, Studien mit Schwangeren oder kritisch kranken Patientinnen und Patienten sowie Arbeiten mit Beta-Carotin-Analoga. Zwei Bewertende prüften Titel, Abstracts und Volltexte unabhängig; strittige Entscheidungen wurden über eine dritte Person geklärt. Die Studienqualität wurde mit dem Cochrane-Risk-of-Bias-Werkzeug und GRADE beurteilt. Für die Auswertung nutzte die Arbeit Risikoverhältnisse mit 95-%-Konfidenzintervallen; Heterogenität wurde über I² beschrieben. Für wichtige Merkmale wurden Subgruppenanalysen gerechnet, unter anderem nach Dosis, Studiendauer, Alter, Geschlecht, Teilnehmendenzahl, Gesundheitsstatus und alleiniger oder kombinierter Gabe.

Untersuchte Personen und Datenbasis

Aus 3.942 Treffern wurden 44 Artikel zu 31 randomisierten Studien eingeschlossen. Insgesamt umfasste die Analyse 216.734 Personen, davon 108.622 in Beta-Carotin-Gruppen und 108.112 in Kontrollgruppen. Die mediane Nachbeobachtung lag bei 4,6 Jahren; 16 Studien mit 171.578 Personen hatten eine Nachbeobachtung von mindestens vier Jahren. Insgesamt wurden 45.907 Todesfälle berichtet, darunter 4.609 Krebstodesfälle, 3.796 kardiovaskuläre Todesfälle und 956 Todesfälle durch zerebrovaskuläre Erkrankungen.

Die Populationen waren sehr heterogen. Vertreten waren gesunde Erwachsene, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, ältere institutionalisierte Personen, Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen, Augenkrankheiten, HIV-Infektion, Krebs- oder Präkanzerose-Kontexten sowie Raucher und asbestexponierte Personen. Die Studien kamen überwiegend aus den USA, Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum.

Intervention, Vergleich und Endpunkte

Die geprüften Interventionen reichten von Beta-Carotin allein bis zu Kombinationen mit anderen Vitaminen, Mineralstoffen, Antioxidantien, Zink, Retinylpalmitat oder weiteren Behandlungsbestandteilen. Nur vier der 31 Studien prüften Beta-Carotin allein; die meisten Studien untersuchten Kombinationspräparate oder faktorielle Designs. Die berichteten Mengen reichten in den Studienbeispielen von niedrigen Mikronährstoffmengen bis zu 20 bis 30 mg pro Tag oder 50 mg an alternierenden Tagen. Diese Mengen sind Studiendaten und keine Einnahmeregeln.

Der primäre Blick lag auf Gesamtmortalität. Zusätzlich wurden Todesursachen ausgewertet: Krebs insgesamt, einzelne Krebsarten, kardiovaskuläre Erkrankungen, zerebrovaskuläre Erkrankungen, HIV-bezogene Todesfälle und nicht krebsbedingte, nicht vaskuläre Todesursachen.

Ergebnisse

Für die Gesamtmortalität zeigte die Random-Effects-Meta-Analyse keinen statistisch klaren Unterschied zwischen Beta-Carotin und Kontrolle. Das gepoolte Risikoverhältnis lag bei 1,02; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von 0,98 bis 1,05. Die Heterogenität war moderat (I² = 42 %). Funnel-Plot, Egger-Test und Begg-Test lieferten keinen deutlichen Hinweis auf kleine Studien- oder Publikationsverzerrung.

Auch die meisten Subgruppen änderten das Gesamtbild nicht. Weder höhere noch niedrigere Studiendosis, längere oder kürzere Nachbeobachtung, Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus, Teilnehmendenzahl, Ereigniszahl oder alleinige gegenüber kombinierter Gabe zeigten einen klaren Vorteil für die Gesamtmortalität. Für Studien mit mindestens 20 mg täglichem Dosisäquivalent lag das Risikoverhältnis bei 1,02; für niedrigere Mengen bei 1,01.

Bei krankheitsspezifischen Todesursachen war das Bild differenzierter. Krebssterblichkeit insgesamt war nicht klar verändert (RR 0,98; 95-%-KI 0,90-1,07). Kardiovaskuläre Mortalität war ebenfalls nicht statistisch klar verändert (RR 1,04; 95-%-KI 0,98-1,11), ebenso zerebrovaskuläre Mortalität (RR 0,94; 95-%-KI 0,82-1,06). Für Lungenkrebsmortalität ergab sich dagegen ein erhöhtes Risiko (RR 1,14; 95-%-KI 1,02-1,27; I² = 3 %). In der Untergruppe der Raucher wurde ein ähnliches Signal berichtet (RR 1,14; 95-%-KI 1,03-1,27). HIV-bezogene Todesfälle waren in zwei Studien niedriger (RR 0,55; 95-%-KI 0,33-0,92), diese Beobachtung beruht aber auf einem kleinen thematischen Ausschnitt.

EndpunktStudienbasisErgebnisEinordnung
Gesamtmortalität31 RCTs, 216.734 PersonenRR 1,02; 95-%-KI 0,98-1,05; I² = 42 %kein klarer präventiver Effekt
Krebssterblichkeit insgesamt13 RCTsRR 0,98; 95-%-KI 0,90-1,07; I² = 37 %kein klarer Unterschied
Lungenkrebsmortalität5 RCTsRR 1,14; 95-%-KI 1,02-1,27; I² = 3 %erhöhtes Risiko
Lungenkrebsmortalität bei Rauchern2 RCTsRR 1,14; 95-%-KI 1,03-1,27; I² = 0 %erhöhtes Risiko in dieser Untergruppe
Kardiovaskuläre Mortalität12 RCTsRR 1,04; 95-%-KI 0,98-1,11; I² = 0 %kein statistisch klarer Unterschied
Zerebrovaskuläre Mortalität5 RCTsRR 0,94; 95-%-KI 0,82-1,06; I² = 0 %kein statistisch klarer Unterschied
HIV-bezogene Mortalität2 RCTsRR 0,55; 95-%-KI 0,33-0,92; I² = 0 %niedrigeres Risiko in wenigen Studien

Sicherheit und methodische Einordnung

Die Sicherheitsbotschaft der Arbeit ist nicht, dass Beta-Carotin generell schadet oder generell nützt. Die stärkste praktische Vorsicht ergibt sich aus dem erhöhten Lungenkrebsmortalitäts-Signal, besonders vor dem Hintergrund älterer Studien in Raucher- und Asbestexpositions-Kontexten. Die Autoren diskutieren mögliche prooxidative Wirkungen unter chronischem oxidativem Stress, etwa durch Tabakrauch, sowie Unterschiede zwischen synthetischem isoliertem Beta-Carotin und natürlichen Carotinoidmischungen. Diese Mechanismen bleiben erklärende Hypothesen, nicht der alleinige Beweis für das beobachtete Signal.

Methodisch ist die Arbeit stark, weil sie randomisierte Studien bündelt, große Teilnehmerzahlen erfasst, Todesursachen getrennt analysiert und das Verzerrungsrisiko systematisch bewertet. Die Autorengruppe berichtete, dass 24 Studien ein niedriges Verzerrungsrisiko hatten und die Gesamtqualität hoch bewertet wurde. Zugleich bleibt die Evidenzbasis uneinheitlich: Die Studienpopulationen, Kombinationspräparate, Begleitinterventionen, Dosisbereiche und Nachbeobachtungen unterscheiden sich erheblich. Außerdem erhielten in den meisten Studien nicht alle Gruppen ausschließlich Beta-Carotin als einzige Substanz, was die ursächliche Zuordnung erschwert.

Weitere Grenzen betreffen die Suchstrategie und Übertragbarkeit. EMBASE wurde nicht separat durchsucht, auch wenn CENTRAL und Scopus viele EMBASE-indexierte Artikel erfassen. Die meisten Studien nutzten synthetisches Beta-Carotin; randomisierte Daten zu natürlichen Carotinoidmischungen sind damit nicht gleichzusetzen. Beobachtungsbefunde zu carotinoidreicher Ernährung lassen sich nicht direkt mit Supplementstudien vergleichen.

Was die Studie zeigt

Die Meta-Analyse zeigt keinen überzeugenden präventiven Effekt von Beta-Carotin-Supplementierung auf die Gesamtmortalität. Auch Krebssterblichkeit insgesamt, kardiovaskuläre Mortalität und zerebrovaskuläre Mortalität wurden nicht klar reduziert. Das auffälligste Sicherheitsresultat ist ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebsmortalität, besonders in der Raucheruntergruppe. Die HIV-bezogene Mortalität war in zwei Studien niedriger, bleibt aber wegen der engen Datenbasis ein spezieller Befund.

Was die Studie nicht zeigt

Die Arbeit zeigt nicht, dass Beta-Carotin aus Lebensmitteln riskant ist. Sie zeigt auch keine allgemeine Nutzenwirkung von isoliertem Beta-Carotin für das Überleben. Aus den Daten lässt sich keine persönliche Dosierungsregel ableiten. Die Ergebnisse gelten für die eingeschlossenen randomisierten Studien mit ihren jeweiligen Populationen, Präparaten, Dosisbereichen und Kontrollbedingungen.

Eingeschlossene Studien und Studienprogramme

Die Auswertung beruhte auf 31 randomisierten Studien, berichtet in 44 Artikeln. Besonders prägend waren große Programme wie ATBC bei finnischen Rauchern, CARET bei Rauchern oder asbestexponierten Personen, Physicians' Health Study, Women's Health Study, Heart Protection Study, AREDS/AREDS2, SU.VI.MAX sowie chinesische Nutritional-Intervention-Trials. Daneben wurden kleinere Studien in sehr unterschiedlichen klinischen Kontexten eingeschlossen, etwa HIV-Infektion, Kopf-Hals-Tumoren, Hautkrebs, koronare Erkrankung, altersbedingte Augenkrankheiten, Lebererkrankung und ältere institutionalisierte Personen.

Studienbericht oder ProgrammKontext laut QuelleBeta-Carotin-Bezug
ATBC / Albanes, Heinonen, Leppälä, Rautalahti, Törnwall, Virtamo, Wrightfinnische männliche Raucher20 mg/Tag, oft mit Alpha-Tocopherol
CARET / GoodmanRaucher oder asbestexponierte Personen30 mg/Tag plus Retinylpalmitat
Physicians' Health Study / Hennekensmännliche Ärzte50 mg an alternierenden Tagen
Women's Health Study / Leegesunde Frauen50 mg an alternierenden Tagen
Heart Protection StudyPersonen mit Gefäßkrankheit oder Diabetes20 mg/Tag in Antioxidantienkombination
AREDS und AREDS2 / Chew, AREDS2 Research Groupaltersbedingte AugenkrankheitenKombinationsformeln mit oder ohne Beta-Carotin-Kontext
SU.VI.MAX / HercbergAllgemeinbevölkerung in Frankreich6 mg/Tag in Vitamin- und Mineralstoffkombination
Blot, Li, Qu, Wangchinesische Hochrisikoregionen für Speiseröhren- oder Magenkrebs15 mg/Tag mit Vitamin E, Selen oder weiteren Mikronährstoffen
Austin und JiamtonHIV-InfektionBeta-Carotin in Mikronährstoffkombinationen
Bairati, Greenberg, Mayne, Papadimitrakopoulou, Toma, PathakKrebs- oder Präkanzerose-Kontexteunterschiedliche isolierte oder kombinierte Gaben
Brown, Garbagnati, Lamas, Linkardiovaskuläre oder zerebrovaskuläre KontexteBeta-Carotin in Antioxidantien- oder Multivitaminregimen
Chylack, Girodon, Graat, Grieger, Liu, Margalit, Plummer, Prince, RicherAugen-, Alters-, Magen-, Prostata- oder Leberkontexteniedrige bis hohe Beta-Carotinmengen oder Kombinationspräparate

Kompakte Faktenzusammenfassung

Corbi und Kolleginnen und Kollegen werteten 31 randomisierte Studien mit 216.734 Erwachsenen aus. Beta-Carotin-Supplementierung zeigte keinen klaren Effekt auf die Gesamtmortalität: RR 1,02; 95-%-KI 0,98-1,05. Krebssterblichkeit insgesamt, kardiovaskuläre Mortalität und zerebrovaskuläre Mortalität wurden nicht klar reduziert. Für Lungenkrebsmortalität zeigte sich ein erhöhtes Risiko: RR 1,14; 95-%-KI 1,02-1,27; bei Rauchern ebenfalls RR 1,14; 95-%-KI 1,03-1,27. Die meisten Studien nutzten Beta-Carotin in Kombination mit anderen Substanzen, häufig synthetisches Beta-Carotin, und die Populationen waren stark heterogen. Die Arbeit stützt einen vorsichtigen Sicherheitskontext für isolierte Beta-Carotin-Supplemente, liefert aber keine persönliche Einnahmeregel und keine Aussage gegen carotinoidreiche Lebensmittel.

Quellen

  1. Corbi et al. (2022). Association Between Beta-Carotene Supplementation and Mortality: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Frontiers in Medicine. PMID: 35928292. DOI: 10.3389/fmed.2022.872310.
  2. PubMed 35928292
  3. PMC PMC9343755
  4. PDF
  5. Frontiers Full Text