Jodiertes Salz, Jodpräparate und Wachstum: Was zeigt der systematische Review von Farebrother et al. 2018?

Farebrother et al. 2018 werteten 18 Interventionsstudien mit 5.729 Teilnehmenden aus. Die Studien wurden in 23 Volltextartikeln zwischen 1969 und 2016 berichtet. Die Suche umfasste zehn elektronische Datenbanken und endete am 13. Februar 2017. Die Interventionen umfassten jodiertes Salz, Jodtabletten, jodiertes Öl, jodiertes Wasser, jodierte Würzsaucen und Formula mit unterschiedlichem Jodgehalt.

Kurzprofil

  • Quelle: Farebrother, J. et al. (2018). Effects of Iodized Salt and Iodine Supplements on Prenatal and Postnatal Growth: A Systematic Review. Advances in Nutrition, 9(3), 219-237. DOI: 10.1093/advances/nmy009. PMID: 29767700. PMCID: PMC5952947.
  • Studientyp: Systematischer Review mit Meta-Analysen nach Cochrane-Methodik und PRISMA-Berichtsstandard.
  • Land/Kontext: international; Studien aus Regionen mit schwerem, moderatem, mildem oder ausreichendem Jodstatus.
  • Population: schwangere Frauen und ihre Kinder, Säuglinge, Vorschulkinder, Schulkinder und Jugendliche bis 18 Jahre.
  • Jod-Bezug: jodiertes Salz, Jodtabletten, jodiertes Öl, jodiertes Wasser oder jodierte Würzsaucen im Vergleich zu Placebo, nicht jodiertem Salz oder keiner Intervention.
  • Zentrale Endpunkte: Geburtsgewicht, Geburtslänge, Kopfumfang bei Geburt, Gewicht, Länge oder Größe im Kindesalter, altersbezogene Wachstumswerte, IGF-1 und IGFBP-3 als Wachstumsmarker.
  • Originaltitel: Effects of Iodized Salt and Iodine Supplements on Prenatal and Postnatal Growth: A Systematic Review.
  • Originalquelle: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5952947/; DOI https://doi.org/10.1093/advances/nmy009.

Fragestellung

Farebrother et al. prüften, ob Jodzufuhr über jodiertes Salz oder Jodpräparate das Wachstum vor und nach der Geburt beeinflusst. Der Review nahm damit eine andere Perspektive ein als viele Schwangerschaftsarbeiten zu Jod, die vor allem Schilddrüsenwerte oder kindliche Entwicklungstests untersuchen.

Der biologische Hintergrund ist plausibel: Jod wird für Schilddrüsenhormone gebraucht, und Schilddrüsenhormone sind an Wachstum, Skelettentwicklung und der Steuerung von Wachstumsfaktoren beteiligt. Die Autorengruppe wollte aber nicht aus dieser Plausibilität auf Wirkung schließen, sondern die vorhandenen Interventionsdaten zu messbaren Wachstumsendpunkten zusammenfassen.

Studiendesign und Methoden

Die Arbeit war ein systematischer Review mit Meta-Analysen. Die Autorinnen und Autoren folgten Cochrane-Methoden und PRISMA-Berichtsregeln. Gesucht wurde ohne Einschränkung nach Datum, Sprache oder Publikationsstatus. Die Suche umfasste zehn elektronische Datenbanken, darunter zwei chinesische Datenbanken, sowie das WHO-Register für klinische Studien. Der letzte Suchzeitpunkt war der 13. Februar 2017.

Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien, nicht randomisierte kontrollierte Studien, kontrollierte Vorher-Nachher-Studien und unterbrochene Zeitreihen. Zulässig waren Jodinterventionen in jeder Form, Menge und Dauer, wenn sie gegen Placebo, nicht jodiertes Salz oder keine Intervention verglichen wurden. Für Schwangerschaftsendpunkte wurden Frauen im gebärfähigen Alter oder Schwangere und ihre Kinder betrachtet. Für nachgeburtliche Endpunkte wurden Säuglinge, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre betrachtet.

Die Auswertung trennte Lebensphasen und den Ausgangsstatus der Jodversorgung. Der Jodstatus wurde überwiegend über mediane Urinjodkonzentration oder Strumarate eingeordnet. Für wichtige Ergebnisse wurde GRADE genutzt, ein Verfahren zur Bewertung der Vertrauenswürdigkeit von Evidenz. Meta-Analysen wurden, wo sinnvoll, mit Random-Effects-Modellen gerechnet.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Aus 20.749 Treffern wurden 18 Studien mit insgesamt 5.729 Teilnehmenden eingeschlossen. Die Studien wurden in 23 Volltextartikeln zwischen 1969 und 2016 berichtet. Die Datenbasis umfasste 13 randomisierte kontrollierte Studien, vier nicht randomisierte kontrollierte Studien und eine kontrollierte Vorher-Nachher-Studie.

Die untersuchten Gruppen waren sehr unterschiedlich. Einige historische Studien liefen in Regionen mit schwerem Jodmangel, etwa in Peru, Ecuador oder Papua-Neuguinea. Andere Studien untersuchten mild oder moderat mangelversorgte Schwangere, Schulkinder oder Jugendliche. Wieder andere Studien prüften jodiertes Salz oder jodierte Würzsaucen als Public-Health-Maßnahme bei Kindern.

Diese Breite ist für die Einordnung wichtig. Ein Effekt in einer schwer mangelversorgten Gruppe lässt sich nicht direkt auf gut versorgte Gruppen übertragen. Umgekehrt kann ein fehlender Wachstumseffekt in mildem Mangel nicht beweisen, dass Jod für Wachstum unwichtig wäre.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Interventionen reichten von täglicher Jodtablette über jodiertes Öl bis zu jodiertem Salz, jodiertem Wasser oder jodierter Fischsauce. In Schwangerschaftsstudien wurden zum Beispiel 150 µg oder 200 µg Jod pro Tag als Tablette geprüft, aber auch einmalige hohe Mengen jodierten Öls in historischen Mangelgebieten. Bei Kindern wurden unter anderem jodiertes Öl, jodiertes Salz, jodiertes Wasser und jodierte Würzsaucen untersucht.

Verglichen wurde je nach Studie mit Placebo, nicht jodiertem Salz oder keiner Intervention. Der Review bewertet deshalb keine einheitliche moderne Einnahmesituation und keine bestimmte Produktform. Er bündelt sehr unterschiedliche Interventionswege unter der Frage, ob Jodauffüllung Wachstum messbar verändert.

BereichBeispiele aus den eingeschlossenen Studien
SchwangerschaftJodtablette, jodiertes Öl oder jodhaltiges Multivitamin im Vergleich zu Placebo, ohne Intervention oder Multivitamin ohne Jod
SäuglingeFormulanahrung mit höherem gegenüber niedrigerem Jodgehalt bei Frühgeborenen
Vorschulkinderjodiertes Salz gegenüber nicht jodiertem Salz
Schulkinderjodiertes Öl, jodiertes Salz, jodiertes Wasser oder jodierte Würzsauce
Jugendlichejodiertes Öl gegenüber Placebo

Ergebnisse

Bei pränatalen Wachstumsendpunkten zeigte sich nur in schwer joddefizienten Schwangerschaftsgruppen ein auffälliger Befund: In zwei nicht randomisierten Studien war das Geburtsgewicht der Kinder nach Jodgabe im Mittel um 200 g höher als in Kontrollgruppen. Das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 183 bis 217 g, die Datenbasis umfasste 635 Personen. Die Autorinnen und Autoren bewerteten diese Aussage aber als sehr unsicher, weil die Studien nicht randomisiert waren und ein hohes Risiko für Verzerrungen hatten.

Für Geburtslänge und Kopfumfang waren die Ergebnisse ebenfalls unsicher. In mild bis moderat defizienten Schwangerschaftsgruppen fanden die zusammengefassten randomisierten Daten keinen klaren Unterschied bei Geburtsgewicht, Geburtslänge oder Kopfumfang. Eine neuere randomisierte Studie aus Indien und Thailand mit 615 schwangeren Frauen begann im Durchschnitt um die 11. Schwangerschaftswoche und berichtete auch bei Gewicht, Länge und Kopfumfang der Kinder nach 12 und 24 Monaten keine klaren Unterschiede zwischen Jod- und Placebogruppe.

Bei nachgeburtlichen Wachstumsendpunkten blieb das Bild uneinheitlich. Für körperliche Maße wie Größe, Gewicht oder altersbezogene Wachstumswerte zeigten die meisten Auswertungen keinen klaren Effekt. Bei moderat bis mild joddefizienten Schulkindern ergab die Meta-Analyse aus zwei randomisierten Studien jedoch höhere Werte für zwei Wachstumsmarker: IGF-1 lag im Mittel um 38,48 ng/mL höher, mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 6,19 bis 70,76 ng/mL. IGFBP-3 lag im Mittel um 0,46 µg/mL höher, mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,25 bis 0,66 µg/mL. Diese Befunde wurden als niedrig verlässlich bewertet.

ErgebnisbereichBefund im ReviewEinordnung der Autorengruppe
Geburtsgewicht bei schwerem Jodmangel+200 g in zwei nicht randomisierten Studiensehr unsicher wegen Studiendesign und Verzerrungsrisiko
Geburtslänge bei mild bis moderatem Mangelkein klarer Unterschied in drei RCTsniedrige Vertrauenswürdigkeit
Kopfumfang bei Geburtkeine belastbare Gesamtwirkungsehr niedrige Vertrauenswürdigkeit
Körperliches Wachstum bei Kindernkein klarer Effekt auf Größe, Gewicht oder HAZmeist sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit
IGF-1 und IGFBP-3 bei Schulkindernhöhere Markerwerte in zwei RCTsmöglicher Effekt auf Wachstumsmarker, aber kein sicherer Nachweis für besseres Körperwachstum

Nebenwirkungen und Sicherheit

Der Review war nicht primär als Sicherheitsbewertung angelegt. Er suchte nach Wachstumsendpunkten und bewertete, ob die Studien zu diesen Endpunkten belastbare Aussagen erlauben. Unerwünschte Wirkungen, langfristige Schilddrüsenrisiken oder gruppenspezifische Sicherheitsfragen standen nicht im Zentrum der Auswertung.

Für die Einordnung heißt das: Aus diesem Review lässt sich keine persönliche Aussage zur Sicherheit bestimmter Jodmengen, Jodpräparate oder Einnahmeschemata ableiten. Historische Studien mit jodiertem Öl, Studien zu jodiertem Salz und Studien mit täglichen Tabletten sind methodisch und praktisch zu verschieden, um daraus eine allgemeine Sicherheitsregel zu bilden.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die Qualität der Studienlage. Viele Ergebnisse wurden nach GRADE als niedrig oder sehr niedrig verlässlich bewertet. Gründe waren unter anderem nicht randomisierte Designs, unklare oder hohe Verzerrungsrisiken, kleine Studienzahlen, heterogene Interventionen und unterschiedliche Ausgangsversorgung.

Die Studien unterschieden sich stark nach Land, Alter, Mangelgrad, Jodform, Menge, Dauer und Nachbeobachtung. Manche Studien stammen aus historischen schweren Mangelgebieten; andere aus mild mangelversorgten oder ausreichend versorgten Gruppen. Dadurch kann ein zusammengefasster Befund leicht verdecken, dass einzelne Settings sehr unterschiedlich sind.

Ein weiterer Grenzpunkt betrifft den Endpunkt Wachstum selbst. IGF-1 und IGFBP-3 sind biologische Marker, aber keine direkten Belege für mehr Körpergröße, Gewicht oder bessere langfristige Entwicklung. Wenn diese Marker steigen, ist das ein interessanter Hinweis auf den Schilddrüsen- und Wachstumsachsen-Kontext. Es ersetzt aber keinen belastbaren Nachweis für verbessertes somatisches Wachstum.

Was die Studie zeigt

Der Review zeigt, dass es nur wenige gut geplante Interventionsstudien zur Frage gibt, ob Jodauffüllung menschliches Wachstum verbessert. In schwer joddefizienten Schwangerschaftsgruppen gibt es einen unsicheren Hinweis auf höheres Geburtsgewicht. In mild bis moderat defizienten Schwangerschaftsgruppen zeigen die vorhandenen randomisierten Daten keinen klaren Wachstumsvorteil bei Geburt oder im frühen Kindesalter.

Bei Schulkindern kann Jodauffüllung in bestimmten Mangelsettings IGF-1 und IGFBP-3 erhöhen. Für Größe, Gewicht und andere direkte Körpermaße bleibt ein klarer Effekt aber nicht belegt. Die Arbeit trennt damit sinnvoll zwischen plausibler Biologie, einzelnen Markerbefunden und tatsächlich gemessenem Wachstum.

Was die Studie nicht zeigt

Die Arbeit zeigt nicht, dass Jod für Schwangerschaft, Kindheit oder Wachstum unwichtig wäre. Sie zeigt auch nicht, dass jodiertes Salz oder Jodpräparate in allen Gruppen einen Wachstumseffekt haben. Dafür waren die Studien zu unterschiedlich und oft zu unsicher.

Die Quelle erlaubt keine persönliche Dosierungsentscheidung, keine Diagnose des individuellen Jodstatus und keine Empfehlung für Schwangere, Kinder oder Jugendliche. Sie bewertet keine Produkte oder Marken. Auch der Vergleich zwischen jodiertem Salz und Jodpräparaten ist kein Ranking, sondern eine Zusammenfassung verschiedener Interventionsstudien in unterschiedlichen Versorgungslagen.

Eingeschlossene Einzelstudien

Der Review schloss 18 Studien ein. Die wichtigsten Studiengruppen waren:

  • Anees et al. 2015, Pakistan: nicht randomisierte Schwangerschaftsstudie mit jodiertem Öl.
  • Pretell et al. 1972 mit Kevany et al. 1969, Peru: nicht randomisierte Schwangerschaftsstudie mit jodiertem Öl.
  • Gowachirapant et al. 2017, Indien und Thailand: randomisierte Schwangerschaftsstudie mit 200 µg Jod pro Tag.
  • Zhou et al. 2015, Australien: randomisierte Schwangerschaftsstudie mit 150 µg Jod pro Tag, früh beendet.
  • Hiéronimus et al. 2013 mit Brucker-Davis et al. 2015, Frankreich: Jod in pränatalem Multivitamin gegenüber Multivitamin ohne Jod.
  • Zhuang und Wang 1998, China: randomisierte Schwangerschaftsstudie mit Jodtabletten.
  • Pharoah und Connolly 1991, Papua-Neuguinea: historische Studie mit jodiertem Öl in der Schwangerschaft.
  • Ramirez et al. 1969/1972 mit Kevany et al. 1969, Ecuador: historische Studie mit jodiertem Öl in der Schwangerschaft.
  • Huang et al. 1995 mit Zhu et al. 1995, China: Studie zu Jodgabe und Wachstum im Säuglingsalter.
  • Rogahn et al. 2000, England: Frühgeborenenstudie mit höherem gegenüber niedrigerem Jodgehalt in Formula.
  • Aboud et al. 2017, Äthiopien: Cluster-RCT zu jodiertem Salz bei Vorschulkindern.
  • Furnee et al. 2000, Malawi: Jodölkapseln bei Schulkindern.
  • Zimmermann et al. 2007, Südafrika: Jodauffüllung bei Schulkindern, einschließlich IGF-1 und IGFBP-3.
  • Zimmermann et al. 2006 mit Zimmermann et al. 2007, Albanien: Jodölkapseln bei Schulkindern.
  • Huda et al. 2001, Bangladesch: Jodölkapseln bei Kindern.
  • Bautista et al. 1982, Bolivien: Jodöl und Wachstum bei Schulkindern.
  • Pongpaew et al. 1998, Thailand: jodiertes Salz, Wasser oder Fischsauce bei Schulkindern.
  • Eftekhari et al. 2006, Iran: Jodöl bei jugendlichen Mädchen.

Kompakte Faktenzusammenfassung

Farebrother et al. 2018 werteten 18 Interventionsstudien mit 5.729 Teilnehmenden aus. Die Studien prüften jodiertes Salz, Jodtabletten, jodiertes Öl, jodiertes Wasser oder jodierte Würzsaucen bei Schwangeren, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. In schwer joddefizienten Schwangerschaftsgruppen war das Geburtsgewicht nach Jodgabe in zwei nicht randomisierten Studien im Mittel um 200 g höher, aber diese Aussage war sehr unsicher. In mild bis moderat defizienten Schwangerschaftsgruppen zeigten randomisierte Daten keinen klaren Wachstumsvorteil. Bei Schulkindern stiegen in zwei randomisierten Studien IGF-1 und IGFBP-3, doch direkte Körpermaße wie Größe und Gewicht zeigten keinen belastbaren Gesamteffekt. Der Review liefert keine persönliche Dosierungs- oder Schwangerschaftsberatung.

Quellen

  1. DOI
  2. PubMed
  3. PubMed Central
  4. PubMed Central PDF