Zhao et al. 2022: Probiotika und obere Atemwegsinfekte

Primärquelle ist Zhao et al. (2022), ein Cochrane Review zu Probiotika und akuten oberen Atemwegsinfekten. Die Quelle wurde in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht und ist über DOI 10.1002/14651858.CD006895.pub4, PMID 36001877 und PMCID PMC9400717 auffindbar.

Kurzprofil

FeldInhalt
QuelleZhao et al. (2022). Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections.
QuellentypCochrane Review mit Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien
Land/Kontextinternationale Studienbasis; Cochrane Database of Systematic Reviews
SpracheEnglisch
WirkstoffbezugProbiotika als definierte lebende Mikroorganismen im Kontext akuter oberer Atemwegsinfekte
Datenbasis24 Studien; 23 Studien mit 6.950 Teilnehmenden in Meta-Analysen auswertbar
Zentrale Endpunktemindestens ein akuter oberer Atemwegsinfekt, mindestens drei akute obere Atemwegsinfekte, Inzidenzrate, Dauer einer Episode, Fehlzeiten, Antibiotikagebrauch, unerwünschte Ereignisse
Originalquellehttps://doi.org/10.1002/14651858.CD006895.pub4
PubMedhttps://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36001877/
Volltexthttps://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9400717/
Cochrane-Zusammenfassunghttps://www.cochrane.org/evidence/CD006895_can-probiotics-live-micro-organisms-prevent-upper-respiratory-tract-infections-such-common-cold
DOI/PMID/PMCIDDOI 10.1002/14651858.CD006895.pub4; PMID 36001877; PMCID PMC9400717

Zhao et al. aktualisierten eine Cochrane-Übersichtsarbeit zu Probiotika und akuten oberen Atemwegsinfekten. Gemeint waren Infekte wie Erkältungen, Grippe-ähnliche Erkrankungen sowie Infekte von Hals, Nase oder Nebenhöhlen. Die Arbeit prüfte nicht ein einzelnes Produkt, sondern viele verschiedene probiotische Stämme, Darreichungsformen und Studienumfelder.

Fragestellung

Die Übersichtsarbeit untersuchte, ob Probiotika im Vergleich zu Placebo oder keiner probiotischen Gabe das Auftreten akuter oberer Atemwegsinfekte beeinflussen. Der Studienkontext war damit eng: Es ging um URTI-Endpunkte bei Menschen aller Altersgruppen mit grundsätzlich gesundem Immunsystem oder üblichem Risiko für solche Infekte.

Die Quelle ist kein allgemeiner Nachweis für ein stärkeres Immunsystem. Sie ist auch keine Anleitung zur Einnahme von Probiotika. Die untersuchten Mengen, Stämme und Formen sind Studienmerkmale und werden nicht zu einer allgemeinen Empfehlung.

Studiendesign und Methoden

Zhao et al. führten einen Cochrane Review mit Meta-Analyse durch. Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien und cluster-randomisierte Studien, die Probiotika mit Placebo oder keiner Behandlung verglichen. Studien wurden ausgeschlossen, wenn sie akute Atemwegsinfekte nicht ausdrücklich als obere Atemwegsinfekte definierten oder wenn Impfstatus-Konstellationen gegen Influenza oder andere akute obere Atemwegsinfekte die Vergleichbarkeit stark verzerren konnten.

Die Suche war bis zum 10. Mai 2022 aktuell. Berücksichtigt wurden unter anderem CENTRAL, MEDLINE, Embase, Web of Science, chinesische Literaturdatenbanken, Studienregister der Weltgesundheitsorganisation und ClinicalTrials.gov.

Zwei Reviewautoren prüften unabhängig voneinander die Studienauswahl und extrahierten die Daten nach Cochrane-Methodik. Die Auswertung nutzte Intention-to-treat- und Per-Protokoll-Daten, ein Random-Effects-Modell, Risikoverhältnisse für dichotome Endpunkte und mittlere Differenzen für kontinuierliche Endpunkte. Die Sicherheit der Aussagen wurde mit GRADE bewertet.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Übersichtsarbeit schloss 23 individuell randomisierte Studien und eine cluster-randomisierte Studie ein. Eine Einzelstudie berichtete die Ergebnisse nicht in einer auswertbaren Form. Deshalb konnten Daten aus 23 Studien mit insgesamt 6.950 Teilnehmenden in Meta-Analysen einfließen.

Die Datenbasis umfasste Kinder von einem Monat bis elf Jahren, Erwachsene mit einem mittleren Alter von 37,3 Jahren und ältere Menschen mit einem mittleren Alter von 84,6 Jahren. Die Studien stammten unter anderem aus Italien, Japan, den Vereinigten Staaten, Kroatien, England, Finnland, Schweden, Chile, China, Dänemark, Deutschland, Thailand und der Türkei; bei zwei Studien war das Land nicht klar angegeben.

Die meisten Studien liefen in Gemeinden, Pflegeeinrichtungen, Schulen oder Krankenhäusern über etwa drei Monate im Winter oder Frühjahr. Damit bildete die Quelle typische Infektzeiten ab, aber nicht jede Jahreszeit, jede Risikogruppe oder jede Versorgungssituation.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die untersuchten Probiotika waren heterogen. Bei Kindern wurden sie häufiger über milchbasierte Lebensmittel gegeben, bei Erwachsenen häufiger als Pulver und bei älteren Menschen als milchbasierte Lebensmittel oder Kapseln. In vielen Studien wurden ein oder zwei Stämme verwendet, zum Beispiel Lactobacillus plantarum HEAL9 oder Lactobacillus paracasei 8700:2 beziehungsweise N1115.

Die häufig genannten Studienmengen lagen bei 10^9 oder 10^11 koloniebildenden Einheiten pro Tag. Diese Angaben beschreiben die eingeschlossenen Studien. Sie sind keine Standardmenge und keine persönliche Einnahmeanweisung.

Verglichen wurde mit Placebo oder keiner probiotischen Gabe. Die Endpunkte bezogen sich auf diagnostizierte akute obere Atemwegsinfekte, die Zahl neuer Episoden, die Dauer einzelner Episoden, Fehlzeiten, Antibiotikagebrauch und unerwünschte Ereignisse.

Ergebnisse

Für den Endpunkt mindestens ein akuter oberer Atemwegsinfekt fand die Meta-Analyse ein niedrigeres Risiko in den Probiotikagruppen: RR 0,76 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,67 bis 0,87 in 16 Studien mit 4.798 Teilnehmenden. Die Quelle bewertete diese Aussage als niedrig sicher.

Für mindestens drei akute obere Atemwegsinfekte berichtete die Arbeit ebenfalls ein niedrigeres Risiko: RR 0,59 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,38 bis 0,91 in vier Studien mit 763 Teilnehmenden. Diese Aussage wurde als moderat sicher bewertet.

Auch die Inzidenzrate, also die Zahl neuer URTI-Fälle pro Personenzeit, war in den gepoolten Daten niedriger: Rate Ratio 0,82 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,73 bis 0,92 in zwölf Studien mit 4.364 Teilnehmenden. Die mittlere Dauer einer Episode war um 1,22 Tage kürzer, mit 95-%-Konfidenzintervall 0,33 bis 2,12 Tage kürzer, in sechs Studien mit 2.406 Teilnehmenden. Beide Aussagen bewertete die Quelle als niedrig sicher.

Für verschriebene Antibiotika bei akuten oberen Atemwegsinfekten fand die Auswertung ein niedrigeres Risiko: RR 0,58 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,42 bis 0,81 in sechs Studien mit 1.548 Teilnehmenden. Diese Aussage wurde als moderat sicher bewertet. Für Fehlzeiten in Kita, Schule oder Arbeit war die Aussage sehr unsicher: RR 0,14 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,03 bis 0,59 in einer Studie mit 80 Teilnehmenden.

Die Ergebnisse sprechen für statistische Unterschiede in mehreren URTI-Endpunkten. Wegen der teils niedrigen Aussagesicherheit, der heterogenen Probiotika und der unterschiedlichen Studienkontexte bleibt offen, welcher Stamm, welche Kombination oder welche Darreichungsform in welchem Umfeld verlässlich vergleichbare Ergebnisse hätte.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Für mindestens ein unerwünschtes Ereignis fand die Meta-Analyse keinen klaren Anstieg: RR 1,02 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,90 bis 1,15 in acht Studien mit 2.456 Teilnehmenden. Die Quelle bewertete diese Aussage als niedrig sicher.

Die berichteten unerwünschten Ereignisse waren gering ausgeprägt und meist gastrointestinal, zum Beispiel Erbrechen, Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen. Diese Sicherheitsdaten erlauben keine allgemeine Entwarnung für besonders vulnerable Gruppen, stark immungeschwächte Menschen oder Situationen mit erhöhtem Infektionsrisiko. Solche Fragen brauchen eine eigene Sicherheitsbewertung.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die niedrige bis moderate Sicherheit vieler Aussagen. Die Quelle nennt als Gründe unter anderem methodische Grenzen einzelner Studien und unvollständige Berichterstattung zu interessierenden Endpunkten.

Eine zweite Grenze ist die Heterogenität der Interventionen. Probiotika sind keine einheitliche Substanz. Die eingeschlossenen Studien nutzten unterschiedliche Stämme, Kombinationen, Lebensmittel- oder Kapselformen und Mengen. Aus dem Gesamtergebnis lässt sich deshalb kein einheitliches Probiotikum ableiten.

Eine dritte Grenze betrifft die Übertragbarkeit. Die Studien umfassten Kinder, Erwachsene und ältere Menschen in verschiedenen Ländern und Einrichtungen. Das verbessert die Breite der Daten, erschwert aber eine genaue Aussage für einzelne Altersgruppen, einzelne Stämme oder besondere Risikosituationen.

Eine vierte Grenze betrifft den Endpunkt. Akute obere Atemwegsinfekte sind nicht gleichbedeutend mit allgemeiner Immunfunktion. Der Review untersucht auch keine Behandlung bereits bestehender schwerer Infektionen, keine unteren Atemwegsinfekte und keine medizinische Entscheidung über Antibiotika.

Was die Studie zeigt

  • Die Quelle fasst 24 randomisierte oder cluster-randomisierte Studien zu Probiotika und akuten oberen Atemwegsinfekten zusammen.
  • 23 Studien mit 6.950 Teilnehmenden konnten in Meta-Analysen ausgewertet werden.
  • Die Datenbasis umfasst Kinder, Erwachsene und ältere Menschen aus mehreren Ländern und Versorgungskontexten.
  • In gepoolten Analysen traten mindestens ein und mindestens drei akute obere Atemwegsinfekte in den Probiotikagruppen seltener auf.
  • Die Inzidenzrate akuter oberer Atemwegsinfekte war niedriger.
  • Die mittlere Dauer einer Episode war in den gepoolten Daten kürzer.
  • Verschreibungen von Antibiotika bei akuten oberen Atemwegsinfekten waren in den Probiotikagruppen seltener.
  • Für Fehlzeiten war die Aussage sehr unsicher.
  • Unerwünschte Ereignisse waren nicht klar häufiger und wurden überwiegend als gering ausgeprägte gastrointestinale Beschwerden berichtet.

Was die Studie nicht zeigt

  • keine allgemeine Empfehlung zur Einnahme von Probiotika
  • keine persönliche Dosierungsanleitung
  • keine Produktempfehlung
  • keinen Nachweis für jeden Stamm, jede Kombination oder jede Darreichungsform
  • keinen allgemeinen Immunclaim
  • keine Aussage zu unteren Atemwegsinfekten
  • keine Therapieaussage für schwere oder bereits bestehende Infektionen
  • keine eigenständige Entscheidungshilfe für Antibiotikaverordnungen
  • keine belastbare Sicherheitsfreigabe für stark vulnerable Gruppen
  • keinen Probiotika-Bedarf, keinen Mangelmarker und keinen allgemeinen oberen Grenzwert

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Primärquelle ist Zhao et al. (2022), ein Cochrane Review zu Probiotika und akuten oberen Atemwegsinfekten.
  • Die Quelle wurde in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht und ist über DOI 10.1002/14651858.CD006895.pub4, PMID 36001877 und PMCID PMC9400717 auffindbar.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1002/14651858.CD006895.pub4; PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36001877/; Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9400717/; Cochrane-Zusammenfassung: https://www.cochrane.org/evidence/CD006895_can-probiotics-live-micro-organisms-prevent-upper-respiratory-tract-infections-such-common-cold
  • Die Suche berücksichtigte Evidenz bis zum 10. Mai 2022.
  • Die Datenbasis umfasst 24 Studien; 23 Studien mit 6.950 Teilnehmenden konnten in Meta-Analysen ausgewertet werden.
  • Die Teilnehmenden waren Kinder, Erwachsene und ältere Menschen aus mehreren Ländern und Versorgungskontexten.
  • Für mindestens einen akuten oberen Atemwegsinfekt lag das gepoolte Risikoverhältnis bei RR 0,76 (95-%-KI 0,67 bis 0,87; 16 Studien; 4.798 Teilnehmende; niedrige Aussagesicherheit).
  • Für mindestens drei akute obere Atemwegsinfekte lag das gepoolte Risikoverhältnis bei RR 0,59 (95-%-KI 0,38 bis 0,91; 4 Studien; 763 Teilnehmende; moderate Aussagesicherheit).
  • Für die Inzidenzrate lag die Rate Ratio bei 0,82 (95-%-KI 0,73 bis 0,92; 12 Studien; 4.364 Teilnehmende; niedrige Aussagesicherheit).
  • Die mittlere Dauer einer Episode war um 1,22 Tage kürzer (95-%-KI 0,33 bis 2,12 Tage kürzer; 6 Studien; 2.406 Teilnehmende; niedrige Aussagesicherheit).
  • Verschreibungen von Antibiotika bei akuten oberen Atemwegsinfekten waren seltener (RR 0,58; 95-%-KI 0,42 bis 0,81; 6 Studien; 1.548 Teilnehmende; moderate Aussagesicherheit).
  • Für Fehlzeiten war die Aussage sehr unsicher.
  • Für mindestens ein unerwünschtes Ereignis fand die Quelle keinen klaren Anstieg (RR 1,02; 95-%-KI 0,90 bis 1,15; 8 Studien; 2.456 Teilnehmende; niedrige Aussagesicherheit).
  • Unerwünschte Ereignisse waren überwiegend gering ausgeprägte gastrointestinale Beschwerden.
  • Die Ergebnisse sind eng auf akute obere Atemwegsinfekte als Studienendpunkt begrenzt und liefern keine Einnahme-, Dosierungs-, Produkt- oder Kaufempfehlung.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. PubMed
  3. Volltext
  4. Cochrane Zusammenfassung