NASEM/IOM: US/Kanada-Referenzwerte und oberer Aufnahmewert für Jod

Das Iodine-Kapitel der Dietary Reference Intakes ist eine institutionelle Referenzwert- und Sicherheitsquelle des Institute of Medicine für den US-/Kanada-Rahmen. Die Originalquelle ist legal über NCBI Bookshelf verfügbar.

Kurzprofil

  • Quelle: Institute of Medicine (US) Panel on Micronutrients. Dietary Reference Intakes - Iodine.
  • Quellentyp: institutionelles Referenzwert- und Sicherheitskapitel.
  • Land/Kontext: USA und Kanada; Dietary Reference Intakes des Food and Nutrition Board.
  • Wirkstoff: Jod.
  • Bezugsgruppen: Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Schwangere und Stillende; allgemeine gesunde Bevölkerung im nordamerikanischen Referenzwertrahmen.
  • Zentrale Endpunkte: EAR, RDA, AI, tolerierbarer oberer Aufnahmewert (UL), Jodaufnahme aus Lebensmitteln und Supplementen, Schilddrüsenfunktion, Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Originaltitel: Dietary Reference Intakes for Vitamin A, Vitamin K, Arsenic, Boron, Chromium, Copper, Iodine, Iron, Manganese, Molybdenum, Nickel, Silicon, Vanadium, and Zinc. 8, Iodine.
  • Originalquelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK222323/
  • DOI/PMID: nicht verfügbar.
  • Volltextstatus: NCBI-Bookshelf-Volltext verfügbar; PDF-Version des Titels über NCBI Bookshelf verlinkt.

Das Iodine-Kapitel der Dietary Reference Intakes legt den nordamerikanischen Referenzrahmen für Jod fest. Es beschreibt Jod als Bestandteil der Schilddrüsenhormone, leitet Zufuhrrichtwerte für verschiedene Lebensphasen ab und setzt einen tolerierbaren oberen Aufnahmewert. Für Erwachsene nennt die Quelle eine RDA von 150 µg Jod pro Tag. Für Erwachsene ab 19 Jahren setzt sie den UL bei 1.100 µg pro Tag an.

Fragestellung

Die Quelle beantwortet eine Referenzwert- und Sicherheitsfrage: Welche tägliche Jodzufuhr deckt im US-/Kanada-Rahmen den Bedarf gesunder Bevölkerungsgruppen, und ab welcher Gesamtzufuhr steigt das Risiko unerwünschter Schilddrüsenreaktionen?

Im Mittelpunkt stehen vier Arten von Werten. Die EAR beschreibt den geschätzten mittleren Bedarf. Die RDA ist der Wert, der den Bedarf fast aller Personen einer Gruppe abdecken soll. Für Säuglinge nutzt die Quelle eine AI, weil für diese Altersgruppe keine RDA abgeleitet wurde. Der UL beschreibt die tägliche Gesamtaufnahme, die bei fast allen gesunden Personen voraussichtlich kein Risiko für unerwünschte Wirkungen darstellt.

Dieser Rahmen ist ein nordamerikanischer Bewertungsrahmen. Er ist nicht identisch mit D-A-CH- oder EU-Werten. Besonders sichtbar ist das beim Sicherheitswert: Die NASEM/IOM-Quelle nennt für Erwachsene 1.100 µg pro Tag, während der europäische UL in anderen Quellen niedriger liegt.

Studiendesign und Methoden

Die Quelle ist keine Interventionsstudie und keine neu rekrutierte Humanstudie. Sie ist ein Referenzwertkapitel des Institute of Medicine für das Food and Nutrition Board. Die Ableitung stützt sich auf physiologische Daten, Bilanzstudien, Urinjod- und Schilddrüsenparameter, Schwangerschafts- und Stillzeitdaten sowie Sicherheitsstudien zu zusätzlicher Jodaufnahme.

Für Erwachsene wurde der mittlere Bedarf vor allem aus Schilddrüsenjod-Aufnahme und Jodumsatz abgeleitet. Die Quelle setzt für Männer und Frauen ab 19 Jahren eine EAR von 95 µg pro Tag. Für die RDA wird ein Variationskoeffizient von 20 % genutzt; dadurch ergibt sich eine RDA von 140 % der EAR. Die berechneten Werte wurden gerundet, sodass für Erwachsene 150 µg pro Tag entstehen.

Für Schwangerschaft nutzt die Quelle zusätzliche physiologische Anforderungen, darunter den Jodbedarf des Fötus und Daten aus Bilanz- und Supplementierungsstudien in Mangelregionen. Daraus setzt sie eine EAR von 160 µg pro Tag und eine RDA von 220 µg pro Tag.

Für Stillzeit wird die EAR aus dem Bedarf nicht stillender Frauen plus dem durchschnittlichen Jodverlust über Muttermilch abgeleitet. Die Quelle nennt dafür eine EAR von 209 µg pro Tag und eine RDA von 290 µg pro Tag.

Für den UL wurden Studien herangezogen, in denen zusätzliche Jodmengen TSH-Werte beeinflussten. TSH ist das Schilddrüsen-stimulierende Hormon. Die Quelle wählt einen niedrigsten LOAEL von etwa 1.700 µg pro Tag. Ein LOAEL ist die niedrigste beobachtete Aufnahmemenge, bei der eine unerwünschte Wirkung gesehen wurde. Mit einem Unsicherheitsfaktor von 1,5 wird daraus ein rechnerischer Wert von 1.133 µg pro Tag abgeleitet und auf 1.100 µg pro Tag abgerundet.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Quelle hat keine eigene Studienpopulation. Sie fasst Daten für Lebensphasen und Bevölkerungsgruppen zusammen.

GruppeWerttypJodwert
Säuglinge, 0 bis 6 MonateAI110 µg/Tag
Säuglinge, 7 bis 12 MonateAI130 µg/Tag
Kinder, 1 bis 3 JahreRDA90 µg/Tag
Kinder, 4 bis 8 JahreRDA90 µg/Tag
Kinder, 9 bis 13 JahreRDA120 µg/Tag
Jugendliche, 14 bis 18 JahreRDA150 µg/Tag
Erwachsene ab 19 JahrenRDA150 µg/Tag
Schwangerschaft, 14 bis 50 JahreRDA220 µg/Tag
Stillzeit, 14 bis 50 JahreRDA290 µg/Tag

Für Säuglinge wurde kein UL festgelegt. Die Quelle begründet das mit unzureichenden Daten zu unerwünschten Wirkungen und mit besonderer Vorsicht gegenüber hoher Aufnahme im Säuglingsalter.

GruppeUL laut NASEM/IOM
Säuglinge, 0 bis 12 Monatenicht festlegbar
Kinder, 1 bis 3 Jahre200 µg/Tag
Kinder, 4 bis 8 Jahre300 µg/Tag
Kinder, 9 bis 13 Jahre600 µg/Tag
Jugendliche, 14 bis 18 Jahre900 µg/Tag
Erwachsene ab 19 Jahren1.100 µg/Tag
Schwangerschaft, 14 bis 18 Jahre900 µg/Tag
Schwangerschaft, 19 bis 50 Jahre1.100 µg/Tag
Stillzeit, 14 bis 18 Jahre900 µg/Tag
Stillzeit, 19 bis 50 Jahre1.100 µg/Tag

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Quelle prüft keine neue Intervention. Sie bewertet Jodzufuhr aus Lebensmitteln, Supplementen und jodiertem Salz im nordamerikanischen Kontext.

Als Lebensmittelquellen nennt das Kapitel Milch, Milchprodukte, Meeresfisch und Lebensmittel aus jodreichen Böden. Lebensmittel marinen Ursprungs haben höhere Jodkonzentrationen, weil Meerestiere Jod aus Meerwasser konzentrieren. Verarbeitete Lebensmittel können mehr Jod enthalten, wenn jodiertes Salz oder Jodverbindungen wie Calciumiodat, Kaliumiodat, Kaliumiodid oder Kupferiodid verwendet werden.

Die Quelle beschreibt außerdem Formen und Aufnahme. Jod kann in verschiedenen chemischen Formen aufgenommen werden. Die meisten aufgenommenen Formen werden im Darm zu Iodid reduziert und nahezu vollständig absorbiert. Iodat, das in vielen Ländern zur Salzjodierung verwendet wird, wird schnell zu Iodid reduziert und vollständig aufgenommen.

Für die US-Ernährung nennt die Quelle eine geschätzte mediane Jodaufnahme aus Lebensmitteln von etwa 240 bis 300 µg pro Tag bei Männern und 190 bis 210 µg pro Tag bei Frauen. Für Supplemente nennt sie auf Basis von NHANES-III-Daten eine mediane Jodaufnahme von etwa 140 µg pro Tag bei erwachsenen Supplementnutzern.

Ergebnisse

Der zentrale Erwachsenenwert der Quelle ist eine RDA von 150 µg Jod pro Tag. Diese Zahl gilt im Kapitel für Männer und Frauen ab 19 Jahren. Die EAR für Erwachsene liegt bei 95 µg pro Tag.

Für Kinder und Jugendliche steigen die Werte mit dem Alter. Kinder von 1 bis 8 Jahren haben eine RDA von 90 µg pro Tag. Für 9- bis 13-Jährige nennt die Quelle 120 µg pro Tag. Jugendliche von 14 bis 18 Jahren liegen bei 150 µg pro Tag und erreichen damit den Erwachsenenwert.

Für Schwangerschaft nennt die Quelle 220 µg pro Tag als RDA. Für Stillzeit nennt sie 290 µg pro Tag. Der Stillzeitwert liegt höher, weil Jod über die Muttermilch abgegeben wird. Die Quelle nennt eine durchschnittliche Jodsekretion über Muttermilch von etwa 114 µg pro Tag.

Für Säuglinge nutzt die Quelle AI-Werte statt RDA-Werte. Für 0 bis 6 Monate nennt sie 110 µg pro Tag, für 7 bis 12 Monate 130 µg pro Tag.

Beim Sicherheitswert ist der zentrale Erwachsenenwert 1.100 µg pro Tag. Diese Zahl ist ein Gesamtwert aus Lebensmitteln, angereicherten Lebensmitteln und Supplementen. Für Kinder und Jugendliche wird der Erwachsenenwert nach Körpergewicht heruntergerechnet. Für Schwangere und Stillende ab 19 Jahren gilt laut Quelle derselbe UL wie für nicht schwangere und nicht stillende Erwachsene.

Die Quelle beschreibt Jod funktionell als Bestandteil von Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3). Diese Schilddrüsenhormone regulieren wichtige biochemische Reaktionen, darunter Proteinsynthese und enzymatische Aktivität. Besonders wichtige Zielgewebe sind nach der Quelle das sich entwickelnde Gehirn, Muskulatur, Herz, Hypophyse und Niere.

Die Quelle beschreibt auch Jodmangel. Jodmangel kann zu unzureichender Schilddrüsenhormonbildung führen. Als mögliche Folgen nennt das Kapitel unter anderem Hypothyreose, Struma, Kretinismus und Entwicklungsstörungen. Die schädlichste Wirkung wird für die Gehirnentwicklung beschrieben, besonders in der fetalen und frühen postnatalen Phase.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der UL von 1.100 µg pro Tag beruht auf Schilddrüsenparametern, insbesondere TSH-Veränderungen bei höherer Jodaufnahme. Die Quelle beschreibt Studien, in denen zusätzliche Jodmengen von 1.500 µg pro Tag auf eine bestehende Grundaufnahme trafen. Daraus ergaben sich Gesamtaufnahmen von etwa 1.700 bis 1.800 µg pro Tag, bei denen TSH-Werte anstiegen.

Der abgeleitete UL soll für die allgemeine gesunde Bevölkerung gelten. Die Quelle stellt zugleich klar, dass der UL nicht für Menschen gilt, die Jod unter medizinischer Aufsicht erhalten. Sie grenzt also den Ernährungsrahmen von medizinischen Anwendungen ab.

Für Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse nennt die Quelle eine besondere Unsicherheit. Sie beschreibt, dass solche Erkrankungen in der US-Bevölkerung häufig sind und dass Personen mit Autoimmunerkrankungen oder Jodmangel empfindlicher auf zusätzliche Jodaufnahme reagieren können. Für diese Untergruppe konnte die Quelle keinen eigenen UL festlegen.

Die Quelle beschreibt außerdem, dass übliche Ernährungsweisen meist nicht über 1 mg Jod pro Tag liefern. Am oberen Rand kann die Aufnahme aber nahe an den Erwachsenen-UL heranreichen. Die höchste geschätzte Jodaufnahme aus Ernährung plus Supplementen am 95. Perzentil liegt laut Quelle ungefähr bei 1,15 mg pro Tag.

Grenzen der Aussagekraft

Die Quelle ist historisch und stammt aus dem Jahr 2001. Sie bleibt ein maßgeblicher US-/Kanada-Referenzwert, ersetzt aber keine neueren D-A-CH-, EFSA-, NIH- oder NNR-Dokumente.

Die Quelle ist keine klinische Wirksamkeitsstudie. Sie zeigt nicht, dass Jodsupplemente bei ausreichend versorgten Erwachsenen einen Zusatznutzen haben. Sie prüft auch keine Produktqualität, keine Marke und keine Rangfolge von Jodformen.

Der nordamerikanische UL von 1.100 µg pro Tag ist nicht mit dem europäischen UL gleichzusetzen. Beide Werte müssen getrennt gelesen werden, weil Bewertungslogik, Datengrundlage und Vorsorgeentscheidungen abweichen können.

Für Menschen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, bestehender Schilddrüsenerkrankung, medizinischer Jodanwendung oder hohem Algenkonsum liefert das Kapitel keine individuelle Entscheidung. Es beschreibt Risiken und Grenzen, legt aber keine Diagnose- oder Therapieentscheidung fest.

Eine weitere Grenze betrifft Statusmessung. Das Kapitel nutzt Urinjod und Schilddrüsenparameter in der Ableitung, liefert aber keine einfache Selbstdiagnostik für einzelne Personen.

Was die Quelle zeigt

Die Quelle zeigt den nordamerikanischen Referenzwertrahmen für Jod. Für Erwachsene ab 19 Jahren nennt sie eine EAR von 95 µg pro Tag und eine RDA von 150 µg pro Tag.

Sie zeigt höhere Werte für Schwangerschaft und Stillzeit. Für Schwangerschaft nennt sie 220 µg pro Tag als RDA, für Stillzeit 290 µg pro Tag.

Sie zeigt, dass für Säuglinge AI-Werte genutzt werden: 110 µg pro Tag im Alter von 0 bis 6 Monaten und 130 µg pro Tag im Alter von 7 bis 12 Monaten.

Sie zeigt außerdem den US-/Kanada-UL von 1.100 µg pro Tag für Erwachsene. Dieser Wert wurde aus Schilddrüsenparametern abgeleitet und von einem niedrigsten beobachteten Wirkungsniveau mit Unsicherheitsfaktor heruntergerechnet.

Funktionell zeigt die Quelle Jod als Bestandteil von T4 und T3. Damit steht Jod in engem Zusammenhang mit Schilddrüsenhormonen, Stoffwechselreaktionen und Gehirnentwicklung.

Was die Quelle nicht zeigt

Die Quelle zeigt nicht, welche Jodmenge für einzelne Personen passend ist. Sie ersetzt keine individuelle medizinische Bewertung bei Schilddrüsenerkrankungen, Schwangerschaftsfragen, Medikamentenkontexten oder auffälligen Laborwerten.

Sie zeigt nicht, dass ein Jodpräparat bei ausreichender Versorgung notwendig oder nützlich wäre. Sie ist keine Produktbewertung und keine Supplementierungsstudie.

Sie zeigt keine direkte Übertragbarkeit auf Deutschland. Der US-/Kanada-Rahmen muss getrennt vom D-A-CH-Rahmen, vom EFSA-UL und von deutschen Höchstmengenbewertungen gelesen werden.

Sie zeigt keinen eigenen UL für Personen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse. Die Quelle beschreibt diese Gruppe als möglicherweise empfindlicher, nennt aber wegen unzureichender Daten keinen eigenen Grenzwert.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Das Iodine-Kapitel der Dietary Reference Intakes ist eine institutionelle Referenzwert- und Sicherheitsquelle des Institute of Medicine für den US-/Kanada-Rahmen.
  • Die Originalquelle ist über NCBI Bookshelf frei verfügbar.
  • Für Erwachsene ab 19 Jahren nennt die Quelle eine EAR von 95 µg Jod pro Tag und eine RDA von 150 µg Jod pro Tag.
  • Für Schwangere nennt die Quelle eine RDA von 220 µg pro Tag.
  • Für Stillende nennt die Quelle eine RDA von 290 µg pro Tag.
  • Für Säuglinge nennt die Quelle AI-Werte von 110 µg pro Tag für 0 bis 6 Monate und 130 µg pro Tag für 7 bis 12 Monate.
  • Für Kinder und Jugendliche nennt die Quelle RDA-Werte von 90, 120 oder 150 µg pro Tag, abhängig vom Alter.
  • Für Erwachsene ab 19 Jahren nennt die Quelle einen UL von 1.100 µg pro Tag.
  • Für Kinder und Jugendliche nennt die Quelle UL-Werte von 200 bis 900 µg pro Tag, abhängig vom Alter.
  • Für Säuglinge konnte kein UL festgelegt werden.
  • Der Erwachsenen-UL wurde aus einem niedrigsten beobachteten Wirkungsniveau von etwa 1.700 µg pro Tag und einem Unsicherheitsfaktor von 1,5 abgeleitet und auf 1.100 µg pro Tag gerundet.
  • Die Quelle nennt Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse als besondere Unsicherheit; für diese Untergruppe konnte kein eigener UL gesetzt werden.
  • Die Quelle ist keine klinische Interventionsstudie, keine persönliche Dosierungsanweisung und keine Produktbewertung.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. PDF