Jod: ein Scoping-Review für die Nordischen Ernährungsempfehlungen 2023
Der Scoping-Review von 2023 ordnet Jodversorgung und Übermaß in nordischen Ländern ein. Besonders für Schwangere und Kleinkinder bleiben Grenzwerte unsicher.
Wozu diente die Übersicht und wie entstand sie?
Gunnarsdóttir und Brantsæter erstellten den Review als wissenschaftlichen Hintergrund für die Nordischen Ernährungsempfehlungen 2023 (NNR2023). Die Hintergrundartikel wurden unabhängig begutachtet und öffentlich konsultiert. Die endgültigen NNR2023-Referenzwerte legt laut Review jedoch allein das NNR-Komitee fest. Zahlen aus älteren Empfehlungen oder aus Einzelstudien sind daher nicht automatisch neue NNR2023-Werte.
Eine erste PubMed-Suche fand am 11. Januar 2020 statt. Weil bereits hochwertige systematische Reviews vorlagen, wurde kein neuer systematischer Jod-Review priorisiert. Eine Hauptsuche vom 12. Mai 2021 fand drei weitere relevante systematische Reviews, die Aktualisierung am 4. April 2022 einen weiteren; drei zusätzliche wurden aus der ersten Suche einbezogen. Für die Betrachtung von Werten unter zwei Jahren nutzten die Autorinnen außerdem eine randomisierte, doppelblinde Cross-over-Bilanzstudie an Säuglingen. Der Scoping-Review kartiert und bewertet diese Literatur, ohne selbst Effekte zu poolen. Die Autorinnen erklärten keinen Interessenkonflikt.
Jod im Körper und auf dem Teller
Der Review beschreibt, dass über 90 % des Jods aus Lebensmitteln im Dünndarm rasch als Jodid aufgenommen werden. Bei ausreichender Versorgung nimmt die Schilddrüse höchstens 10 % des zirkulierenden Jodids auf; bei chronischem Mangel kann dieser Anteil bis 80 % erreichen. Sie speichert bis zu 80 % des Körperjods, bei gesunden Erwachsenen bis 20 mg und bei Säuglingen etwa 300 µg. Die Nieren scheiden bei ausreichender Zufuhr mehr als 90 % des aufgenommenen Jodids aus. Das sind physiologische Größenordnungen, keine täglichen Zufuhrziele.
Schwangerschaft verändert diese Bilanz: Der Review nennt ungefähr 50 % mehr mütterliche Schilddrüsenhormonproduktion, 30–50 % höhere renale Jod-Clearance und Jodtransfer zum Kind. Säuglinge bilden bezogen auf ihr Körpergewicht mehr Schilddrüsenhormone, etwa 5–6 µg pro kg und Tag gegenüber 1,5 µg pro kg und Tag bei gesunden Erwachsenen. Diese Hormonmengen sind keine Jodzufuhrwerte. Während der Stillzeit wird Jod in der Milch angereichert; der Review beschreibt einen 20- bis 50-fachen Konzentrationsgradienten gegenüber Plasma und schätzt, dass 40–45 % der mütterlichen Jodaufnahme in die Milch gelangen. Referierte Muttermilch-Mediane betragen 68–71 µg/L in Norwegen, 84 µg/L in Island, 90 µg/L in Schweden und 83 µg/L in Dänemark. Einen gesicherten optimalen Muttermilchbereich gibt der Review nicht an.
Als wichtige Jodquellen in nordisch-baltischen Ernährungsweisen nennt er Kuhmilch, Meeresfisch, Eier, jodiertes Salz und daraus hergestellte Produkte wie Brot. Jodgehalte von Fisch und Milch sowie die Nutzung von Jodsalz schwanken. Ernährungsbefragungen erfassen Haushalts-, Koch- und Industriesalz oft unvollständig. So schätzte eine Erhebung in Litauen etwa 30 µg Jod pro Tag für Erwachsene, ließ Salz und Supplemente aber aus. Andere referierte Mittelwerte reichen von 94 µg Jod pro Tag bei Frauen in Lettland bis 268 µg Jod pro Tag bei Männern in Dänemark; diese Gruppen und Erhebungen sind nicht direkt vergleichbar. Glucosinolate aus Kohlgewächsen können theoretisch die Jodaufnahme oder Hormonbildung beeinflussen, doch übliche Ernährungsmengen sind laut Review meist zu gering, um den Jodstatus zu verändern.
Was lässt sich an Bevölkerungsgruppen messen?
Der Median der Jodkonzentration in Spontanurin (UIC) beschreibt die kurzfristige Versorgung einer Gruppe. Einzelproben schwanken mit Essen und Flüssigkeitsaufnahme; weder ein einzelner UIC-Wert noch der Gruppenmedian diagnostiziert eine Person oder liefert unmittelbar die Häufigkeit eines Mangels. Zwei unabhängige Proben in einer Teilstichprobe können die übliche längerfristige Verteilung besser schätzen. Der Review nennt für Schulkinder und nichtschwangere Erwachsene einen als ausreichend betrachteten Gruppenmedian von 100–299 µg/L, für Schwangere 150–249 µg/L. Die Übertragung des Erwachsenen-Cutoffs ist im Review ausdrücklich umstritten.
Eine populationsbezogene Näherung lautet: Jodzufuhr in µg/Tag = UIC in µg/L × 0,0235 × Körpergewicht in kg. Sie setzt unter anderem 90 % renale Ausscheidung und 1,5 L Urin pro 24 Stunden voraus und wird bei Mangel, Schwangerschaft oder Stillzeit unsicherer. Entsprechend setzt der Review einen Gruppenmedian von 100 µg/L bei Erwachsenen grob mit 150 µg Jod pro Tag gleich. Für Schwangere stellt er dem WHO-Cutoff von 150 µg/L eine Zufuhr von 250 µg/Tag gegenüber, während der historische NNR2012-Wert 175 µg/Tag ungefähr 105 µg/L entspräche. Diese verschiedenen Maßstäbe werden im Original diskutiert, nicht zu einer individuellen Umrechnung vereinheitlicht.
TSH sowie die Hormone T3 und T4 haben breite Normalbereiche und helfen laut Review eher bei moderatem bis schwerem Mangel. Thyreoglobulin kann längerfristige Veränderungen anzeigen, doch für Erwachsene fehlen validierte Grenzwerte. Das Schilddrüsenvolumen ist vor allem bei moderatem oder schwerem Mangel ein Marker für eine Struma; „Volumen“ ist dabei weder ein Umfang noch ein persönlicher UIC-Grenzwert.
Was sagen die Gesundheitsbefunde?
Der Review referiert eine populationsbezogene Auswertung, in der viele Schilddrüsenerkrankungen bei medianer UIC von 100–299 µg/L am seltensten waren. Sowohl Mangel als auch chronischer Überschuss können Schilddrüsenstörungen begünstigen. Dänische Beobachtungen zeigen, wie stark Ausgangslage und Endpunkt zählen: Beim Übergang von schwerem zu mildem Mangel wurde weniger Hypothyreose, mit steigender Versorgung aber mehr autoimmune Hypothyreose berichtet. Diese Beobachtungen belegen keine persönliche Optimalspanne.
Bei chronisch moderatem bis schwerem Mangel lagen kindliche IQ-Werte in referierten Arbeiten schätzungsweise 7–10 Punkte niedriger. Für schweren Mangel mit Gruppenmedian UIC unter 20 µg/L sieht der Review überzeugende Evidenz für Vorteile einer frühen Jodversorgung vor oder zu Beginn der Schwangerschaft. Für milden bis moderaten Mangel ist die Lage anders: Bei Gruppenmedian UIC unter 150 µg/L sind Hinweise auf neurokognitive Nachteile und Vorteile einer Supplementierung begrenzt. Europäische Kohorten berichteten häufiger niedrigere kognitive Werte bei mütterlichem Gruppenmedian unter 100 µg/L als bei über 100 und unter 150 µg/L; das sind Assoziationen. Ein gesicherter neurokognitiver Nutzen, wenn Supplementierung erst während einer solchen Schwangerschaft beginnt, wird nicht gezeigt. Auch Studien zu Jodstatus und Adipositas sind uneinheitlich; nordische Schwangerschaftsstudien fanden keine BMI-UIC-Assoziation.
Zwei Einheiten im Original sind auffällig und bleiben ungeklärt: Ein Satz zum unklaren neurokognitiven Nutzen nennt „100–150 g/L“ als UIC, obwohl der Abschnitt sonst µg/L verwendet. Ein anderer nennt eine UIC-Schwelle von „100 µg/day“, obwohl UIC sonst als Konzentration in µg/L erscheint. Daraus wird hier weder ein korrigierter Grenzwert noch eine Zufuhrregel abgeleitet.
Welche historischen Referenzwerte nennt der Review?
NNR2012 nannte für Erwachsene und Jugendliche 150 µg Jod pro Tag als empfohlene Zufuhr, 100 µg/Tag als mittleren Bedarf und 70 µg/Tag als Untergrenze für Erwachsene. Eine referierte Schätzung zur Strumavermeidung lag bei 50–75 µg/Tag beziehungsweise etwa 1 µg pro kg Körpergewicht und Tag. Für Schwangerschaft und Stillzeit nannte NNR2012 175 beziehungsweise 200 µg/Tag, also 25 beziehungsweise 50 µg/Tag mehr als für Erwachsene. Dies sind historische Bezugszahlen, keine persönliche Dosierungsanweisung.
Für Säuglinge unter zwei Jahren schätzte NNR2012 50–70 µg/Tag unter der Annahme ausreichender Versorgung in Schwangerschaft und Stillzeit. Der Review referiert außerdem EFSA-Werte von 70 µg/Tag für 7–11 Monate und 90 µg/Tag für 1–3 Jahre sowie eine ältere WHO-Angabe von 90 µg/Tag für Säuglinge. Eine Bilanzstudie von 2016 bei ausreichend versorgten, termingeborenen Säuglingen von zwei bis fünf Monaten fand eine ausgeglichene Bilanz ab 11 µg/kg Körpergewicht und Tag, etwa 72 µg/Tag, und schlug 80 µg/Tag vor. Dieser Studienvorschlag ist kein vom NNR2023-Komitee gesetzter Referenzwert.
Jodierung, Übermaß und verbleibende Fragen
Dänemark führte laut Review im Jahr 2000 eine verpflichtende Jodierung von Tisch- und Brotsalz ein; 2004–2005 war die Urinjodausscheidung gegenüber zuvor in allen Altersgruppen gestiegen. Für Finnland ist der Originaltext widersprüchlich: Das Abstract beschreibt Salzjodierung als freiwillig, ein späterer Abschnitt als verpflichtend. Daraus lässt sich kein aktueller Rechtsstatus ableiten. Als historische Programmwerte nennt der Review für europäisches Tischsalz 5–75 µg Jod pro Gramm, darunter Schweden mit 50 µg/g, Finnland mit 25 µg/g und Dänemark seit 2019 mit 20 statt zuvor 13 µg/g. Programme und Salzarten unterscheiden sich. Frauen im gebärfähigen Alter, Migranten sowie vegetarisch oder vegan lebende Personen nennt der Review als Gruppen mit häufiger niedriger Versorgung, ohne daraus eine Individualdiagnose abzuleiten. Seine damalige Position zugunsten jodhaltiger Supplementierung Stillender in nordisch-baltischen Ländern ist eine historische Evidenzeinordnung, keine aktuelle Therapieempfehlung. Für den Beginn von Jodierung oder Supplementierung erst während einer mild bis moderat jodarmen Schwangerschaft sieht er keine hinreichende Nutzenbeleglage.
Auch zu viel Jod kann problematisch sein, und die Empfindlichkeit unterscheidet sich stark. Die allgemeine Aussage, Menschen mit normaler Schilddrüse tolerierten bis 1 mg/Tag, ist keine sichere persönliche Schwelle. Der Review referiert historische EFSA-Obergrenzen von 200 µg/Tag für 1–3 Jahre, 250 µg/Tag für 4–6 Jahre, 300 µg/Tag für 7–10 Jahre, 450 µg/Tag für 11–14 Jahre und 500 µg/Tag für 15–17 Jahre; für Erwachsene, Schwangere und Stillende nennt er 600 µg/Tag. Die Kinderwerte wurden aus dem Erwachsenenwert nach Körpergewicht abgeleitet. Dieser beruht auf biochemischen TSH-Reaktionen einschließlich eines Unsicherheitsfaktors, nicht unmittelbar auf nachgewiesenen klinischen Schäden. Keiner dieser Werte garantiert individuelle Sicherheit.
Der Review nennt als mögliche Überschussquellen Algen mit stark variablem Jodgehalt, jodreiches Wasser, überjodiertes Salz, Kontrastmittel, Antiseptika und Supplemente. Eine Beobachtungsstudie an 6- bis 12-Jährigen fand größeres Schilddrüsenvolumen bei Gruppenmedian UIC ab 500 µg/L, nicht bei 300–500 µg/L; andere Risiken waren damit nicht ausgeschlossen. Eine internationale Querschnittsstudie mit 5860 Personen berichtete nach verbreiteter Salzjodierung um 25 mg/kg bei Säuglingen und Kleinkindern Gruppenmediane der UIC von 300–400 µg/L. Aus einer Gruppen-UIC folgt keine individuelle Überschreitung einer Zufuhr-Obergrenze.
Eine norwegische Nutzen-Risiko-Modellierung schätzte bei moderater Jodierung von Haushalts- und Backwarensalz Zufuhr oberhalb des Obergrenzwerts bei 8–18 % der Ein- bis Zweijährigen, zugleich aber mehr Frauen mit Zufuhr über dem mittleren Bedarf. Der für diese Kinder herangezogene Wert von 200 µg/Tag ist aus Erwachsenendaten extrapoliert; der Review fordert eine Neubewertung, hebt ihn aber nicht auf. Repräsentative Daten für Säuglinge und Kleinkinder, gekoppelte Muttermilchmessungen sowie gut geplante randomisierte Studien zu neurokognitiven Folgen und Sicherheit bei mildem bis moderatem Schwangerschaftsmangel fehlen.
Fazit
Der Scoping-Review zeigt, warum Jodversorgung auf Bevölkerungsebene aus Ernährung, UIC, Lebensphase und möglichem Übermaß gemeinsam beurteilt werden muss. Historische Referenzwerte, strittige Gruppen-Cutoffs und Modellschätzungen liefern keine individuelle Dosierung. Eine allgemeinere Einführung bietet die Jodübersicht.
Zusätzliche Originalzugänge zur selben Quelle:
- Ingibjörg Gunnarsdóttir; Anne Lise Brantsæter (2023). Iodine: a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food & Nutrition Research. DOI: 10.29219/fnr.v67.10369. PMID: 38187800.
- Ingibjörg Gunnarsdóttir; Anne Lise Brantsæter (2023). Iodine: a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food & Nutrition Research. DOI: 10.29219/fnr.v67.10369. PMID: 38187800.
- Ingibjörg Gunnarsdóttir; Anne Lise Brantsæter (2023). Iodine: a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food & Nutrition Research. DOI: 10.29219/fnr.v67.10369. PMID: 38187800.