Vitamin- und Mineralstoffbedarf des Menschen: Kapitel Thiamin

Die FAO/WHO leitet Thiaminreferenzwerte aus kleinen Bedarfsstudien, Statusmarkern und Modellannahmen für verschiedene Lebensphasen ab.

Wie die Evidenz ausgewählt wurde

Die Expertengruppe gewichtete Untersuchungen stärker, wenn sie größere Stichproben, längere Beobachtungszeiten, sorgfältige Ernährungsprotokolle, variierte Vitaminzufuhr und mehrere – darunter funktionelle – Statusindikatoren verwendeten. Das Kapitel beschreibt eine breite Literaturauswahl, jedoch keinen vollständig reproduzierbaren systematischen Reviewprozess nach heutigen Standards.

Eine zentrale Grundlage war eine kontrollierte Depletions- und Repletionsstudie mit nur sieben gesunden jungen Männern. Darin deckten 0,3 mg Thiamin je 4.184 kJ den Bedarf; niedrigere Zufuhr war mit Reizbarkeit und weiteren Mangelsymptomen verbunden.

Statusmarker und Referenzwerte

Berücksichtigt wurden Urinausscheidung, Erythrozyten-Transketolase-Aktivitätskoeffizient, Erythrozyten-Thiamin, Blutpyruvat und -laktat sowie neurologische Veränderungen. Einzelne Marker werden durch Aufnahme, Genetik oder Enzymaktivität beeinflusst und korrelieren nicht durchgehend eng mit der geschätzten Zufuhr. Keiner wird als alleinige Referenz für den individuellen Bedarf dargestellt.

Für Erwachsene nennt die Konsultation 1,2 mg pro Tag für Männer und 1,1 mg pro Tag für Frauen. Für Schwangere werden 1,4 mg pro Tag angesetzt; der zusätzliche Bedarf von 0,3 mg pro Tag beruht auf Modellen zu Energiebedarf und Wachstum maternaler und fetaler Gewebe. Für Stillende nennt die Quelle 1,5 mg pro Tag, abgeleitet aus geschätztem Milchtransfer und zusätzlichem Energieaufwand.

Sicherheit und Übertragbarkeit

Für über die Ernährung plausibel aufnehmbare Mengen bewertet die Konsultation Toxizität wegen rascher renaler Ausscheidung nicht als Problem. Sie nennt jedoch keinen tolerierbaren oberen Grenzwert und liefert keine belastbare Dosis-Wirkungsanalyse für sehr hohe oder parenterale Anwendungen.

Säuglingswerte beruhen auf Zufuhr über Muttermilch, Erwachsenenwerte teilweise auf kleinen historischen Studien und Schwangerschafts- sowie Stillwerte auf modellierten Zusatzbedarfen. Deshalb sind die Gruppenwerte nicht unmittelbar auf persönliche Bedürfnisse übertragbar.

Fazit

Das Kapitel liefert einen internationalen Referenzrahmen, dessen Zahlen je nach Lebensphase auf unterschiedlichen Evidenzarten beruhen. Besonders wichtig ist die Grenze zwischen Bevölkerungsplanung und individueller Dosierung. Den aktuellen stoffweiten Kontext bündelt der Vitamin-B1-Hauptartikel.

Quellen

  1. FAO/WHO (2004). Human Vitamin and Mineral Requirements, Chapter: Thiamine. FAO/WHO.