Katagiri et al. 2017: Jodüberschuss und Schilddrüsenerkrankungen in verschiedenen Bevölkerungen

Katagiri et al. 2017 erschien in PLOS ONE, Band 12, Heft 3, e0173722. Die Originalquelle ist legal frei verfügbar und über DOI, PubMed und PubMed Central verifiziert. Die Arbeit ist ein systematischer Review mit Meta-Analysen zu chronisch hoher Jodexposition und Schilddrüsenerkrankungen.

Kurzprofil

  • Quelle: Katagiri, R., Yuan, X., Kobayashi, S. & Sasaki, S. (2017). Effect of excess iodine intake on thyroid diseases in different populations: A systematic review and meta-analyses including observational studies. PLOS ONE, 12(3), e0173722. DOI: 10.1371/journal.pone.0173722. PMID: 28282437. PMCID: PMC5345857.
  • Studientyp: systematischer Review mit Meta-Analysen, überwiegend auf Basis von Beobachtungsstudien.
  • Land/Kontext: international; viele Arbeiten aus Ländern oder Regionen mit hoher Jodexposition durch Trinkwasser, Jodsalz, jodreiche Lebensmittel oder besondere Ernährungsmuster.
  • Population: frei lebende Erwachsene, Kinder, Jugendliche, Säuglinge und Schwangere; Neugeborene wurden ausgeschlossen.
  • Jodbezug: chronisch hohe Jodaufnahme oder hohe Urinjodwerte, nicht akute Vergiftung und nicht Jodexposition durch Medikamente, Strahlung oder andere untypische Quellen.
  • Zentrale Endpunkte: manifeste und subklinische Hypothyreose, Hyperthyreose, Struma, Schilddrüsenknoten, Schilddrüsenvolumen sowie TSH, T3, T4 und Thyreoglobulin.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0173722
  • Volltext: legal frei verfügbar als PLOS-Open-Access-Artikel und PDF; PubMed und PubMed Central führen PMID 28282437 und PMCID PMC5345857.

Katagiri et al. bündelten die bis Juni 2016 verfügbare Humanliteratur zu chronisch hoher Jodexposition und Schilddrüsenerkrankungen. Der Schwerpunkt liegt auf Bevölkerungen, die über längere Zeit zu viel Jod aufnahmen oder sehr hohe Urinjodwerte hatten. Die Arbeit ist besonders wichtig, weil Jod nicht nur bei Mangel, sondern auch bei Überversorgung ein Schilddrüsenthema ist.

Fragestellung

Die Übersichtsarbeit fragte, ob chronisch hohe Jodexposition in frei lebenden Bevölkerungen mit Schilddrüsenerkrankungen verbunden ist. Im Mittelpunkt standen Hypothyreose und Hyperthyreose. Hypothyreose bedeutet eine zu geringe Schilddrüsenfunktion; Hyperthyreose bedeutet eine zu starke Schilddrüsenfunktion.

Die Autorengruppe wollte außerdem klären, welche Schilddrüsenendpunkte bei hoher Jodzufuhr am häufigsten berichtet wurden und ob sich gemeinsame Muster bei Schilddrüsenhormonen erkennen lassen. Akute sehr hohe Jodmengen, Jod aus Kontrastmitteln, Medikamente und Strahlenexposition waren nicht der Kern der Arbeit.

Studiendesign und Methoden

Gesucht wurde in Ovid MEDLINE, PubMed, Cochrane Central Register of Controlled Trials sowie in zwei japanischen Datenbanken, Ichushi-Web und CiNii. Die erste Suche fand am 24. November 2015 statt, die letzte am 3. Juni 2016. Das Protokoll war bei PROSPERO registriert.

Eingeschlossen wurden Humanstudien auf Englisch oder Japanisch, die hohe Jodaufnahme oder hohe Jodausscheidung mit Schilddrüsenerkrankungen oder Schilddrüsenhormonen verbanden. Als hohe Urinjodkonzentration nutzte die Arbeit vor allem WHO-Schwellen: 300 µg/L für Schulkinder und Erwachsene sowie 500 µg/L für Schwangere. Für Erwachsene galt eine geschätzte Aufnahme über 1.100 µg/Tag als über dem US-amerikanischen oberen Aufnahmewert.

Die Qualität randomisierter Studien wurde mit Cochrane-Kriterien beurteilt. Beobachtungsstudien wurden mit dem RoBANS-Werkzeug bewertet. Meta-Analysen wurden nur dort gerechnet, wo Zahl und Vergleichbarkeit der Studien dies zuließen. Die gepoolten Effekte wurden als Chancenverhältnisse mit 95-%-Konfidenzintervallen in Random-Effects-Modellen angegeben.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Insgesamt wurden 50 Artikel eingeschlossen. Dazu gehörten drei Interventionsstudien, sechs Fall-Kontroll-Studien, sechs Follow-up-Studien und 35 Querschnittsstudien. Acht Arbeiten betrafen Erwachsene ohne Schwangere, 23 Arbeiten Kinder im Alter von 6 Monaten bis 19 Jahren, und fünf Arbeiten untersuchten Schwangere.

Die Studien unterschieden sich stark. Manche Regionen hatten hohe Jodwerte durch Trinkwasser. Andere Arbeiten betrafen Jodsalzprogramme, schlecht kontrollierte Salzjodierung, jodreiche Lebensmittel oder Länder mit traditionell hoher Aufnahme aus Meerespflanzen. Dadurch beschreibt der Review keinen einheitlichen deutschen Alltag, sondern mehrere internationale Situationen mit teils deutlich höherer Jodexposition.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Arbeit verglich hohe Jodexposition mit ausreichender oder niedrigerer Jodexposition. In vielen Studien wurde die Exposition über Urinjodkonzentration oder Urinjodausscheidung eingeschätzt. In anderen Arbeiten ging es um geschätzte Aufnahme über Ernährung oder Supplemente.

Die eingeschlossenen Interventionsstudien betrachteten orale Jodgaben. Jodiertes Salz und jodhaltige Öle wurden in Interventionsstudien nicht als kontinuierlich messbare Jodgabe einbezogen, weil die tatsächliche Gesamtaufnahme schwer zu bestimmen war. Für Beobachtungsstudien wurden dagegen Bevölkerungen mit hoher Exposition durch Salz, Wasser oder Ernährung eingeschlossen.

Ergebnisse

Die Meta-Analyse war nur für bestimmte Querschnittsdaten möglich. Bei Erwachsenen ergab sich für manifeste Hypothyreose in Gebieten oder Gruppen mit Jodüberschuss ein Chancenverhältnis von 2,78 gegenüber ausreichend versorgten Gruppen. Das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 1,47 bis 5,27. Für subklinische Hypothyreose lag das Chancenverhältnis bei 2,03 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,58 bis 2,62.

Wenn eine Studie mit älteren Teilnehmenden ausgeschlossen wurde, blieb das Ergebnis ähnlich: 2,44 für manifeste Hypothyreose und 1,95 für subklinische Hypothyreose. Das spricht dafür, dass der Zusammenhang in den erwachsenen Querschnittsdaten nicht nur von dieser einen älteren Stichprobe getragen wurde.

Für Kinder und Schwangere war die Lage weniger klar. Es gab Auswertungen zu subklinischer Hypothyreose, aber die Studien waren heterogener. Bei Kindern und Schwangeren unterschieden sich Studiendesign, Messung, Ausgangsversorgung und Schwellenwerte so stark, dass die Aussagekraft begrenzt blieb.

Hyperthyreose wurde in mehreren Arbeiten berichtet, aber die Datenlage war dünn. Nur eine erwachsene Population aus Simbabwe passte als Studie in einem Kontext, in dem Jodsalz nach vorherigem Mangel neu eingeführt worden war; dort lag der Anteil biochemischer Hyperthyreose bei 3 %. Andere Studien zeigten keine einheitlich signifikanten Unterschiede.

Struma und Schilddrüsenknoten wurden ebenfalls untersucht. Bei Kindern fanden manche Arbeiten höhere Strumaraten in Gebieten mit hohem Jod im Trinkwasser. Andere Studien waren nicht direkt vergleichbar, weil Struma per Sichtbefund, Tastbefund oder Ultraschall bewertet wurde. Für Schilddrüsenknoten waren die Ergebnisse uneinheitlich.

Bei Biomarkern zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: TSH war in mehreren Studien bei hoher Jodexposition erhöht. Thyreoglobulin wurde in einigen Kinderstudien bei hoher Exposition ebenfalls höher gemessen. Manche Arbeiten beschrieben eine U-förmige Beziehung, bei der sehr niedrige und sehr hohe Jodversorgung ungünstig ausfallen können.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der wichtigste Sicherheitsbefund betrifft die Schilddrüse. Chronisch hohe Jodexposition war in den erwachsenen Daten besonders mit Hypothyreose verbunden. Die Autorengruppe erklärt dies biologisch über den Wolff-Chaikoff-Effekt: Bei hoher Jodbelastung kann die Schilddrüse die Hormonbildung vorübergehend drosseln. Normalerweise passt sie sich nach kurzer Zeit an. Wenn diese Anpassung nicht gelingt, kann eine Unterfunktion entstehen.

Bei Hyperthyreose ist der Zusammenhang anders gelagert. Jodinduzierte Hyperthyreose wird vor allem bei Menschen mit knotigen Schilddrüsenveränderungen oder in Populationen nach neu eingeführter Jodierung beschrieben. Der Review fand dafür weniger belastbare Daten als für subklinische Hypothyreose.

Wichtig ist die Quelle der hohen Jodexposition. In vielen eingeschlossenen Studien entstand Überschuss durch Trinkwasser oder schlecht überwachte Salzjodierung. Andere Länderkontexte, etwa Japan oder Korea, betreffen eher jodreiche Lebensmittel wie Seetang und Kelp. Solche Muster lassen sich nicht direkt auf Länder mit anderer Ernährung und anderer Jodsalzpolitik übertragen.

Grenzen der Aussagekraft

Die größte Grenze ist die Qualität der eingeschlossenen Studien. Die meisten Arbeiten waren Beobachtungsstudien. Viele berichteten nur rohe Häufigkeiten und passten nicht ausreichend für Alter, Geschlecht, Schilddrüsenantikörper oder andere Störfaktoren an. Positive Schilddrüsenantikörper wurden in einzelnen Studien als eigener Risikofaktor beschrieben, der mit hoher Jodexposition zusammenwirken könnte. Eine vollständige Autoimmunitätsanalyse war aber nicht Teil der Arbeit.

Die Definition von Jodüberschuss war ebenfalls nicht überall gleich. Einige Regionen lagen weit über der WHO-Schwelle von 300 µg/L. Deshalb klärt der Review vor allem deutlichen Überschuss, aber nicht zuverlässig den Grenzbereich knapp oberhalb ausreichender Versorgung.

Auch die Endpunkte waren heterogen. Hypothyreose, Hyperthyreose, Struma, Knoten, TSH, T3, T4 und Thyreoglobulin wurden unterschiedlich gemessen und unterschiedlich definiert. Für manche Endpunkte gab es zu wenige Fälle, um belastbar zu poolen. Akute Jodexposition, Neugeborene, Medikamente, Kontrastmittel und Schilddrüsenantikörper als eigener Endpunkt wurden ausgeschlossen.

Was die Studie zeigt

Die Übersichtsarbeit zeigt, dass chronisch hohe Jodexposition in frei lebenden Bevölkerungen mit Schilddrüsenveränderungen verbunden sein kann. Am klarsten war der Befund für manifeste und subklinische Hypothyreose bei Erwachsenen in Querschnittsstudien.

Sie zeigt außerdem, dass Überschuss nicht nur über Supplemente entstehen kann. In den eingeschlossenen Studien waren Trinkwasser, schlecht überwachte Salzjodierung und jodreiche Ernährung wichtige Quellen. Für Public-Health-Programme bedeutet das: Nicht nur Jodsalz selbst, sondern auch lokale Wasser- und Ernährungskontexte können wichtig sein.

Was die Studie nicht zeigt

Die Arbeit zeigt keine persönliche Dosierungsgrenze für einzelne Menschen. Sie beweist auch nicht, dass jeder höhere Jodwert automatisch eine Schilddrüsenerkrankung verursacht. Die Daten stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien und sind je nach Land, Jodquelle, Ausgangsversorgung und Messmethode unterschiedlich.

Der Review erlaubt keine Therapie- oder Diagnoseentscheidung. Er bewertet keine Produkte und keine Marken. Er ersetzt auch keine besondere Abklärung bei bekannten Schilddrüsenerkrankungen, Schwangerschaft oder anderen medizinischen Situationen.

Eingeschlossene Einzelstudien

Die Übersichtsarbeit schloss 50 Artikel ein: drei Interventionsstudien, sechs Fall-Kontroll-Studien, sechs Follow-up-Studien und 35 Querschnittsstudien. Die vollständige tabellarische Auflistung steht im Originalartikel in den Tabellen 1 bis 7.

Die wichtigsten Studiengruppen waren:

StudiengruppeInhaltlicher Beitrag
Interventionsstudien bei ErwachsenenTSH-Anstieg und Schilddrüsenreaktionen nach oraler Jodgabe; ein chinesischer RCT-Kontext berichtete bei Gesamtaufnahme über 800 µg/Tag verlängerte subklinische Hypothyreose bei bereits über dem Bedarf liegendem Ausgangsstatus.
Fall-Kontroll-Studien bei ErwachsenenVergleich von Urinjodwerten bei Personen mit Hypothyreose, Knoten, Schwangerschaftskontext oder mehreren Schilddrüsenerkrankungen gegenüber Kontrollen.
Follow-up-StudienBevölkerungen in China und einem algerischen Flüchtlingslager mit Beobachtung nach unterschiedlicher oder veränderter Jodexposition.
Querschnittsstudien bei ErwachsenenDaten zu Hypothyreose, Hyperthyreose, Struma, Knoten und Schilddrüsenhormonen in Regionen mit ausreichender oder hoher Jodexposition.
Querschnittsstudien bei KindernStruma, Schilddrüsenvolumen, TSH, Thyreoglobulin und subklinische Hypothyreose in Gebieten mit erhöhtem Jod im Wasser, Jodsalz oder anderen Expositionen.
Studien bei SchwangerenUrinjodkategorien und Schilddrüsenmarker, besonders TSH; die Daten waren heterogen und nur begrenzt auf andere Gruppen übertragbar.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Katagiri et al. 2017 ist ein systematischer Review mit Meta-Analysen zu chronisch hoher Jodexposition und Schilddrüsenerkrankungen.
  • Die Arbeit schloss 50 Artikel ein: drei Interventionsstudien, sechs Fall-Kontroll-Studien, sechs Follow-up-Studien und 35 Querschnittsstudien.
  • Eingeschlossen wurden frei lebende Populationen; Neugeborene, akute Jodexposition, Medikamente, Strahlung und andere untypische Jodquellen wurden ausgeschlossen.
  • Für Erwachsene lag das gepoolte Chancenverhältnis bei Jodüberschuss gegenüber ausreichender Versorgung bei 2,78 für manifeste Hypothyreose und 2,03 für subklinische Hypothyreose.
  • Hyperthyreose, Struma und Schilddrüsenknoten wurden berichtet, waren aber weniger konsistent auswertbar.
  • Viele Überschusskontexte betrafen Trinkwasser, schlecht überwachte Salzjodierung oder jodreiche Ernährung in bestimmten Ländern.
  • Die eingeschlossenen Studien waren häufig beobachtend, heterogen und oft nur begrenzt adjustiert.
  • Die Ergebnisse helfen, chronisch hohe Jodexposition sicherheitlich einzuordnen, liefern aber keine persönliche Dosierungs-, Diagnose- oder Therapieaussage.

Quellen

  1. DOI
  2. PLOS ONE
  3. PubMed
  4. PubMed Central
  5. PLOS ONE PDF