EFSA/SCF: Europäischer oberer Aufnahmewert für Jod
Die SCF-Stellungnahme zu Jod wurde am 26. September 2002 verabschiedet und ist im offiziellen EFSA-Sammel-PDF zu tolerierbaren oberen Aufnahmewerten enthalten. Die Quelle ist eine institutionelle Sicherheitsbewertung und keine neu rekrutierte Humanstudie. Für Erwachsene nennt die Quelle einen tolerierbaren oberen Aufnahmewert von 600 µg Jod pro Tag.
Kurzprofil
- Quelle: Scientific Committee on Food (2002). Opinion of the Scientific Committee on Food on the Tolerable Upper Intake Level of Iodine.
- Quellentyp: institutionelle Sicherheitsbewertung.
- Land/Kontext: Europäische Union; wissenschaftliche Risikobewertung für Vitamine und Mineralstoffe.
- Wirkstoff: Jod.
- Bezugsgruppen: allgemeine Bevölkerung, Erwachsene, Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche; nicht gemeint sind medizinische Jodanwendungen unter Aufsicht.
- Zentrale Endpunkte: tolerierbare obere Gesamtaufnahme, Schilddrüsenparameter, hohe Jodzufuhr, empfindliche Bevölkerungsgruppen, Kinder-UL.
- Originalquelle: https://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/efsa_rep/blobserver_assets/ndatolerableuil.pdf
- DOI/PMID: nicht verfügbar.
- Volltextstatus: offizielles EFSA-PDF verfügbar; das Jod-Kapitel trägt das SCF-Datum 26. September 2002.
Die Stellungnahme des Scientific Committee on Food legt den europäischen Sicherheitsrahmen für eine hohe chronische Jodaufnahme fest. Der wichtigste Wert ist ein tolerierbarer oberer Aufnahmewert von 600 µg Jod pro Tag für Erwachsene. Dieser Wert beschreibt die obere Gesamtaufnahme aus allen Quellen, die nach damaliger Bewertung voraussichtlich kein nennenswertes Risiko unerwünschter Wirkungen trägt. Er ist kein empfohlener Tageswert und kein Zielwert für die Ernährung.
Fragestellung
Die Quelle beantwortet eine Sicherheitsfrage: Ab welcher Gesamtmenge an Jod können unerwünschte Wirkungen auf die Schilddrüse wahrscheinlicher werden, und welcher obere Wert lässt sich daraus für die allgemeine Bevölkerung ableiten?
Jod ist für die Bildung von Schilddrüsenhormonen notwendig. Zu wenig Jod kann die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen. Eine sehr hohe Zufuhr kann aber ebenfalls problematisch sein, besonders in Bevölkerungen mit früherem oder bestehendem Jodmangel und bei Personen mit empfindlicher Schilddrüse. Die SCF-Bewertung trennt deshalb Bedarf und Sicherheit. Der UL beschreibt nicht, wie viel Jod aufgenommen werden soll, sondern wo die tolerierbare obere Gesamtaufnahme liegt.
Studiendesign und Methoden
Die Quelle ist keine einzelne klinische Studie. Sie ist eine institutionelle Risikobewertung, die Humanstudien, Fallberichte, Bevölkerungsdaten, Tierdaten und frühere internationale Bewertungen zusammenführt.
Für die Ableitung des Erwachsenen-UL stützt sich die Stellungnahme vor allem auf Humanstudien, in denen zusätzliche Jodmengen kurzfristig auf Schilddrüsenparameter wirkten. Wichtige Messgrößen waren T4, T3, TSH und die TSH-Antwort nach TRH-Gabe. TSH ist das Schilddrüsen-stimulierende Hormon; TRH ist ein Steuerhormon, mit dem die Reaktionsfähigkeit der Schilddrüsenachse geprüft werden kann.
In einer Studie mit euthyreoten, also schilddrüsengesunden, Männern und Frauen wurden zusätzliche Jodidmengen von 250, 500 oder 1.500 µg pro Tag für 14 Tage geprüft. Zusammen mit einer geschätzten Grundaufnahme von etwa 200 µg pro Tag ergaben sich Gesamtaufnahmen von ungefähr 450, 700 oder 1.700 µg pro Tag. Bei etwa 1.700 µg pro Tag wurden T4 und T3 gesenkt und TSH erhöht. Bei 450 und 700 µg pro Tag waren diese Werte nicht signifikant verändert.
Eine weitere Studie behandelte Männer zwei Wochen lang mit 500, 1.500 oder 4.500 µg Jodid pro Tag. Mit geschätzter Grundaufnahme ergaben sich etwa 800, 1.800 oder 4.800 µg pro Tag. Bei 1.800 und 4.800 µg pro Tag sank T4, während TSH anstieg. Bei 800 µg pro Tag blieb TSH unverändert. Klinische Symptome einer Schilddrüsenfunktionsstörung wurden in dieser kurzen Studie nicht berichtet.
Zusätzlich berücksichtigt die Quelle eine Studie mit etwa 750 µg Jodid pro Tag über 28 Tage bei Frauen mit unterschiedlichem Schilddrüsenhintergrund. Dort traten kleine T4-Abnahmen und TSH-Anstiege auf. Einige ältere oder antikörperpositive Personen zeigten erhöhte TSH-Werte. Diese Befunde stützen die Vorsicht gegenüber empfindlichen Gruppen.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Die SCF-Stellungnahme rekrutiert keine eigene neue Studienpopulation. Sie wertet vorhandene Daten aus verschiedenen Gruppen aus.
| Datenbereich | Rolle in der Bewertung | Kernaussage |
|---|---|---|
| Kurzzeitstudien mit gesunden Erwachsenen | Ableitung der Dosis-Wirkungs-Basis | biochemische Schilddrüsenveränderungen vor allem bei Gesamtaufnahmen um 1.700 bis 1.800 µg/Tag |
| Studie mit Frauen aus unterschiedlichen Schilddrüsenkontexten | Empfindlichkeitsprüfung | kleine T4- und TSH-Veränderungen bei etwa 750 µg/Tag zusätzlichem Jodid plus Grundaufnahme |
| fünfjährige Studie mit iodiertem Trinkwasser | unterstützende Langzeitinformation | bei etwa 30 µg/kg Körpergewicht pro Tag keine klinische Schilddrüsenpathologie in der Gesamtgruppe berichtet |
| Kinderstudien und Extrapolation | Ableitung von Kinder-UL | altersabhängige UL-Werte aus dem Erwachsenenwert über Körperoberfläche abgeleitet |
| Bevölkerungsberichte aus Jodmangelregionen | Risikoeinordnung | Jodmangelgebiete können empfindlicher auf schnelle oder hohe Jodzufuhr reagieren |
Die Quelle weist mehrfach auf Grenzen dieser Daten hin. Viele der entscheidenden Studien waren kurz, klein und konnten die tatsächliche Gesamtaufnahme aus der normalen Ernährung nur schätzen. Diese Unsicherheit ist ein zentraler Grund, warum das SCF einen Unsicherheitsfaktor verwendete.
Intervention, Exposition und Vergleich
Bewertet wird die Gesamtaufnahme von Jod aus allen Quellen. Dazu zählen Lebensmittel, jodiertes Salz, angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel. Die Quelle beschreibt den UL ausdrücklich als Wert für die chronische tägliche Gesamtaufnahme.
Der Ausgangspunkt der Ableitung sind Gesamtaufnahmen von ungefähr 1.700 bis 1.800 µg Jodid pro Tag. Bei diesen Mengen wurden in den ausgewerteten Studien biochemische Veränderungen der Schilddrüsenparameter gesehen, aber keine klinischen unerwünschten Wirkungen. Das SCF bewertet diese Befunde als marginal und nicht unmittelbar klinisch schädlich, nutzt sie aber als vorsichtigen Ausgangspunkt.
Aus diesem Ausgangspunkt wird mit einem Unsicherheitsfaktor von 3 ein Erwachsenen-UL von 600 µg pro Tag abgeleitet. Der Unsicherheitsfaktor soll die kurze Studiendauer, kleine Teilnehmerzahlen, geschätzte statt genau gemessene Gesamtaufnahmen und mögliche Unterschiede zwischen Menschen abfedern.
Für Kinder und Jugendliche werden die Werte aus dem Erwachsenen-UL über Körperoberfläche abgeleitet. Für Schwangere und Stillende hält die Stellungnahme den Erwachsenenwert von 600 µg pro Tag ebenfalls für akzeptabel, weil in der ausgewerteten Datenlage keine unerwünschten Wirkungen bei Expositionen deutlich oberhalb dieses Werts beschrieben wurden.
Ergebnisse
Der zentrale Ergebniswert der Quelle ist ein UL von 600 µg Jod pro Tag für Erwachsene. Dieser Wert gilt als tolerierbare obere Gesamtaufnahme. Er ist keine empfohlene Zufuhr und kein Zielwert.
| Gruppe | SCF-UL für Jod |
|---|---|
| Erwachsene | 600 µg/Tag |
| Schwangere | 600 µg/Tag |
| Stillende | 600 µg/Tag |
| Kinder, 1 bis 3 Jahre | 200 µg/Tag |
| Kinder, 4 bis 6 Jahre | 250 µg/Tag |
| Kinder, 7 bis 10 Jahre | 300 µg/Tag |
| Jugendliche, 11 bis 14 Jahre | 450 µg/Tag |
| Jugendliche, 15 bis 17 Jahre | 500 µg/Tag |
Die Quelle vergleicht den europäischen Wert mit anderen damaligen Rahmen. Für die USA und Kanada nennt sie einen vorgeschlagenen Erwachsenen-UL von 1.100 µg pro Tag. Die WHO hatte eine vorläufige maximale tolerierbare tägliche Aufnahme von 1 mg pro Tag aus allen Quellen beschrieben. Für Länder mit lange bestehendem Jodmangel nennt die Quelle einen vorsichtigeren Rahmen von 500 µg pro Tag, um jodinduzierte Hyperthyreose zu vermeiden.
In der Risikobeschreibung schätzt das SCF die normale Jodaufnahme in europäischen Erwachsenengruppen meist unterhalb des UL ein. Als Beispiel nennt die Quelle Großbritannien, wo Männer am 97,5. Perzentil 434 µg pro Tag erreichten. Für junge Kinder in britischen Daten wurden je nach Milchkonsum 87 bis 309 µg pro Tag beschrieben.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die Ableitung beruht vor allem auf Schilddrüsenparametern. Die Quelle beschreibt TSH-Anstiege und TRH-Antworten als frühe biochemische Signale. Sie betont zugleich, dass diese Veränderungen in den Schlüsselstudien marginal waren und nicht mit klinischen unerwünschten Wirkungen verbunden wurden.
Die wichtigste Sicherheitsgrenze betrifft empfindliche Gruppen. Die Quelle beschreibt, dass Jodmangelgebiete empfindlicher auf zusätzliche Jodexposition reagieren können. In solchen Populationen wurden nach Einführung von Jodierungsmaßnahmen vorübergehend mehr Hyperthyreosefälle beobachtet, besonders bei älteren Personen mit knotiger Schilddrüse oder bestehender Schilddrüsenautonomie.
Die Stellungnahme hebt außerdem Jod aus Algenprodukten hervor. Besonders getrocknete, jodreiche Algenprodukte können nach der Quelle zu gefährlich hohen Jodaufnahmen führen. Dieser Punkt ist kein Produktvergleich, sondern ein Sicherheitskontext: Der Jodgehalt solcher Produkte kann sehr hoch sein und die Gesamtaufnahme stark erhöhen.
Der UL gilt nicht für Personen, die Jod unter medizinischer Aufsicht erhalten. Er gilt auch nicht ohne Weiteres für Bevölkerungen mit ausgeprägten Jodmangelstörungen, weil diese Gruppen empfindlicher reagieren können.
Grenzen der Aussagekraft
Die Quelle stammt aus dem Jahr 2002 und wurde in einer EFSA-Zusammenstellung von 2006 veröffentlicht. Sie bleibt ein maßgeblicher europäischer Sicherheitsanker, ersetzt aber keine späteren D-A-CH-, EFSA-DRV-, BfR-, NIH- oder NASEM-Kontexte.
Die wichtigsten Humanstudien zur UL-Ableitung waren kurz und klein. Die tatsächliche Jodaufnahme aus der normalen Ernährung wurde nicht immer analytisch gemessen, sondern teilweise aus Urinjodwerten geschätzt. Dadurch bleibt die exakte Dosis-Wirkungs-Grenze unscharf.
Die Quelle liefert keine Wirksamkeitsprüfung von Jodpräparaten. Sie zeigt nicht, dass eine hohe Jodaufnahme nützlich wäre. Sie bewertet keine einzelnen Produkte, Marken oder Einnahmeschemata.
Für Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, Schilddrüsenautonomie, Autoimmunthyreoiditis, medizinischer Jodanwendung oder ausgeprägtem früherem Jodmangel liefert die Quelle keinen individuellen Grenzwert. Sie beschreibt diese Kontexte als sicherheitsrelevant, entscheidet aber keine Diagnose oder Behandlung.
Was die Quelle zeigt
Die Quelle zeigt den europäischen SCF-Sicherheitsrahmen für Jod. Für Erwachsene, Schwangere und Stillende wird eine tolerierbare obere Gesamtaufnahme von 600 µg pro Tag genannt.
Sie zeigt altersabhängige Werte für Kinder und Jugendliche von 200 bis 500 µg pro Tag. Diese Werte wurden aus dem Erwachsenenwert abgeleitet und nach Körperoberfläche angepasst.
Sie zeigt, wie der Erwachsenenwert aus Humanstudien mit Schilddrüsenparametern abgeleitet wurde. Die entscheidenden biochemischen Veränderungen lagen bei Gesamtaufnahmen um 1.700 bis 1.800 µg pro Tag. Mit einem Unsicherheitsfaktor von 3 entstand daraus ein UL von 600 µg pro Tag.
Sie zeigt auch, warum der UL als Sicherheitswert gelesen werden muss. Der Wert beschreibt die obere chronische Gesamtaufnahme aus allen Quellen und ist kein Zielwert für die Ernährung.
Was die Quelle nicht zeigt
Die Quelle zeigt nicht, welche Jodmenge für einzelne Personen passend ist. Sie zeigt auch nicht, dass Jodpräparate bei ausreichend versorgten Personen notwendig oder nützlich wären.
Sie zeigt keine persönliche Dosierungsregel, keine Therapieentscheidung und keine Schilddrüsendiagnostik. Der UL ist kein Ersatz für medizinische Bewertung bei Schilddrüsenerkrankungen, auffälligen Laborwerten, Amiodaron-, Kontrastmittel- oder anderen medizinischen Jodkontexten.
Sie zeigt keine direkte Gleichsetzung mit dem US-/Kanada-UL von 1.100 µg pro Tag. Die Quelle nennt diesen Wert als Vergleich, hält den europäischen SCF-Wert aber getrennt.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Die SCF-Stellungnahme zu Jod wurde am 26. September 2002 verabschiedet und ist im offiziellen EFSA-Sammel-PDF zu tolerierbaren oberen Aufnahmewerten enthalten.
- Die Quelle ist eine institutionelle Sicherheitsbewertung und keine neu rekrutierte Humanstudie.
- Für Erwachsene nennt die Quelle einen tolerierbaren oberen Aufnahmewert von 600 µg Jod pro Tag.
- Der Erwachsenen-UL gilt laut Quelle auch für Schwangere und Stillende.
- Für Kinder und Jugendliche nennt die Quelle altersabhängige UL-Werte von 200, 250, 300, 450 und 500 µg pro Tag.
- Der UL beschreibt die chronische tägliche Gesamtaufnahme aus allen Quellen.
- Der UL ist keine Empfehlung und kein Zielwert für die Ernährung.
- Die Ableitung nutzt biochemische Schilddrüsenparameter aus Humanstudien, vor allem TSH, T4, T3 und TRH-Antworten.
- Die entscheidenden Ausgangswerte lagen bei etwa 1.700 bis 1.800 µg Jodid pro Tag Gesamtaufnahme.
- Das SCF nutzte einen Unsicherheitsfaktor von 3 und leitete daraus den Erwachsenen-UL von 600 µg pro Tag ab.
- Die Schlüsselstudien waren kurz, klein und teilweise auf geschätzte Gesamtaufnahmen angewiesen.
- Jodreiche Algenprodukte können laut Quelle zu gefährlich hohen Jodaufnahmen führen.
- Der UL gilt nicht für medizinische Jodanwendungen unter Aufsicht und nicht ohne Weiteres für Bevölkerungen mit ausgeprägten Jodmangelstörungen.