Referenzwerte für Thiamin, Riboflavin, Niacin, Vitamin B6, Folat, Vitamin B12, Pantothensäure, Biotin und Cholin
Die US-amerikanisch-kanadische Bewertung leitet Thiamin-Referenzwerte nach Lebensphase ab und erklärt, warum kein oberer Grenzwert bestimmbar war.
Wie die Thiaminwerte abgeleitet wurden
Die Dietary Reference Intakes von 1998 sind eine institutionelle Bewertung für gesunde Bevölkerungen der USA und Kanadas, keine einzelne Interventionsstudie. Für Erwachsene wertete das Gremium mehrere metabolische Depletions- und Repletionsstudien aus. Besonders stark gewichtete es eine kontrollierte Untersuchung mit sieben gesunden jungen Männern in einer Stoffwechseleinheit, in der verschiedene Zufuhrstufen verglichen wurden.
Als Indikatoren dienten die Thiaminausscheidung im Urin, die Aktivität der Erythrozyten-Transketolase einschließlich TPP-Effekt sowie Thiamin und phosphorylierte Thiaminester im Blut. Keiner dieser Marker war allein ausreichend: Die Urinausscheidung reagiert vor allem auf die jüngste Zufuhr, während Transketolasewerte in mehreren Populationen nur schwach mit der Zufuhr zusammenhingen und auch durch andere Faktoren beeinflusst werden können.
Der EAR beschreibt den geschätzten durchschnittlichen Bedarf einer Gruppe. Die RDA liegt höher und soll den Bedarf fast aller gesunden Menschen der jeweiligen Gruppe abdecken. Weil die Streuung des individuellen Bedarfs nicht bekannt war, nahm das Gremium einen Variationskoeffizienten von zehn Prozent an und setzte die RDA auf 120 Prozent des EAR.
Referenzwerte für Erwachsene und Lebensphasen
Für Erwachsene ab 19 Jahren beträgt der EAR 1,0 mg Thiamin pro Tag für Männer und 0,9 mg pro Tag für Frauen. Die daraus abgeleiteten RDA-Werte liegen bei 1,2 mg beziehungsweise 1,1 mg pro Tag. Der niedrigere Frauenwert beruht auf der Annahme einer im Mittel geringeren Körpergröße und Energienutzung; direkte Vergleichsstudien zum Bedarf von Männern und Frauen wurden nicht gefunden.
Für das zweite und dritte Schwangerschaftstrimester nennt die Quelle bei Schwangeren von 14 bis 50 Jahren einen EAR von 1,2 mg und eine RDA von 1,4 mg pro Tag. Der modellierte Zusatzbedarf von etwa 0,3 mg pro Tag setzt sich aus ungefähr 20 Prozent für Gewebewachstum und zehn Prozent für den höheren Energieumsatz zusammen. Die wenigen Schwangerschaftsstudien lieferten jedoch widersprüchliche Statusbefunde.
Auch für Stillende von 14 bis 50 Jahren gelten 1,2 mg EAR und 1,4 mg RDA pro Tag. In die faktorielle Ableitung flossen geschätzte Milchverluste, der Energieaufwand der Milchproduktion und eine angenommene Milchmenge von 0,78 Litern pro Tag ein. Bei älteren Säuglingen mit Beikost kann die tatsächlich über Milch abgegebene Menge niedriger sein.
Werte für Säuglinge, Kinder und Jugendliche
Für Säuglinge lagen nicht genügend Daten für einen EAR vor. Daher setzte das Gremium einen AI von 0,2 mg pro Tag im Alter von 0 bis 6 Monaten und 0,3 mg pro Tag im Alter von 7 bis 12 Monaten fest. Der erste Wert beruht auf der beobachteten Zufuhr ausschließlich gestillter Säuglinge bei einer durchschnittlichen täglichen Milchmenge von 0,78 Litern. Der zweite wurde aus Erwachsenenanforderungen extrapoliert; eine alternative Schätzung aus Milch und Beikost von rund 0,6 mg pro Tag galt als unplausibel hoch.
Für Kinder von 1 bis 3 Jahren nennt die Quelle 0,4 mg EAR und 0,5 mg RDA pro Tag, für 4 bis 8 Jahre 0,5 beziehungsweise 0,6 mg. Direkte Bedarfsdaten für diese Altersgruppen fehlten, weshalb die Werte aus Erwachsenenwerten extrapoliert wurden.
Bei 9- bis 13-Jährigen liegen EAR und RDA geschlechtsunabhängig bei 0,7 und 0,9 mg pro Tag. Für 14- bis 18-jährige Jungen nennt die Quelle 1,0 und 1,2 mg, für gleichaltrige Mädchen 0,9 und 1,0 mg. Von fünf berücksichtigten Jugendstudien schloss keine Kinder unter 13 Jahren ein; zudem stimmten Biomarker untereinander oder mit der Zufuhr nicht immer überein.
Besondere Versorgungssituationen
Als Situationen mit möglicherweise erhöhtem Bedarf nennt der Bericht Hämodialyse, Peritonealdialyse, Malabsorptionssyndrome, Mehrlingsschwangerschaft und das Stillen mehrerer Säuglinge. Für diese Gruppen leitet er jedoch keine eigenen EAR- oder RDA-Werte ab. Die Angaben beschreiben deshalb Risikokontexte und sind keine individuellen Dosierungsanweisungen.
Sicherheitsbewertung und fehlender oberer Grenzwert
Für orale Thiaminzufuhr konnte das Gremium weder einen tolerierbaren oberen Zufuhrwert (UL) noch einen Schwellenwert mit oder ohne beobachtete Schäden (LOAEL oder NOAEL) ableiten. Mit steigender oraler Menge nimmt die Aufnahme laut Quelle rasch ab, und aufgenommenes überschüssiges Thiamin wird schnell ausgeschieden. Das bedeutet aber nicht, dass beliebig hohe Mengen als sicher belegt wären: Höhere orale Supplementmengen waren nicht systematisch auf Schäden untersucht.
Die Quelle trennt orale Einnahme ausdrücklich von parenteraler Gabe. In einer berichteten Serie erhielten 989 Personen Thiamin intravenös; elf berichteten Brennen an der Injektionsstelle und eine Person Juckreiz. Seltene schwere Reaktionen nach parenteraler Gabe lassen sich nicht auf orale Einnahme übertragen. Umgekehrt erlaubt die dünne orale Datenlage keinen Schluss auf unbegrenzte Sicherheit.
Grenzen und Einordnung
Die Ableitung verbindet kleine kontrollierte Stoffwechselstudien, unterschiedliche Biomarker, Extrapolationen und Modellannahmen. Für mehrere Lebensphasen fehlen direkte Bedarfsstudien. Die Zahlen sind populationsbezogene Planungswerte für gesunde Menschen in den USA und Kanada; getestete Mengen, Referenzwerte, Sicherheitsgrenzen und persönliche Empfehlungen sind nicht dasselbe. Eine stoffweite Einordnung bietet der Vitamin-B1-Hauptartikel.
Fazit
Die Quelle macht nachvollziehbar, wie EAR, RDA und AI für Thiamin aus begrenzter Evidenz abgeleitet wurden. Sie liefert konkrete Werte nach Lebensphase, kennzeichnet aber zugleich Extrapolationen und Biomarkerprobleme. Dass kein UL festgelegt werden konnte, ist eine Evidenzlücke und kein Beleg für unbegrenzte Sicherheit.