Collinson et al. 2020: Probiotika bei akuter infektiöser Diarrhö

Primärquelle ist Collinson et al. (2020), ein Cochrane Review zu Probiotika bei akuter infektiöser Diarrhö. Die Quelle wurde in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht und ist über DOI 10.1002/14651858.CD003048.pub4, PMID 33295643 und PMCID PMC8166250 auffindbar.

Kurzprofil

FeldInhalt
QuelleCollinson et al. (2020). Probiotics for treating acute infectious diarrhoea.
QuellentypCochrane Review mit Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien
Land/Kontextinternationale Studienbasis; Cochrane Database of Systematic Reviews
SpracheEnglisch
WirkstoffbezugProbiotika als definierte lebende Mikroorganismen bei akuter infektiöser Diarrhö
Datenbasis82 randomisierte kontrollierte Studien mit 12.127 Teilnehmenden
Zentrale EndpunkteDurchfall über 48 Stunden, Dauer der Durchfallerkrankung, Durchfall über 14 Tage, Krankenhauseinweisung, Dauer des Krankenhausaufenthalts, unerwünschte Ereignisse
Originalquellehttps://doi.org/10.1002/14651858.CD003048.pub4
PubMedhttps://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33295643/
Volltexthttps://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8166250/
DOI/PMID/PMCIDDOI 10.1002/14651858.CD003048.pub4; PMID 33295643; PMCID PMC8166250

Akute infektiöse Diarrhö ist ein enger Studienkontext. Collinson et al. prüften, ob Probiotika bei Menschen mit nachgewiesener oder vermuteter infektiöser Durchfallerkrankung die Krankheitsdauer verkürzen. Die aktualisierte Cochrane-Auswertung kam zu einer deutlich vorsichtigeren Einschätzung als frühere Fassungen: In den verlässlicheren großen Studien zeigte sich kein klarer Vorteil für die wichtigsten Endpunkte.

Fragestellung

Die Übersichtsarbeit untersuchte, ob Probiotika bei akuter infektiöser Diarrhö die Dauer der Erkrankung oder die Häufigkeit länger anhaltender Durchfälle beeinflussen. Akut bedeutete in diesem Review eine kurzfristige Durchfallerkrankung, die nach Quelle bewiesen oder wahrscheinlich durch Bakterien, Viren oder Parasiten verursacht war.

Der Endpunkt ist nicht antibiotikaassoziierte Diarrhö und nicht der C.-difficile-Kontext. Die Quelle ist auch kein allgemeiner Nachweis für „Darmgesundheit“ oder für alle Probiotika-Produkte. Sie betrachtet ein konkretes Krankheitsbild und eine sehr heterogene Studienlandschaft mit vielen unterschiedlichen Mikroorganismen, Definitionen und Versorgungssituationen.

Studiendesign und Methoden

Collinson et al. führten einen Cochrane Review mit Meta-Analyse durch. Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien, die ein spezifiziertes probiotisches Agens mit Placebo oder keiner probiotischen Zusatzgabe verglichen. Die Teilnehmenden hatten akute Diarrhö, die bewiesen oder vermutlich infektiös bedingt war.

Die Suche umfasste das Register der Cochrane Infectious Diseases Group, MEDLINE und Embase von Datenbankbeginn bis zum 17. Dezember 2019. Zusätzlich wurden CENTRAL in der Cochrane Library, Referenzlisten aus Studien und Reviews sowie zusätzliche während der externen Begutachtung identifizierte Studien berücksichtigt.

Zwei Reviewautoren prüften unabhängig voneinander die Einschlusskriterien, bewerteten das Verzerrungsrisiko und extrahierten Daten. Primäre Endpunkte waren Durchfall über mindestens 48 Stunden und die Dauer der Durchfallerkrankung. Sekundäre Endpunkte waren Krankenhauseinweisung in gemeindebasierten Studien, Dauer des Krankenhausaufenthalts in stationären Studien, Durchfall über mindestens 14 Tage und unerwünschte Ereignisse.

Untersuchte Personen oder Datenbasis

Die Datenbasis umfasste 82 randomisierte kontrollierte Studien mit 12.127 Teilnehmenden. Davon waren 11.526 Kinder unter 18 Jahren. 412 Teilnehmende waren Erwachsene. Drei Studien rekrutierten 189 Erwachsene und Kinder, ohne die Zahl je Altersgruppe getrennt anzugeben.

Die Studien fanden in unterschiedlichen Regionen und Versorgungskontexten statt. 53 Studien wurden in Ländern mit niedriger oder sehr niedriger Kinder- und Erwachsenensterblichkeit durchgeführt. 26 Studien stammten aus Ländern, in denen Kinder- oder Erwachsenensterblichkeit hoch war.

Die Studien unterschieden sich deutlich darin, wie sie akute Diarrhö definierten, wann eine Durchfallerkrankung als beendet galt und welche Probiotika verwendet wurden. Viele Studien hatten ein hohes oder unklares Verzerrungsrisiko. Bei den gepoolten Hauptendpunkten zeigte sich außerdem eine ausgeprägte statistische Heterogenität. Das bedeutet: Die Studienergebnisse lagen so weit auseinander, dass ein einfacher Durchschnitt nur vorsichtig gelesen werden kann.

Intervention, Exposition und Vergleich

Die Quelle fasste Studien zu verschiedenen Probiotika zusammen. Die Interventionen waren kein einheitliches Produkt und kein einheitlicher Stamm. Verglichen wurde jeweils mit Placebo oder keiner zusätzlichen probiotischen Gabe.

Die Autorengruppe prüfte vorab Subgruppen, darunter Analysen zu Lactobacillus rhamnosus GG und Saccharomyces boulardii. Diese Subgruppen erklärten die Heterogenität der Gesamtergebnisse nicht. Für Lactobacillus reuteri berichtete der Review sechs kleinere Studien mit konsistenten Ergebnissen, aber in allen diesen Studien lag Verzerrungsrisiko vor.

Studienmengen, Stämme und Produktformen bleiben deshalb reine Studienmerkmale. Sie ergeben keine allgemeine Probiotika-Menge, keinen Standardstamm und keine Produktaussage.

Ergebnisse

Die wichtigste Analyse beschränkte sich auf Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko für alle geprüften Bias-Bereiche. Für Durchfall über mindestens 48 Stunden fand diese Analyse keinen Unterschied zwischen Probiotika und Kontrolle: RR 1,00 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,91 bis 1,09. Diese Auswertung beruhte auf zwei Studien mit 1.770 Teilnehmenden und wurde als moderat sicher bewertet.

Für die Dauer der Durchfallerkrankung blieb die Aussage unsicher. In sechs Studien mit 3.058 Teilnehmenden lag die mittlere Differenz bei 8,64 Stunden kürzerer Dauer unter Probiotika, das 95-%-Konfidenzintervall reichte aber von 29,4 Stunden kürzer bis 12,1 Stunden länger. Die Quelle bewertete diese Aussage als sehr unsicher.

Die vorab geplanten Subgruppenanalysen, die alle Studien einbezogen, zeigten keine stabile Erklärung durch Alter, Ernährungs- oder sozioökonomischen Status, Region, Rotavirusnachweis, Antibiotikaexposition oder gleichzeitige Zinkgabe. Auch Analysen nach Publikationsjahrzehnt oder Studienregistrierung änderten die Grundinterpretation nicht.

Bei Durchfall über mindestens 14 Tage fand der Review keinen klaren Unterschied: RR 0,49 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,16 bis 1,53 in neun Studien mit 2.928 Teilnehmenden. Auch für Krankenhauseinweisungen in gemeindebasierten Studien zeigte sich kein klarer Unterschied: RR 1,26 mit 95-%-Konfidenzintervall 0,84 bis 1,89 in sechs Studien mit 2.283 Teilnehmenden.

Die Dauer des Krankenhausaufenthalts war in stationären Studien im Mittel kürzer in Probiotikagruppen: mittlere Differenz -18,03 Stunden, 95-%-Konfidenzintervall -27,28 bis -8,78, in 24 Studien mit 4.056 Teilnehmenden. Dieser Befund war jedoch stark heterogen (I² = 96 %) und deshalb nur vorsichtig einzuordnen.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Nur wenige Studien berichteten unerwünschte Ereignisse ausführlich. In den eingeschlossenen Studien wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse Probiotika zugeschrieben.

Diese Aussage ist begrenzt. Der Review war nicht darauf ausgelegt, seltene schwere Infektionen oder Risiken in stark vulnerablen Gruppen sicher zu erfassen. Die Sicherheitsinformation gilt daher vor allem für die berichteten randomisierten Studien und ersetzt keine separate Sicherheitsbewertung für Frühgeborene, schwer immungeschwächte Menschen, Menschen mit zentralvenösen Kathetern oder andere Hochrisikosituationen.

Grenzen der Aussagekraft

Die wichtigste Grenze ist die Qualität und Streuung der Evidenzbasis. Viele ältere kleinere Studien zeigten positive Ergebnisse. Die aktualisierte Analyse fand aber Hinweise auf Publikationsbias: Kleine Studien mit günstigem Ergebnis wurden offenbar eher sichtbar. Wenn stärker auf größere Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko geschaut wurde, blieb der Nutzen deutlich unklarer.

Eine zweite Grenze ist die starke Heterogenität. Die Studien verwendeten unterschiedliche Durchfalldefinitionen, verschiedene Probiotika, verschiedene Vergleichsgruppen und unterschiedliche Versorgungsbedingungen. Dadurch kann der Review nicht zeigen, dass ein bestimmtes Produkt oder ein bestimmter Stamm zuverlässig bei akuter infektiöser Diarrhö wirkt.

Eine dritte Grenze betrifft die Populationen. Die Datenbasis war überwiegend pädiatrisch. Erwachsene waren nur in deutlich kleinerer Zahl vertreten. Außerdem lassen sich Ergebnisse aus Ländern, Altersgruppen und Versorgungssituationen nicht ohne Weiteres auf andere Kontexte übertragen.

Eine vierte Grenze betrifft den Endpunkt. Akute infektiöse Diarrhö ist getrennt von antibiotikaassoziierter Diarrhö, C.-difficile-assoziierter Diarrhö, Reizdarm, Reisediarrhö und allgemeiner Verdauungsgesundheit zu lesen.

Was die Studie zeigt

  • Der Review fasst 82 randomisierte kontrollierte Studien mit 12.127 Teilnehmenden zu Probiotika bei akuter infektiöser Diarrhö zusammen.
  • Die Datenbasis besteht überwiegend aus Kindern; Erwachsene sind deutlich weniger vertreten.
  • In Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko zeigte sich kein Unterschied für Durchfall über mindestens 48 Stunden.
  • Für die mittlere Dauer der Durchfallerkrankung blieb die Aussage sehr unsicher.
  • Für Durchfall über mindestens 14 Tage und für Krankenhauseinweisungen fand der Review keinen klaren Unterschied.
  • Eine kürzere Krankenhausdauer wurde zwar beobachtet, war aber wegen sehr starker Heterogenität vorsichtig zu interpretieren.
  • Die Quelle fand Hinweise auf Publikationsbias zugunsten kleiner positiver Studien.
  • In den eingeschlossenen Studien wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse Probiotika zugeschrieben.

Was die Studie nicht zeigt

  • keine pauschale Wirkung aller Probiotika
  • kein Nachweis für jedes Produkt, jeden Stamm oder jede Kombination
  • keine persönliche Einnahme- oder Dosierungsanleitung
  • keine Produktempfehlung
  • keine Aussage zu antibiotikaassoziierter Diarrhö
  • keine Aussage zum C.-difficile-Kontext
  • keine Aussage zu Reizdarm, Reisediarrhö oder allgemeiner Verdauungsgesundheit
  • keine belastbare Sicherheitsbewertung für stark vulnerable Gruppen
  • keinen Probiotika-Bedarf, keinen Mangelmarker und keinen allgemeinen oberen Grenzwert

Kompakte Faktenzusammenfassung

  • Primärquelle ist Collinson et al. (2020), ein Cochrane Review zu Probiotika bei akuter infektiöser Diarrhö.
  • Die Quelle wurde in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht und ist über DOI 10.1002/14651858.CD003048.pub4, PMID 33295643 und PMCID PMC8166250 auffindbar.
  • Originalquelle: https://doi.org/10.1002/14651858.CD003048.pub4; PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33295643/; Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8166250/
  • Die Analyse umfasst 82 randomisierte kontrollierte Studien mit 12.127 Teilnehmenden, darunter 11.526 Kinder.
  • Die Suche berücksichtigte Evidenz bis zum 17. Dezember 2019.
  • In zwei Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko und 1.770 Teilnehmenden zeigte sich für Durchfall über mindestens 48 Stunden kein Unterschied zwischen Probiotika und Kontrolle (RR 1,00; 95-%-KI 0,91 bis 1,09).
  • Für die Dauer der Durchfallerkrankung blieb die Aussage sehr unsicher (mittlere Differenz -8,64 Stunden; 95-%-KI -29,4 bis +12,1 Stunden; sechs Studien; 3.058 Teilnehmende).
  • Für Durchfall über mindestens 14 Tage und für Krankenhauseinweisungen fand der Review keinen klaren Unterschied.
  • Die stationäre Aufenthaltsdauer war in Probiotikagruppen im Mittel kürzer, der Befund war aber sehr heterogen (I² = 96 %).
  • Subgruppen nach Alter, Region, sozioökonomischem Kontext, Rotavirus, Antibiotikaexposition, Zinkgabe, Lactobacillus rhamnosus GG oder Saccharomyces boulardii erklärten die uneinheitlichen Ergebnisse nicht.
  • Die Quelle fand Hinweise auf Publikationsbias, bei dem kleine positive Studien das Gesamtbild verzerren können.
  • In den eingeschlossenen Studien wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse Probiotika zugeschrieben.
  • Die Ergebnisse gelten nicht als pauschale Aussage für alle Probiotika, Stämme, Produkte, Altersgruppen oder Durchfallursachen.
  • Die Quelle enthält keine persönliche Einnahmeempfehlung, keine Produktempfehlung und keine allgemeine Sicherheitsfreigabe für Hochrisikogruppen.

Quellen

  1. Originalquelle
  2. PubMed
  3. Volltext
  4. Cochrane Zusammenfassung