Vitamin B1: Wirkung, Bedarf, Mangel und Studien

Vitamin B1 ist für Energiegewinnung und Nervenfunktion unverzichtbar. Was Bedarf, Mangel, Risikogruppen, Supplemente und aktuelle Studien wirklich zeigen.

Auf einen Blick

  • Vitamin B1, auch Thiamin genannt, wirkt in seiner aktiven Form als Cofaktor im Kohlenhydrat- und Aminosäurestoffwechsel; der Körper speichert nur kleine Mengen.
  • Die DGE leitet den Bedarf energiebezogen ab. Ihre Werte reichen je nach Alter und Lebensphase von 0,2 bis 1,4 mg pro Tag.
  • Ein Mangel kann Nerven, Gehirn und Herz betreffen. Frühe Beschwerden sind unspezifisch und lassen sich nicht zuverlässig selbst diagnostizieren.
  • Besondere Risiken bestehen nicht nur bei Alkoholabhängigkeit, sondern unter anderem bei stark einseitiger Ernährung, bestimmten Magen-Darm- oder Lebererkrankungen, nach bariatrischen Eingriffen, bei schwerer Mangelernährung und in einzelnen Schwangerschafts- oder Stillkonstellationen.
  • Für Müdigkeit, Stress, Diabetes, Neuropathie und Herzinsuffizienz liefern kleine, heterogene Studien keinen allgemeinen Wirksamkeitsnachweis einer hoch dosierten Supplementierung.
  • Ein nicht festgelegter oberer Zufuhrwert bedeutet nicht, dass beliebig hohe Mengen nachweislich sicher oder wirksamer sind.

Was Vitamin B1 im Körper leistet

Thiamin ist ein wasserlösliches Vitamin. Seine biologisch aktive Form, Thiamindiphosphat, unterstützt Enzyme, die Kohlenhydrate und verzweigtkettige Aminosäuren verarbeiten. Damit ist Vitamin B1 an energiegewinnenden Reaktionen und am Pentosephosphatweg beteiligt. Auch die Reizweiterleitung im Nervensystem hängt von einer ausreichenden Versorgung ab.

Diese Funktionen erklären, warum ein Mangel schwerwiegende Folgen haben kann. Sie belegen aber nicht, dass zusätzliche Mengen oberhalb des Bedarfs bei gut versorgten Menschen mehr Energie, bessere Konzentration oder andere klinische Vorteile erzeugen. Ein notwendiger Cofaktor ist nicht automatisch ein leistungssteigerndes Mittel.

Der Körper kann Thiamin nur in kleinen Mengen speichern. Eine regelmäßige Zufuhr ist deshalb wichtig. Gute Lebensmittelquellen sind Vollkornprodukte, Samen, Hülsenfrüchte und Muskelfleisch. Wärme, Sauerstoff und Wasser können den Gehalt während Lagerung und Zubereitung vermindern. Wie viel tatsächlich aufgenommen wird, hängt somit nicht nur von einer Lebensmitteltabelle, sondern auch von Auswahl, Verarbeitung und Zubereitung ab.

Bedarf, Referenzwerte und Versorgungsstatus

Die DGE gibt alters-, geschlechts- und lebensphasenspezifische Gruppenreferenzwerte an. Sie reichen von 0,2 mg pro Tag im frühen Säuglingsalter bis 1,4 mg pro Tag für männliche Jugendliche von 15 bis unter 19 Jahren. Für Schwangere nennt sie 1,2 mg pro Tag im zweiten und 1,3 mg pro Tag im dritten Trimester; für Stillende ebenfalls 1,3 mg pro Tag. Diese Werte sind Planungsgrößen für Bevölkerungsgruppen, keine individuellen Therapie- oder Hochdosisempfehlungen.

Andere Institutionen kommen je nach Ableitung zu etwas anderen Zahlen. Die EFSA bestätigt für Erwachsene einen durchschnittlichen Bedarf von 0,072 mg pro Megajoule Energie und eine Referenzzufuhr von 0,1 mg pro Megajoule. US-amerikanische Referenzwerte nennen 1,2 mg pro Tag für erwachsene Männer und 1,1 mg für erwachsene Frauen sowie 1,4 mg in Schwangerschaft und Stillzeit. Die Unterschiede entstehen unter anderem durch verschiedene Referenzgewichte, Energieannahmen und Bewertungsmodelle. Sie sind kein Hinweis darauf, dass eine Zahl für jede einzelne Person exakt gelten muss.

Die Datengrundlage ist weniger präzise, als feste Tabellenwerte vermuten lassen. Ein wesentlicher Teil der historischen Bedarfsableitung stammt aus Depletions- und Repletionsstudien mit wenigen gesunden Männern. Für Kinder und andere Lebensphasen wurden Werte teilweise skaliert oder aus Energie- und Wachstumsannahmen modelliert. Fachgremien berücksichtigen diese Unsicherheit durch Sicherheitszuschläge und populationsbezogene Referenzwerte.

Auch der Versorgungsstatus ist nicht mit einer einzelnen Zahl sicher zu erfassen. Die Aktivität der Erythrozyten-Transketolase und die direkte Messung von Thiamindiphosphat können nützlich sein. Ergebnisse hängen jedoch von Laborverfahren, Probenhandhabung und Kühlkette ab; allgemein akzeptierte Grenzwerte fehlen teilweise. Urinwerte spiegeln eher die jüngste Zufuhr als die Gewebespeicher. Deshalb sind ein niedriger Laborwert, eine rechnerisch niedrige Zufuhr und eine klinische Mangelerkrankung drei unterschiedliche Befunde.

Für Deutschland lagen die mittleren Zufuhrmengen in der Nationalen Verzehrsstudie II von 2005–2006 bei 1,3 mg pro Tag für Männer und 1,0 mg für Frauen – ungefähr auf Höhe der damaligen Empfehlungen. Mittelwerte sagen jedoch nichts Sicheres über einzelne Personen oder heutige Teilgruppen aus. Ein globales Modell für 185 Länder schätzte 30 Prozent der Weltbevölkerung mit unzureichender Thiaminzufuhr aus Lebensmitteln. Fortifikation und Supplemente waren nicht enthalten; die Zahl ist deshalb eine Modellschätzung der Zufuhr und keine gemessene globale Mangelprävalenz.

Mangel: unspezifische Zeichen, reale Risiken

Ein Thiaminmangel kann peripher-neurologische, kardiale und gastrointestinale Zeichen hervorrufen. Genannt werden unter anderem Appetit- und Gewichtsverlust, Verwirrtheit, Kurzzeitgedächtnisprobleme, Muskelschwäche und kardiovaskuläre Beschwerden. Schwere Beri-Beri kann mit Empfindungsstörungen, Ödemen und Herzschwäche einhergehen; bei Säuglingen sind akute, lebensbedrohliche Verläufe beschrieben. Diese Symptome sind nicht spezifisch. Sie erlauben weder eine Selbstdiagnose noch den Schluss, jedes Müdigkeits- oder Gedächtnisproblem sei ein B1-Mangel.

Mangel entsteht durch zu geringe Zufuhr, verminderte Aufnahme, erhöhte Verluste oder einen erhöhten Bedarf. Zu den beschriebenen Risikokonstellationen gehören chronischer Alkoholmissbrauch, Hyperemesis gravidarum, Magen-Darm- und Lebererkrankungen, Gastrektomie und bariatrische Chirurgie. Auch höheres Alter, HIV/AIDS, Diabetes sowie Medikamente wie Furosemid oder Fluorouracil können im Einzelfall relevant sein. Bei Furosemid ist allerdings nicht geklärt, ob eine Supplementierung einen Mangel zuverlässig verhindert.

Global kommen weitere Bedingungen hinzu: monotone Kost mit poliertem Reis oder Maniok, thiaminantagonistische Lebensmittel, Ernährungsunsicherheit, Konflikt, Vertreibung, Hungersnot und schwere akute Mangelernährung. Beobachtungsdaten aus Kambodscha, Gambia und Laos zeigen, wie stark Ergebnisse von Population und Grenzwert abhängen. In einer kambodschanischen Querschnittsstudie reichte die geschätzte Prävalenz je nach gewähltem Thiamindiphosphat-Cut-off bei Frauen von 27 bis 78 Prozent und bei Kindern von 15 bis 58 Prozent. Das ist vor allem ein Beleg für ein relevantes Versorgungsproblem und für diagnostische Unsicherheit – nicht für eine weltweit übertragbare Quote.

Besonders ernst sind neurologische Symptome im Zusammenhang mit hohem Alkoholkonsum und eine mögliche Wernicke-Enzephalopathie. Leitlinien verwenden klinische Kriterien und behandeln diese Situation als dringlichen medizinischen Kontext. Ebenso kann bei schwer mangelernährten Menschen während der Wiederernährung ein Refeeding-Syndrom mit Elektrolytverschiebungen und Organdysfunktion auftreten, an dem auch Thiaminmangel beteiligt sein kann. Solche Situationen gehören ärztlich beurteilt; sie sind keine Anwendung für ein beliebiges Nahrungsergänzungsmittel in Eigenregie.

Supplemente, Formen und Sicherheit

Thiamin und das fettlöslichere Derivat Benfotiamin werden in Studien in sehr unterschiedlichen Mengen und Populationen eingesetzt. Eine verbesserte Thiaminkonzentration im Blut zeigt zunächst, dass der Stoff aufgenommen wurde. Sie beweist nicht, dass sich ein klinischer Endpunkt wie Neuropathie, Herzfunktion oder Erschöpfung verbessert.

Für Vitamin B1 konnten EFSA, frühere europäische Fachgremien und US-Institutionen mangels geeigneter Dosis-Wirkungs-Daten keinen tolerierbaren oberen Zufuhrwert ableiten. Das BfR bewertete die orale Toxizität 2021 als sehr gering und hielt eine Höchstmengenfestlegung für Nahrungsergänzungsmittel und angereicherte Lebensmittel auf Basis der damaligen Daten für verzichtbar. Zugleich nehmen Darmaufnahme und zusätzlicher Nutzen nicht unbegrenzt zu: Ab etwa 5 mg pro Tag sinkt die anteilige Aufnahme, und aufgenommenes überschüssiges Thiamin wird über den Urin ausgeschieden.

Orale und parenterale Anwendung dürfen nicht gleichgesetzt werden. Historische Berichte nennen Sensitivitätsreaktionen nach oraler Einnahme sowie seltene schwere Reaktionen bis zur Anaphylaxie nach unangemessener parenteraler Gabe. Für sehr hohe orale Mengen fehlen systematische Langzeit- und Dosis-Wirkungs-Daten. „Kein UL festgelegt“ heißt deshalb nicht „unbegrenzt sicher“, und eine hohe Studiendosis ist weder Zielwert noch allgemeine Einnahmeanweisung.

Was Interventionsstudien tatsächlich zeigen

Fortifikation und Mutter-Kind-Versorgung

In mangelgefährdeten Regionen kann eine gut geplante Fortifikation den biochemischen Status verbessern. Kambodschanische Studien mit thiaminangereicherter Fischsauce fanden nach sechs Monaten höhere Thiamindiphosphat-Werte bei Frauen und Kindern sowie höhere Thiaminkonzentrationen in der Muttermilch. Zwischen niedrigerer und höherer Anreicherungsstufe zeigte sich jedoch kein klarer Dosisgradient. Untersucht wurden vor allem Biomarker, nicht eine allgemein bessere Entwicklung oder weniger Erkrankungen.

Eine weitere randomisierte Studie gab 335 stillenden Müttern über 22 Wochen Placebo oder 1,2, 2,4 beziehungsweise 10 mg Thiamin täglich. Alle aktiven Gruppen erreichten höhere Thiaminwerte in der Milch als Placebo; bereits 1,2 mg pro Tag schnitt ähnlich ab wie die höheren Dosen. Ein Modell schätzte zwar 2,35 mg pro Tag für 90 Prozent der maximalen mittleren Milchkonzentration, das breite Konfidenzintervall zeigt aber die große Streuung und begrenzte praktische Genauigkeit.

In derselben mangelgefährdeten kambodschanischen Population sagte die randomisierte Dosis nach 24 Wochen bessere rezeptive und expressive Sprachwerte voraus; die 10-mg-Gruppe lag in diesen Domänen vorn. Grob- und Feinmotorik sowie visuelle Rezeption unterschieden sich dagegen nicht. Eine ergänzende Untersuchung fand einen kleinen Zusammenhang zwischen mütterlicher Dosis und Aufmerksamkeit der Säuglinge für kindgerichtete Sprache. Diese zeit- und domänenspezifischen Befunde sind interessant, lassen sich aber wegen Population, kulturell angepasster Tests und nicht erfasster Umweltfaktoren nicht zu einem allgemeinen Entwicklungsversprechen ausweiten.

Fortifikationsprogramme benötigen zudem ein passendes Lebensmittelvehikel, das die Zielgruppe regelmäßig verzehrt. Feuchtigkeit, Hitze, pH-Wert, Verarbeitung, Geschmack, lokale Lieferketten und Verzehrsmengen beeinflussen die Wirksamkeit. Ein in einer Region funktionierendes Programm ist nicht automatisch auf eine andere übertragbar.

Diabetes, Benfotiamin und Herzinsuffizienz

Ein systematischer Review von sechs randomisierten Studien mit insgesamt 364 Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes fand für Thiamin oder Benfotiamin keine signifikante Verbesserung von HbA1c, Nüchternglukose oder postprandialer Glukose. Die Studien waren klein, meist monozentrisch, kurz und methodisch unterschiedlich.

Auch für diabetische Polyneuropathie ist ein biochemischer Effekt nicht dasselbe wie ein klinischer Nutzen. In einer doppelblinden Phase-II-Studie mit 57 Menschen erhöhte Benfotiamin nachweislich sechs untersuchte Thiamin-Analyten im Blut. Nach zwölf Monaten unterschieden sich jedoch weder die korneale Nervenfaserlänge als primärer Endpunkt noch weitere neurophysiologische, morphometrische und klinische Endpunkte signifikant von Placebo. Die kleine Einzelzentrumstudie schließt einen Effekt in anderen Krankheitsstadien oder über längere Zeit nicht endgültig aus, belegt ihn aber ebenso wenig.

Bei chronischer Herzinsuffizienz fasste eine aktualisierte Meta-Analyse sieben doppelblinde randomisierte Studien mit 274 Menschen zusammen. Thiamin konnte einen niedrigen Thiaminstatus korrigieren, verbesserte aber weder die linksventrikuläre Ejektionsfraktion noch NYHA-Klasse oder Sechs-Minuten-Gehstrecke signifikant. Kleine Stichproben, kurze Nachbeobachtung, unterschiedliche Designs und heterogene Messmethoden begrenzen die Präzision. Die verfügbare Evidenz trägt daher weder ein generelles Herztherapieversprechen noch den Schluss, eine Mangelsubstitution sei in einem bestätigten Mangelkontext nutzlos.

Neun häufige Annahmen im Evidenzcheck

„Vitamin B1 gibt auch ohne Mangel mehr Energie und hilft gegen Erschöpfung“

So pauschal nicht belegt. Thiamin ist für die Energiegewinnung notwendig, doch aus dieser Funktion folgt kein Extra-Energie-Effekt oberhalb des Bedarfs. In einer doppelblinden Crossover-Studie mit 36 Erwachsenen, die an primär biliärer Cholangitis und schwerer chronischer Fatigue litten, war hoch dosiertes Thiamin Placebo nicht überlegen. Die krankheitsspezifische, kleine Studie beweist nicht, dass Thiamin bei jeder Form von Müdigkeit wirkungslos ist; sie widerspricht aber einem allgemeinen Versprechen unabhängig von Ursache und Versorgungsstatus.

„Vitamin B1 reduziert Stress und Angst und verbessert den Schlaf“

Die Evidenz ist kontextabhängig und für B1 allein unklar. Eine vierwöchige Studie mit 43 ausgewählten jungen Erwachsenen fand unter einer Kombination aus Vitamin B1 und B2 bessere Stress- und Schlafwerte, aber keinen signifikanten Angsteffekt. Wegen der Kombination, kleiner Stichprobe, Ausgangsunterschieden und zahlreicher Vergleiche lässt sich der Befund nicht Vitamin B1 allein zuschreiben. Eine andere Studie fand bei 66 hospitalisierten Menschen mit bipolarer Manie einen besseren Schlafwert, wenn 100 mg B1 zusätzlich zu Lithium gegeben wurden; die Stimmungssymptome verbesserten sich nach der vorgegebenen Signifikanzschwelle nicht. Das ist keine Evidenz für B1 als allgemeines Schlaf- oder Stressmittel.

„Bei hohem Alkoholkonsum reicht eine beliebige B1-Tablette, um neurologische Schäden zu verhindern“

Diese Annahme ist falsch und potenziell gefährlich. Bei vermuteter oder manifester Wernicke-Enzephalopathie empfiehlt eine neurologische Leitlinie 200 mg Thiamin dreimal täglich, bevorzugt intravenös und vor Kohlenhydratzufuhr. Das ist eine klinische Hochrisikobehandlung, keine Selbstmedikation. Zwei randomisierte Dosisstudien mit 393 asymptomatischen Hochrisikopersonen und 127 symptomatischen Personen zeigten im kurzen Beobachtungszeitraum keinen klaren Vorteil der jeweils höchsten parenteralen Dosis; geringe Teststärke, Sofortgabe vor Randomisierung, kurze Dauer und Komorbiditäten schränken den Befund ein. Er liefert keinen Beleg dafür, dass Route und Dosis beliebig wären.

„Thiamin oder Benfotiamin verbessert Diabetes, Blutzucker und diabetische Nervenschäden“

Für einen allgemeinen klinischen Nutzen nicht belegt. Die gepoolten randomisierten Daten zeigten keine signifikante Senkung von HbA1c, Nüchternglukose oder postprandialer Glukose. In der zwölfmonatigen Neuropathiestudie stiegen zwar die Thiamin-Analyten, der primäre Nervenfaser-Endpunkt und die klinischen Sekundärendpunkte unterschieden sich aber nicht von Placebo. Damit sind weder ein verlässlicher Blutzuckereffekt noch eine Behandlung diabetischer Nervenschäden nachgewiesen.

„Thiamin verbessert die Herzfunktion bei Herzinsuffizienz“

Die aktualisierte randomisierte Evidenz stützt das nicht allgemein. In der Meta-Analyse von sieben Studien verbesserten sich zentrale Herzinsuffizienz-Endpunkte nicht signifikant. Ein vorhandener Thiaminmangel kann biochemisch korrigiert werden, doch das ist nicht gleichbedeutend mit einer Therapie der multifaktoriellen Herzinsuffizienz. Ob spezielle klar mangelversorgte Gruppen anders profitieren, lässt sich aus den kleinen heterogenen Studien nicht sicher beantworten.

„Weil Vitamin B1 wasserlöslich ist, sind hohe Dosen immer sicher und wirksamer“

Die Aussage ist widerlegt. Wasserlöslichkeit, sinkende anteilige Aufnahme und Urinausscheidung erklären eine insgesamt geringe orale Toxizität, garantieren aber weder unbegrenzte Sicherheit noch zusätzlichen Nutzen. Für sehr hohe Mengen fehlen belastbare Langzeitdaten; ein oberer Zufuhrwert konnte gerade wegen unzureichender Daten nicht abgeleitet werden. Parenterale Hochdosen gehören in medizinische Behandlung, und selbst hohe orale Studiendosen haben bei Fatigue, Diabetes oder Herzinsuffizienz keinen konsistenten Mehrnutzen gezeigt.

„Thiaminmangel kommt bei normaler Ernährung praktisch nicht vor und betrifft nur Menschen mit Alkoholabhängigkeit“

Das ist zu eng. Alkoholabhängigkeit ist ein wichtiger Risikokontext, aber nicht der einzige. Malabsorption, bariatrische Eingriffe, schwere Mangelernährung, einseitige Ernährung, Hyperemesis gravidarum, bestimmte Erkrankungen und Medikamente sowie Ernährungsunsicherheit können ebenfalls relevant sein. Studien aus Südostasien und Westafrika dokumentieren biochemisch niedrigen Status in spezifischen Gruppen. Wegen uneinheitlicher Grenzwerte und nicht repräsentativer Stichproben lassen sich diese Prozentwerte nicht verallgemeinern; sie widerlegen jedoch die Vorstellung, das Problem existiere ausschließlich bei Alkoholabhängigkeit.

„Mehr Thiamin in Schwangerschaft und Stillzeit verbessert generell die Entwicklung des Kindes“

Nur in einem engen Kontext teilweise gestützt. In kambodschanischen, mangelgefährdeten Populationen verbesserten Fortifikation und maternale Supplementierung den mütterlichen, kindlichen und Milch-Thiaminstatus. Einzelne Sprach- und Aufmerksamkeitsendpunkte fielen nach 24 Wochen günstiger aus, andere Entwicklungsdomänen nicht. Die Ergebnisse gelten nicht automatisch für gut versorgte Schwangere oder Stillende, andere Populationen oder die gesamte kindliche Entwicklung. Höhere Dosen waren bei mehreren Biomarkern zudem nicht klar besser als niedrigere.

„Vitamin B1 verbessert Fruchtbarkeit und Kinderwunschbehandlung bei PCOS“

Dafür reicht die Evidenz nicht. Eine dreifach verblindete Einzelzentrumstudie untersuchte 64 Frauen mit PCOS während einer IVF-Behandlung. Nach vier Wochen mit 300 mg B1 pro Tag wurden mehr Follikel und häufiger ein positiver β-hCG-Test als unter Placebo berichtet; die mittlere Zahl der Feten unterschied sich nicht. Ein positiver Test ist kein Lebendgeburtsendpunkt. Kleine Stichprobe, kurze Dauer, fehlender Ausgangs-Thiaminstatus und der spezielle IVF-Kontext erlauben weder eine Aussage zur spontanen Fruchtbarkeit noch eine allgemeine Empfehlung für PCOS.

Evidenz richtig lesen

Bei Vitamin B1 müssen vier Ebenen getrennt bleiben: eine notwendige Körperfunktion, ein Versorgungs- oder Laborwert, die Korrektur eines Mangels und ein klinischer Nutzen bei einer Erkrankung. Dass ein Präparat den Blutwert erhöht, beweist noch keine Verbesserung von Nervenfunktion, Herzleistung, Müdigkeit oder Entwicklung. Umgekehrt macht ein fehlender Nutzen in einer kleinen Studie eine gezielte Behandlung eines bestätigten Mangels nicht überflüssig.

Auch Population und Endpunkt entscheiden über die Aussage. Ergebnisse aus mangelgefährdeten kambodschanischen Familien, hospitalisierten Menschen, einer kleinen IVF-Gruppe oder Personen mit spezifischer Lebererkrankung dürfen nicht auf gesunde Erwachsene übertragen werden. Meta-Analysen werden durch kleine, kurze und methodisch verschiedene Ausgangsstudien begrenzt. Für die persönliche Abklärung zählen daher Ernährung, Erkrankungen, Medikamente, klinische Zeichen und geeignete Diagnostik zusammen.

Fazit

Vitamin B1 ist ein unverzichtbarer Cofaktor für Stoffwechsel und Nervensystem. Eine abwechslungsreiche Ernährung deckt den Bedarf vieler Menschen, doch Mangelrisiken reichen deutlich über Alkoholabhängigkeit hinaus. Bei neurologischen Zeichen, schwerer Mangelernährung, anhaltendem Erbrechen oder anderen Hochrisikokonstellationen ist eine zeitnahe medizinische Beurteilung wichtiger als eine selbst gewählte Hochdosis.

Die Studienlage trennt einen klaren Nutzen bei Versorgung und Mangelsicherung von weit schwächeren Versprechen für Energie, Schlaf, Diabetes, Neuropathie, Herzinsuffizienz oder Fertilität. Wer Aussagen zu Vitamin B1 bewertet, sollte deshalb immer fragen: War ein Mangel vorhanden, welche Population wurde untersucht, welcher Endpunkt änderte sich – und war es ein klinisch spürbarer Nutzen oder nur ein Laborwert?

Quellen

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  2. ASPEN-Konsensempfehlungen zum Refeeding-Syndrom
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  4. Der Verzehr thiaminangereicherter Fischsauce im Haushalt erhöht die Erythrozyten-Thiaminkonzentration bei ländlichen kambodschanischen Frauen und ihren Kindern unter fünf Jahren: eine randomisierte kontrollierte Wirksamkeitsstudie
  5. EFNS-Leitlinie zur Diagnose, Therapie und Prävention der Wernicke-Enzephalopathie
  6. Ein Vorhersagemodell für thiaminresponsive Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern: Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie in der Demokratischen Volksrepublik Laos
  7. Einfluss einer Vitamin-B1- und Vitamin-B2-Supplementierung auf Angst, Stress und Schlafqualität: eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie
  8. Ernährungsunterstützung für Erwachsene: orale, enterale und parenterale Ernährung
  9. Globale Schätzung unzureichender Mikronährstoffzufuhr: eine Modellierungsanalyse
  10. Hoch dosiertes orales Thiamin gegen Placebo bei chronischer Fatigue von Menschen mit primär biliärer Cholangitis: eine randomisierte Crossover-Studie
  11. Höchstmengenvorschläge für Vitamin B1, Vitamin B2 und Pantothensäure in Lebensmitteln einschließlich Nahrungsergänzungsmitteln
  12. Hohe Prävalenz von Thiaminmangel im frühen Kindesalter in einer national repräsentativen Stichprobe kambodschanischer Frauen im gebärfähigen Alter und ihrer Kinder
  13. Nährstoffreferenzwerte für Australien und Neuseeland: Thiamin
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  15. Nordische Ernährungsempfehlungen 2023: Thiamin
  16. Perinataler Verzehr thiaminangereicherter Fischsauce im ländlichen Kambodscha: eine randomisierte klinische Studie
  17. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Thiamin
  18. Referenzwerte für die Zufuhr von Thiamin
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  20. Rolle der Thiaminsupplementierung bei der Behandlung chronischer Herzinsuffizienz: aktualisierte Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien
  21. Strategien zur Thiaminanreicherung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen: eine Übersicht
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  24. Thiaminmangel bei gambischen Frauen im gebärfähigen Alter
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  29. Vitamin- und Mineralstoffbedarf des Menschen: Kapitel Thiamin
  30. Welche Thiamindosis ist zur Behandlung oder Prävention der Wernicke-Enzephalopathie oder des Wernicke-Korsakow-Syndroms optimal? Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie
  31. Wirksamkeit der Vitamine B1 und B6 als Zusatztherapie zu Lithium bei Bipolar-I-Störung: eine doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte klinische Studie
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