Montenegro-Bethancourt et al. 2015: Spot-Urin, Kreatinin und Jodstatus bei Kindern

Montenegro-Bethancourt et al. 2015 erschien in Thyroid, Band 25, Heft 6, Seiten 688-697. Die Studie nutzte Daten von 180 gesunden Kindern und Jugendlichen aus der DONALD-Studie. Die Teilnehmenden waren 6 bis 18 Jahre alt.

Kurzprofil

  • Quelle: Montenegro-Bethancourt, G., Johner, S. A., Stehle, P., Neubert, A. & Remer, T. (2015). Iodine Status Assessment in Children: Spot Urine Iodine Concentration Reasonably Reflects True Twenty-Four-Hour Iodine Excretion Only When Scaled to Creatinine.
  • Studientyp: methodische Querschnittsauswertung mit parallelen Spot- und 24-Stunden-Urinproben.
  • Land/Kontext: Deutschland; DONALD-Studie in Dortmund.
  • Population: 180 gesunde Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren.
  • Jodbezug: Urinjodkonzentration, 24-Stunden-Jodausscheidung und kreatinin-skalierte Schätzung der täglichen Jodausscheidung.
  • Zentrale Endpunkte: Übereinstimmung von Spot-Urin-Markern mit gemessener 24-Stunden-Jodausscheidung, Fehlklassifikation in Quartilen und Einfluss der Urinverdünnung.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1089/thy.2015.0006
  • Volltext: frei zugänglicher HTML-Volltext beim Journal; PubMed-Eintrag PMID 25781006.

Montenegro-Bethancourt et al. untersuchten, wie zuverlässig Spot-Urinproben den Jodstatus von Kindern und Jugendlichen abbilden. Im Mittelpunkt stand eine praktische Monitoringfrage: Reicht die einfache Urinjodkonzentration in µg/L aus, oder passt eine Schätzung der 24-Stunden-Jodausscheidung besser, wenn sie zusätzlich auf Kreatinin bezogen wird? Die Studie ist keine Untersuchung zu einer Jodgabe. Sie prüft Messmethoden.

Fragestellung

Urinjod wird häufig genutzt, weil ein großer Teil des aufgenommenen Jods über den Urin ausgeschieden wird. In Bevölkerungsstudien sind Spot-Urinproben leichter zu sammeln als vollständige 24-Stunden-Urinproben. Die einfache Urinjodkonzentration hängt aber auch davon ab, wie verdünnt der Urin ist. Viel Flüssigkeit kann einen Wert niedriger erscheinen lassen; konzentrierter Urin kann ihn höher erscheinen lassen.

Die Arbeitsgruppe fragte deshalb, ob ein kreatinin-skalierter Ansatz bei Kindern und Jugendlichen näher an der tatsächlich gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung liegt. Kreatinin entsteht im Muskelstoffwechsel und wird relativ stetig ausgeschieden. Bei Kindern muss es aber alters- und geschlechtsbezogen betrachtet werden, weil Wachstum, Körpergröße und Muskelmasse die Kreatininausscheidung beeinflussen.

Studiendesign und Methoden

Die Auswertung nutzte Proben und Messdaten aus der DONALD-Studie. Eingeschlossen wurden Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren, die zwischen 1996 und 2002 Urinproben abgegeben hatten. Für die Analyse mussten eine Spot-Urinprobe und eine vollständige 24-Stunden-Urinprobe im Abstand von höchstens 15 Tagen vorliegen.

Die Forschenden prüften die 24-Stunden-Sammlungen auf Vollständigkeit. Ausgeschlossen wurden unter anderem pathologische Urinbefunde, unvollständige 24-Stunden-Sammlungen und die Einnahme jodhaltiger Medikamente oder Produkte vor oder während der Sammlung. Dazu zählten zum Beispiel Levothyroxin, jodhaltige Desinfektionsmittel, Multivitamine mit Jod, Kelp und andere Algenprodukte.

Die endgültige Stichprobe bestand aus 120 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren und 60 Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren. In beiden Altersgruppen war die Hälfte weiblich. Gemessen wurden Jod, Kreatinin und Osmolalität in Spot- und 24-Stunden-Urinproben. Osmolalität beschreibt, wie stark ein Urin konzentriert ist.

Als Vergleichsmaß nutzte die Studie die tatsächlich gemessene 24-Stunden-Jodausscheidung. Daneben wurden drei Spot-Urin-Ansätze berechnet: die einfache Urinjodkonzentration in µg/L, das Jod-Kreatinin-Verhältnis und eine geschätzte 24-Stunden-Jodausscheidung auf Basis von Spot-Urinjod, Spot-Kreatinin und alters- sowie geschlechtsspezifischen Referenzwerten für 24-Stunden-Kreatinin.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Gruppe der 6- bis 12-Jährigen umfasste 60 Jungen und 60 Mädchen. Die Gruppe der 13- bis 18-Jährigen umfasste 30 Jungen und 30 Mädchen. Die Daten stammen aus einer gesunden, überwiegend deutschen Forschungskohorte mit wiederholten Ernährungs-, Wachstums- und Urinmessungen.

Die 24-Stunden-Jodausscheidung lag bei den jüngeren Kindern niedriger als bei den älteren Jugendlichen. In der Studie hatten ungefähr 30 % der 6- bis 12-Jährigen eine 24-Stunden-Jodausscheidung unter dem altersbezogenen Schätzwert für den durchschnittlichen Bedarf. Bei den 13- bis 18-Jährigen waren es ungefähr 15 %. Das beschreibt den Status in dieser Studiengruppe, nicht automatisch die heutige Versorgungslage.

Für 118 der 180 Teilnehmenden lagen zusätzlich zwei weitere 24-Stunden-Urinproben innerhalb eines Zweijahresfensters vor. Die einzelne 24-Stunden-Jodausscheidung stimmte in diesen Personen gut mit dem mittleren Zweijahreswert überein. Das stärkt den Vergleich mit der 24-Stunden-Probe, auch wenn eine einzelne Sammlung den individuellen Langzeitstatus nicht perfekt abbildet.

Intervention, Exposition und Vergleich

Es gab keine Intervention, keine Jodgabe und keine Supplementgruppe. Verglichen wurden Messmethoden.

Die einfache Urinjodkonzentration wurde direkt aus der Spot-Urinprobe in µg/L bestimmt. Beim kreatinin-skalierten Ansatz wurde aus dem Verhältnis von Jod zu Kreatinin im Spot-Urin und erwarteten 24-Stunden-Kreatininwerten eine tägliche Jodausscheidung in µg/Tag geschätzt. Zusätzlich wurde geprüft, wie stark die Urinkonzentration beziehungsweise Osmolalität die Ergebnisse beeinflusste.

Der wichtigste Vergleich lautete: Wie gut stimmen die Spot-Urin-Methoden mit der gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung überein?

Ergebnisse

Die einfache Urinjodkonzentration korrelierte nur schwach mit der gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung. In der Gruppe von 6 bis 12 Jahren lag die Korrelation bei r = 0,12 und war statistisch nicht signifikant. In der Gruppe von 13 bis 18 Jahren lag sie bei r = 0,22 und war ebenfalls nicht signifikant.

Die kreatinin-skalierte Schätzung passte besser zur gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung. In der jüngeren Gruppe lag die Korrelation bei r = 0,41; in der älteren Gruppe bei r = 0,47. Beide Werte waren statistisch signifikant.

Auch die Fehlklassifikation war geringer. Bei der einfachen Urinjodkonzentration wurden 7 % der 6- bis 12-Jährigen und 15 % der 13- bis 18-Jährigen in das entgegengesetzte Quartil eingeordnet. Beim kreatinin-skalierten Ansatz waren es 5 % beziehungsweise 3 %. Das bedeutet: Die kreatinin-skalierte Methode lag häufiger in derselben oder einer benachbarten Ranggruppe wie die 24-Stunden-Messung.

Die Auswertungen zur Urinverdünnung zeigten ebenfalls einen Unterschied. Wenn die Urinjodkonzentration mit einem angenommenen Durchschnitts-Urinvolumen in eine Tagesausscheidung umgerechnet wurde, wuchs die Abweichung von der echten 24-Stunden-Jodausscheidung mit stärker konzentriertem Urin deutlich an. Die mittlere Abweichung nahm pro Osmolalitäts-Tertil um ungefähr 50 µg/Tag zu. Beim kreatinin-skalierten Ansatz waren die mittleren Abweichungen klein und statistisch nicht auffällig.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Studie erfasste keine Nebenwirkungen, weil keine Jodgabe durchgeführt wurde. Sie liefert daher keine Sicherheitsbewertung für Nahrungsergänzungsmittel, Algenprodukte, Medikamente oder jodreiche Lebensmittel.

Für die Methodik ist trotzdem relevant, dass jodhaltige Medikamente und Produkte vor der Probensammlung ausgeschlossen wurden. Dadurch sollte vermieden werden, dass kurzfristige besondere Jodquellen die Messmethoden verzerren.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die enge Fragestellung. Die Studie prüfte Messmethoden, nicht die Wirkung von Jod auf Gesundheit, Wachstum, Schilddrüsenfunktion oder Schulleistung. Aus den Ergebnissen lässt sich keine Einnahmeempfehlung ableiten.

Die Stichprobe war mit 180 Teilnehmenden überschaubar und stammte aus der DONALD-Studie. Diese gesunde Forschungskohorte ist gut charakterisiert, aber nicht automatisch repräsentativ für alle Kinder in Deutschland oder andere Länder. Die Übertragbarkeit hängt besonders davon ab, ob alters- und geschlechtsspezifische Kreatinin-Referenzwerte zur untersuchten Bevölkerung passen.

Spot- und 24-Stunden-Urinproben durften bis zu 15 Tage auseinanderliegen. Die Zusatzdaten über zwei Jahre sprechen zwar dafür, dass die einzelne 24-Stunden-Probe meist einen sinnvollen Vergleichspunkt bot. Dennoch bleibt eine einzelne 24-Stunden-Sammlung kein perfektes Maß für die übliche individuelle Jodaufnahme.

Ein weiterer Punkt betrifft die praktische Nutzung. Die einfache Urinjodkonzentration ist weltweit etabliert und WHO-Schwellenwerte beziehen sich auf Bevölkerungsmediane. Für kreatinin-skalierte Schätzungen braucht man passende Referenzwerte und validierte Schwellen, bevor solche Werte breit zur Klassifikation von Gruppen eingesetzt werden können.

Was die Studie zeigt

Die Studie zeigt, dass Spot-Urinproben bei Kindern und Jugendlichen aussagekräftiger werden können, wenn Urinjod zusätzlich auf Kreatinin und alters- sowie geschlechtsspezifische Kreatinin-Referenzwerte bezogen wird. In dieser Stichprobe stimmte die geschätzte tägliche Jodausscheidung besser mit der gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung überein als die einfache Urinjodkonzentration.

Sie zeigt außerdem, warum UIC-Werte vorsichtig gelesen werden müssen. UIC ist praktisch für Bevölkerungsmonitoring, kann aber durch Urinverdünnung verschoben werden. Bei Kindern und Jugendlichen kann das besonders wichtig sein, weil Wachstum und Körperzusammensetzung die Kreatininausscheidung verändern.

Was die Studie nicht zeigt

Die Studie zeigt nicht, dass ein einzelner Spot-Urinwert eine sichere Individualdiagnose erlaubt. Sie zeigt auch nicht, dass Kinder mit einem bestimmten Messwert Jod einnehmen sollten.

Nicht untersucht wurden klinische Endpunkte wie Schilddrüsenerkrankungen, Entwicklungsverläufe oder Symptome. Die Studie verglich Messgrößen. Sie beantwortet daher keine Frage zur Wirksamkeit oder Sicherheit einer Jodzufuhr und bewertet keine Produkte.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Die Studie erschien 2015 in Thyroid.
  • Untersucht wurden 180 gesunde Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren aus der DONALD-Studie.
  • Es lagen parallele Spot-Urinproben und 24-Stunden-Urinproben vor.
  • Gemessen wurden Jod, Kreatinin und Osmolalität.
  • Die gemessene 24-Stunden-Jodausscheidung diente als Vergleichsmaß.
  • Die einfache Urinjodkonzentration korrelierte schwach und nicht signifikant mit der 24-Stunden-Jodausscheidung.
  • Die kreatinin-skalierte Schätzung korrelierte besser mit der gemessenen 24-Stunden-Jodausscheidung.
  • Die Fehlklassifikation in entgegengesetzte Quartile war beim kreatinin-skalierten Ansatz geringer als bei UIC allein.
  • Urinverdünnung beeinflusste die einfache UIC-basierte Umrechnung stärker als die kreatinin-skalierte Schätzung.
  • Die Studie ist eine Methodenstudie und liefert keine Einnahme-, Diagnose- oder Therapieempfehlung.

Quellen

  1. DOI
  2. Journal
  3. PubMed