Keestra et al. 2026: Jodmangel im ersten Schwangerschaftsdrittel und Intelligenz im Jugendalter
Keestra et al. 2026 untersuchten in 1.211 ALSPAC-Mutter-Kind-Paaren, ob niedriger Jodstatus vor der 14. Schwangerschaftswoche mit Intelligenztestergebnissen im Alter von 15 Jahren zusammenhing. Der beobachtete Zusammenhang betraf vor allem sprachliche Testwerte und erlaubt keine persönliche Dosierungs-, Diagnose- oder Therapieentscheidung.
Kurzprofil
- Quelle: Keestra, S. M., Königs, M., van Welie, N., Dreyer, K., Oosterlaan, J., Mijatovic, V., Roseboom, T. J. & Finken, M. J. J. (2026). Iodine deficiency in the first pregnancy trimester and intelligence in adolescence. European Journal of Nutrition, 65, Article 111. DOI: 10.1007/s00394-026-03955-3. PMID: 41915209. PMCID: PMC13038719.
- Studientyp: prospektive Kohortenanalyse innerhalb der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC).
- Land/Kontext: Vereinigtes Königreich; Schwangerschaften aus der Region Avon mit Geburtsterminen 1991 bis 1992.
- Population: 1.211 Mutter-Kind-Paare mit Jodmessung im ersten Schwangerschaftsdrittel und Intelligenztest des Kindes im Alter von 15 Jahren.
- Jodbezug: Jodstatus der Mutter vor der 14. Schwangerschaftswoche, gemessen über das Jod-Kreatinin-Verhältnis im Urin.
- Zentrale Endpunkte: Wortschatz-T-Score, Matrix-Reasoning-T-Score und geschätzter Gesamt-IQ mit zwei Untertests der Wechsler Abbreviated Scale of Intelligence.
- Originalquelle: https://doi.org/10.1007/s00394-026-03955-3
- Volltextstatus: legal frei verfügbar als Open-Access-Artikel bei Springer Nature; PDF verfügbar; Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0.
Keestra et al. untersuchten, ob ein niedriger Jodstatus in der sehr frühen Schwangerschaft noch im Jugendalter mit messbaren Unterschieden bei Intelligenztests verbunden ist. Die Arbeit knüpft an frühere ALSPAC-Auswertungen und eine Individualdaten-Metaanalyse an, erweitert den Blick aber auf einen späteren Messzeitpunkt: das Alter von 15 Jahren. Die Daten beschreiben beobachtete Zusammenhänge in einer britischen Geburtskohorte und beweisen keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
Fragestellung
Die Studie fragte, ob der Jodstatus der Mutter im ersten Schwangerschaftsdrittel mit der Intelligenz des Kindes im Jugendalter zusammenhängt. Besonders wichtig war dabei der Zeitraum vor der 14. Schwangerschaftswoche, weil der Fötus in dieser Phase stark von der mütterlichen Schilddrüsenhormonversorgung abhängig ist.
Der wissenschaftliche Hintergrund ist die wiederkehrende Beobachtung, dass Jodmangel in der Schwangerschaft mit ungünstigeren neurokognitiven Ergebnissen bei Kindern verbunden sein kann. Frühere ALSPAC-Daten hatten Zusammenhänge mit verbaler Intelligenz und Leseleistungen im Kindesalter gezeigt. Offen blieb, ob solche Zusammenhänge bis in die Jugend bestehen bleiben und ob mütterliche Schilddrüsenwerte den Zusammenhang verändern.
Studiendesign und Methoden
Die Arbeit nutzte Daten aus ALSPAC, einer großen prospektiven Geburtskohorte aus Südwestengland. Eingeschlossen wurden Mutter-Kind-Paare, wenn eine gültige Jodmessung vor der 14. Schwangerschaftswoche und Intelligenzdaten des Kindes im Alter von 15 Jahren vorlagen. Die Forschenden schlossen unter anderem Mehrlingsschwangerschaften, Schwangerschaften nach assistierter Reproduktion und Mütter mit Schilddrüsenhemmern aus, um die Analyse an frühere ALSPAC-Auswertungen anzupassen.
Der mütterliche Jodstatus wurde aus Spot-Urinproben bestimmt und auf Kreatinin bezogen. Die Messung erfolgte mit induktiv gekoppelter Plasma-Massenspektrometrie. Werte oberhalb eines definierten Ausreißerbereichs wurden ausgeschlossen, weil in ALSPAC Bedenken zu einer möglichen Jodkontamination durch Teststreifen bestanden.
Die Intelligenz der Jugendlichen wurde mit zwei Untertests der Wechsler Abbreviated Scale of Intelligence erhoben. Der Wortschatz-Untertest bildet vor allem sprachliche und verbale Fähigkeiten ab. Der Matrix-Reasoning-Untertest bildet eher visuell-räumliches und schlussfolgerndes Denken ab. Aus beiden Untertests wurde zusätzlich ein geschätzter Gesamt-IQ berechnet.
Für die Auswertung nutzte die Arbeitsgruppe lineare Regressionsmodelle. Der Jodstatus wurde sowohl kontinuierlich als auch in Kategorien betrachtet: unter 50, 50 bis 99, 100 bis 149, 150 bis 249 und über 250 µg/g Jod-Kreatinin. Die Kategorie 150 bis 249 µg/g diente als ausreichender Vergleichsbereich. Die Modelle wurden für wichtige Störfaktoren angepasst, darunter mütterliche Bildung, Alter, Parität, Body-Mass-Index vor der Schwangerschaft und Rauchen in der Frühschwangerschaft.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Die finale Analyse umfasste 1.211 Mutter-Kind-Paare. Alle Kinder hatten einen Intelligenztest im Alter von 15 Jahren und eine zuordenbare Jodmessung der Mutter aus dem ersten Schwangerschaftsdrittel.
Die Daten stammen aus einem historischen britischen Kontext. Die Schwangerschaften lagen Anfang der 1990er Jahre, also in einer Phase, in der Großbritannien keine allgemeine gesetzliche Jodsalzpflicht hatte. Die Region Avon liegt zudem in einem Gebiet, das historisch für Jodmangel und Kropf bekannt war. Dadurch ist die Studie besonders für die Frage interessant, ob frühe, milde bis schwere Jodunterversorgung langfristig mit kognitiven Ergebnissen verbunden sein kann.
Die Stichprobe war überwiegend White-British. Andere ethnische Gruppen waren nur in sehr kleiner Zahl vertreten. Das begrenzt die Übertragbarkeit auf Bevölkerungen mit anderer Herkunft, anderer Ernährung und anderer Jodversorgung.
Intervention, Exposition und Vergleich
Es gab keine Intervention. Die Studie untersuchte keinen Jodzusatz, kein Präparat und keine gezielte Ernährungsmaßnahme. Die Exposition war der gemessene Jodstatus der Mutter in der frühen Schwangerschaft.
Verglichen wurden Mütter mit unterschiedlichen Jod-Kreatinin-Werten. In der kategorialen Analyse war der Bereich 150 bis 249 µg/g der ausreichende Vergleichsbereich. Besonders betrachtet wurde schwere Jodunterversorgung unter 50 µg/g. Zusätzlich prüften die Forschenden, ob sich die Zusammenhänge nach Geschlecht des Kindes oder nach mütterlichen Schilddrüsenwerten unterschieden.
Die Studie untersuchte außerdem TSH und freies T4 der Mutter im ersten Schwangerschaftsdrittel. TSH ist das Steuerhormon, mit dem die Hirnanhangsdrüse die Schilddrüse anregt. Freies T4 ist ein Schilddrüsenhormon, das für die frühe Gehirnentwicklung relevant ist.
Ergebnisse
In der kontinuierlichen Analyse war niedrigerer Jodstatus mit einem niedrigeren Wortschatz-T-Score verbunden. Der berichtete Regressionskoeffizient lag bei β = 0,72 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,09 bis 1,35. Das bedeutet: Höhere Jodwerte gingen in dieser Auswertung mit höheren Wortschatzwerten einher. Für Matrix Reasoning und den geschätzten Gesamt-IQ zeigte sich in der kontinuierlichen Analyse kein entsprechender Zusammenhang.
In der kategorialen Auswertung fiel vor allem die Gruppe mit schwerer Jodunterversorgung auf. Kinder von Müttern mit Jod-Kreatinin-Werten unter 50 µg/g hatten im Vergleich zum ausreichenden Bereich 4,25 Punkte niedrigere Wortschatz-T-Scores. Die Effektgröße betrug Cohen's d = -0,40. Beim geschätzten Gesamt-IQ lagen sie 3,3 Punkte niedriger; die Effektgröße betrug Cohen's d = -0,27.
Für Matrix Reasoning wurde kein vergleichbarer Unterschied berichtet. Damit konzentrierte sich das Ergebnis vor allem auf den sprachlichen Bereich und in schwerer Unterversorgung zusätzlich auf den geschätzten Gesamt-IQ.
Die Zusammenhänge unterschieden sich nicht nach dem Geschlecht des Kindes. Der Jodstatus im ersten Schwangerschaftsdrittel war außerdem nicht mit den mütterlichen Schilddrüsenwerten korreliert.
Ein auffälliger Zusatzbefund betraf TSH. In Schwangerschaften mit Jodunterversorgung unter 150 µg/g war höheres mütterliches TSH mit höheren Wortschatz- und Gesamt-IQ-Werten verbunden. In Schwangerschaften mit ausreichendem Jodstatus zeigte sich dieses Muster nicht. Die Autorengruppe deutet dies vorsichtig als möglichen Hinweis auf eine kompensatorische Reaktion der mütterlichen Schilddrüsenachse. Diese Deutung bleibt eine Hypothese und beweist keinen Mechanismus.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die Studie war keine Interventions- oder Sicherheitsstudie. Es wurde keine Jodgabe geprüft, und es wurden keine Nebenwirkungen einer Jodaufnahme oder eines Präparats erhoben.
Sicherheitsrelevant ist vor allem die Abgrenzung: Die Daten sprechen über zu niedrigen Jodstatus in der frühen Schwangerschaft, nicht über die Wirkung oder Sicherheit einer bestimmten Jodmenge. Sie erlauben keine Aussage dazu, welche Menge für eine einzelne Person geeignet wäre, und keine Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln.
Die Analyse kann auch Jodüberschuss nicht beurteilen. Die Arbeitsgruppe beschreibt selbst, dass der Datensatz einen Kontext milder bis moderater Jodunterversorgung abbildet und dass sehr hohe Messwerte wegen möglicher Kontaminationsprobleme ausgeschlossen wurden.
Grenzen der Aussagekraft
Die wichtigste Grenze ist das Beobachtungsdesign. Die Studie zeigt Zusammenhänge, kann aber nicht beweisen, dass niedriger Jodstatus allein die späteren Testergebnisse verursacht hat. Trotz statistischer Anpassung können nicht gemessene Faktoren eine Rolle spielen, zum Beispiel weitere Ernährungsunterschiede, soziale Faktoren oder Merkmale der Familienumgebung.
Die Messung des Jodstatus beruhte auf Spot-Urinproben, die auf Kreatinin bezogen wurden. Solche Messungen sind in epidemiologischen Studien nützlich, schwanken aber stärker als wiederholte oder 24-Stunden-Messungen. Außerdem wurden auffällig hohe Werte ausgeschlossen, weil mögliche Kontaminationen in der Kohorte diskutiert wurden. Dadurch eignet sich die Studie nicht zur Bewertung hoher Jodexposition.
Auch der Intelligenztest hat Grenzen. Im Alter von 15 Jahren wurde eine Kurzform mit zwei Untertests eingesetzt. Sie liefert eine brauchbare Forschungsschätzung, ersetzt aber keine vollständige klinische Intelligenzdiagnostik. Zudem lassen sich Veränderungen vom Kindesalter bis zum Jugendalter nicht direkt über identische Untertests verfolgen.
Die Übertragbarkeit ist begrenzt. Die Kohorte ist historisch, geografisch und ethnisch eng gefasst. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf heutige deutsche Verhältnisse, auf Bevölkerungen mit stabiler Jodversorgung oder auf Gruppen mit anderer Ernährung übertragen.
Nicht untersucht wurde, ob die Jodaufnahme des Kindes nach der Geburt die beobachteten Zusammenhänge abgeschwächt oder verstärkt haben könnte. Ebenso wurde nicht geprüft, ob andere Nährstoffmängel, die mit niedriger Jodaufnahme zusammen auftreten können, zu den Ergebnissen beitrugen.
Was die Studie zeigt
Die Studie zeigt, dass niedriger Jodstatus im ersten Schwangerschaftsdrittel in dieser ALSPAC-Auswertung mit niedrigeren sprachlichen Testwerten im Jugendalter verbunden war. Bei schwerer Jodunterversorgung zeigte sich zusätzlich ein niedrigerer geschätzter Gesamt-IQ.
Sie zeigt außerdem, dass der frühe Schwangerschaftszeitpunkt wichtig bleibt. Die Ergebnisse passen zu früheren ALSPAC-Befunden im Kindesalter und zu der Annahme, dass frühe Jodunterversorgung besonders für die verbale Entwicklung relevant sein kann.
Was die Studie nicht zeigt
Die Studie zeigt nicht, dass eine bestimmte Jodgabe die Intelligenz verbessert. Sie zeigt auch nicht, welche Zufuhrmenge für Schwangere individuell richtig ist. Es handelt sich nicht um eine randomisierte Supplementierungsstudie.
Die Daten beweisen keine Kausalität, keine Therapieempfehlung und keine Diagnoseentscheidung. Sie beantworten auch nicht die Frage, wie Jodüberschuss, Schilddrüsenerkrankungen, konkrete Präparate oder heutige Jodsalzpolitik in anderen Ländern zu bewerten sind.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Keestra et al. 2026 ist eine prospektive Kohortenanalyse aus der britischen ALSPAC-Geburtskohorte.
- Die Publikation erschien in European Journal of Nutrition, Band 65, Artikel 111.
- Die Quelle ist über DOI 10.1007/s00394-026-03955-3, PMID 41915209 und PMCID PMC13038719 verifiziert.
- Die Analyse umfasste 1.211 Mutter-Kind-Paare.
- Der mütterliche Jodstatus wurde vor der 14. Schwangerschaftswoche über das Jod-Kreatinin-Verhältnis im Urin gemessen.
- Die Intelligenz der Kinder wurde im Alter von 15 Jahren mit zwei Untertests der Wechsler Abbreviated Scale of Intelligence erhoben.
- Niedrigerer Jodstatus war mit niedrigeren Wortschatz-T-Scores verbunden, aber nicht mit Matrix Reasoning oder dem geschätzten Gesamt-IQ in der kontinuierlichen Analyse.
- Bei schwerer Jodunterversorgung unter 50 µg/g lagen die Wortschatz-T-Scores 4,25 Punkte niedriger als im ausreichenden Vergleichsbereich von 150 bis 249 µg/g.
- Bei schwerer Jodunterversorgung lag der geschätzte Gesamt-IQ 3,3 Punkte niedriger.
- Die Zusammenhänge unterschieden sich nicht nach Geschlecht des Kindes.
- Die Studie ist beobachtend und beweist keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
- Die Daten erlauben keine persönliche Dosierungs-, Diagnose- oder Therapieentscheidung.