Wirksamkeit und Sicherheit von Saccharomyces boulardii CNCM I-745 zur Behandlung akuten Durchfalls bei Kindern in China: ein systematischer Review und eine Metaanalyse
Der China-Review berichtet günstigere Durchfallverläufe mit zusätzlichem S. boulardii. Offene Studien und Widersprüche bei Zahlen und Präparaten schränken den Befund ein.
Welche Kinder und Behandlungen wurden untersucht?
McFarland und Li veröffentlichten diesen systematischen Review im Juni 2025. Er untersuchte Saccharomyces boulardii CNCM I-745 zusätzlich zur üblichen Versorgung bei akutem Durchfall von Kindern in China. Die Autoren schlossen zehn randomisierte Studien mit insgesamt berichteten 1125 Kindern ein. Randomisiert bedeutet, dass die Zuordnung zu den Gruppen nach dem Zufallsprinzip erfolgen sollte.
Die Auswahlkriterien erlaubten Kinder bis einschließlich 18 Jahre mit Durchfall von weniger als 15 Tagen Dauer. Tatsächlich waren die Kinder jünger als einen Monat bis sechs Jahre alt. Neun Studien fanden im Krankenhaus statt, eine ambulant. Vier untersuchten Rotavirus-Durchfall, eine bakteriellen Durchfall; fünf nannten die Ursache nicht. In zwei Studien fehlte der genaue Erkrankungsbeginn.
Beide Gruppen durften Flüssigkeit und Elektrolyte oral oder intravenös erhalten. Weitere erlaubte Maßnahmen waren eine angepasste Ernährung und bei Bedarf Medikamente gegen Infektionen. Studien mit zusätzlichen Vergleichsinterventionen wie Zink, Montmorillonit, Racecadotril oder anderen Probiotika wurden ausgeschlossen. Der Review prüft somit eine Zusatzgabe unter diesen Bedingungen, keinen Ersatz der Versorgung.
Wie wurde gesucht und ausgewertet?
Die Suche lief bis zum 30. Juni 2024 in PubMed, Google Scholar, Embase, Cochrane, CNKI und CBMdisc sowie in grauer Literatur, also außerhalb regulärer Fachzeitschriften. Es gab keine Sprachbegrenzung; chinesische Artikel wurden übersetzt. Zwei Personen sichteten und extrahierten unabhängig voneinander.
Die Suche ergab 851 Abstracts. Nach Entfernung von 193 Duplikaten wurden 658 Abstracts gescreent und 464 Volltexte geprüft. Alle zehn eingeschlossenen Studien stammten aus chinesischen Datenbanken. Der Review wurde am 10. Juli 2024 unter CRD42024567537 registriert; am 30. Oktober 2024 folgte eine Protokollrevision mit strengeren Ein- und Ausschlusskriterien.
Für Ereignisse berechneten die Autoren relative Risiken, kurz RR. Für Messwerte wie die Durchfalldauer nutzten sie standardisierte Mittelwertdifferenzen, kurz SMD. Dabei wird ein Unterschied in Einheiten der statistischen Streuung ausgedrückt. Eine SMD ist deshalb keine Zeitangabe. Die 95 %-Konfidenzintervalle beschreiben die statistische Unsicherheit. Bei I² über 50 % verwendeten die Autoren ein Random-Effects-Modell, das Unterschiede zwischen Studien berücksichtigt. Fehlende Ergebnisdaten wurden nicht durch geschätzte Werte ersetzt.
Was lässt sich über die Präparate sagen?
Die Autoren ordneten die oral verabreichten Beutel anhand von Produkt- und Herstellerangaben Biocodex beziehungsweise Yihuo dem Stamm CNCM I-745 zu. Ihr Erfassungsformular sah dafür auch eine Importnummer vor. Eine unabhängige Laborbestätigung jedes Präparats wird nicht berichtet.
Die Studientabelle nennt je nach Studie 125 mg/Tag, 250 mg/Tag oder 500 mg/Tag. Teilweise waren die Mengen altersabhängig, teilweise konstant. Die berichtete Anwendung dauerte drei bis sieben Tage. Bei Cao fehlt die Menge, bei Wu die Dauer. Diese Zusammenfassung beschreibt unterschiedliche Studienverfahren; sie legt weder eine geeignete Menge für ein Kind fest noch macht sie die Präparate austauschbar.
Eine relevante Identitätsfrage bleibt bei Yao 2018 offen: Der bibliografische Titel nennt Bacillus-subtilis-Präparate, während der Review die Intervention als S. boulardii CNCM I-745 einordnet. Das Primäroriginal liegt dieser Einordnung nicht als eigenständig geprüfte Quelle zugrunde. Der Widerspruch lässt sich daher hier nicht auflösen und begrenzt die Aussage über den untersuchten Stamm.
Welche Ergebnisse berichtet die Metaanalyse?
Durchfalldauer: kürzer, aber nicht um eine gesicherte Zahl von Tagen
Für sechs Studien berichtet die Ergebnisgrafik eine SMD von −1,63 mit einem 95 %-Konfidenzintervall von −2,08 bis −1,18. Der negative Wert zeigt in Richtung einer kürzeren Durchfalldauer mit Zusatzgabe. I² betrug 84,8 %: Die Studienergebnisse unterschieden sich stark über zufällige Schwankungen hinaus.
Abstract, Ergebnisteil und Ergänzungstabelle bezeichnen denselben standardisierten Effekt zusätzlich als Tage; der Text spricht von 1,6 Tagen kürzerer Dauer. Das folgt nicht aus einer SMD. Aus dem berichteten Gesamtschätzer lässt sich deshalb keine verlässliche Verkürzung um diese Zahl von Tagen ableiten.
Auch einzelne Eingangswerte werfen Fragen auf. Bei Yao nennt Tabelle 1 im Mittel 2,11 Tage mit einer Standardabweichung von 0,19 Tagen gegenüber 4,8 Tagen mit einer Standardabweichung von 0,31 Tagen. Die Grafik weist zugleich eine SMD von −2,19 mit einem 95 %-Konfidenzintervall von −2,73 bis −1,65 aus. Die Herleitung dieses standardisierten Werts aus den gedruckten Eingangsdaten ist nicht nachvollziehbar.
Besserung und kein Durchfall sind verschiedene Endpunkte
Alle zehn Studien berichteten ein „Total Effectiveness Rating“. Dieser Sammelendpunkt fasst vollständige Beschwerdeauflösung und mäßige Besserung bis zum Behandlungsende zusammen. Das RR betrug 1,22, mit einem 95 %-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,28 und I² von 0 %. Das ist kein gleichbedeutender Nachweis vollständiger Beschwerdefreiheit.
Für den getrennt definierten Endpunkt „kein Durchfall am Behandlungsende“ berichten die Autoren aus zehn Studien ein RR von 1,47, mit einem 95 %-Konfidenzintervall von 1,30 bis 1,67 und I² von 30,9 %. Auch hier begrenzen Widersprüche im Original die Verlässlichkeit:
- Bei Qiu nennt Tabelle 1 keinen Durchfall bei 19 von 48 Kindern mit S. boulardii und 14 von 48 Kontrollkindern. Die Grafik berichtet jedoch ein RR von 0,79 mit einem 95 %-Konfidenzintervall von 0,48 bis 1,32. Diese Richtung passt nicht zu den höheren Ereigniszahlen der Zusatzgruppe.
- Bei Yang stehen 28 von 48 Kindern neben der Prozentangabe 95,8 %. Bruch und Prozentwert stimmen nicht überein.
- Bei Yao verwendet Tabelle 1 Gruppengrößen von 63 und 30 Personen. Die Ergänzungstabelle nennt dagegen 156 eingeschlossene Kinder. Diese Bezugsgrößen sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen.
Die Angaben werden hier als Widersprüche der Veröffentlichung kenntlich gemacht; korrigierte Gesamteffekte lassen sich daraus nicht zuverlässig berechnen.
Weitere Endpunkte bleiben begrenzt aussagekräftig
Nur Qiu berichtete die Stuhlfrequenz. Am dritten Tag lag sie im Mittel bei 1,82 Stühlen pro Tag gegenüber 2,93 Stühlen pro Tag; die Standardabweichungen betrugen 0,54 beziehungsweise 0,4. Der berichtete Unterschied war statistisch signifikant mit p < 0,05. Es handelt sich um eine einzelne Studie, keinen zusammengefassten Befund. Angaben zur Zeit bis zum Ende von Erbrechen, Übelkeit oder zum Krankenhausaufenthalt stammten ebenfalls aus wenigen Studien und wurden nicht zusammengefasst.
Je drei Studien untersuchten die Laborwerte TNF-α und IL-8. Die berichteten Effekte zeigten in Richtung niedrigerer Werte mit Zusatzgabe. Bei IL-8 war die Unterschiedlichkeit mit I² von 98,9 % besonders ausgeprägt; eine extreme Einzelschätzung bei Qiu trug dazu bei. Die Ergänzungstabelle enthält weitere Immun- und Entzündungsmarker, die nicht in allen Studien gleich erfasst wurden. Zudem beschreibt ihre Fußnote markierte negative Änderungen als Zunahmen. Aus den Markierungen allein lässt sich daher keine sichere Wirkungsrichtung ablesen. Laborveränderungen sind kein eigenständiger Nachweis eines spürbaren Nutzens für Kinder.
Was ändern Zusatzanalysen an der Einordnung?
Nach Weglassen der Cao-Studie blieb die SMD negativ; deren auffällig kurze Durchfalldauer konnte durch Kontakt mit den Studienautoren nicht bestätigt werden. Auch ohne die mit hohem Verzerrungsrisiko bewertete Tan-Studie blieb die Richtung erhalten. Die Unterschiede zwischen den übrigen Studien waren mit I² von 77,9 % weiterhin groß.
Eine Teilgruppenanalyse verglich altersangepasste Mengen von 125–500 mg/Tag mit konstant 500 mg/Tag. Sie zeigte unterschiedliche standardisierte Effekte, war aber kein randomisierter Vergleich der Mengen. Daraus folgt keine Überlegenheit eines Dosierungsschemas. Für Unterschiede nach Anwendungsdauer lagen ebenfalls zu wenige Studien vor: zwei für drei Tage und je eine für vier, fünf und sieben Tage; der Gruppenvergleich ergab p = 0,138. Diese Auswertungen legen keine optimale Anwendungsdauer fest.
Wie gut wurden Sicherheit und Studienqualität erfasst?
Acht Studien berichteten Sicherheitsdaten. Fünf beschränkten sich auf die Aussage, dass keine Ereignisse aufgetreten seien; nur drei lieferten gruppenspezifische Häufigkeiten. Yang und Qiu berichteten keine Sicherheitsdaten. Die Zusammenfassung der drei Studien ergab ein RR unerwünschter Ereignisse von 0,19, mit einem 95 %-Konfidenzintervall von 0,07 bis 0,51 und I² von 0 %. Im Fließtext ist die obere Grenze mit 0,50 angegeben. Genaue gepoolte Ereigniszahlen fehlen in der Grafik.
Die beschriebenen Beschwerden waren überwiegend mild und selbstlimitierend, darunter Hautausschlag, Bauchbeschwerden, trockener Mund, Übelkeit, Erbrechen, Fieber und Verstopfung. Schwere Ereignisse wurden nicht berichtet. Keine Studie beobachtete die Kinder nach Absetzen weiter. Die lückenhafte Erfassung und die kurze Beobachtung erlauben daher keinen allgemeinen Sicherheitsnachweis.
Alle zehn Studien waren unverblindet und verwendeten kein Placebo. Neun wurden insgesamt mit Bedenken, Tan mit hohem Verzerrungsrisiko bewertet; die Ergänzungstabelle bewertet den Bereich „Bias control“ in allen Studien als hoch, die anderen Bereiche überwiegend als niedrig. Keine Studie berichtete Verluste in der Nachbeobachtung. Fehlende Berichte darüber sind jedoch kein Ersatz für längere Nachbeobachtung.
Die Autoren bewerten die Evidenzsicherheit für Durchfalldauer und beide zusammengefassten Immunmarker als niedrig, für den Sammelendpunkt und „kein Durchfall“ als moderat. Für den Sammelendpunkt berichten sie zudem Hinweise auf Publikationsbias, also eine verzerrte Veröffentlichungslage: Der Egger-Test ergab p = 0,016, mit einem Übergewicht größerer günstiger Effekte. Offene Designs, wenige Studien je Endpunkt und die ausschließliche Herkunft aus China begrenzen die Übertragbarkeit auf andere Ernährungs- und Versorgungssituationen.
Finanzierung und Einordnung
Biocodex France finanzierte den Review. Laut Erklärung war der Sponsor nicht direkt an der Publikationsentscheidung beteiligt; beide Autoren hielten keine Unternehmensanteile. McFarland erklärt Beratertätigkeiten für Biocodex, Axon Pharma und Dr. Reddy’s sowie eine Mitgliedschaft im Microbiome Advisory Board von Biocodex. Li erklärt keine entsprechenden Interessenkonflikte.
Der Review liefert somit Hinweise unter engen Studienbedingungen. Er belegt weder eine verlässliche Verkürzung um eine bestimmte Anzahl von Tagen noch die Eignung jedes S.-boulardii-Produkts für Kinder. Der übergeordnete Artikel Saccharomyces boulardii: lebende Hefe mit engen Studiengrenzen ordnet das Thema breiter ein.
Die Originalarbeit ist über den DOI-Zugang, den PubMed-Eintrag und den Verlagsvolltext erreichbar. Der Quellenbeleg unten führt zum Volltext bei PMC.
Fazit
Die Metaanalyse berichtet günstigere Durchfallverläufe bei Kindern in China, die S. boulardii zusätzlich zur üblichen Versorgung erhielten. Die Aussagekraft leidet unter offenen Studien, fehlender längerfristiger Beobachtung und Widersprüchen bei Effektmaßen, Zahlen und Präparatzuordnung. Die Ergebnisse tragen keine individuelle Dosierungs- oder Behandlungsempfehlung.