Mütterlicher Jodstatus und kindlicher IQ: Was zeigt die Individualdaten-Meta-Analyse von Levie et al. 2019?

Levie et al. 2019 werteten Individualdaten von 6.180 Mutter-Kind-Paaren aus Generation R, INMA und ALSPAC aus. Der mütterliche Jodstatus wurde über Urinjod und Urinjod/Kreatinin-Verhältnis in der Schwangerschaft erfasst. Im kontinuierlichen Modell war ein niedrigeres Urinjod/Kreatinin-Verhältnis mit niedrigerem verbalem IQ des Kindes verbunden.

Kurzprofil

  • Quelle: Levie, D. et al. (2019). Association of Maternal Iodine Status With Child IQ: A Meta-Analysis of Individual Participant Data. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 104(12), 5957-5967. DOI: 10.1210/jc.2018-02559. PMID: 30920622. PMCID: PMC6804415.
  • Studientyp: Meta-Analyse von Individualdaten aus drei prospektiven bevölkerungsbasierten Geburtskohorten.
  • Land/Kontext: Niederlande (Generation R), Spanien (INMA) und Vereinigtes Königreich (ALSPAC).
  • Population: 6.180 Mutter-Kind-Paare mit Urinjod- und Kreatininmessung in der Schwangerschaft sowie späterer IQ-Erhebung beim Kind.
  • Jod-Bezug: mütterliche Urinjodkonzentration und Urinjod/Kreatinin-Verhältnis als Marker des Jodstatus in der Schwangerschaft.
  • Zentrale Endpunkte: nonverbaler und verbaler IQ des Kindes im Alter von 1,5 bis 8 Jahren; zusätzlich Prüfung, ob mütterliches TSH oder freies T4 den Zusammenhang erklären.
  • Originaltitel: Association of Maternal Iodine Status With Child IQ: A Meta-Analysis of Individual Participant Data.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1210/jc.2018-02559; Volltext über Journal/PMC verfügbar: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6804415/.

Fragestellung

Levie et al. untersuchten, ob der Jodstatus der Mutter während der Schwangerschaft mit dem später gemessenen IQ des Kindes zusammenhängt. Im Mittelpunkt stand nicht schwerer Jodmangel, sondern der mild bis moderat niedrige Bereich, der in europäischen Schwangerschaftskohorten vorkommen kann.

Die Arbeit ging außerdem der Frage nach, ob es ein besonders empfindliches Zeitfenster in der Schwangerschaft gibt. Das ist methodisch wichtig, weil die frühe Entwicklung des Gehirns stark von Schilddrüsenhormonen abhängt und der Fetus am Anfang der Schwangerschaft besonders auf die mütterliche Hormonversorgung angewiesen ist.

Studiendesign und Methoden

Die Arbeit war eine Individualdaten-Meta-Analyse. Anders als eine klassische Meta-Analyse aus veröffentlichten Ergebniszahlen wertete sie harmonisierte Einzeldaten aus drei Kohorten gemeinsam aus: Generation R aus den Niederlanden, INMA aus Spanien und ALSPAC aus dem Vereinigten Königreich.

Eingeschlossen wurden Mutter-Kind-Paare, wenn während der Schwangerschaft Urinjod und Kreatinin gemessen worden waren und später IQ-Daten des Kindes vorlagen. Ausgeschlossen wurden Mehrlingsschwangerschaften, Fertilitätsbehandlung, Medikamente mit Einfluss auf die Schilddrüse und bereits bekannte Schilddrüsenerkrankungen.

Der Jodstatus wurde über Spot-Urinproben bestimmt. Die Autorinnen und Autoren nutzten vor allem das Urinjod/Kreatinin-Verhältnis, weil Kreatinin die Verdünnung des Urins teilweise berücksichtigt. Die Gruppen wurden grob in Werte unter 150 µg/g, 150 bis unter 500 µg/g und mindestens 500 µg/g eingeteilt. Diese Einteilung sollte niedrige, ausreichende und hohe Werte ungefähr abbilden; sie ersetzt aber keine sichere Einzelpersonendiagnostik.

Statistisch nutzte die Studie zwei Wege. In einem gepoolten Ansatz wurden die harmonisierten Daten zusammen analysiert, auch mit Prüfung auf nichtlineare Zusammenhänge. Zusätzlich wurden kohortenspezifische Schätzwerte berechnet und anschließend mit Random-Effects-Meta-Analysen zusammengeführt. Die Modelle berücksichtigten unter anderem Gestationsalter bei der Urinprobe, Geschlecht des Kindes, mütterliche Bildung, Alter, Parität, Body-Mass-Index vor der Schwangerschaft, Rauchen und ethnische beziehungsweise herkunftsbezogene Variablen.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die endgültige Datenbasis umfasste 6.180 Mutter-Kind-Paare: 1.931 aus Generation R, 1.269 aus INMA und 2.980 aus ALSPAC. Die mittlere Ausgangslage unterschied sich deutlich zwischen den Kohorten. Die mediane Urinjodkonzentration lag bei 159 µg/L in Generation R, 128 µg/L in INMA und 96 µg/L in ALSPAC. Das mediane Urinjod/Kreatinin-Verhältnis lag entsprechend bei 214, 152 und 124 µg/g.

Auch der Anteil niedriger Werte unterschied sich. Ein Urinjod/Kreatinin-Verhältnis unter 150 µg/g fand sich bei 27,5 % der Frauen in Generation R, 49,1 % in INMA und 61,4 % in ALSPAC. Die Urinproben wurden in allen drei Kohorten ungefähr am Übergang vom ersten zum zweiten Schwangerschaftsdrittel erhoben, mit Medianwerten um 12 bis 13 Wochen.

Die IQ-Erhebung erfolgte je nach Kohorte mit unterschiedlichen Instrumenten und in unterschiedlichem Alter. Generation R erfasste nonverbalen IQ im Median mit 5,9 Jahren und verbale Entwicklung im Median mit 1,5 Jahren. INMA erfasste nonverbalen und verbalen IQ im Median mit 4,6 Jahren. ALSPAC nutzte den Wechsler-Intelligenztest im Median mit 8,6 Jahren. Zur Vergleichbarkeit wurden die Werte innerhalb der Kohorten auf einen Mittelwert von 100 und eine Standardabweichung von 15 standardisiert.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Studie prüfte keine Jodgabe und keine konkrete Supplementierungsdosis. Die Exposition war der gemessene mütterliche Jodstatus in der Schwangerschaft, ausgedrückt als Urinjod/Kreatinin-Verhältnis.

Verglichen wurden niedrigere, mittlere und höhere Statusbereiche sowie kontinuierliche Zusammenhänge über den gesamten gemessenen Wertebereich. Die Referenzgruppe in den kategorialen Analysen lag bei 150 bis unter 500 µg/g. Dadurch lässt sich die Arbeit als Status- und Risikofensteranalyse verstehen, nicht als Nachweis, dass eine bestimmte Einnahmemenge einen bestimmten IQ-Effekt verursacht.

Ergebnisse

Im gepoolten kontinuierlichen Modell zeigte sich ein positiver, gekrümmter Zusammenhang zwischen dem Urinjod/Kreatinin-Verhältnis und dem verbalen IQ. Dieser Zusammenhang wurde für den verbalen IQ beobachtet, nicht für den nonverbalen IQ.

Die kategorialen Analysen waren zurückhaltender. Ein Urinjod/Kreatinin-Verhältnis unter 150 µg/g war nicht statistisch klar mit niedrigerem nonverbalem IQ verbunden: Der gepoolte Unterschied lag bei -0,6 IQ-Punkten, mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -1,7 bis 0,4 und einem p-Wert von 0,246. Auch für verbalen IQ war der kategoriale Unterschied unter 150 µg/g nicht statistisch eindeutig: -0,6 IQ-Punkte, 95-%-Konfidenzintervall -1,3 bis 0,1, p = 0,082.

Für hohe Werte ab 500 µg/g zeigte die Auswertung ebenfalls keinen klaren Zusammenhang mit niedrigerem IQ. Beim nonverbalen IQ lag der Unterschied bei -1,1 Punkten, 95-%-Konfidenzintervall -4,2 bis 2,0, p = 0,478. Beim verbalen IQ lag er bei -0,6 Punkten, 95-%-Konfidenzintervall -2,6 bis 1,4, p = 0,552.

Die auffälligste Auswertung betraf den Zeitpunkt der Messung. Der Zusammenhang zwischen Urinjod/Kreatinin-Verhältnis und verbalem IQ war nur bis zur 14. Schwangerschaftswoche sichtbar. In den ersten 12 Wochen entsprach der beobachtete Unterschied über den Wertebereich etwa 5 IQ-Punkten; zwischen der 12. und 14. Woche etwa 3 IQ-Punkten. Nach der 14. Woche war dieser Zusammenhang nicht mehr erkennbar.

Die Autorinnen und Autoren prüften außerdem, ob mütterliches TSH oder freies T4 den Zusammenhang erklären könnten. Das Urinjod/Kreatinin-Verhältnis war in dieser Analyse nicht mit TSH oder freiem T4 verbunden, und die Anpassung für diese Schilddrüsenwerte veränderte den Zusammenhang mit dem IQ nicht wesentlich. Daraus lässt sich nicht schließen, dass Schilddrüsenhormone keine Rolle spielen; es zeigt nur, dass die gemessenen mütterlichen TSH- und fT4-Werte in dieser Datenbasis den beobachteten Zusammenhang nicht erklärten.

BefundErgebnis der Arbeit
Datenbasis6.180 Mutter-Kind-Paare aus drei europäischen Kohorten
HauptmarkerUrinjod/Kreatinin-Verhältnis in der Schwangerschaft
Nonverbaler IQKein klarer Zusammenhang in den kategorialen Analysen
Verbaler IQPositiver gekrümmter Zusammenhang im kontinuierlichen Modell
Werte unter 150 µg/gKein statistisch eindeutiger Unterschied in den kategorialen Analysen
ZeitpunktZusammenhang mit verbalem IQ nur bis zur 14. Schwangerschaftswoche sichtbar
SchilddrüsenwerteTSH und freies T4 erklärten den Zusammenhang in dieser Analyse nicht

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Arbeit war keine Supplementierungsstudie und erfasste keine Nebenwirkungen einer Jodgabe. Sie kann deshalb keine direkte Aussage zur Sicherheit bestimmter Jodmengen, Präparate oder Einnahmeschemata machen.

Die Analyse hoher Urinjod/Kreatinin-Werte ab 500 µg/g zeigte keinen statistisch klaren Zusammenhang mit niedrigerem verbalem oder nonverbalem IQ. Das ist jedoch kein umfassender Sicherheitsnachweis. Hohe Jodzufuhr und Schilddrüsenrisiken müssen über dafür angelegte Sicherheitsquellen bewertet werden.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist das Studiendesign. Die Arbeit beruht auf Beobachtungsdaten aus Kohorten. Sie zeigt Zusammenhänge zwischen gemessenem Jodstatus und späterem IQ, beweist aber nicht, dass niedriger Jodstatus allein die IQ-Unterschiede verursacht hat.

Spot-Urinproben sind für Gruppen nützlich, aber auf Einzelpersonenebene schwankungsanfällig. Ernährung, Flüssigkeitsaufnahme, Tageszeit und Laborunterschiede können die Werte beeinflussen. Die Kreatinin-Korrektur verbessert die Vergleichbarkeit, macht aus einer Einzelprobe aber keinen sicheren Langzeitmarker.

Auch die IQ-Messung war nicht in allen Kohorten identisch. Die Kinder waren unterschiedlich alt, und die Erhebungsinstrumente unterschieden sich. Die Standardisierung erleichtert den Vergleich, ersetzt aber keine vollständig einheitliche Testung.

Ein weiterer Grenzpunkt betrifft die Interpretation der Zeitfenster. Die Daten sprechen dafür, dass frühe Schwangerschaftswochen besonders empfindlich sein könnten. Sie zeigen aber nicht, welche konkrete Jodzufuhr vor oder zu Beginn der Schwangerschaft für einzelne Personen erforderlich wäre. Dafür wären Interventionsstudien nötig, die früh genug beginnen und Nutzen sowie Sicherheit prüfen.

Was die Studie zeigt

Die Individualdaten-Meta-Analyse zeigt, dass ein niedrigerer mütterlicher Jodstatus in der frühen Schwangerschaft mit niedrigerem verbalem IQ des Kindes verbunden sein kann. Der Zusammenhang war vor allem im kontinuierlichen Modell sichtbar und beschränkte sich auf Messungen bis zur 14. Schwangerschaftswoche.

Die Studie zeigt außerdem, dass einfache Grenzwertvergleiche unter 150 µg/g nicht dieselbe Aussagekraft hatten wie die kontinuierliche Analyse. Für nonverbalen IQ fand sich kein belastbarer Zusammenhang. Für TSH und freies T4 zeigte sich kein Hinweis, dass diese gemessenen mütterlichen Schilddrüsenwerte den beobachteten Zusammenhang erklärten.

Was die Studie nicht zeigt

Die Studie zeigt nicht, dass eine bestimmte Jodgabe den IQ eines Kindes erhöht. Sie prüfte keine Supplementierung, keine Dosierung und keine Behandlung. Sie erlaubt auch keine persönliche Entscheidung über Jodpräparate und keine Diagnose des individuellen Jodstatus.

Die Ergebnisse dürfen nicht als allgemeine Schwangerschaftsberatung gelesen werden. Sie liefern vor allem einen Hinweis darauf, dass frühe Jodverfügbarkeit für die kindliche Neuroentwicklung wichtig sein kann und dass spätere Interventionsstudien sehr früh in der Schwangerschaft oder bereits davor ansetzen müssten.

Eingeschlossene Einzelstudien

Die Meta-Analyse nutzte Individualdaten aus drei prospektiven Geburtskohorten:

  • Generation R, Niederlande: bevölkerungsbasierte Kohorte mit Schwangerschaftsrekrutierung 2002 bis 2006.
  • INMA, Spanien: Kohorten aus drei spanischen Regionen mit Rekrutierung 2003 bis 2008.
  • ALSPAC, Vereinigtes Königreich: Geburtskohorte mit Rekrutierung 1990 bis 1992.

Diese drei Kohorten wurden nicht als Interventionsstudien angelegt. Sie liefern Status- und Beobachtungsdaten, keine randomisierten Supplementierungsdaten.

Kompakte Faktenzusammenfassung

Levie et al. 2019 werteten Individualdaten von 6.180 Mutter-Kind-Paaren aus den Kohorten Generation R, INMA und ALSPAC aus. Der mütterliche Jodstatus wurde über Urinjod und Urinjod/Kreatinin-Verhältnis in der Schwangerschaft erfasst. Im kontinuierlichen Modell war ein niedrigeres Urinjod/Kreatinin-Verhältnis mit niedrigerem verbalem IQ des Kindes verbunden, besonders bei Messungen bis zur 14. Schwangerschaftswoche. Für nonverbalen IQ zeigte sich kein belastbarer Zusammenhang. Grenzwertanalysen unter 150 µg/g waren für verbalen und nonverbalen IQ nicht statistisch eindeutig. Die Arbeit ist eine Beobachtungsanalyse und beweist keine Wirkung einer Jodgabe.

Quellen

  1. DOI
  2. PubMed
  3. PubMed Central
  4. Journal