Park et al. 2025: Hohe Jodzufuhr und Schilddrüsenerkrankungen in Korea
Park et al. 2025 erschien in Nutrition Research and Practice, Band 19, Heft 4, Seiten 554-565. Die Studie nutzte KoGES-Daten von 190.524 koreanischen Erwachsenen ab 40 Jahren.
Kurzprofil
- Quelle: Park, S.-J., Chen, L., Wallace, T. C. & Lee, H.-J. (2025). The association between iodine intake and thyroid disease in iodine-replete regions: the Korean Genome and Epidemiology Study.
- Studientyp: Beobachtungsstudie; Querschnittsauswertung der Ausgangsdaten einer großen koreanischen Kohorte.
- Land/Kontext: Südkorea; jodreiche bzw. jodausreichende Ernährungslage mit traditionell hohem Verzehr von Meeresalgen.
- Population: 190.524 Teilnehmende ab 40 Jahren aus der Korean Genome and Epidemiology Study.
- Jodbezug: geschätzte tägliche Jodaufnahme aus der Ernährung, eingeteilt in fünf Aufnahmegruppen.
- Zentrale Endpunkte: ärztlich diagnostizierte Schilddrüsenerkrankung, Vergleich nach Jodaufnahme, geschlechtsgetrennte Auswertung.
- Originalquelle: https://doi.org/10.4162/nrp.2025.19.4.554
- Volltext: HTML und PDF beim Journal frei verfügbar; zusätzlich PubMed/PMC-Locator PMID 40809894, PMCID PMC12340101.
Park et al. untersuchten, ob eine höhere Jodaufnahme bei koreanischen Erwachsenen mit einer höheren Häufigkeit von Schilddrüsenerkrankungen verbunden war. Die Studie ist als großer Länder- und Ernährungskontext interessant, weil Korea traditionell deutlich mehr jodreiche Meeresalgen isst als viele westliche Länder. Die Ergebnisse beschreiben jedoch eine beobachtete Verbindung in einer bestimmten Bevölkerung und beweisen keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
Fragestellung
Die Arbeit fragte, ob die Menge an Jod in der Ernährung mit der Prävalenz von Schilddrüsenerkrankungen zusammenhängt. Prävalenz bedeutet hier: Wie viele Teilnehmende gaben an, jemals von einer Ärztin oder einem Arzt eine Schilddrüsenerkrankung diagnostiziert bekommen zu haben.
Der Hintergrund war eine offene Frage aus asiatischen Daten. Frühere Studien aus Korea, Japan und China kamen nicht zu einheitlichen Ergebnissen. Einige Untersuchungen fanden Zusammenhänge zwischen hoher Jodexposition und Schilddrüsenveränderungen, andere nicht. Korea ist dafür ein besonderer Kontext, weil Seetang, Meersenf und Kelp wichtige Jodquellen sind und Jodsalz im Alltag eine viel kleinere Rolle spielt als in manchen anderen Ländern.
Studiendesign und Methoden
Die Studie nutzte Daten aus der Korean Genome and Epidemiology Study, kurz KoGES. Eingeschlossen wurden Männer und Frauen ab 40 Jahren. Aus zunächst 211.569 Personen wurden Teilnehmende ausgeschlossen, wenn Angaben zur Schilddrüsenerkrankung, Ernährung oder plausible Energieaufnahme fehlten oder wenn Schilddrüsenkrebs berichtet wurde. Die finale Analyse umfasste 190.524 Personen.
Die Jodaufnahme wurde über einen validierten semiquantitativen Ernährungsfragebogen geschätzt. Dafür wurde eine Jod-Datenbank für 396 Lebensmittel aufgebaut. Sie deckte 93,6 % der Lebensmittel im Fragebogen ab; für 294 Lebensmittel lagen direkt analysierte Werte vor, für 102 Lebensmittel wurden Werte abgeleitet.
Die Forschenden teilten die Teilnehmenden nach täglicher Jodaufnahme in fünf gleich große Gruppen ein. Die niedrigste Gruppe diente als Referenz. Für die statistische Auswertung verwendeten sie logistische Regressionsmodelle. Das vollständig angepasste Modell berücksichtigte unter anderem Geschlecht, Alter, BMI, Kohorte, Bildung, Rauchen, Alkoholkonsum, Familienstand, Menopausenstatus bei Frauen, Bewegung, selbst eingeschätzte Gesundheit, chronische Erkrankungen, Gesamtenergieaufnahme und den Verzehr von Kreuzblütlern.
Untersuchte Personen oder Datenbasis
Insgesamt wurden 190.524 Erwachsene untersucht. Davon berichteten 8.387 Personen eine ärztlich diagnostizierte Schilddrüsenerkrankung. Das entspricht 4,40 % der Gesamtgruppe.
Der Anteil war bei Frauen höher als bei Männern. Unter den Männern hatten 860 von 67.373 Personen eine Schilddrüsenerkrankung, also 1,28 %. Unter den Frauen waren es 7.527 von 123.151 Personen, also 6,11 %. Die Gruppe mit Schilddrüsenerkrankung war im Durchschnitt geringfügig älter und berichtete häufiger chronische Erkrankungen und eine schlechtere Selbsteinschätzung der Gesundheit.
Intervention, Exposition und Vergleich
Es gab keine Intervention und keine Supplementgruppe. Die Studie beobachtete die übliche Ernährung und schätzte daraus die tägliche Jodaufnahme.
Die zentrale Exposition war die Jodaufnahme in fünf Gruppen. In der Gesamtgruppe lag der Median in der niedrigsten Gruppe bei 78,2 µg/Tag und in der höchsten Gruppe bei 726,0 µg/Tag. Die Spannweite in der höchsten Gruppe reichte von 485 bis 7.725 µg/Tag. Bei Männern lag der Median in der höchsten Gruppe bei 650,2 µg/Tag, bei Frauen bei 764,5 µg/Tag.
Verglichen wurde jeweils mit der niedrigsten Jodaufnahmegruppe. Zusätzlich wurden Männer und Frauen getrennt betrachtet. Der Verzehr von Kreuzblütlern wie Kohl, Radieschen oder Chinakohl wurde berücksichtigt, weil solche Lebensmittel goitrogene Stoffe enthalten können. Goitrogene können die Jodaufnahme in der Schilddrüse oder die Bildung von Schilddrüsenhormonen beeinflussen.
Ergebnisse
Im einfachen Vergleich der Gesamtgruppe war die durchschnittliche Jodaufnahme bei Personen mit Schilddrüsenerkrankung etwas höher als bei Personen ohne berichtete Erkrankung: 367,0 ± 4,65 µg/Tag gegenüber 349,0 ± 0,96 µg/Tag. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Getrennt nach Geschlecht zeigte sich dieser Unterschied jedoch nicht mehr eindeutig.
Entscheidend war die angepasste Auswertung nach Jodaufnahmegruppen. In der Gesamtgruppe war eine höhere Jodaufnahme nach vollständiger Anpassung nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenerkrankungen verbunden. Für die höchste gegenüber der niedrigsten Jodgruppe lag das Chancenverhältnis bei 0,92 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,85 bis 1,00. Der Trend über die Gruppen war nicht signifikant.
Bei Männern ergab sich im vollständig angepassten Modell für die höchste gegenüber der niedrigsten Jodgruppe ein Chancenverhältnis von 0,89. Das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 0,71 bis 1,11; der Trend war mit p = 0,7434 nicht signifikant. Bei Frauen lag das Chancenverhältnis bei 0,92 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,85 bis 1,00; der Trend war mit p = 0,2286 ebenfalls nicht signifikant.
Auch zusätzliche Auswertungen nach niedrigem und hohem Verzehr von Kreuzblütlern zeigten keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Jodaufnahme und Schilddrüsenerkrankung. Die Studie fand damit in dieser großen koreanischen Stichprobe keinen belastbaren Hinweis darauf, dass höhere übliche Jodaufnahme allein mit mehr berichteten Schilddrüsenerkrankungen verbunden war.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die Studie erfasste keine Nebenwirkungen einer Intervention, weil keine Jodgabe durchgeführt wurde. Die Sicherheitsinformation entsteht daher nur indirekt aus der Beobachtung einer jodreichen Ernährungslage.
Die Autorengruppe weist darauf hin, dass die mittlere Jodaufnahme in beiden Vergleichsgruppen oberhalb der koreanischen empfohlenen Nährstoffzufuhr von 150 µg/Tag lag, aber deutlich unter dem koreanischen tolerierbaren oberen Aufnahmewert von 2.400 µg/Tag. Gleichzeitig enthielt die höchste Aufnahmegruppe auch Personen mit sehr hohen geschätzten Werten. Die Arbeit erlaubt deshalb eine Einordnung jodreicher Ernährungsmuster in Korea, aber keine Aussage zur Sicherheit einzelner Nahrungsergänzungsmittel oder kurzfristiger hoher Jodgaben.
Für Personen mit bestehenden Schilddrüsenrisiken bleibt die Aussage begrenzt. Die Autorengruppe nennt selbst, dass Schilddrüsenerkrankungen durch hohe Jodaufnahme besonders bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse oder bei Menschen mit Jodmangelrisiko vorkommen können. Diese Untergruppen wurden nicht als eigene klinische Sicherheitsanalyse geprüft.
Grenzen der Aussagekraft
Die wichtigste Grenze ist das Studiendesign. Die Analyse ist eine Querschnittsauswertung. Jodaufnahme und Schilddrüsenerkrankung wurden zur gleichen Zeit betrachtet. Deshalb lässt sich nicht klären, ob Ernährungsmuster zur Erkrankung beigetragen haben, ob Menschen mit Schilddrüsenerkrankung ihre Ernährung verändert haben oder ob andere Faktoren eine Rolle spielten.
Die Schilddrüsenerkrankung wurde über die Antwort auf eine Frage nach ärztlicher Diagnose erfasst. Die Studie unterscheidet im Hauptendpunkt nicht sauber zwischen Hypothyreose, Hyperthyreose, Autoimmunthyreoiditis, Knoten oder anderen Schilddrüsenproblemen. Schilddrüsenkrebs wurde ausgeschlossen, aber die übrigen Diagnosen wurden nicht im Detail getrennt ausgewertet.
Auch die Jodmessung hat Grenzen. Die Aufnahme wurde aus einem Ernährungsfragebogen und einer Lebensmittel-Datenbank geschätzt. Es wurden keine 24-Stunden-Urinjodmessungen erhoben, obwohl solche Messungen für eine genauere Jodaufnahmeabschätzung wichtig sein können. Der Fragebogen enthielt außerdem keinen eigenen Punkt zu Jodsalz, was die Autorengruppe damit begründet, dass Jodsalz in Korea sehr selten verwendet wird.
Die Übertragbarkeit auf Deutschland oder andere Länder ist begrenzt. In Korea stammt viel Jod aus Meeresalgen und Brühen auf Kelp-Basis. In Deutschland spielen andere Lebensmittelmuster und Jodsalz eine größere Rolle. Das Ergebnis darf daher nicht als allgemeine Entwarnung für jede Form hoher Jodzufuhr gelesen werden.
Was die Studie zeigt
Die Studie zeigt, dass in einer sehr großen koreanischen Erwachsenenstichprobe keine signifikante Verbindung zwischen höherer geschätzter Jodaufnahme und berichteter Schilddrüsenerkrankung gefunden wurde, nachdem wichtige Störfaktoren berücksichtigt wurden.
Sie zeigt außerdem, dass jodreiche Ernährungslagen nicht automatisch gleich zu bewerten sind. Die Quelle des Jods, langfristige Gewöhnung, Ernährungsumfeld, Kreuzblütlerverzehr und Bevölkerungsmerkmale können die beobachteten Zusammenhänge beeinflussen.
Was die Studie nicht zeigt
Die Studie zeigt nicht, dass hohe Jodzufuhr grundsätzlich unbedenklich ist. Sie beweist auch nicht, dass Jod vor Schilddrüsenerkrankungen schützt. Die Ergebnisse beruhen auf Beobachtungsdaten und erlauben keine Kausalbehauptung.
Nicht beantwortet werden Fragen zur Sicherheit von Jodpräparaten, zu gezielter Supplementierung, zu kurzfristigen hohen Jodmengen, zu Menschen mit bekannter Schilddrüsenerkrankung und zu Bevölkerungen mit anderer Ernährung. Für diese Fragen sind andere Designs, längere Nachbeobachtung und spezifischere Endpunkte nötig.
Kompakte Faktenzusammenfassung
- Die Studie wertete 190.524 koreanische Erwachsene ab 40 Jahren aus.
- 8.387 Personen, also 4,40 %, berichteten eine ärztlich diagnostizierte Schilddrüsenerkrankung.
- Die Jodaufnahme wurde über einen validierten Ernährungsfragebogen und eine Jod-Lebensmitteldatenbank geschätzt.
- Die höchste Jodaufnahmegruppe hatte in der Gesamtgruppe einen Median von 726,0 µg/Tag.
- Nach vollständiger Anpassung war die höchste Jodaufnahmegruppe nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenerkrankungen verbunden.
- Das vollständig angepasste Chancenverhältnis für die höchste gegenüber der niedrigsten Gruppe lag bei Männern bei 0,89 und bei Frauen bei 0,92.
- Das Studiendesign ist beobachtend und querschnittlich; es beweist keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
- Die Ergebnisse gelten für einen koreanischen Ernährungskontext mit viel Jod aus Meeresalgen und sind nicht direkt auf Deutschland oder auf Nahrungsergänzungsmittel übertragbar.