Světnička et al. 2023: Jodstatus bei vegan, vegetarisch und omnivor ernährten Kindern in Tschechien

Světnička et al. 2023 erschien in European Journal of Clinical Nutrition, Band 77, Seiten 1061-1070. Die Quelle ist über DOI 10.1038/s41430-023-01312-9 und PMID 37488261 verifiziert. Die Studie ist legal frei als Open-Access-Artikel mit PDF verfügbar.

Kurzprofil

  • Quelle: Světnička, M., Heniková, M., Selinger, E., Ouřadová, A., Potočková, J., Kuhn, T., Gojda, J. & El-Lababidi, E. (2023). Prevalence of iodine deficiency among vegan compared to vegetarian and omnivore children in the Czech Republic: cross-sectional study. European Journal of Clinical Nutrition, 77, 1061-1070. DOI: 10.1038/s41430-023-01312-9. PMID: 37488261.
  • Studientyp: Querschnittsstudie.
  • Land/Kontext: Tschechien; klinische Untersuchung an der Third Faculty of Medicine, Charles University, und dem University Hospital Královské Vinohrady in Prag.
  • Population: 222 Kinder und Jugendliche im Alter von 0,5 bis 18,5 Jahren; 78 vegan, 92 vegetarisch und 52 omnivor ernährt.
  • Jodbezug: Jodaufnahme über die Ernährung, jodhaltige Supplementnutzung, Urinjodkonzentration, Schilddrüsenmarker und Schilddrüsenantikörper.
  • Zentrale Endpunkte: mittlere Jodaufnahme, Anteil mit Urinjodkonzentration unter 100 µg/l, mediane Urinjodkonzentration, TSH, fT4, fT3, Thyreoglobulin, ATPO- und AhTG-Antikörper.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1038/s41430-023-01312-9; Publisher-Volltext und PDF: https://www.nature.com/articles/s41430-023-01312-9.
  • Volltextstatus: legal frei verfügbar als Open-Access-Artikel bei Nature/Springer Nature; PDF verfügbar; Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0.

Die tschechische Querschnittsstudie untersuchte, ob Kinder mit veganer oder vegetarischer Ernährung in einem Land mit grundsätzlich gelöster Jodmangelproblematik niedrigere Jodmarker zeigen als omnivor ernährte Kinder. Im Mittelpunkt standen keine klinischen Diagnosen, sondern Ernährungsdaten, Urinjodwerte und Schilddrüsenlaborwerte zu einem Untersuchungszeitpunkt.

Fragestellung

Die Arbeitsgruppe fragte, ob vegan und vegetarisch ernährte Kinder in Tschechien häufiger Hinweise auf eine niedrige Jodversorgung zeigen als omnivor ernährte Kinder. Diese Frage ist besonders eng gefasst: Es ging nicht um die allgemeine Bewertung veganer oder vegetarischer Ernährung, sondern um Jodaufnahme und Jodstatus in drei Ernährungsgruppen.

Der Hintergrund ist plausibel. Wichtige Jodquellen sind je nach Land jodiertes Speisesalz, Milchprodukte, Eier und Meeresfisch. Eine vegane Ernährung schließt tierische Lebensmittel aus. Eine vegetarische Ernährung kann Milchprodukte und Eier enthalten, aber keinen Fisch. Deshalb kann sich die Jodversorgung zwischen Ernährungsgruppen unterscheiden, ohne dass daraus automatisch eine Aussage über jedes einzelne Kind entsteht.

Studiendesign und Methoden

Die Studie war eine Querschnittsstudie. Querschnitt bedeutet: Ernährung, Laborwerte und Körpermaße wurden zu einem Zeitpunkt beziehungsweise in einem kurzen Untersuchungsfenster erhoben. Ein solches Design kann Unterschiede zwischen Gruppen beschreiben. Es kann aber nicht sicher beweisen, dass die Ernährungsform allein die Ursache für einen bestimmten Laborwert ist.

Die Rekrutierung lief von November 2019 bis Juli 2021 über Kinderärzte, soziale Medien und vegan orientierte Webseiten. Eingeschlossen wurden Kinder, deren Ernährung von den Eltern oder von ihnen selbst als vegan, vegetarisch oder omnivor angegeben wurde. Vegan bedeutete keine Lebensmittel tierischen Ursprungs. Vegetarisch bedeutete kein Fleisch, keine Fleischprodukte und keinen Fisch, aber Milchprodukte oder Eier. Omnivor bedeutete regelmäßiger Verzehr von Fleisch, Milchprodukten und Eiern.

Nicht eingeschlossen wurden unter anderem Kinder mit chronischen Erkrankungen, die die Nährstoffaufnahme beeinflussen könnten, mit bestimmten Stoffwechselerkrankungen oder mit bekannter Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Alle Untersuchungen erfolgten mit schriftlicher Einwilligung der Eltern.

Die Jodaufnahme wurde über ein gewogenes Drei-Tage-Ernährungsprotokoll erhoben. Eltern dokumentierten die Lebensmittel über zwei Wochentage und einen Wochenendtag. Die Arbeitsgruppe wertete Jodgehalte aus einer tschechischen Lebensmitteldatenbank aus und ergänzte fehlende Angaben über weitere Datenbanken oder Produktinformationen. Jodhaltige Supplemente wurden separat abgefragt und nicht in die reine Ernährungsaufnahme eingerechnet.

Für den Jodstatus wurden morgens nach einer nächtlichen Fastenphase Urinproben und Blutproben gewonnen. Im Urin wurde die Urinjodkonzentration gemessen. Im Blut wurden TSH, freies T4, freies T3, Thyreoglobulin sowie Antikörper gegen Thyreoperoxidase und Thyreoglobulin bestimmt. Die Auswertung verglich Gruppen und berücksichtigte Alter und Geschlecht in Regressionsanalysen.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die finale Stichprobe umfasste 222 Kinder und Jugendliche. Davon waren 78 vegan ernährt, 92 vegetarisch ernährt und 52 omnivor ernährt. Das Alter reichte insgesamt von 0,5 bis 18,5 Jahren. Der Altersmedian lag bei 2,0 Jahren in der veganen Gruppe, 4,0 Jahren in der vegetarischen Gruppe und 4,5 Jahren in der omnivoren Gruppe.

Wegen der Altersverteilung unterteilte die Arbeitsgruppe die Stichprobe zusätzlich in Vorschulkinder von 0,5 bis 6 Jahren und ältere Kinder beziehungsweise Jugendliche von 6 bis 18,5 Jahren. In der veganen Gruppe gab es mehr Kinder mit einem BMI unter der 3. Perzentile: 7 Kinder, entsprechend 9 %. Bei Körpergröße und Gewicht zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede.

Die Studie ist damit eine relativ kleine, aber direkt relevante Kinderstudie. Sie ist nicht repräsentativ für alle Kinder in Tschechien oder Europa. Sie liefert jedoch seltene direkte Daten zu Jodmarkern bei vegan, vegetarisch und omnivor ernährten Kindern.

Intervention, Exposition und Vergleich

Es gab keine Intervention und keine vorgegebene Jodgabe. Die Exposition war die selbst berichtete beziehungsweise elterlich berichtete Ernährungsform. Verglichen wurden vegane, vegetarische und omnivore Kinder.

Jodhaltige Supplemente wurden als beobachteter Begleitfaktor erfasst. In der omnivoren Gruppe nutzte nach den Angaben der Studie kein Kind ein jodhaltiges Supplement. In der vegetarischen Gruppe nahmen 16,3 % und in der veganen Gruppe 21,8 % jodhaltige Supplemente. Die mittlere Supplementmenge lag bei 16,83 µg/Tag in der vegetarischen und 26,54 µg/Tag in der veganen Gruppe. Diese Werte beschreiben das Verhalten in der Stichprobe. Sie sind keine Empfehlung.

Ergebnisse

Die reine Jodaufnahme über Lebensmittel war in der veganen Gruppe am niedrigsten. Im Gesamtsample lag die mittlere Aufnahme ohne Supplemente bei 56,58 µg/Tag in der omnivoren Gruppe, 59,59 µg/Tag in der vegetarischen Gruppe und 33,86 µg/Tag in der veganen Gruppe. Der Unterschied zwischen veganer und omnivorer Ernährung blieb nach Anpassung für Alter und Geschlecht statistisch signifikant.

Nur wenige Kinder erreichten die in der Studie verwendete Referenzzufuhr allein über die Ernährung. Ohne Supplemente waren es 2 omnivore Kinder, 6 vegetarische Kinder und 4 vegane Kinder. Mit Supplementen waren es weiterhin nur 2 omnivore Kinder, 14 vegetarische Kinder und 12 vegane Kinder.

Bei der Urinjodkonzentration zeigte sich ebenfalls ein Gruppenmuster. Die mittlere Urinjodkonzentration war in der omnivoren Gruppe am höchsten: 197,28 ± 105,35 µg/l. Die vegetarische Gruppe lag bei 177,95 ± 155,88 µg/l, die vegane Gruppe bei 162,97 ± 164,51 µg/l. Die Mediane lagen bei 180,0 µg/l in der omnivoren Gruppe, 134,0 µg/l in der vegetarischen Gruppe und 122,0 µg/l in der veganen Gruppe. Alle drei Mediane lagen damit oberhalb von 100 µg/l, also oberhalb des in der Arbeit verwendeten WHO-Schwellenwerts für Populationsmangel.

Trotzdem wurden bei einzelnen Kindern Urinjodwerte unter 100 µg/l gemessen; daraus allein lässt sich kein individueller Jodmangel diagnostizieren. Das betraf 31 vegane Kinder (41,9 %), 31 vegetarische Kinder (34,8 %) und 10 omnivore Kinder (19,6 %). Der Gruppenunterschied für diesen Anteil lag bei p = 0,06 und war damit knapp nicht statistisch signifikant. Die Zahl der Kinder mit ausreichender Urinjodkonzentration war dagegen unterschiedlich verteilt: 58,1 % in der veganen, 65,2 % in der vegetarischen und 80,4 % in der omnivoren Gruppe.

Kinder mit regelmäßiger jodhaltiger Supplementnutzung hatten höhere Urinjodwerte. Bei vegetarischen Kindern ohne Supplemente lag der Median bei 121 µg/l, bei veganen Kindern ohne Supplemente bei 101 µg/l. Mit Supplementnutzung lagen die Mediane bei 177,40 µg/l in der vegetarischen und 231,90 µg/l in der veganen Gruppe. Auch dieser Befund ist beobachtend zu lesen: Er zeigt einen Zusammenhang in der Stichprobe, aber keine geprüfte Supplementierungsstrategie.

Bei den Schilddrüsenmarkern gab es keine signifikanten Unterschiede für TSH, freies T3 oder Thyreoglobulin. Freies T4 war in der veganen Gruppe höher als in der omnivoren Gruppe; dieser Unterschied zeigte sich besonders bei Vorschulkindern und nicht bei den älteren Kindern und Jugendlichen. Antikörper gegen Thyreoglobulin waren häufiger positiv in vegetarischen (18,2 %) und veganen Gruppen (35,0 %) als in der omnivoren Gruppe (2,1 %). Antikörper gegen Thyreoperoxidase unterschieden sich nicht signifikant.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Studie war keine Sicherheitsstudie zu Jodpräparaten und keine Interventionsstudie. Es wurden keine standardisierten Nebenwirkungsraten einer Jodgabe berichtet. Die beobachtete Supplementnutzung zeigt nur, dass Kinder mit regelmäßiger Nutzung jodhaltiger Supplemente höhere Urinjodwerte hatten.

Die Quelle nennt auch die andere Seite der Jodfrage: Zu hohe Jodzufuhr kann bei entsprechender Exposition mit Schilddrüsenproblemen verbunden sein. In dieser Untersuchung wurde jedoch keine überschießende Algenaufnahme als Erklärung für hohe Jodzufuhr beobachtet. Der Befund erlaubt keine Bewertung einzelner Lebensmittel, Algenprodukte oder Supplemente.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist das Querschnittsdesign. Die Studie beschreibt Gruppenunterschiede, beweist aber keine Kausalität. Unterschiede können durch Ernährungsform, Supplementgebrauch, Alter, Lebensmittelauswahl, elterliche Angaben, Auswahl der Teilnehmenden oder andere Faktoren beeinflusst sein.

Die Stichprobe war eine Gelegenheitsstichprobe. Besonders Jugendliche und Familien mit alternativen Lebensstilen reagierten laut Autorengruppe teilweise niedrig auf die Rekrutierung. Dadurch kann Auswahlverzerrung entstehen.

Die Ernährungsdaten beruhen auf Drei-Tage-Protokollen, die von Eltern ausgefüllt wurden. Solche Protokolle sind genauer als viele Fragebögen, können aber trotzdem unvollständige oder fehlerhafte Angaben enthalten. Außerdem wurde Jod aus jodiertem Speisesalz nicht vollständig in die natürliche Lebensmittelauswertung einbezogen.

Urinjod ist vor allem für Gruppen nützlich. Einzelne Urinwerte schwanken stark mit kurzfristiger Ernährung, Flüssigkeitsaufnahme und Tageszeit. Die Studie nutzte morgendliche Spot-Urinproben. Sie ersetzt damit keine sichere individuelle Diagnose.

Die klinische Bedeutung milder und moderater Abweichungen konnte nicht untersucht werden. Die Arbeit liefert keine Langzeitdaten zu Wachstum, Lernen, Schilddrüsenerkrankungen oder Entwicklung.

Was die Studie zeigt

Die Studie zeigt bei tschechischen Kindern ein konsistentes Muster: Vegan ernährte Kinder hatten im Mittel die niedrigste Jodaufnahme aus der Ernährung und niedrigere Urinjodwerte als omnivor ernährte Kinder. Vegetarische Kinder lagen meist zwischen veganen und omnivoren Gruppen oder näher an der omnivoren Gruppe, je nach Messgröße.

Die Arbeit zeigt außerdem, dass auch in einem Land mit grundsätzlich erfolgreicher Jodmangelprävention bestimmte Ernährungsgruppen eine niedrigere Jodversorgung aufweisen können. Der Befund passt zu Übersichtsarbeiten bei Erwachsenen und zu Kinderreviews, die vegane Ernährung als möglichen Risikokontext für Jod beschreiben.

Was die Studie nicht zeigt

Die Quelle zeigt nicht, dass jedes vegan oder vegetarisch ernährte Kind einen Jodmangel hat. Die medianen Urinjodwerte lagen in allen Gruppen oberhalb von 100 µg/l. Sie zeigt auch nicht, welche Jodmenge für ein einzelnes Kind geeignet wäre.

Die Studie liefert keine Diagnoseempfehlung, keine Therapieempfehlung und keine persönliche Dosierungsentscheidung. Sie bewertet keine Produkte, keine Marken und keine konkrete Supplementform. Für individuelle Schilddrüsenfragen, langfristige Folgen oder Sicherheitsgrenzen sind andere Studiendesigns und Referenzwertquellen nötig.

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Světnička et al. 2023 ist eine tschechische Querschnittsstudie zu Jodaufnahme und Jodstatus bei vegan, vegetarisch und omnivor ernährten Kindern.
  • Die Publikation erschien in European Journal of Clinical Nutrition, Band 77, Seiten 1061-1070.
  • Die Quelle ist über DOI 10.1038/s41430-023-01312-9 und PMID 37488261 verifiziert.
  • Die Stichprobe umfasste 222 Kinder und Jugendliche im Alter von 0,5 bis 18,5 Jahren.
  • Untersucht wurden 78 vegan, 92 vegetarisch und 52 omnivor ernährte Kinder.
  • Die mittlere Jodaufnahme ohne Supplemente lag bei 33,86 µg/Tag in der veganen, 59,59 µg/Tag in der vegetarischen und 56,58 µg/Tag in der omnivoren Gruppe.
  • Die mediane Urinjodkonzentration lag bei 122,0 µg/l in der veganen, 134,0 µg/l in der vegetarischen und 180,0 µg/l in der omnivoren Gruppe.
  • Urinjod unter 100 µg/l wurde bei 41,9 % der veganen, 34,8 % der vegetarischen und 19,6 % der omnivoren Kinder beobachtet.
  • TSH, freies T3 und Thyreoglobulin unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen.
  • AhTG-Antikörper waren in veganen und vegetarischen Gruppen häufiger positiv als in der omnivoren Gruppe.
  • Das Querschnittsdesign erlaubt keine Kausalaussage und keine persönliche Diagnose-, Therapie- oder Dosierungsentscheidung.

Quellen

  1. DOI
  2. PubMed
  3. Verlagsvolltext
  4. PDF