Jodinduzierte Schilddrüsenfunktionsstörungen

Leung und Braverman erklären, warum Jodüberschuss Unter- und Überfunktionen der Schilddrüse begünstigen kann und welche Risikogruppen die Übersicht von 2012 nennt.

Was untersucht die Übersicht?

Der narrative Review fragt, wie ein Jodüberschuss zu einer Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse beitragen kann und welche Expositionswege und Risikogruppen beschrieben wurden. Er führt Tierexperimente, kleine Humanstudien, Beobachtungs- und Fallkontrollstudien sowie Fallberichte zusammen. Eine systematische Suche, einheitliche Auswahlkriterien oder eine Metaanalyse werden nicht berichtet. Die Ergebnisse betreffen verschiedene Länder, Altersgruppen, Vorerkrankungen und Aufnahmewege; sie ergeben deshalb keine gemeinsame Erkrankungswahrscheinlichkeit.

Wie kann Jod die Schilddrüse in beide Richtungen beeinflussen?

Als Schutzreaktion auf eine hohe Jodlast kann die Schilddrüse ihre Hormonsynthese zunächst drosseln. Dieser akute Wolff-Chaikoff-Effekt hielt in den referierten Rattenexperimenten ungefähr 24 Stunden an. Jodhaltige Lipide als Hemmstoffe der Thyreoperoxidase sind eine Erklärungshypothese, kein direkt bewiesener Mechanismus beim Menschen. Bei anhaltender Jodgabe kann die Drüse der Blockade normalerweise „entkommen“, unter anderem wohl durch geringere Aufnahme über den Natrium-Jodid-Symporter; dessen Expression sank im Rattenmodell nach 24 Stunden. In einer kleinen Studie mit 32 Personen mit zuvor normaler Schilddrüsenfunktion über 14 Tage gingen T4 und T3 bei 1.500 µg Jod pro Tag leicht zurück, während TSH kompensatorisch stieg. Alle Hormonwerte blieben im Normbereich.

Bleibt diese Anpassung aus, kann eine jodinduzierte Unterfunktion entstehen. Der Review nennt unter anderem Hashimoto-Thyreoiditis, behandelten Morbus Basedow, frühere Thyreoiditis und eine teilweise entfernte Schilddrüse als Risikokontexte. Auch beim Fetus gelangt Jodid über die Plazenta an; zusätzliches Lithium ist ein weiterer im Review genannter Kontext. Umgekehrt kann eine hohe Jodlast bei gestörter Selbstregulation eine Überfunktion auslösen (Jod-Basedow), besonders bei knotiger oder diffuser Struma. Aus diesen Mechanismen allein lässt sich für eine einzelne Person weder eine Diagnose noch ein Risiko berechnen.

Was zeigen Jodierungsprogramme?

Die Autoren beschreiben verschiedene historische Wege der Jodversorgung: Speisesalz, jodiertes Öl und Wasser, Bewässerung, Tierfutter sowie Milchverarbeitung. Für Salz nennt der Review eine von der WHO referierte Konzentration von 20–40 mg Jod pro kg Salz. Für Kanada und die USA führt er 100 ppm Kaliumjodid, entsprechend 77 µg Jod pro g Salz, an; andere Programme lagen bei 10–40 ppm. Das sind Konzentrationen im Produkt, keine täglich verzehrten Jodmengen.

Die berichteten Bevölkerungsergebnisse sind uneinheitlich. In einer zuvor mäßig jodarmen Region Dänemarks stieg die Inzidenz der Nutzung schilddrüsenhemmender Arzneimittel in den ersten vier Jahren der Salzjodierung von 1998 bis 2001 um 46 %. Arzneimittelnutzung ist dabei nicht mit der Häufigkeit einer Schilddrüsenerkrankung gleichzusetzen. Für langjährige Nutzer jodierten Salzes in Bangladesch berichtet der Review eine höhere Thyreotoxikose-Inzidenz ohne Effektgröße. Eine retrospektive iranische Untersuchung fand nach der Salzjodierung dagegen mehr Jod im Urin und geringere Gesamtprävalenzen sowohl der Unter- als auch der Überfunktion. Ausgangsversorgung, Zeitraum, Population und Endpunkte unterscheiden sich; daraus folgt weder ein universeller Schaden noch eine universelle Entwarnung.

Kontrastmittel und Amiodaron: hohe oder lang anhaltende Exposition

Eine typische jodhaltige Kontrastmitteluntersuchung brachte der Übersicht zufolge ungefähr 13.500 µg freies Jod und zusätzlich 15–60 g gebundenes Jod ein. Die beiden Mengen sind chemisch und für die Bewertung getrennt zu halten. Eine Woche nach Koronarangiographie oder jodhaltigem CT berichteten kleine Studien eine subklinische Unterfunktion bei 4 von 22 deutschen und 3 von 56 US-Patienten. In einem Bericht über 214 japanische Frauen nach einer Röntgenuntersuchung der Eileiter entwickelten 35 % der zuvor subklinisch Unterfunktionalen, aber 2 % der zuvor normal Funktionierenden eine manifeste Unterfunktion. Bei 70 Menschen nach ERCP waren TSH-Werte noch nach 42 Tagen niedriger, jedoch im Normbereich. Ein Schilddrüsensturm fünf Stunden nach jodhaltigem CT bei einer 62-jährigen Frau ist ein Einzelfall, keine Häufigkeitsschätzung. Eine US-Fallkontrollstudie über 20 Jahre fand Kontrastmittelgebrauch mit Hyperthyreose und manifester Hypothyreose assoziiert; beide Endpunkte traten im Median etwa neun Monate nach Exposition auf. Diese Beobachtung belegt für sich keine Kausalität. Der Review erwähnt damals diskutierte medikamentöse Vorbeugung bei bestimmten Risikopatienten, bezeichnet sie aber nicht als Standardversorgung.

Amiodaron enthält nach Gewicht 37 % Jod und hat laut Review eine ungefähre Halbwertszeit von 100 Tagen. Die dort beschriebenen historischen Arzneimittelmengen von 100–600 mg Amiodaron pro Tag entsprachen 3–21 mg Jodexposition pro Tag; das ist eine Expositionsbeschreibung, keine Einnahmeempfehlung. Die Autoren schätzen Schilddrüsenfunktionsstörungen bei 15–20 % der Anwender, abhängig unter anderem von regionaler Jodversorgung und Vorerkrankungen. Unterfunktionen erscheinen im Review häufiger in jodreichen, Überfunktionen häufiger in jodarmen Gebieten. Die amiodaronassoziierte Thyreotoxikose Typ 1 beschreibt eine jodgetriebene Überfunktion, oft bei bestehender Schilddrüsenerkrankung; Typ 2 eine zerstörende Entzündung mit Hormonfreisetzung, oft ohne bekannte Vorerkrankung. Der Review nennt für Typ 2 in jodarmen Regionen eine geschätzte Prävalenz von 5–10 % und ein Verhältnis von Männern zu Frauen von 3:1. Mischformen erschweren die Unterscheidung; diese historischen Kategorien sind keine Anleitung zur Selbstdiagnose oder Medikamentenänderung.

Algen und weitere, leicht übersehene Jodquellen

Algen sind keine einheitliche Jodmenge: Für 12 Arten aus vier Weltregionen nennt die Übersicht eine Spanne von 16–8.165 µg Jod pro g Alge. Bei 36 US-Personen mit zunächst normaler Schilddrüsenfunktion stieg TSH nach vier Wochen Kelp-Kapseln in der niedriger dosierten Gruppe von 1,5 auf 2,1 mIU/l, in der höher dosierten Gruppe von 1,8 auf 2,5 mIU/l; freies T4 und Grundumsatz blieben unverändert. Die genauen Jodmengen der Kapseln nennt der Review hier nicht. In einer weiteren kleinen Untersuchung mit japanischen Erwachsenen stieg TSH nach 7–10 Tagen bei 15 g Kombu pro Tag von 1,54 auf 4,31 mIU/l und bei 30 g pro Tag von 2,15 auf 3,09 mIU/l. Diese Gruppenwerte zeigen keine einfache allgemeine Dosis-Wirkungs-Regel.

Bei 48 britischen veganen Männern mit Kelp-Konsum lag das geometrische TSH um 47 % höher als bei 53 Allesessern; der Beobachtungsvergleich kann den Unterschied nicht allein Kelp zuschreiben. Ein Fallbericht über Schilddrüsensturm bei einer 39-jährigen Frau mit vorbestehender Schilddrüsenvergrößerung nach vier Wochen Kelp-Tee und eine australische Fallserie mit acht Erwachsenen nach Kombu-haltiger Sojamilch beschreiben mögliche Probleme, aber kein Bevölkerungsrisiko. Der Review nennt Algensuppe für Frauen nach der Geburt in Teilen Asiens als weiteren Expositionskontext, ohne dazu eigene neonatale Ergebniszahlen zu liefern.

Die Übersicht führt außerdem jodhaltige Arzneien, Expektoranzien, Vitamine, Nahrungsergänzungen, parenterale Präparate, Konservierungsmittel und Hautantiseptika auf. Ein Fallbericht verbindet mehrjährige, mehrmals tägliche Povidon-Jod-Anwendung auf der Haut mit Thyreotoxikose; dies ist nicht mit üblicher Jodzufuhr aus Nahrung gleichzusetzen. Bei Beschäftigten in Niger mit einem defekten jodhaltigen Wasserfiltersystem lag das mittlere TSH während der chronischen Exposition bei 4,9 mIU/l und danach bei 1,8 mIU/l. Kleine Berichte nennen auch TSH-Anstiege im Normbereich nach jodhaltiger Mundspülung oder Vaginalduschen sowie reversible Anstiege bei jodiertem Trinkwasser oder Wasserreinigungstabletten. Für diese Wege lässt sich aus der Übersicht keine allgemeine Eintrittswahrscheinlichkeit ableiten.

Wie sind die historischen Obergrenzen zu lesen?

Die im Review zitierte damalige US-IOM-Zufuhrreferenz für Erwachsene von 150 µg Jod pro Tag beschreibt eine angestrebte Zufuhr, keine Schwelle, ab der „zu viel“ beginnt. Davon unterscheidet die Übersicht historische tolerierbare Oberwerte für die gesamte tägliche Zufuhr:

GruppeEuropa: Scientific Committee on FoodUSA: Institute of Medicine
1–3 Jahre200 µg Jod/Tag200 µg Jod/Tag
4–6 Jahre250 µg Jod/Tag300 µg Jod/Tag
7–10 Jahre300 µg Jod/Tag300 µg Jod/Tag
11–14 Jahre450 µg Jod/Tag300 µg Jod/Tag
15–17 Jahre500 µg Jod/Tag900 µg Jod/Tag
Erwachsene600 µg Jod/Tag1.100 µg Jod/Tag
Schwangerschaft600 µg Jod/Tag1.100 µg Jod/Tag

Die Institutionen setzten also teils unterschiedliche Werte für dieselbe Gruppe an. Diese historischen Oberwerte sind weder aktuelle individuelle Dosierungsanweisungen noch Garantien für Menschen mit vorbestehenden Schilddrüsenerkrankungen oder anderen Risikofaktoren. Dass ein Jodüberschuss laut Review meist toleriert werde, hebt diese Ausnahmen ausdrücklich nicht auf. Weitere Grundlagen zu Jod und seiner normalen Funktion bietet der Jod-Überblick.

Grenzen der Aussage

Leung und Braverman veröffentlichten die Übersicht im Oktober 2012; die in PMC verfügbare Autorenfassung erschien dort erst 2017. Die Autoren nennen NIH-Unterstützung für A. M. Leung und erklären keine Interessenkonflikte. Der Text ist eine historische narrative Auswahl ohne gepoolte Schätzung. Tiermechanismen, Laborwerte aus kleinen Studien, Beobachtungen und Einzelfälle sind unterschiedlich belastbar. Sie erlauben weder eine einheitliche Ursache-Wirkungs-Aussage über alle Jodquellen noch die Übertragung ihrer Prozentwerte auf heutige Einzelpersonen.

Weitere Zugänge zur gleichen Originalübersicht: Angela M. Leung; Lewis E. Braverman (2012). Iodine-induced thyroid dysfunction. Current Opinion in Endocrinology, Diabetes and Obesity. DOI: 10.1097/med.0b013e3283565bb2. PMID: 22820214. · Angela M. Leung; Lewis E. Braverman (2012). Iodine-induced thyroid dysfunction. Current Opinion in Endocrinology, Diabetes and Obesity. DOI: 10.1097/med.0b013e3283565bb2. PMID: 22820214.

Fazit

Der Review erklärt, weshalb die Schilddrüse auf hohe Jodexposition je nach Ausgangslage mit Unter- oder Überfunktion reagieren kann. Er macht die sehr verschiedenen Quellen und Risikokontexte sichtbar. Seine historischen Grenzwerte und ausgewählten Befunde sind Orientierung zur Einordnung der Literatur, keine persönliche Diagnose- oder Dosierungsgrundlage.

Quellen

  1. Angela M. Leung; Lewis E. Braverman (2012). Iodine-induced thyroid dysfunction. Current Opinion in Endocrinology, Diabetes and Obesity. DOI: 10.1097/med.0b013e3283565bb2. PMID: 22820214.